Notizbuch 1948-49

Inhalt: Notizen, 71 Entwürfe zu 51 Gedichten (5 Endfassungen) doppelseite
Datierung: 1948-1.3.1949 (S. 1-51 undatiert)
Textträger: Braunes Notizbuch, beschriftet "Notes"; liniert, Bleistift
Umfang: 96 beschriebene Seiten
Publikation: Gesicht im Mittag (1); Verstreutes (2)
Signatur: C-2-b/01 (Schachtel 79)
Bilder: Ganzes Buch (pdf)

Spätere Stufen: Manuskripte 1948-1951, Typoskripte 1945-50, 1948-50
Kommentar: 10 Texte rhythmische Prosa, 7 reine Prosanotate und Briefentwürfe
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen

Ihnen, den Liebenden, noch er- 
scheint der geistige Engel wie
einst dem Abram zu Mittag
am Eingang des Zeltes,
05 in der Laube des Hauses der Väter, wo
fröhlich sie trinken und hinüber-
schaun zu den Türmen der Stadt, 
zu den Mauern, die nicht wehren dem
Sommer, wenn er hereinwogt
10 im wuchernd verschlungnen Geäst.

1948 * (nicht datiert)       )

Augenblick der Berührung …* (a*)

Augenblick der Berührung, da jenes ferne Gestirn dem Innern sich nähert. Die Wachen stehen auf den Zinnen. Glücklich, wer den Schweif des Kometen erhascht, wer den Augenblick des Vorüberganges // 004 nicht verschläft, wenn der Teich in Wallung gerät von der hohen Berührung. Er wird genesen¿

02 Versuchung der grossen Dauer, dass wir sie nicht erwarten. Dass wir der eklen Speise überdrüssig, dem Mahle fern uns halten. Hier¿ doch erscheint die Freude, plötzlich an der verleideten Tafel, aus dem faden Wein erwacht der Gott von neuem.

03 Zutiefst in der perlmutternen Muschel steht er und lockt. Angetan mit dem Fell des erschlagenen Raubtiers. Es bleibt nur das geistige¿ Lächeln. Sein Töten ist nur Verwandlung ins Licht. Und jenseits liegt die neue Verheerung, aus dem Wissen. Die ist furchtbar wie Blitz für den noch Sterblichen. Die andern im Heere der Engel sind grösser, verzehren¿ sich täglich. Und achten nicht // 005 mehr auf Schmerz.

04 Hier ist der Pincio. Das wahrere Rom. Gestaltete¿ Stadt in der gelben Weite. Schrecklicher noch am Horizonte das Meer. Hier aber genau¿ die Kuppeln und klar hemmen¿ die Säulen wider das Vage. Pinien greifen den Raum, zwingen¿ Proportionen, Verhältnisse, Mass. Es ist Minerva, die herrschende da, porphyrn auf dem Kapitol und wacht über dem hellsten Wasser.

1948 * (nicht datiert)       )

Blendend erhellt im Schweif des Kometen …* (b*)

Blendend erhellt im Schweif des Kometen, 
Smaragdgrün der Fluss,
golden die Kronen der Bäume // 006
Lohn für das Harren in der grossen Dauer. 
05 Schnell wird überdrüssig die ekle Speise, 
nicht lockt mehr das Mahl. 
Hier doch erscheint die Freude plötzlich an der verleideten Tafel; 
Aus dem faden Wein erwacht der Gott von neuem.

09 Zutiefst in der perlmutternen Muschel steht er und lockt. Angetan mit dem Fell des erschlagenen Raubtiers. Es bleibt nur das geistige Lächeln.

10 Sein Töten ist süss. Verwandlung ins Licht. Pforte des Rausches.

11 Jenseits liegt die Verheerung die neue, aus dem Wissen. Dies ist furchtbar wie Blut für den noch Sterblichen. 
Die andern jedoch sind grösser, verzehren sich täglich. Achten nicht mehr auf Schmerz. // 007

12 Neues Rom, vom Pincio geschaut. Sicher bemessene Stadt in der lehmigen Weite. Drohender noch, titanischer drohend das Meer in der Ferne. Hier sind die Kuppeln gewölbt und die Säulen wider das Vage erhoben.

13 Minerva porphyrne Gestalt, leuchtet mit Helm und Speer auf dem Kapitol. Zu Füssen entspringt kristallenes Wasser.

1948 * (nicht datiert)       )

Aber der Garten braucht geduldige Wartung …*

Aber der Garten braucht geduldige Wartung …

1948 * (nicht datiert)       )

Bergwerk, Rufen, Förderkorb …*

Bergwerk, Rufen, Förderkorb,
Bäche¿, Satyr,
Schwäne Kapelle mit dem dunkelglänzenden Bild.
Die hohe Brücke: tief aus einem Garten ragen die Kronen der Bäume herauf zum Geländer. // 008
05 Violette Blütenkerzen. 
Reklamen, schreiend farbig an Hauswänden. 
Der Tag versinkt gelblich im Westen. 
Leuchtende Strassenbahnen. 
Bunte Leuchtschriften. 
10 Zauberstrom hinziehend zu einem 
neuen Dasein. Anderen Wissens. 
Glück und Gefahr fortan erdacht und berechnet. 
Dawider bricht von unten das Widerspiel auf, das reine 
Chaos, wie wir es nicht mehr gekannt, die Titanen lösen 
15 sich aus den Fesseln. Wir spüren schon wie sie zerren. Es klirrt im Ohr und die Wagen alle fliehen, die fliehen immer im Kreis. Zu entkommen ist unmöglich. Die Berge schleudern die Mächte¿ wider einander. Die Kinder entmannen den Vater, und waren // 009 sie einstmals noch sanft, auf der Insel von Honig genährt, mit Milch der Ziege getränkt, so sind sie heute erwachsen und kühn und tragen in sich die Gefahr der eignen Vernichtung. Es kommt die Stunde, da sie es wissen.

1948 * (nicht datiert)       )

Zu Dürrenmatt …*

Zu Dürrenmatt: Erliegt dem Zauber der Radikalen Verweigerung. Moderner Ästhetizismus des pessimistischen Pathos. Verlust des Blickes für die Realität. Verneinung der Humanität, damit der menschlichen Aktivität: dort wo für Luther und die Ref. als Rettung Gott und seine Gnade stehen, steht beim Modernen dann einfach nichts. Es ist ein grosser Irrtum Dürrenmatts, wenn er glaubt, er könne // 010 diesen Sachverhalt ändern. Die Überwelt des altprotestantischen Dogmas rekonstruieren. Sie wird heute nicht mehr ernst genommen.

02 Und selbst, wenn sie es noch würde: der Dürrenmattsche Gott ist einfach ein anderer Ausdruck für das Nichts, die absolute Finsternis. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass sie im Kleid der Gnade auftritt <wobei diese Gnade ein anderes Wort ist für Tod, Vernichtung. Echte Mystik lässt Vernichtung nur gelten als Durchgang, via purgativa, gelangt so zur unio mystica. Hier // 011 ist nur Tod, Vernichtung. Die Gnade überzeugt nicht. Sie wird unvermittelt herabgeglaubt, aus Verzweiflung. Dann das Ganze konstruiert und peinlich wirkend.> Weltschmerz, aus dem Sentimentalen ins Pathetische gewendet. Begeistertes Ja zur Selbstvernichtung. Letzte Dekadenz.

1948 * (nicht datiert)       )

Aus der Kuppel schwebt die Taube herab …* (a*)

Aus der Kuppel schwebt die Taube herab, weissen, schwebend, wehenden Flügels aus der lichten Rundung. Die Gemeinde ihr bereitet. Entflammt zu vielen Zungen. Verblassend die Engel an den Gesimsen. Sie werden einst¿ Bilder, alle Kraft in der Gemeinde vereinigt. Sie gehen sicher allein unter dem Wurf der Berge, unter geschleuderten Blöcken. Und wenn jene Kinder Kains dem Vater entrinnen¿, so fürchten sie nicht die Saat von dem vergossenen Blute. Die Taube schwebt still und leuchtet. Ihre // 012 Weisheit wacht, Glanz bleibt sie in der Kuppel, wider das Chaos gestellt.

1948 * (nicht datiert)       )

Taube, licht aus der Kuppel …* (b*)

Taube, licht aus der Kuppel
flügelnde Weisse,
Herab aus der Rundung,. 
flammender Väter[.]
05 rot im Ornat allverständlicher Zungen.  
Als Einzige sicher im Stürzen der Dinge, 
im Sausen der Blöcke, 
von Titanen geworfen im Spiel, 
sind sie als einzige furchtlos. 
10 Ohne Furcht vor dem Blut 
des entmannten Gottes, 
der gigantischen Saat, 
harren sie aus, 
bleibt die Taube, 
15 flügelnd, hell in der Kuppel. 
Ewige Weisheit.

1948 * (nicht datiert)       )

Wie schnell nicht verleidet die tägliche Speise …*

Wie schnell nicht verleidet die tägliche Speise!
Bald schon reizt nicht mehr das Mahl. 
Doch hier erscheint plötzlich die Freude: 
Aus dem faden Wein erwacht von neuem der Gott. 
05 Zutiefst in der perlmutternen Muschel steht er und lockt 
Angetan mit dem Fell des erschlagenen
Raubtiers lacht er, weil die List ihm gelungen. 
Sein Töten ist süss, Pforte des Rausches.
Jenseits liegt neue Verheerung aus Wissen.

Das ist für den noch Sterblichen furchtbar.
Die andern jedoch achten nicht mehr auf Schmerz.
10 Vom Pincio schauen sie nieder auf Rom,
die sicher bemessene Stadt. // 014
Rings zwar droht lehmige Weite, 
titanischer droht in der Ferne das Meer. 
Hier aber sind die geistigen Kuppeln gewölbt 
und die Säulen über das Vage erhoben. 
15 Vom Kapitol leuchtet porphyrn Minerva.
Zu ihren Füssen der Quell kristallklaren Wassers.

1948 * (nicht datiert)       )

Der Erde jedoch …*

Der Erde jedoch
bleibet verborgen 
das wechselnde Antlitz
Wolken im Spiel 
05 Die Blinden tröstet 
das rieselnde Wasser

1948 * (nicht datiert)       )

Goldene Maste und Segel geben dir herrliche Fahrt …*

Goldene Maste und Segel geben dir herrliche Fahrt. Doch Sicherung nicht deinem Herzen, nicht deiner // 015 Seele vor dem Sang der Sirenen. Gefährlich sind alle Inseln. Von zaubrischen Mächten bewohnt. So suchst du nach dem festen Land, nach den dauernden Bergen. Dort sind die Quellen verlässlich, und ohne Arg sind die Wälder. Vom Pincio schaust du nieder auf Rom, die sicher bemessene Stadt. Rings zwar droht lehmige Weite, in der Ferne, dunkle Erinnerung, das Meer. Hier aber sind die geistigen Kuppeln gewölbt und die Säulen über das Vage erhoben. Vom Kapitol leuchtet porphyrn Minerva, zu ihren Füssen der Quell kristallklaren Wassers.

1948 * (nicht datiert)       )

Kristallkugel drehend …* (a*)

Kristallkugel drehend,
glänzende Welten darin,
geordnet nach Zahl und Mass,
Musik der drehenden Räder. 
05 Der Fasan ruft und schaukelt, 
Glasfasan mit mechanischer Stimme. 
Dieser vollendete Körper, 
wenn er nur nicht zerbricht. 
Genaue Wiederholung der Welt, 
10 die tot ist.

1948 * (nicht datiert)       )

Glänzende Welt …* (b*)

Glänzende Welt,
kristallene Kugel,
Musik der Mechanik,
der unerbittlichen Räder.
05 Es ruft der Fasan 
und schaukelt. 
Der Glasfasan ruft 
mit mechanischer Stimme 
Dies vollendete Haus, 
10 schimmernder Leichnam. 
Und wenn es zerbricht?

1948 * (nicht datiert)       )

Der grünen Tiefen …*

Der grünen Tiefen
verderbliche Herrin,
elbisches Wesen,
lächelnde Nixe
05 Häuser sind 
und Bahnen und Brücken, 
und jenes Licht 
der farbigen Schlangen 
der kühlen und grellen. 
10 Tote Bewegung 
Gestorbener Leben, 
der Wissenden Rausch, 
Reich in der Tiefe
der lächelnden Göttin, 
15 (grünlichen Monds) eisigen Lichts
und kühlender Küsse

1948 * (nicht datiert)       )

Glühende Blume …*

Glühende Blume
geheimnisduftender Turban,
aus dem Innern
frisst dich der Wurm,
05 kaltes brennendes Tier. 
Giftiger Stachel des Glücks 
Nur für die Toten ist Rettung, 
beseligtes Sein 
Garten kristallener Wollust 
10 rein berechneter Rausch, 
übersüsser Ruch 
der gewollten Linde¿ 
Die alte Sonne erlosch. 
Gross ist und furchtbar 
15 das neue Gestirn // 019
geplant
im denkenden Haupt 
in der vollkommnen Maschine 
geschmiedet. 
20 Du kommst, o Tag, 
aus der Nacht. 
Aus ihrer dunkelsten Mitte geboren 
bist du da, 
herabgezwungen von 
25 jener eisig glühenden Gier.

1948 * (nicht datiert)       )

Nicht erkennt die Erde …*

Nicht erkennt die Erde
das wechselnde Antlitz. 
Wolken und Bläue 
verdecken die höhere Zukunft 
05 die verkündete Parusie, 
das Kommen des Herrn, 
den niemand gesehen. 
Denn ein Neues wird nun beginnen, 
Spielzeug und Lust // 020
10 werden jenseits beginnen
Ausspeien lasst uns die 
bittere Frucht der Notwendigkeit. 
Die süsse Freiheit wächst auf 
neuen Beeten¿, 
15 geschaffen vom neuen Gott 
der schon in der Geburt steht überall, 
schon verkündet, 
und vielleicht sehen wir noch die Zeit, 
da er in die Wüste gegangen, 
20 da er, vom Teufel versucht, die Steine verwandelt, 
denn er wird sie verwandeln. 
Es gibt eine neue Erlösung.

1948 * (nicht datiert)       )

Wohllaut der Stimme …*

Wohllaut der Stimme,
die da verhallt im Fels,
die da verhallt in der Höhle,
der blinkenden Nässe. 
05 Von draussen kommt sie 
von den wirklichen Meeren, 
den wirklichen Hainen. 
Einsamer Vogel, 
du lockst, dass man dich fange, 
10 du Vogel der Freiheit, 
singend kommst du zum Käfig, 
zur Höhle, zum Fels 
der blinkenden Starre.

1948 * (nicht datiert)       )

Wohllaut der Muschel …*

Wohllaut der Muschel. 
Stachel der Schollen. 
Des scharfen Lichtes // 022
tödliche Mimesis, 
05 Leben nach dem Tod, 
Tod als Tor des Lebens, 
der Freiheit einziger Zugang. 
Perle im Dunkel. 
Neue Perle aus Hellem, 
10 nach unendlichem Dunkel. 
Nacht des Nichts.
Schwüler Sommer der letzten Zeit, 
Süsser Herbst des sterbenden Lebens. 
Aber der Winter ist kristallen und hart und ohne Umarmung. 
15 Und dann gibt es von Kristall 
nur die Bäume ohne Blätter, 
glänzend im Reif, 
die Sonne bleibt ganz fahl 
und schrecklich gewollt: // 023
20 Vergänglich der Ruhm, 
hinfällig die Tugenden der Ahnen. 
wofür sie das Leben gaben, 
das ist nur Torheit, ja Greuel. 
Aber es bleibt die flammende Regung, 
25 zu gehn und nimmer zu Rasten, 
das ist unser Eigentum. 
Glaube vergeht und Sitte, 
Götter steigen stürzen. 
Der Magnet jedoch zieht immer, 
30 immer weiter. Wie nenn ich ihn bloss, 
den unsäglichen, der uns lockt und ruft und nie können wir aufhören, ihm zu folgen, unendlich weit, immer weiter zu folgen, solang wir uns selber treu bleiben. Dem heiligsten in uns: das Stete in uns, das Bleibende, das eben ist die Bewegung. Ruhe // 024 wäre uns Tod.

1948 * (nicht datiert)       )

Erfüllt im Nachtmahl nicht mehr sich der Traum …*

Erfüllt im Nachtmahl nicht mehr sich der Traum,
so weist dies gegen Morgen,
in jenem lichten Sternen-Sonnenraum 
harrt Herrliches verborgen, 
05 Die Becher klingen wider Becher an. 
O werft sie weg. Des Trostweins ist genug. 
Empfangt den wahren Wein aus diesem neuen Krug.

1948 * (nicht datiert)       )

Reflexion tödlich für das Romantische …*

Reflexion tödlich für das „Romantische“; sie zerbricht es immer wieder. Und dennoch ist es unmöglich, ganz vom Romantischen loszukommen. Es ist unvermeidliche Komponente // 025 jeder geistigen Produktion. Es ist der Motor der vorwärts treibt, wirkt es aber allein, so treibt die Bewegung im Kreis.  Das stille Dasein unter Pinien und alten Ruinen in der Campagna oder auf Sizilien wird stets wieder jäh unterbrochen. Ein Schille tritt dazwischen. (Siehe moderne Malerei, Erni, Picasso<,> Marc¿ usw.)

02 Aber was ist nun eigentlich das Klassische, was das Romantische, je tiefer man hier zu dringen sucht, desto mehr verwirren sich die Begriffe.

1948 * (nicht datiert)       )

Der Krieg als Anachronismus …*

Der Krieg als Anachronismus, als tödliche Gefahr für die Menschheit, die erst langsam im Begriff ist, sie selber zu werden: dass ein Mensch getötet wird, das soll nicht mehr vorkommen, das wird unerhört sein. Noch eher aber und eindeutiger soll es unmöglich werden, zurückgebannt in dunkle Sagen der Vergangenheit. Alle Kraft soll der Mensch darauf richten, das Grosse und Schöne zu tun, die Welt zu formen, eine neue Welt zu bilden, herrlicher als die gestrige und wahrhaftig, er könnte es, der Mensch, er hat es bewiesen. Statt dessen bilden wir die besten und schönsten Jünglinge dazu aus, einander totzuschlagen. Wir richten unsere jungen Männer dazu // 027 ab, dass sie andere junge Männer, so stark und lebenshungrig und begierig nach Grossem wie sie selber, totschlagen. Das konnte seinen Sinn haben, eine Zeit lang, es war auf einer gewissen Stufe wohl unvermeidlich. Aber heute ist diese Zeit vorbei. Jeder weiss heute im Grunde, dass der Krieg etwas Absurdes ist. Jeder hat heute ein schlechtes Gewissen, andre zu erschlagen. Denn wir sind eine verschworene Gemeinschaft, wir Menschen, unsre Aufgabe ist es und unsre Möglichkeit, mehr denn Natur zu sein. Wir vertreten das höchste Prinzip in der Welt. Wir sind kaum soweit, dies¿ zu begreifen. // 028 Nach dieser Erkenntnis lasst uns handeln.

1948 * (nicht datiert)       )

Ihr stillen Bäume mit den dunklen Kronen …*

Ihr stillen Bäume mit den dunklen Kronen,
ihr schweigt im Hain, wo noch die Götter wohnen.
Ertrugt ihr Sonnenbrand und Stürme lang geduldig,
so blieben wir gewohnte Opfer treulos schuldig. 
05 Doch wer nicht Irrsals blinde Qual ertragen, 
wie darf er uns nach alten Opfern fragen? 
Es ragt dort drüben kahl und sonnenlos die Küste, 
und dunkler flammend, wilder locken ihre Lüste.

1948 * (nicht datiert)       )

Dem allzu Reinen ist die Wandlung schwierig …*

Dem allzu Reinen ist die Wandlung schwierig,
dem früh Befreiten, der zu schaun begierig, 
der Tiefe Flackern und Bedrängnis mied // 030
und in des hohen Lichtes Strahlraum stieg
05 Es droht ihm hier die schwerste der Gefahren: 
kein Tod ist Tods genug, zu offenbaren: 
wer je die alte Sonne überwand, 
er steht an Grauens grauenvollstem Rand, 
ein Gott wird er, ein eisig Ungeheuer. // 031
10 O allerletzte Wahl, zu stehn allein am Steuer!

1948 * (nicht datiert)       )

Du schwebst herab, o Licht, o einzig Leben …*

Du schwebst herab, o Licht, o einzig Leben.
Der Äther singt, die Taube ruht im Flug.
Ich will dir meine leichtesten Gedanken geben, 
die singendsten, die ich im Geiste trug. 
05 Es gibt die Stunde, da sich klar vereinigt, 
was lang getrennt in beiden Räumen stieg. // 032
Die neue Flamme, göttlicher gereinigt, 
ist Herrschaft ganz und unbestrittner Sieg.

1948 * (nicht datiert)       )

Überströmt von Abwehr der Schild …*

Überströmt von Abwehr der Schild,
golden, golden
wollt ihr nicht grüssen den Tag? 
Golden, golden 
05 ist unser wehrender Schild, 
der Schlachten ehernes Denkmal 
und unserer Liebe, der Küsse und der Umarmung. 
Der Tag aber ist uns zu mächtig, 
wir fürchten den Sturm. 
10 Bleib’ uns, ehernes Denkmal. 
Schütz uns, wehrender Schild, 
Gedächtnis der Schlachten, Gedächtnis // 033 
vergangener Liebe. 
Golden, golden, und 
voll der Erinnrung.

1948 * (nicht datiert)       )

Du bist, o Wirrnis du, o Rätsel …*

Du bist, o Wirrnis du, o Rätsel,
stets misslungner Flug.
Die Flügel schon, und alle neue Regung Trug. // 034
Wenn gänzlich dieser rohe Stoff zerschellt, 
05 wird frei das Licht, das diese Nacht erhellt. 
Und mag am Wagnis auch der rohe Stoff zerschellen: 
das Licht wird endlich frei, die Nacht euch zu erhellen
O Fahrt und Schweifen über dunkelgrünen Wogen, 
wir sind vergebens nimmer aus dem Land gezogen. // 035
10 Das Meer ist endlich wild, das Meer ist endlich bitter 
Das Wirkliche beginnt nach tödlichem Gewitter. 
Sind eure Häuser mehr als sturmbedrohte Zelte,

O, sieh den Vogel dort, der lockend steht¿ und glüht
der über Schluchten uns, und über Gletscher zieht. 
Sein zärtlich süsser Sang will unser Herz bewegen, 
es schlägt das Echo hell aus Höhlen uns entgegen. 
05 Kann dieser goldne Flug, 
der Berge in der Nacht, // 036
ein singendes Gestirn, 
zu kühlem Glanz entfacht 

kann er den Himmel nicht 
10 mit Geisteskraft berühren

1948 * (nicht datiert)       )

Draussen da blühet die Wildnis …* (a*)

Draussen da blühet die Wildnis,
rot sind die Sträucher von Blüten.
Dies Land kennt nicht Wandlung. 
Nicht Wandlung kennt die sandige Steppe, 
05 die Haine am Ufer bleiben sich gleich 
Der entblätterten Seele Mittag dauert und brennt, 
begehrt nicht des Trostes. 
Er weiss ja: es gibt keinen Trost. 
Die Schiffe wissen das Meer, sie 
10 wissen die Stürme und die Weite ist grau. // 037
Dass sie nimmer sich ändert, 
das ist ihr Abenteuer, ihre Verlockung. 
O, ihr Tempel, ihr Säulen auf den Inseln. 
Einsam seid ihr,
15 auch ihr geduldig und harrend. 
Wer anschaut aber, der wird gekrönt.

1948 * (nicht datiert)       )

Gedanken …*

Gedanken,
überhängend ins dämmrige Tal der Träume,
bewegte vom Duft
der gestaltlosen Wasser, der kaum gewahrten im Grund. // 039
05 Aber laut wird oft 
in den Nächten des Frühlings ihr Murmeln. 
Laut, laut im März ein brausender Schall. 
Schmelze des Schnees. 
Die scheuen Tiere 
10 treten heraus aus den Büschen[.]
auf knirschenden Schnee 
und schaun. 
O, süsse Gefahr. 
O, Angst vor dem Glück. 
15 Doch die obern Gärten sind herrlich[.]
im Duft gezogener Rosen, 
mit klaren Fontänen.

1948 * (nicht datiert)       )

Sieh, in den Schluchten glänzen Silberrücken …*

Sieh, in den Schluchten
glänzen Silberrücken
von Fischen, die tief unter unseren Brücken¿ // 040
ein wild Gewimmel talwärts stürzen,

1948 * (nicht datiert)       )

Priapäa

Die innre Blume glühte,
der innre Brunnen stieg,
es war wie reiner Sieg,
als jener Tag erglühte // 041

05 Die Rache lag im Blute 
in öder Felsengruft 
und in der süssen Luft 
der helle Kämpfer ruhte. 

Die Seelenvögel singen 
10 das wahre Leben an. 
Die alte Welt zerrann. 
Sie konnte nicht bezwingen, 

was aus den Gräbern droht, 
in Meerestiefe sinkt 
15 das Silberboot.

1948 * (nicht datiert)       )

Des neuen Lichtes Glanz und Pracht …*

Des neuen Lichtes Glanz und Pracht,
die Flamme steigt in kalter Nacht,
die Vögel kreisen nieder,
es schimmert hell im finstern Raum // 042
05 der ästereiche Silberbaum, 
o heller, immer heller. 

Was sorgt dich fernen Todes Duft, 
was sorgt dich tiefe Modergruft? 
Die Flamme knistert wunderbar, 
10 die Vögel singen süss und klar 
und in dem kahlen Silberbaum 
wiegt noch der nie erfüllte Traum.

1948 * (nicht datiert)       )

Die Kuppel brach …*

Die Kuppel brach,
die Wölbung stürzte,
die Reichtum eben noch
und Rausch und Fülle war<.>
05 Die Blitze fahren über den enthüllten Himmel, // 043
o Drohung, plötzlich sichtbare Gefahr. 

Die Kuppel birst 
Die Wölbung stürzt, 
wo Reichtum noch und Fülle war, 
10 da fahren Blitze über den entblössten Himmel: 
O Finsternis o greller Schein 
im ehmals goldnen Raum. 
Die Vögel taumeln auf die Simse nieder. 
Sie heben ihre Flügel in den Trümmern, 
15 sind ruhig dann, vom jähen Strahl getroffen. 
O wilde, grässliche Erhellung. 
Das einst Vollkommne ragt 
in wirr vereinten¿ Massen // 044
Und ferne ist, in Einung¿ scheu bewahrt, 
20 der reine Raum, das still erhabne Licht, 
der geistige Glanz, vom höchsten
Auge klar herniederfallend.

1948 * (nicht datiert)       )

O Sinken, Sturz …*

O Sinken Sturz,
o schmähliche Verwirrung,
o Traum der Nacht,
das Glühendste ist kalt,
05 der Vogel ist gestorben.
Der Vogel fiel, 
ein Funken hell vom Himmel. 
Dann Finsternis 
Des Himmels schwere Last 
10 sinkt langsam nieder, 
immer tiefer nieder. 
Der Atem bleibt uns¿ weg. 
Der Schmerz erstickt. 
Stille dann und Tod.

1948 * (nicht datiert)       )

Ich hätte an den wildgesteilten Klüften …*

Ich hätte an den wildgesteilten Klüften
die glühen Blüten nimmermehr gewahrt
(im Dorngestrüppe lagen sie bewahrt) 
die Balsamkräuter in den kahlen Grüften 
05 gefunden nie, wenn rein gemischten Düften 
mit rascher Spürung folgend und gespart 
dem Werk des ersten Gottes offenbart 
seit Anfang, wenn der Greis mit hagern Hüften // 046
mir nicht vorausgegangen auf dem Steige, 
10 gar hellen Schritts am jähen Abfall hin. 
Ich schaute staunend erst und voller Bangen, 
klomm zögernd dann empor die kahle Neige 
bis plötzlich in den aufgebrochnen Sinn [,]
die Bienen tief aus allen Schluchten sangen.

1948 * (nicht datiert)       )

O Aufglanz in den allerhöchsten Sphären …*

O Aufglanz in den allerhöchsten Sphären,
O Aufglanz tief im Quellenraum des Lichts
Es klinken aus dem Zwang des Gleichgewichts, 
erbebend hell, die beiden Atmosphären. // 047

05 Den Jäger reisst das brennende Begehren 
nach jenem Stuhl des schneidenden Gerichts, 
wo alles seiner Schwere folgt ins Nichts, 
wo Gottheit strahlt aus Kieseln und aus Beeren. 

So eilt er zwischen stürzenden Gewänden 
10 durch der Äonen schrillen Bruch zurück. 
Ob auch Zermalmung drohn entgleiste Sterne 

den um die Lanze fest gespannten Händen, 
so stellt doch schon der scharf geglühte Blick 
das eine Wild im aufgebrochnen Kerne. // 048

15 Die Labung fällt aus jenen stillen Zonen 
herab in diese Wirrnis voller Unkraut-Wünsche¿.

1948 * (nicht datiert)       )

Da rollt die Erde …* (a*)

Da rollt die Erde,
rollt die weite Stunde¿,
am Hügel stiebt,
was uns¿ zuletzt erkannt.

1948 * (nicht datiert)       )

Geheim, geheimer …* (b*)

Geheim, geheimer
verwundeter Flügel,
schwere Tropfen
der Trauer.
05 Aber es regt sich,
weht über den Hügel, 
fern rollt
die Erde, weit
weit glänzen
10 die Zinnen // 049
der vergangenen Stunde.
Der schnelle Flug
sprüht die Tropfen 
weithin.
15 Und dort brennt und hier
die dunkle Erregung,
und der Aufbruch.
Allbewegende Trauer.
Schmerz des Morgens.
20 Dass die Sonne noch ist,
noch die einsamen Konturen der Gegend
die Wälder still
und der Lärm der Strasse unten 
ohne Beziehung für den,
25 der nicht hineingeht.
Doch schön ist der Strom,
gnädig dem Schwimmenden. 
Es trägt ihn die schimmernde Welle // 050
heil durch die Stadt
30 unter den Brücken dahin 
Dem Sichersten gehört er nun¿.
Lust, grösser denn jede andere Lust
auf Wagen und Schiffen,
Lust in den Armen des Stroms.

1948 * (nicht datiert)       )

Wie gläsern glänzt die …* (a*)

Wie gläsern glänzt die Juni¿-Atmosphäre, 
der Traum ist da, der X zu sehr¿:

1948 * (nicht datiert)       )

Pure Atmosphäre …* (b*)

Pure Atmosphäre,
gläserne Pyramide von innen
Die Löwen schreiten leise über die Hügel. // 051
Siehst Du ihre dunklen Konturen,
05 Himmel. 
Grausamkeit, Zwang dieser finstern¿ Bestien¿ vor der silbernen Helle. 
Bedrohung, Bedrohung des vollkommenen Inhalts 
im vollkommnen Gehäuse. 
Dass es der Löwe zerschlägt! 
10 Aber die Tiere sind friedlich alle gewollt: 
Rehe, kindlich äugend, Fasane, 
bewusst ihres Glanzes, die sicheren Hunde. 
Gehn sie unter den Bäumen am reinern Wasser geletzt: 
dem ersten Bilde sind¿ sie gerecht, dem letzten. 
15 O Pyramide, zaubrischer Raum! 

Mittwoch, 10 November 1948       )

O verletzlicher Raum …* (c*)

O verletzlicher Raum,
gläserne Pyramide,
angerührt von
den stillen Tieren,
05 wenn sie wechseln 
am Rande 
berühren die glänzende Wandung: 
dann klirrt sie 
und kündet Gefahr: 
10 Alles Leben begraben 
unter den schimmernden Scherben, 
den zaubrisch-gleissenden Trümmern 
der gläsernen Pyramide.

1948 * (nicht datiert)       )

Gläserne Pyramide …* (d*)

Gläserne Pyramide,
verletzlicher Inraum,
aufklirrt die glänzende Wandung,
wenn angerührt von 
05 wechselnden Tieren 
sie kündet Gefahr: 
jene Tiere begraben 
unter schimmernden Scherben, 
der klare Inraum verwirrt im gleissenden Sturz 
10 der gläsernen Pyramide.

Dienstag, 16 November 1948       )

Sehr g. H. Prof. …*

Wenn ich heute mein Dissertationsthema in Ihre Hände zurücklege, so tue ich das nicht unüberlegt. Der Entschluss dazu ist das Ergebnis eines langen inneren Kampfes: 

02 ich nahm im Herbst 1946 das Geschichtsstudium wieder auf im Zustand einer völligen innern Ratlosigkeit und Apathie, aus der Vorstellung, es liesse sich der tote Punkt bei andauernder und irgendwie doch zielgerichteter geistiger Tätigkeit am besten überwinden. Darin täuschte ich mich nicht. Im Sommer 1947 bat ich Sie um ein Dissertationsthema, weil ich sah, dass die Voraussetzungen für mein Universitätsstudium (auch die finanziellen) // 055 bald nicht mehr gegeben sein könnten, und ich so, den Wünschen meiner Familie gemäss, möglichst schnell abschliessen wollte. 

03 Es kam dieser Entschluss offenbar schon zu spät: seit dem Sommer 47 änderte sich in mir alles so schnell (dass es sich ändern würde, wusste ich stets, aber ich rechnete nicht mit so plötzlicher Entwicklung) dass ich seit dem Frühjahr, eingeklemmt zwischen der wissenschaftlichen Arbeit und den mich innerlich täglich vollständiger beanspruchenden poetischen Versuchen, den Gedanken an Aufgabe des Studiums zu erwägen begann. 

04 Nun, alle meine Freunde rieten mir und raten mir noch heftig // 056 ab. Ich selber sehe das Bedenkliche eines solchen Schrittes sehr genau. Dennoch will ich ihn jetzt tun: die innere Spaltung wird täglich fataler. Und mein Begriff von der Wissenschaft ist einerseits zu hoch, als dass ich glauben könnte, mit halbem Herzen etwas leisten zu können. Anderseits reicht ganz einfach meine innere Kraft nicht aus zur Bewältigung zweier so verschiedener, für mich jedenfalls ganz verschiedener, Aufgaben. 

05 Abgesehen davon, dass meine Familie nicht mehr in der Lage ist, mich weiterhin finanziell zu unterstützen. 

06 Ich weiss sehr genau, dass ich mit diesem Entschluss mich für die Zukunft kaum auf Rosen betten werde. Und dieser Gedanke // 057 trug das Seine dazu bei, dass ich so lange zögerte. 

07 Sehr verehrter Herr Prof., ich wäre Ihnen herzlich dankbar, wenn Sie mir diesen brüsken und vielleicht für Ihr Empfinden unvernünftigen Austritt aus Ihrer Wissenschaft nicht allzu sehr verübeln würden: ich verdanke Ihnen zu viel – es ist dies ein aufrichtiges Bekenntnis – und verehre Sie zu hoch, als dass ich Ihren Groll ganz gelassen hinnehmen könnte. 

Ihr sehr ergebener

Donnerstag, 18 November 1948       )

Dichtung als Frucht des Willens …*

Dichtung als Frucht des Willens und der bewussten Ausbildung auf dem // 058 Boden der Begabung. Die Begabung allein erst eine vage – freilich notwendige – Voraussetzung. Keine Arbeit in ihrem entscheidenden Wert so sehr von der Bemühung abhängig wie die Kunst.

02 Erst bewusste Ausbildung schafft den geistigen Raum, den das Gedicht ausdrückt. 

03 Die Gefahr für den Dichter, dass er sich auf seine Begabung verlässt! Kunst ist zur Hälfte Sache der Willensdisposition, ähnlich wie die Liebe: jeder Mann hat die potentielle Fähigkeit, eine Frau zu beschlafen. In jedem Mann gibt es eine Sphäre, wo er das Weib begehrt. Diese Anlage wird aber erst wirksam, wenn er dem Begehren Zutritt in die Willenssphäre gestattet. Er muss wollen, was er kann; erst so wird er zum Liebenden und Geliebten.

Donnerstag, 18 November 1948       )

Du spürst entlang den Lagern der Gesteine …*

Du spürst entlang / den Lagen der Gesteine. Es schauen dir die wesenlosen Augen zu. Findest du den Kristall, den zu suchen du ausgegangen? Überall wuchern Büsche. Auf ihren Zweigen Augen wie Blätter und schaun dir zu. Die geheimen Schlangen richten sich auf und züngeln. Du gehst ohne Furcht und ohne andre Überlegung, ausser der einen: wie finde ich den Stein des Lebens? Diesen gültigen Glanz, der ausreicht (die Sonne reicht ja nicht aus: wird nie ausreichen!) 

02 Du wirst durch alle Wälder gehn und alle Höhlen und nicht finden, was du suchst: schaffe den Stein selbst! Nimm die innersten Stoffe aus den tausend Augen, die gefährlichsten aus dem Gift der Schlangen. // 060 Das Göttliche: das ist die Einheit all dessen, was du fürchtest. Diese Farben alle zusammen sind das eine Weiss, das du liebst. Die Kristalle sind vergänglich, die Höhlen, die Bäume, die Vögel und die Schlangen. Dies eine Wunderbare, dieser Stein des Lebens, dies neue, noch unerfundne Mineral aber wird dauern.

Dienstag, 23 November 1948       )

Wild und Flamme …*

Wild und Flamme,
Blume, Finsternis,
Höhle, Dämmerung,
Spiegelsee,
05 und Hügel, Hügel:
monotone Linie am Himmel. 
Winterbäume, 
Schlangen, dunkle Gärten, 
Türkenbund, auch blaue Buchten, // 061
10 Forum Trajani, Kapitol. 
Ruhrgebiet am Abend: 
Roter Schein aus den Öfen, 
Schornsteine, dunkle Nadeln in den Himmel. 
O Rätselwelt! 

1948 * (nicht datiert)       )

Nichts ist, als was du beschworen …* (a*)

Nichts ist, als was du beschworen,
nur noch der Zauber schafft Welt,
das andre hat sich verloren,
ist am gewaltig Amorphen zerschellt.

05 Hügel am Horizonte verschwunden,
Winterbäume kahl, 
die dunklen Gärten ertrunken 
in der grauen, dämmrigen Qual.

Mittwoch, 24 November 1948       )

Nichts ist, als was du beschworen …* (b*)

Nichts ist, als was du beschworen,
nur noch der Zauber schafft Welt,
das andre hat sich verloren,
am gewaltig Amorphen zerschellt. // 062

05 Der Hügel am Horizont ist verschwunden, 
die Winterbäume kahl, 
die wuchernden Gärten ertrunken, 
in (grauer,) dämmriger Qual.

Donnerstag, 25 November 1948       )

Kommst du sorglos herab, schlendernden Fusses …* (a*)

Kommst du sorglos herab, schlendernden Fusses,
stehst du und zögerst im Anblick der bläulich schimmernden Felsen: 
Schlage die Höhle heraus, fasse das Eisen; 
und der Funke belohnt, das Sprühen der lastenden Blöcke 
05 dein Mühen. 

06 Naht im schäumenden Staube, Karawane, Schellen, bunt, diesen Engpass muss sie nehmen: Dass sie dich hier nur nicht finden, Sklave würdest du, wenn du wagtest, ihren Weg zu hindern, schlage schnell die Höhle, dass du entrinnst, // 063 ins Reine Vollkommne, in dies ewig unveränderliche Licht. 

Donnerstag, 25 November 1948       )

Schäumt die Karawane von fern …* (b*)

Schäumt die Karawane von fern,
in Wolken rosigen Staubs, schellenklingelnd heran: 
schlag aus dem einzigen Weg hoch am Abgrund entlang, 
dir die Flucht in den Berg: 
05 dieser tönende Zug, nimmt, wie es Händlern geziemt, 
mit als Sklaven zu Markt, was ihm die Wege verstellt. 
Schlage, schlage dich frei, hinein in den gleissenden Berg. 
Ins Vollkommne entrinn’, in das kühle Gestein, 
unveränderten Lichts.

Dienstag, 30 November 1948       )

Du näherst dich, und lächelnder hernieder …* (a*)

Du näherst dich, und lächelnder hernieder
winkt deine Hand, die stets mir ferne schien. 
Ich schlage mir in die kristallne Glätte 
empor an Schimmerwänden Stufen aus, 
05 O welch Erwachen, wenn die Splitter sprühen, 
der Tag gewährt ein lautereres Licht, 
wenn jene Schneide an dem Aufgangshimmel, 
der klare Kamm den streng Bemühten trägt: 
dort schwinden hin des Unbestimmten Träume, // 065
10 die letzten Sterne in den Glanz gewischt 
der unerwartet wirklichen Vermählung.

Mittwoch, 01 Dezember 1948       )

Du näherst dich, und lächelnder hernieder …* (b*)

Du näherst dich, und lächelnder hernieder
winkt deine Hand, die stets mir ferne schien,
Ich schlage mir in die kristallne Glätte 
empor an Schimmerwänden Stufen aus. 
05 O, welch Erwachen, wenn die Splitter sprühen, 
der Tag gewährt ein lautereres Licht, 
wenn jene Schneide in den Aufgangshimmel, 
der klare Kamm, den streng Bemühten trägt. 
Dort schwinden hin des Unbestimmten Träume, 
10 die letzten Sterne in den Glanz gewischt 
der unvermutet wirklichen Vermählung.

Dienstag, 07 Dezember 1948       )

Da sind sie wieder, dunkelgrüne Zweige …* (a*)

Da sind sie wieder, dunkelgrüne Zweige
und helle Beeren, dichten Waldes Duft, // 066
die Wege tief im Unterholz verloren, 
geheime Wasser, hin und wider gleissend. 
05 Doch Wirrnis bleibt und rätselvoll der Tag. 
Da bricht und naht in unbeirrtem Gang 
durchs knisternde Gehölz das reine Licht, in
des Hirschs Geweih, der stille äugend wandelt, 
ists wiegend aufgehangen: und es eilt 
10 so Klarheit durch die Wildnis hin.

1948 * (nicht datiert)       )

Da sind sie wieder, dunkelgrüne Zweige …* (b*)

Da sind sie wieder, dunkelgrüne Zweige, 
und helle Beeren, dichten Waldes Duft, 
die Wege tief im Unterholz verloren. 
Zwar Wasser, heimlich gleissend, hier und dort. 
05 Doch Dämmer rings und nirgends eine Öffnung. 
Da bricht und naht in unbeirrtem Gang 
aus knisterndem Gehölz das reine Licht,
es hängt in Hirschs Geweih, der, Wunder äugend,  
Gestalt und Klarheit eilt durch Wildnis hin.

Mittwoch, 08 Dezember 1948       )

Da sind sie wieder, dunkelgrüne Zweige …* (c*)

Da sind sie wieder, dunkelgrüne Zweige
und helle Beeren, alten Waldes Duft 
die Wege tief im Unterholz verloren. 
Zwar Wasser heimlich gleissend hier und dort. 
05 Doch Dämmer rings und nirgends eine Öffnung.  
Da bricht und naht in unbeirrtem Gang 
aus knisterndem Gehölz die reine Lampe 
Sie leuchtet aus dem makellosen Busch, 
dem Hochgeweih des Hirschs der Wunder äugend 
10 Gestalt und Klarheit eilt durch Wildnis hin.

Mittwoch, 08 Dezember 1948       )

Die Weisheit klagt ob ihrem Spiele …* (a*)

Die Weisheit klagt ob ihrem Spiele,
auf jener lichten Scheibe ihres Lächelns,
dass jener Gott vor dem sie Kind war durch Äonen 
mit dunklen Augen in das Chaos schaut, 
05 mit finstern Augen über sie hinweg, 
und über ihres Lächelns lichte Scheibe 
hinaus in nie durchdrungne Nacht: 
ob dieser Abgrund je sich noch gestaltet, 
ob er ihn selbst in sich verschlingt, 
10 ob er das Kind verschlingt, sein Spiel 
auf jener lichten Scheibe ihres Lächelns? 
Die lichten Bälle schnell im Spiel geworfen, 
die geistigen Gestirne, ach, er sieht sie nicht, 
er sieht nur noch die Finsternis, durch die sie einsam fallen. 
15 Wer fängt sie dort, wirft sie dem Kind zurück. 
Die Weisheit klagt ob ihrem Spiele.

1948 * (nicht datiert)       )

Die Weisheit klagt ob ihrem Spiele …* (b*)

Die Weisheit klagt ob ihrem Spiele 
auf der lichten Scheibe ihres Lächelns, 
dass jener Gott, vor dem sie Kind war durch Äonen, 
mit dunklen Augen in das Chaos schaut, 
05 mit finstern Augen über sie hinweg 
und ihres Lächelns lichte Scheibe 
hinaus in nie durchdrungne Nacht: 
ob dieser Abgrund je sich noch gestaltet, 
ob er ihn selbst in sich verschlingt, 
10 ob er das Kind verschlingt, sein Spiel 
auf der lichten Scheibe seines Lächelns? 
Die lichten Bälle schnell im Spiel geworfen 
die geistigen Gestirne, er sieht sie nicht mehr. 
Er sieht nur noch die Finsternis durch die sie einsam fallen. 
15 Wer fängt sie dort, wirft sie dem Kind zurück. 
Die Weisheit klagt ob ihrem Spiele.

Montag, 13 Dezember 1948       )

Das ist das grosse das unzugängliche Licht …*

Das ist das grosse das unzugängliche Licht
die Lichtung einsam, aber die Wege nach innen noch schattig. Da
ist noch stets der Lärm, der die Stille zerschlägt. Nur sie ist furchtbar. So lasst uns wohnen in den zerklüfteten Bergen. Dort sind die Höhlen, ganz innen, in der grünen Tiefe, reine Quelle. Zuweilen der Rabe mit dem Brot, zuweilen der Rabe, der dunkel heraufkommt und den Einsamen nährt. Dornbusch am Eingang, der das Fremde zerreisst, alle Flammen löscht. Es sei denn die eine, die leuchtet, die nur hell ist. O, wie bin ich fremd und schaue wie ein Vogel aus fremdem Land hin über die Täler über die weinbewachsenen Berge mit den Städten auf dem Gipfel, auf die Züge der Händler, die steilen Wege hinaufreitend. Ich bin hier // 071 abgeschieden und nicht mehr da, wie sehr [ich] ihr mich auch da glaubt. O Waage, du einziges Gleichnis, belastet gleich auf beiden Seiten. Sie ist am nächsten dem Unbedingten, dem Abend der reinen Profile, dem Abend im Winter, der Fluss eindeutig, die Bäume reine Gerippe ohne den Zufall der Blätter, der Himmel stählerne Wandung, Ruinen der Kirche. Pures Gemäuer, das da¿ ist, unmissverständlich, glühend Erinnern, glühend erstarrt.

Montag, 20 Dezember 1948       )

Das ist der graue Himmel, wie eine bleierne Decke …*

Das ist der graue Himmel, wie eine bleierne Decke. Das ist die Tänzerin am Abend vor dem glühenden Ofen. O Qual. O, Schönheit vor dem Vergehen. Das Schönste, das Lautere das noch da ist vor dem Furchtbaren // 072 sieghaft. Wüste, Wüste, da uns nur noch geleitet Erinnerung, Erinnerung vergangener Gärten. Gärten der heiligen Blumen, Haine seligen Schweigens, voll der Gegenwart, der Götter. Stille der Gegenwart, wie erinnern wir uns deiner. Stille voller Gegenwart. Wie ist Öde jetzt alles. Fontänen des Geistes, schimmernde Becken der Weisheit. Wie waren glücklich alle, die wandelten hier. 

02 Siehe aber ich will, dass alles zerbrach. Denn das Vollkommene liegt jenseits immer. Und die Gärten sind immer Begrenzung. 

03 Jenseits der Wüste, dort ragt der Berg des Gottes, dort in den Gesteinen die Stimme, die ihnen¿ Gesetze enthüllt. Und Wege weist den Jahrtausenden. Nicht mehr wachsen dort im Kühlen, in den klaren Nächten die Blumen. // 073 Aber die Kristalle flimmern. Und die Sterne überhell.Wer dort auf den Stufen harret, dem wird, dem Lauschenden, aufgetan das eine Geheimnis. Aber dass er die Gärten verlasse. 

04 Trauer ist in der flimmernden Wüste, voll der Erinnerung, die Träume unter den seltenen Bäumen. Die Tage doch sind reich an schmerzlicher Hoffnung. 

05 Dass unser wird das Klare, dass wir des Klaren werden gänzlich zu eigen, selber reine Kristalle, des geistigsten Geistigen Abbild. Gipfel in lauterster Luft, Rauschen heiliger Winde.

Dienstag, 21 Dezember 1948       )

Ferne farbige Spiele, Zauber der Drehung …*

Ferne farbige Spiele, Zauber der Drehung, Kinderreigen in der Kugel verschlossen. Elefanten mit bunten Türmen, Kamele mit Vielfalt der bilderreichen Decken. Und der singende Neger im Sattel mit den glühenden Augen. 

02 Alles in der Kugel verschlossen. 

03 Wenn sie zerschellte, welche Verwirrung: o unerwartete Ankunft. Die bewunderten Tiere sind unser, gehn auf der Strasse mit uns. Auf dem Kamele sänge der Neger, sänge in unserer Strasse. Der Elefant würfe den Rüssel empor gleich bei unserer Rast. Und lachend, lachend die Kinder, aus dem Verschlossnen gefallen, Kinder bewahrend das Glück, den Schein ihrer schuldlosen Ankunft. 

04 Und der Weg gleitet dahin mit uns // 075 allen. An den letzten Zisternen vorbei, in die trockene Steppe. Tiere verenden zuweilen im Schatten, dem geizig geworfnen, der Tamarisken. Die Kinder aber sind da, im Schein ihres schuldlosen Anfangs. Sie werden sehen dereinst am Abend wie letztes Wasser am Strande zur Stunde der Ebbe, erste Spuren von Grün im Sand, Kräuter bald und den Fuss des quellenreichen Gebirges.

Unfähigkeit mich der Welt und ihren Forderungen anzupassen. Steter Konflikt zwischen innerer und äusserer Realität. Einsicht in die Notwendigkeit des Kompromisses (um überhaupt leben zu können) Aber gänzliches Versagen vor der Aufgabe, den Kompromiss zu erreichen.

02 Die Fähigkeit zu wissenschaftlicher Tätigkeit // 076 verliert sich immer mehr, die Möglichkeit wissenschaftlich zu denken und zu folgern verringert sich mir, je mehr mein Wille zur dichterischen Arbeit wächst. 

03 Aber mit Dichtung allein lässt sich nun einmal nichts anfangen: schon der sachliche Erfolg dabei, die Anerkennung, die rein platonische Anerkennung durch die Umwelt ist dabei sehr fraglich, der materielle Erfolg für die nächsten Jahre auf jeden Fall ausgeschlossen und für später nicht wahrscheinlich. 

04 Und ich muss leben, rein physisch muss ich meine Existenz bestreiten können, ich muss ein Minimum an Ansehen in der Gesellschaft erstreben: ich bin viel zu empfindsam, mein Gleichgewicht viel zu labil – leider muss ich es sagen, aber vielfache Erfahrung zeigt es mir unwiderleglich – meine Substanz viel zu verletzbar, // 077 als dass ich mir die völlige Trennung, die scharfe Abspaltung vom Menschlichen leisten könnte ohne schwerste Gefahren zu laufen: meine Neigung zu Depressionen könnte sich wieder so verstärken, dass ich gänzlich arbeits- und fühlunfähig würde. Dann wäre aber nichts erreicht, aller „Heroismus“ vergeblich, der Einsatz hätte sich nicht gelohnt.

05 Es muss mir gelingen, zu schweben, mich zu halten im Raum der menschlichen Gesetze und meiner eigenen inneren. Mit oder ohne Studium, mit oder ohne Examen. Solche Dinge sind Mittel, die man einsetzt oder verwirft, je nach Zweckmässigkeit, sine ira et studio!

Freitag, 07 Januar 1949       )

Engel des Lichtes, tanzend mit dem Tau …*

Engel des Lichtes, tanzend mit dem Tau, schwingend über den finsteren Wellen. Kläglicher Sturm, machtlos wider das Spiel. Stärkeres Spiel. Und viele noch auf den Brunnen. Viele // 078 Engel auf den Brunnen der Plätze: der eine mit Harfe, der andre mit Flöte. Der dritte singend: Jubilate. Aber die Stadt voller Angst. Voller Angst vor dem Sturm: die Wellen schlagen vom Hafen herein. Die Brunnen strömen über. O schöne, o schreckliche Wasser. Steigende, steigende Wasser. Überflutet die Gärten, überflutet die Gassen. Die Wagen, der Markt mit den Trauben, den Apfelsinen, den runden, süssen Melonen. Alles überflutet, ertrunken. 

02 Doch die Säulen der Brunnen sind hoch. Die Engel ragen heraus: Engel mit Harfe, Engel mit Flöte. Engel singend: Jubilate, sie spielen, sie singen über den Wellen. O glänzend, o sicher.

03 Und es kommt herein vom Meer // 079 ihrer der grösste, der grosse Engel, fröhlich springend über sein Tau. Fröhlich kommt er herbei. Schwingt sein Tau über der begrabenen Stadt. Und seine Engelbrüder spielen, seine Engelbrüder auf den sicheren Säulen spielen und singen dazu: Jubilate!

Mittwoch, 19 Januar 1949       )

Innerstes, das strahlend überfliesst …* (a*)

Innerstes, das strahlend überfliesst.
Ich wäre Mönch dir nicht, ich wäre dir nicht Lampe, 
die Öl verzehrt, ganz in der Nacht verbrannt. 
Den Wandrer grüsst ins Dickicht 
05 der Schein, der sanfte aus den Apsisfenstern. 
Es ist die Taube, weiss, die innen leuchtend schwebt. 
Des Hauses Wunder, lange schon berufen.
Wann wird geheimes Licht zum allgemeinen Leuchter. // 080

Es zieht Magnet die feinsten Späne an, die
10 in den Klüften tief verborgenen, die in des Diebes Tasche wohl beschlossnen. 
Die Liebe wohnt auch hier, in den Nächten der Vereinigung, 
wo Mannes Glied sich mit des Weibes Schoss vereinigt. 
Es ist dasselbe Licht, das zieht und zieht. Doch
das die Trennung in der Wirrnis hasst.

Montag, 24 Januar 1949       )

Innerstes, das strahlend überfliesst …* (b*)

Innerstes, das strahlend überfliesst.
Ich wäre Mönch dir nicht, ich wäre dir nicht Lampe, 
die Öl verzehrt, die ganze Nacht durchbrennt. 
Den Wandrer grüsst ins Dickicht[,]
05 der Schein, der sanfte, aus den Apsisfenstern. 
Es ist die Taube, weiss, die innen leuchtend schwebt. 
Des Hauses Wunder, lange schon berufen, 
wann wird geheimes Licht zum allgemeinen Leuchten? // 081

Es zieht Magnet die feinsten Späne an, die
10 in den Klüften tief verborgnen, 
die wohl beschlossnen in der Diebestasche. 
Die Liebe wohnt auch hier wie in den Nächten, 
wo Mannes Glied sich einigt mit dem Schoss des Weibes. 
Es ist dasselbe Licht, das zieht und zieht 
15 und das die Trennung in der Wirrnis hasst.

Montag, 07 Februar 1949       )

Du bist, du bist da, leuchtende Höhe …*

Du bist, du bist da, leuchtende Höhe
von Wolken beschattet 
vom Golde beglänzt. 
Ewiger Wechsel 
05 Da fährst du herüber, o Traum, o Verwandtes, 
Morgen und Abend 
sind nah sich und mild, 
sind zwischen den Lichtern 
Helle und Dunkel 
10 künden das Prangen
und künden Tod.

Dienstag, 08 Februar 1949       )

Gebliebne sind, da sind auch schon Verworfne …*

Gebliebne sind, da sind auch schon Verworfne
Des Täglichen die Angel ist gestellt:
Die Segnung rauscht aus den entrückten Wipfeln. 
Nur wenige haben Mut, erhobenen Hauptes 
05 durch Stürme, erspürend Gott mit wachen Nüstern, 
wie durch den klaren Tag zu gehen, rastlos. 
Kein Regen löscht die ungeheilte Flamme 
wie Öl mehrt Wasser ihre wehe Glut 
und über den Schlund wirft Stege die Begierde. 
10 Wer war nie ratlos, der die Wildnis kennt? 
Doch wird er, schütteren Haars, noch unbetretene 
Vertrautem abgewichene Pfade suchen: 
Verworfen weiss er in der Falle hängend
Gebliebnen, der dem Täglichen nicht entrann.

Donnerstag, 10 Februar 1949       )

Der Morgen ist ein geistiges Erspüren …* (a*)

Der Morgen ist ein geistiges Erspüren,
die weite Weisung dieser reinen Sicht
mag euren Pfeil in reine Mitte führen. // 083

Der Tag im Anstieg schärfer noch gestaltet: 
05 von tiefen Schatten trennt sich stolz das Licht 
und Friede zwillingsstarker Kräfte waltet. 

Das sanfte Dunkel gegen Abend bricht 
das Gleichmass vollgewachsner Kräfte: 
in Bergen grabt nach einem puren Licht.

Sonntag, 13 Februar 1949       )

Der Morgen ist ein geistiges Erspüren …* (b*)

Der Morgen ist ein geistiges Erspüren 
die klare Weisung dieser reinen Sicht
mag jeden Pfeil in seine Mitte führen 

Der Tag, im Anstieg schärfer stets gestaltet, 
05 von tiefen Schatten trennt er streng das Licht 
und Friede zwillingsstarker Kräfte waltet.

Das sanfte Dunkel gegen Abend bricht
die starke Wand die Reich von Reich geschieden. 
Wer Richtung sucht, er findet hier sie nicht.

Montag, 14 Februar 1949       )

Der Lehrer der Gestirne dir beschrieben …* (a*)

Der Lehrer, der Gestirne dir beschrieben
den Aufgang und das Sinken höchster Bilder,
ist er nicht tiefste Lehre schuldig dir geblieben?

Empfangen nicht von deinem innern Licht 
05 den Glanz die Sterne. Leer bemalte Schilder 
sind andre Sonnen. Sonnen sind sie nicht. 

O stete Drehung: heiliger und wilder 
Figurentanz: des Firmaments Gesetz 
ist strenger, als du ahnst, als jener wollte milder. // 085

Varianten zu V. 07-09:

07 O stete Drehung, heiliger und wilder 
Figurentanz: des Firmaments Gesetz 
ist eigen dir und streng, als jener wollte milder. 

07 O Drehung, unaufhaltsam, heilig wilder
Figurentanz: des steten Lichts Gesetz 
ist strenger als du ahnst, als jener wollte milder<.>

Dienstag, 15 Februar 1949       )

Der Lehrer der Gestirne dir beschrieben …* (b*)

Der Lehrer der Gestirne dir beschrieben
den Aufgang und das Sinken höchster Bilder 
ist er nicht tiefste Lehre schuldig dir geblieben?

Empfangen nicht von deinem inneren Licht 
05 den Glanz die Sterne? Leer bemalte Schilder 
sind andere Sonnen. Sonnen sind sie nicht. 

O Drehung unaufhaltsam, heilig wilder 
Figurentanz: des inneren Strahls Gesetz 
ist strenger als jener glaubt und als du fürchtest milder. // 086

10 Wo her empfangen denn vom inneren Licht 
den Glanz die Sterne? Leer bemalte Schilder 
sind andere Sonnen. Sonnen sind sie nicht.

Mittwoch, 16 Februar 1949       )

Flügelschlag …*

Flügelschlag
der in den Wäldern schattet
Heller Schatten
Schlaf zerbricht
05 und mächtig 
ist die Weite voller Schnee 
die spurenlose 
im klaren Licht. 
Jene Bäume bebend 
10 bebend 
im Flügelschlag 
des reinen Windes 
Unerbittlich ist 
das Antlitz des 
15 der kommt // 087
und alles ganz will 
ungesondert 
der das Zerstreute 
das Schlafzerstreute sammelt 
20 in den lichten Morgen 
in das lichte Werk 
des frühen Morgens. 
Flügelschlag 
hellschattend 
25 Funken wirft er 
in das Dickicht 
wo die Tiere ruhen 
die Wasser dunkel murmeln. 
Aber klar auf einmal ist es 
30 Schon auf den Simsen 
Bauleute stehn 
und bauen die Gerüste 
zu wölben die neue Kuppel 
über alle Wälder 
35 vor die ungeheure vor 
die leere Bläue // 088
in das lichte Werk 
alles rein zu sammeln 
was zuvor zerstreut: 
40 Geistes Schild vors Auge 
vors tödlich blickende 
des Allstiers

Montag, 21 Februar 1949       )

Meine liebe Schwester …*

Meine liebe Schwester,

01 da es offenbar unmöglich ist anderswie eine Stelle zu finden oder Geld aufzutreiben, werde ich nächste Tage mit Kägi über meine Angelegenheiten sprechen. Vielleicht weiss er einen Ausweg; es ist mir dies sehr unangenehm, ich ziehe nur ungern andere in meine Sorgen. Vor allem ungern jene, mit denen ich eine von Natur ausschliesslich geistige Beziehung habe. Wenn ich auf diesem Weg nichts erreiche, werde ich mich um eine provisorische Lehrerstelle bewerben, daneben an meiner Diss schreiben. // 089 Du weisst, ich tue weniges mit geringerer Begeisterung. Aber jetzt bin ich am Punkte, da ich alles akzeptieren muss, wenn ich anständig weiterleben will. Anständig, das heisst, ohne totale Kapitulation vor der Gesellschaft. 

02 Das Leben ist ein Kompromiss. Leuten wie mir wird er abgelistet, ertrotzt, aber machen müssen sie ihn trotzdem. Du kannst Dir vielleicht denken, wie schwer die äusseren Sorgen auf mir lasten, gerade jetzt, wo ich mich, koste es, was es wolle, den wichtigen und entscheidenden Dingen zuwenden muss: 

03 Die Anschauung des Seienden, der göttlichen Flamme auf dem Grunde aller Dinge stets näher zu kommen. Dass ich bin, ist ein Zufall oder eine Fügung, wer weiss das schon. Aber die Verpflichtung besteht, ich kann mich, leider, nicht darum drücken, das Mögliche // 090 daraus zu holen. Die meisten leben auf einer der äussern Schichten und befinden sich wohl dabei: für mich wäre es der Abfall, die Sünde schlechthin, zu ihnen an den Tisch zu sitzen, als wäre ich einer der ihren. Es gibt ein Stigma und es brennt jährlich heisser, unauslöschlich. Es ist dies Stolz, man kann es so nennen, Hybris („Überhebung“ wie man zuhause so schön sagt), aber man bezahlt ihn teuer. Es quält und reisst, und dennoch, wäre ich befreit, ich wäre nicht mehr. So ist Reflexion darüber müssig. Ich erwähne das hier nur Dir zur Erläuterung, damit Du besser verstehst, wie die Problematik aussieht, darin ich stehe. 

04 Daraus ergibt sich: meine poetischen Versuche eine Mystik, der Versuch den Punkt, wo das Sein (das Göttliche oder Gott, wenn Du willst) mit // 091 der Welt der Erscheinungen, des uns Sichtbaren, sich berührt, im Wort anzupeilen. Von hier aus müsste sich wiederum ein Weg finden, zum Jahrhundert zu sprechen, zur Menschheit. Vielleicht, dass ihr, z. B., aus dem Gedicht der Ort, wo sie steht merkbarer, sichtbarer wird, die Gefahr der Weltstunde und ihre Möglichkeit: 

05 die höchste Bewusstheit wird allmählich erreicht. Die Mythologien – seien es Mythologien der Natur wie die antiken, seien es Mythologien der Seele, wie man im Christentum eine sehen will – sind erloschen, der Geist hat sie überholt. Und der Verlust bedeutet furchtbare Leere. Dichtung kann nun noch, das hat sie voraus,  alle Gestalten gebrauchen, sich aller Erinnerungen bedienen und damit jene letzten Meinungen, die hinter diesen Gestalten standen von neuem aussagen und noch mehr // 092 dazu, ohne dass man sie deswegen missversteht. Sie hat deswegen einen unmittelbaren Zugang in die Seele des Menschen, die sich vor jeder andern Aussage immer mehr kritisch verschliesst, vor allem vor den grössten Aussagen in den Lehren der christlichen Religion (woran allerdings ihre Verkünder nicht ganz unschuldig sind). 

06 Willst Du nicht an der Fastnacht herkommen für einen Tag, um Dir dies Dionysische Fest anzuschauen? Ich verstehe, wenn es Dir nicht möglich ist, wegen Mann und Kindern. Aber das Heraufkommen der Vorzeit mitten im scheinbar modernen Menschen solltest Du einmal sehen: den Morgenstreich am 7. Februar morgens 4 Uhr! 

07 Doch Du findest die Idee sicher absurd. Sei mir wenigstens nicht böse deswegen.

Dienstag, 22 Februar 1949       )

Turm in Winden. Brausen in allen Fenstern …* (a*)

Turm in Winden. Brausen in allen Fenstern. Weit, weit die Ebene mit den immergrünen Bäumen. Dort in die ungeheure Spitze von St. Michel. Sie ist wie Duft vom Meer. Hier aber auf den Regalen¿, sie ächzen leise im Geläut des Sturmes steigt der fromme Leser und bricht voll Andacht Geistes Brot: Wie reich nicht ist es ihm gespeichert und nimmer sättigend gleichwohl. Gar körnig mundet es, und immer will er mehr. Doch zu fliehen das leise Gift lässt auf einmal er den Turm, lässt den Hügel und die Weite voller Wind unter der Spitze von St. Michael. Besucht die Bäder – der Schweiz und Schwabens, die Kurtisanen Roms, o schöne Busen. Die Welt ist schön ausserhalb des Turmes. Kraft der Gegenwart.

Donnerstag, 24 Februar 1949       )

Rastort auf der Höhe: nur fern noch die Küste …* (b*)

Rastort auf der Höhe: nur fern noch die Küste, die immergrünen Sträucher. Und der Wind braust tief, streift meine Füsse. Aus dem Dunst der Küste die Spitze des Erzengels. Lockung, dies Eiland zu verlassen, die beglänzte Stille im Heidekraut, in die öde Landschaft zu wandern. Gang im Tosen des Windes zur Küste, wo das wilde Meer schlägt in die Häfen der volkwimmelnden Stadt, wo es steigt und braust um den Turm des Erzengels. Flucht der vielen auf die Kähne. Die brechen unter ihren Lasten. Mein Schifflein, aus dem Versteck geholt, voller Kinder. Vergessen habe ich den Rastort in der Höhe, die beglänzte Stille im Heidekraut: voll sind mir die Sinne vom Wogengang und vom Rufen der vielen in der überschwemmten Stadt.

Freitag, 25 Februar 1949       )

Hoher Rastort …* (c*)

Hoher Rastort 
tief die Ebene mit immergrünen Sträuchern
in Dünsten die Küste
daher die Winde brausen
05 und sich zerschlagen zu meinen Füssen
Nicht widersteh ich der Lockung 
mein Eiland zu verlassen 
die beglänzte Stille im Heidekraut 
und auszugehn in öde Landschaft 
10 zu wandern hinab zum Hafen 
in die volkwimmelnde Stadt: 
Das wilde Meer 
schlägt in die Gassen 
Die Kähne brechen unter Fliehenden 
15 Mein Schiff, aus dem Versteck geholt 
ist voller Kinder: 
Ihre Augen schaun hoffend aus 
nach hohem Rastort 
nach dem beglänzten Eiland 
20 rot voller Heidekraut.

Sonntag, 27 Februar 1949       )

Wandelstern …* (a*)

Wandelstern
entwichener Welten
Trauer und Traum
erloschen im grossen
05 im schrillen Schrei
schrecklichen Mittags
des grellen Fiebers: 
Licht der Scheinwerfer 
ohne Erbarmen. 
10 Das Geheime starrt offen 
leer, leer eine entblutete Wunde. 
Blume zerrissen, 
überoffener Kelch 
die Stengel entstäubt 
15 Alles sausende Drehung 
übermächtig bewegt 
Fall in den Raum 
ohne Grenze 
alles Leblosen Fall 
20 das nicht wird 
sondern ist nur noch ist 
O Sohn, den Schrei im Mund 
ewig geronnen 
Schmerz ohne Laut

Montag, 28 Februar 1949       )

Kalter Stern …* (b*)

Kalter Stern
entwichener Welten
leblose Spur,
Trauer erloschen und Lüste  
05 im Schrei
des schrecklichen Mittags
traumloser Wachheit: 
Scheinwerfer ohne Erbarmen 
gezielt auf die entblutete Wunde: 
10 leer leer 
auf der Blume: zerrissenen 
überoffenen Kelch 
die staublosen Fäden 
Alles aber im Fall 
15 im Raum ohne Grenze 
berstender Sarg 
ins Grenzenlose entleert: 
der Sohn trägt im Munde 
Jubel der Väter 
20 als Ruf ohne Laut 
Und niemand der hört.

Dienstag, 01 März 1949       )

Geduckt sitzen wir zwischen den Blättern der Blume …*

Geduckt sitzen wir zwischen den Blättern der Blume. Unter den schützenden Lippen der Blüten. Welker Duft, weht betäubend hernieder. Wenn uns nur nicht trifft der Strahl des Morgens, des wehe hellen Morgens der aufgeht. Die Lichter sind alle grausam auf unser Haus gerichtet. Und seine feuchten Wände zerfallen gleich wie im Herbst vor diesem neuen Tag: der die Blumen hasst und unsere Gärten vernichtet. 

02 Andere sind ihm gemäss: Kühle Labyrinthe aus Spiegeln, laublose Bäume. Und Blumen aus dem Berge gehauen. Genauer gewollt und ohne Not geschaffen: im wachen Spiele geformt. Wen noch finden wir dort von den unsern? Geduckt sitzen wir zwischen den Blättern der Blume.

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