Dienstag, 31 Januar 1956

31.1.56

Das Risiko, das ich laufe ist: mich in einer bloss schrillen, ausgefallenen Tätigkeit zu erschöpfen, mein Leben auf eine Illusion zu stellen, indem ich meine, Kunstwerke zu formen, Gedichte zu schreiben, in Wirklichkeit aber nur ganz Subjektives, Absonderliches, Peripheres zustande bringe. Natürlich glaube ich nicht, dass es so ist. Aber ich muss wissen, dass ich dies Risiko laufe. Es gibt keine äusseren, im wissenschaftlichen Sinn objektiven Kriterien, die mir darüber ein Urteil gestatten. Es mag mir dies noch so unangenehm sein, aber in diesem Punkt muss ich mich vorerst auf meine persönliche Überzeugung, auf eine – man kann es nicht anders sagen – mystische Überzeugung verlassen. Das ist moralisch bedenklich, grenzt an Hybris. Aber wenn ich das nicht tue, wenn ich diesen Glauben nicht habe, nicht zu ihm stehe, vor mir und der Gesellschaft, dann kann ich das, was ich tun zu müssen und tun zu können glaube, sicher nicht tun, // vielleicht habe ich vierzig Prozent Chance, jene Gedichte zu schreiben, die zu schreiben ich mich verpflichtet fühle. Aber in solchem Fall sind vierzig Prozent schon sehr viel, auf sie hin muss ich alles versuchen. –

Es mag sein, dass in diesen Erwägungen das Moment der Verpflichtung, der Anstrengung ein zu grosses Gewicht hat. Denn für jedes Gelingen ist das Gewährenlassen, das Öffnen des Geistes für alles Zufällige nicht zu überschätzen. Der Geist formt gewaltsam, gestaltet, nimmt an und schliesst aus; der gleiche Geist aber auch empfängt, trägt aus, gebiert. Es lässt sich hier letztlich nichts bloss theoretisch ausmachen: der blosse Krampf, die schweisstriefende Bemühung allein ist genauso das Ende der Kunst wie der blosse Schlendrian (der unaufmerksame, denn es gibt den scheinbaren, den aufmerksamen, gespannten Schlendrian, er gehört zum Produktivsten, was es gibt). Der Dichter muss, wie der Athlet, abwechseln zwischen Anspannung und Lockerungsübungen. Er muss spüren, wenn // es Zeit ist, sich bloss treiben zu lassen, nichts zu tun, zu verkommen, scheinbar. Plötzlich kommt dann wieder der Augenblick, wo er das ordnungslos Herumliegende – zu dessen Schrecken – mit einem Griff formen, zusammenziehen, zurechtbiegen, verwandeln muss. Aber bis dahin lauert er, wie schlafend, mit halboffenen, aber sehr sensiblen Augen.

  • Textart: Prosanotat
  • Signatur: C-2-a/09
  • Status Text: Provisorisch
  • Priorität: Normal
    Änderung: Mittwoch, 03 August 2016
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