Typoskripte 1948-50

Inhalt: 111 Typoskripte zu 95 Gedichten (47 Endfassungen)
Datierung: Okt.(?) 1848-Nov. 1950
Textträger: Einzelblätter (A4-Format)
Umfang: 341 Bll
Publikation: Gesicht im Mittag (13 Gedichte), Verstreutes (7 Gedichte)
Signatur: A-5-b/03 (Schachtel 32; nach Titeln und chronologisch zusammengeführt)
Herkunft: Grüne Mappen GA 1, GA 2, GA 5, GA 6/1950

Kommentar: Weitgehend deckungsgleich mit Typoskripte 1945-50; Beschreibung
Wiedergabe: Edierte Texte

1948 * (nicht datiert)       )

Die Weisheit klagt ob ihrem ewigen Spiel

Die Weisheit klagt ob ihrem ewigen Spiel
klagt auf der klar umzirkten lichten Scheibe
dass jener Gott vor dem sie Kind war durch
Aeonen schaut mit schattigen Augen über
05 ihr Spiel hinweg und lichter Scheibe Rund
hinausschaut in das undurchdrungene Dunkel.
Die lichten Bälle, spielend ausgesandt
die geistigen Gestirne sieht er nicht mehr:
wohin sie schwinden nur, sieht er, den Schlund:
10 wer fängt sie dort und wirft zurück die Bälle?
Ob er ihn wieder fordert und sein Kind
die lichte Scheibe hart zurückzuschlingen?
Die Weisheit klagt ob ihrem ewigen Spiel.

1949 * (nicht datiert)       )

Noch kommt auf Wogen dumpf des heissen Schweigens …*

Noch kommt auf Wogen dumpf des heissen Schweigens
der Dämon der Verwirrung in den Mittag;
der Weg den Weinberg hoch im Schatten der
Oliven nur gibt klare Sicht hinüber
05 in bunter Büsche Wucherung am Wasser
und auf den Inseln unverletzte Gärten.

1949 * (nicht datiert)       )

Gebliebene sind, da sind auch schon Verworfne …*

Gebliebene sind, da sind auch schon Verworfne.
Des Täglichen die Falle ist gestellt:
nur wenige haben den Mut erhobnen Hauptes
wie durch den klaren Tag zu gehen rastlos
05 durch Sturm, erspürend Gott mit offenen Nüstern:
kein Regen löscht die ungeteilte Flamme
wie Oel mehrt Wasser ihre wehe Glut
und über den Schlund wirft Stege die Begierde.
Verworfen aber in der Falle hängt
10 Gebliebner der dem Täglichen nicht entrann.

1949 * (nicht datiert)       )

In der Kugel verschlossen

In der Kugel verschlossen
farbige Drehung:
Kamele mit Decken
brennenden Auges
05 der Neger singend im Sattel.
Und lachende Kinder
in der Kugel verschlossen.

Wenn sie zerschellte
o fröhlich begleitete Heimkehr:
10 die bewunderten Tiere
auf der Strasse mit uns.
Im Sattel der Neger
singt auf unserer Strasse.
Und lachende Kinder
15 aus dem Verschlossnen gefallen.

In die Steppe
an letzten Brunnen vorbei.
In geizig geworfenen Schatten
der Tamarisken
20 verenden die Tiere
erlischt das Singen des Negers.

Die Kinder allein
erkennen dereinst
– wie letztes Wasser am Strand
25 zur Stunde der Ebbe –
erste spärliche Gräser
Kräuter bald und den Fuss
des quellenreichen Gebirges.

1949 * (nicht datiert)       )

Rauschen der Flut …*

Rauschen der Flut
über das Singen der Priester
über der Menge Antwort:
Erbarme dich unser.
05 Finster der Mond 
die Sonne in Trauer:
woher denn dies Licht
drohender Fackel?
Aus Gräbern
10 steigen die Toten:
Erbarme dich unser.

Doch einige gehn
in den Hainen am Ufer und schaun
in ihren Herzen wahrere Deutung:
15 Geduld zum neuen Aeon
der heraufkommt
trotz der Priester Verdammung:
um euretwillen vernichtet der Gott uns.
Und sie bergen das uralte Bild
20 ganz am Ufer
in unbetretenen Wäldern.

1949 * (nicht datiert)       )

Reine Wälder …*

Reine Wälder
bergen seit alters Weissagung
in Grotten das gültige Schutzbild.
Die suchen finden es nicht
05 Söhne des Prunkes
die mit dem Schmucke der Väter
der mahnend verschiednen
frevlerisch gehn:
sie sehen nur äussere Blendung.

10 Kinder der Pächter
beim Sammeln von Reisig und Laub
hören des fremden Vogels Ruf:
woher dieser Ton im vertrauten Geäst?
und folgen der Lockung
15 den Lauf des Baches empor.
Weh in geöffneter Grotte
ist ihnen unendliche Lust
Weh die heilige Schau:
da sie nur ihnen erlaubt.

20 Zu den Brüdern eilen hinab
noch Glanz auf der Stirn
des Gesichtes berufne Propheten.

1949 * (nicht datiert)       )

Wanken…*

Wanken
des Turmes nun gestillte Empörung
wider das träge
Bleiben im Erbteil.
05 Firste rings
stehen in Flammen
Sturz der Gebälke
scheint wider in Wässern des Landes
durch Büsche
10 wo die Liebenden ruhn in Umarmung.
Sie entkamen aus Flammen
in ältere Flamme
in jüngere auch
und achteten nicht
15 des Endes der Stätten der Kindheit.

Weit ist ihr Weg in die Heide
wo ins dürre Geäst
in die morsche Höhlung der Föhre
die Eidechse flieht
20 und tröstlich schimmert im Finstern:
sie aber tragen Ikone
der heiligen Väter
im Gewande verborgen
von Rastort zu Rastort.

1949 * (nicht datiert)       )

Weh ist dieser hohe Steg gedehnt …*

Weh ist dieser hohe Steg gedehnt:
reich sind wohl der bunten Karawane
Purpurtroddeln mit den Perlgehängen;
in den Kräutern kommt der Heilung Fülle,
05 Saft der Früchte will den Durstigen letzen.
Doch solang der Zug auf hohem Steg
geht, auf dieses Steges weher Dehnung,
bleibt Gefahr, dass er die freudig bangend
jenseits lang schon warten, nie erreicht.

1949 * (nicht datiert)       )

Dort hält Gebirge hinter Vorwelttrümmern …*

Dort hält Gebirge hinter Vorwelttrümmern
die Sonne fern verwahrt den ganzen Sommer.
Die klare meidet dieses feuchte Tal,
die faden Blumen, die Vergängnis und
05 Verwelkung brüten in dem dumpfen Brodem.
O besser ist zu fliehen heute noch,
zu steigen über jene Scheideklippe:
noch derer, die ihn suchen harrt dort Mittag;
die starken Farben wehen und die Düfte
10 den Kommenden erheiternd ins Gesicht.

1948 * (nicht datiert)       )

Du schwebst herab, o Licht, o einzig Leben …*

Du schwebst herab, o Licht, o einzig Leben.
Der Aether singt, die Taube ruht im Flug.
Ich will dir meine leichtesten Gedanken geben,
die singendsten, die ich im Geiste trug.
05 Es kommt die Stunde, da sich klar vereinigt,
was, lang getrennt, in beiden Räumen stieg:
die neue Flamme, göttlicher gereinigt,
ist Herrschaft ganz und unbestrittner Sieg.

1949 * (nicht datiert)       )

Finsternis und Baum …*

Finsternis und Baum
und alles Dunkle hell
und über jenen Weg
kommt schon der Jäger schnell.
05 Er liebt das Zwielicht wohl:
es ist den schönsten Tieren
ein rätselreich Gespinst
darin sie sich verwirren.
Nun ist die frühe Zeit
10 da noch die Kohle glüht
und jenes Horn noch mild
dem Morgen bläst Geleit.
Doch bald der Mittag tönt
uns zornig wild.

1949 * (nicht datiert)       )

Tote Nymphen, gespült von unterseeischen Riffen …*

Tote Nymphen, gespült von unterseeischen Riffen,
unterseeischen Höhlen herauf, liegen blau am Strande,
Götter der Tiefe auch mit grünen triefenden Haaren
im zerstörten Gesicht, den Leib von Algen bedeckt.
05 Draussen aber treibt auf dem glatten Wasser des grossen
Gottes Kadaver selbst mit dem Dreizack, ungeheuer
Leichnam, schwarz von Vögeln der See; und der Verwesung
Ruch schon weht in die Stadt an diesem traurigen Mittag.

Sonntag, 12 Juni 1949       )

Wer kann denn bauen …*

Wer kann denn bauen schon Vollkommenes
und Tempel richten über dem wirren Forst
der auf den Felsenschroffen nahen Berges
die volle Höhe unersteigbar hält?
05 Solang die grosse Tat zu tun unmöglich,
ist Trost den Harrenden, zu schaun das Licht
das übern Abgrund grüsst, der wehrt den Drängern,
und ist genug, bis jener Steg vertäut,
der mit den Aexten für den Baumschlag endlich
10 und mit den vorbehaunen Quadern führt
zum eitel stets geplanten Gipfelbau.

Donnerstag, 15 Juli 1948       )

Düftedunkler Turban …*

Düftedunkler Turban
glühende Blume,
Innen frisst dich der Wurm:
giftiger Stachel des Glücks.
05 Du lebst, und nur
den Toten ist Rettung.
Fruchtbar ist
das neue Gestirn,
geplant im denkenden Haupt,
10 in der vollkommnen
Maschine geschmiedet.
Uebersüsser Ruch
der gewollten Lilie,
rein berechneter Rausch.
15 Herabgezwungen
von eisig glühender Gier:
Garten kristallener Wolllust.

Samstag, 02 Oktober 1948       )

Sieh, aus den Schrecken …*

Sieh, aus den Schrecken des Brands und der angstvollen Nacht in den Trümmern
hebt sich der Adler empor, ruhig zu kreisen im Flug.

Hoch auf einsamer Säule wohnt der Unsterbliche gerne,
heller zu spähen hinaus über die Trümmer der Stadt.

05 Steigt er und kreiset hinan von Begierde des Lichtes getrieben:
selbst aus so bitterer Nacht zwingt er den Morgen herab.

Samstag, 02 Oktober 1948       )

Und wenn den Durchgang wir ins Innre uns erstritten …*

Und wenn den Durchgang wir ins Innre uns erstritten,
ob wir im unbekannten Lande wohlgelitten?

Es lockt die fremde Luft von fern wie Abenteuer,
wie Siege über Zwerg' und Riesen, Ungeheuer.

05 Wer weiss, ob bösre Macht uns so nicht will berücken,
an der Verführten Qual sich schrecklich zu erquicken?
Samstag, 02 Oktober 1948       )

Ihr stillen Bäume mit den stillen Kronen …*

Ihr stillen Bäume mit den stillen Kronen,
ihr schweigt im Hain, wo noch die Götter wohnen.

Ertrugt ihr Sonnenbrand und Stürme lang geduldig,
so blieben wir gewohnte Opfer treulos schuldig.

05 Doch wer nicht Irrsals blinde Qual ertragen,
wie darf er uns nach alten Opfern fragen?

Es ragt dort drüben kahl und sonnenlos die Küste,
und dunkler flammen, wilder locken ihre Lüste.

Und mögt im Reinen rein ihr euch erhalten,
10 uns riss es weg, ein Ganzes zu gestalten.

Dienstag, 05 Oktober 1948       )

Dem allzu Reinen ist die Wandlung schwierig …*

Dem allzu Reinen ist die Wandlung schwierig,
dem früh Befreiten, der, zu schaun begierig,
der Täler Flackern und Bedrängnis mied
und in des hohen Lichtes Strahlraum stieg.

05 Wer je die alte Sonne überwand,
der steht an Grauens grauenvollstem Rand:
er stürzt ins Nichts zurück, das letzte Ungeheuer;
er wird ein Gott: o schrecklich Abenteuer.

Mittwoch, 06 Oktober 1948       )

Du schwebst herab, o Licht, o einzig Leben …*

Du schwebst herab, o Licht, o einzig Leben.
Der Aether singt, die Taube ruht im Flug.
Ich will dir meine leichtesten Gedanken geben,
die singendsten, die ich im Geiste trug.
05 Es kommt die Stunde, da sich klar vereinigt,
was, lang getrennt, in beiden Räumen stieg:
die neue Flamme, göttlicher gereinigt,
ist Herrschaft ganz und unbestrittner Sieg.
Mittwoch, 13 Oktober 1948       )

Heiss ist das sandige Ufer …*

Heiss ist das sandige Ufer und leer die Sträucher von Blüten.
Wandlung kennt nicht die Heide, nicht Wandlung die einsame Steppe.
Nicht mehr begehrt sie des Trostes, sie weiss ja: Trost gibt es keinen!
Grauer noch ist das Meer, es zieht die salzige Oede
05 mächtig die Schiffer hinaus ins unveränderte Gleichmass:
Klippen ragen zuletzt und Inseln mit wenigen Säulen.
Einsam stehen auch sie vor ehernem Himmel und dauern.

Donnerstag, 07 Oktober 1948       )

Ueberströmt …*

Ueberströmt
von Abwehr der Schild,
golden, golden,
wider den mächtigen Tag:
05 der Schlachten unserer Liebe
ehernes Denkmal.
Furchtbar ist und
übermächtig der Tag.
Schütz' uns, wehrender Schild,
10 Gedächtnis der Schlachten,
Gedächtnis vergangener Liebe,
schütz' uns wider den Tag!
Golden, golden und
voll der Erinnrung.

Freitag, 15 Oktober 1948       )

Gedankenbüsche …*

Gedankenbüsche,
überhängend ins Traumtal,
bewegt von den Wassern,
den kaum gewahrten, im Grunde.
05 Aber lauter wird gegen
Ende des Winters ihr Murmeln,
laut, laut in der Märznacht ihr Rauschen.
Schmelze des Schnees.
Die scheuen Tiere
10 kommen aus Verstecken hervor,
glühenden Auges zu schaun.
O, süsse Gefahr,
Angst vor dem vollkommenen Glück.
Zu schön sind die oberen Gärten,
15 die gezogenen Büsche
und Teiche gleich Spiegeln.

Samstag, 23 Oktober 1948       )

Wehe, die Kuppel …*

Wehe, die Kuppel
barst, die Wölbung
stürzte.
Blitze gelb
05 am schwarz zerrissnen Himmel.
Kalt ist das Glühendste nun.
Auf die Simse
flackern Vögel nieder.
Wilde Funken
10 grässlicher Erhellung.
Wo ist der reine Raum,
wo das erhabene Licht,
vom hohen Auge
vormals niedergeflossen?
15 Erinnerung!
Ueberschwere Last
sinkt schneller schon herab.
Der Atem schwindet.
Selbst die Qual erstickt.

Dienstag, 26 Oktober 1948       )

Ich hätte in den wildgesteilten Klüften …*

Ich hätte in den wildgesteilten Klüften
die glühen Blüten nimmermehr gewahrt
(im Dorngestrüppe lagen sie bewahrt),
die Balsamkräuter in den kahlen Grüften

05 gefunden nie, wenn, rein gemischten Düften
mit wacher Spürung folgend – aufgespart
vom Werk des ersten Gotts, der offenbart
seit Anfang – wenn der Greis mit hagern Hüften

mir nicht vorausgegangen auf dem Steige
10 gar hellen Schritts am jähen Abgrund hin.
Ich schaute staunend erst und voller Bangen,

klomm zögernd dann empor die kahle Neige,
bis plötzlich in den aufgebrochnen Sinn
die Bienen tief aus allen Schluchten sangen.

Donnerstag, 28 Oktober 1948       )

O Aufglanz in den allerhöchsten Sphären …*

O Aufglanz in den allerhöchsten Sphären,
o Aufglanz tief im Quellenraum des Lichts.
Es klinken aus dem Zwang des Gleichgewichts,
erbebend hell, die beiden Hemisphären.

05 Den Jäger reisst das brennende Begehren
nach jenem Stuhl des schneidenden Gerichts,
wo alles seiner Schwere folgt ins Nichts,
wo Gottheit strahlt aus Kieseln und aus Beeren.

So eilt er zwischen stürzenden Gewänden
10 durch der Aeonen schrillen Bruch zurück.
Ob auch Zermalmung drohn entgleiste Sterne

den um die Lanze fest gepressten Händen,
so stellt doch schon der scharf geglühte Blick
das eine Wild im aufgebrochnen Kerne.

Mittwoch, 10 November 1948       )

Gläserne Pyramide …*

Gläserne Pyramide
verletzlicher Inraum.
Aufklirrt die glänzende Wandung
wenn angerührt von
05 wechselnden Tieren
sie kündet Gefahr:
jene Tiere begraben
unter schimmernden Scherben.
Im gleissenden Sturz
10 der klare Inraum verwirrt
gläserner Pyramide.
Dienstag, 14 Dezember 1948       )

Da sind sie wieder dunkelgrüne Zweige …*

Da sind sie wieder, dunkelgrüne Zweige
und weisse Beeren, alten Waldes Duft
die Wege tief im Unterholz verloren.
Zwar Wasser, heimlich gleissend hier und dort.
05 Doch Dämmer rings und nirgends eine Oeffnung.
Da bricht und naht in unbeirrtem Gang
aus knisterndem Gehölz die reine Lampe.
Sie leuchtet aus dem makellosen Busch
dem Hochgeweih des Hirschs, der, Wunder äugend
10 Gestalt und Klarheit eilt durch Wildnis hin.

Dienstag, 14 Dezember 1948       )

Du näherst dich und lächelnder hernieder …*

Du näherst dich und lächelnder hernieder
winkt deine Hand, die stets mir ferne schien.
Ich schlage mir in die kristallne Glätte
empor an Schimmerwänden Stufen aus.
05 O hell Erwachen, wo die Splitter sprühen,
der Tag gewährt ein lautereres Licht 
wenn jene Schneide in den Aufgangshimmel 
der klare Kamm den streng Bemühten trägt.
Des Unbestimmten Träume schwinden dort
10 mit letzten Sternen in den Glanz gewischt
der unvermutet wirklichen Vermählung.
Freitag, 10 Dezember 1948       )

Die Weisheit klagt ob ihrem ewigen Spiel …*

Die Weisheit klagt ob ihrem ewigen Spiel
klagt auf der klar umzirkten lichten Scheibe
dass jener Gott vor dem sie Kind war durch
Aeonen schaut mit schattigen Augen über
05 ihr Spiel hinweg und lichter Scheibe Rund
hinausschaut in das undurchdrungene Dunkel.
Die lichten Bälle, spielend ausgesandt
die geistigen Gestirne sieht er nicht mehr:
wohin sie schwinden nur, sieht er, den Schlund:
10 wer fängt sie dort und wirft zurück die Bälle?
Ob er ihn wieder fordert und sein Kind
die lichte Scheibe hart zurückzuschlingen?
Die Weisheit klagt ob ihrem ewigen Spiel.

Montag, 10 Januar 1949       )

Kommst du sorglos herab schlendernden Fusses …*

Kommst du sorglos herab schlendernden Fusses
stehst und zögerst im Anblick der bläulich schimmernden Felsen:
schlage die Höhle heraus, fasse das Eisen.
Und der Funke belohnt, das Sprühn der berstenden Blöcke
05 dein Mühen.
Schäumt Karawane heran in Wolken rosigen Staubes:
fliehe vom Steig den Fels und Abgrund bedrängen
(wehrlos liesse er dich zürnenden Händlern
ihren Märkten zur Ware)
10 schlage, schlage dich frei in die gleissende Wandung:
unzugängliches Licht birgt dich
reinen Gesteins.

Samstag, 08 Januar 1949       )

In der Kugel verschlossen …*

In der Kugel verschlossen
farbige Drehung:
Kamele mit Decken
brennenden Auges
05 der Neger singend im Sattel.
Und lachende Kinder
in der Kugel verschlossen.

Wenn sie zerschellte
o fröhlich begleitete Heimkehr:
10 die bewunderten Tiere
auf der Strasse mit uns.
Im Sattel der Neger
singt auf unserer Strasse.
Und lachende Kinder
15 aus dem Verschlossnen gefallen.

In die Steppe
an letzten Brunnen vorbei.
Im geizig geworfenen Schatten
der Tamarisken
20 verenden die Tiere
erlischt das Singen des Negers.

Die Kinder allein
erkennen dereinst
– wie letztes Wasser am Strand
25 zur Stunde der Ebbe –
erste spärliche Gräser
Kräuter bald und den Fuss
des quellenreichen Gebirges.

Dienstag, 04 Januar 1949       )

Wüste da uns geleitet …*

Wüste da uns geleitet
Erinnerung nur
des Hains voll erster
Gegenwart Gottes.
05 Doch jenseits
regt der Berg
jenseits der Wüste
die Stimme, die Satzung enthüllt.
Ob auch schattig dort
10 nicht mehr steht die Platane:
kristallen schimmern die Schluchten.
Dem Klaren wird dort der
Wanderer gänzlich verschmolzen
ins helle Gestein
15 mählich verzehrt
zu reiner Figur
Geistes geistigem Abbild.

Mittwoch, 05 Januar 1949       )

Unzugänglichem Licht …*

Unzugänglichem Licht
am nächsten wohnt,
der reinen Quell
trinkt aus zerklüfteten Bergen
05 in der Höhle zutiefst.
Rabe, einziger Gast
bringt dem Einsamen Nahrung.
Andern wehrt Eingang
der Dornbusch,
10 Flammen löschend
es sei die nur leuchtende eine.

Abgeschieden gänzlich bin ich
so nah ihr mich glaubt:

O Waage
15 gleich belastet auf beiden Schalen
dem Unbedingten verwandt
dem Abend der strengen Profile
dem Abend im Winter:
eindeutig der Fluss
20 die Bäume reine Gerippe
ohne zufälliges Laub.
Stählerne Wandung der Himmel.
Ruinen der Kirche:
pures Gemäuer
25 unmissverständlich
glühend Erinnern
glühend erstarrt.

Samstag, 08 Januar 1949       )

Engel des Lichts …*

Engel des Lichts
auf den Wogen
hüpfend über das schwingende Seil.

Viel Engel noch
05 auf den Brunnen der Stadt:
der eine mit Harfe
der andre mit Flöte
der dritte singt:
Jubilate.

10 Aber die Stadt
voller Angst vor dem Sturm.
Wogen schlagen
vom Hafen herein.
Steigende, steigende Wasser
15 überströmen die Brunnen
überfluten die Gassen
überfluten die Wagen
den Markt mit den Trauben
den Apfelsinen
20 den runden, den süssen Melonen. 

Hoch auf Säulen der Brunnen
ragen die Engel heraus:
Engel mit Harfe
Engel mit Flöte
25 Engel der singt:
Jubilate
über den Wellen.
O glänzend, o sicher. //

Herein kommt vom Meer
30 ihrer der größte:
Engel des Lichts
kommt hüpfend herein
schwingt sein Seil
über ertrunkener Stadt.
35 Und seine Brüder
Engelbrüder auf sicheren Säulen
spielen und singen dazu:
Jubilate.

Dienstag, 18 Januar 1949       )

Wohllaut der Stimme …*

Wohllaut der Stimme 
die da verhallt im Fels
die da verhallt in der Höhle
blinkender Starrre.
05 Von draussen kommst du
von wirklichen Hainen
von wirklichen Meeren:
seltsamer Vogel
du lockst, dass man dich fange.
10 Singend kommst du zum Käfig
zur Höhle, zum Fels
blinkender Starre.

Dienstag, 18 Januar 1949       )

Spiegelnde Welt …*

Spiegelnde Welt
kristallene Kugel
Musik der Mechanik
Gang und Musik
05 unerbittlicher Räder.
Es ruft der Fasan und schaukelt
Glasfasan ruft
mit mechanischer Stimme.
Vollendetes Haus.
10 O prangender Leichnam.

Dienstag, 18 Januar 1949       )

Wohllaut der Muschel …*

Wohllaut der Muschel
gerundete Dämmrung
süsser Herbst
sterbenden Lebens.
05 Perle im Dunkel.
Neue Perle
nach unendlichem Dunkel.
Tödliche Mimesis:
dieser Winter wird hart
10 und ohne Umarmung.
Blattlose Bäume
glänzen im Reif.
Schrillen Lichtes
Stachel ist scharf:
15 weiss und immer
weisser am Himmel
das neue Gestirn.

Dienstag, 08 Februar 1949       )

Beschattet bist du Höhe zuweilen von Wolken …*

Beschattet bist du Höhe zuweilen von Wolken
zuweilen vom Lichte beglänzt in bleibendem Wechsel.
Da fährt vorüber der Traum erwartet Verwandtes
und Morgen und Abend sind nah sich zwischen den Lichtern
05 sie gehn vom Hellen ins Dunkel vom Dunkel ins Helle
Gepränge kündend und schweben kündend Erlöschen.

Freitag, 01 April 1949       )

Der Lehrer der Gestirne dir beschrieb …*

Der Lehrer der Gestirne dir beschrieb
den Aufgang und das Sinken höchster Bilder
er ist's der dir die tiefste Lehre schuldig blieb:

Woher empfangen denn vom inneren Licht
05 den Glanz die Sterne? Leer bemalte Schilder
sind andere Sonnen, Sonnen sind sie nicht.

O Drehung unerbittlich, heilig wilder
Figurentanz: des inneren Strahls Gesetz
ist streng wie jener glaubt, doch als du fürchtest milder.

Montag, 14 Februar 1949       )

Der Morgen ist ein geistiges Erspüren …*

Der Morgen ist ein geistiges Erspüren
die klare Weisung dieser reinen Sicht
will jeden Pfeil in seine Mitte führen.

Der Tag im Anstieg schärfer stets gestaltet
05 von tiefen Schatten trennt er streng das Licht
und Friede zwillingsstarker Kräfte waltet.

Das trübe Dunkel gegen Abend bricht
die starke Wand die Reich von Reich geschieden:
wer Richtung sucht er findet hier sie nicht.
Freitag, 01 April 1949       )

Flügelschlag …*

Flügelschlag
der in die Wälder leuchtend
Schlaf zerbricht
in spurenlosen Glanz
05 der Weite voller Schnee:
unerbittlich ist das Antlitz
des der da kommt
und alles ganz will ungesondert
der das Schlafzerstreute sammelt
10 in das lichte Werk des frühen Morgens:

Der Bauherr steht
auf dem Gesims der Vierung:
was zuvor zerstreut
alles rein zu wölben
15 vor die leere Bläue
vors Aug des grossen Stiers
das tödlich blickende
die lichte Kuppel
Geistes Schild.

Freitag, 01 April 1949       )

Gebliebene sind, da sind auch schon Verworfne …*

Gebliebene sind, da sind auch schon Verworfne.
Des Täglichen die Falle ist gestellt:
nur wenige haben den Mut erhobnen Hauptes
wie durch den klaren Tag zu gehen rastlos
05 durch Sturm, erspürend Gott mit offenen Nüstern:
kein Regen löscht die ungeteilte Flamme
wie Oel mehrt Wasser ihre wehe Glut
und über den Schlund wirft Stege die Begierde.
Verworfen aber in der Falle hängt
10 Gebliebner der dem Täglichen nicht entrann.

Samstag, 02 April 1949       )

Rauschen der Flut …*

Rauschen der Flut
über das Singen der Priester
über der Menge Antwort:
Erbarme dich unser.
05 Finster der Mond 
die Sonne in Trauer:
woher denn dies Licht
drohender Fackel?
Aus Gräbern
10 steigen die Toten:
Erbarme dich unser.

Doch einige gehn
in den Hainen am Ufer und schaun
in ihren Herzen wahrere Deutung:
15 Geduld zum neuen Aeon
der heraufkommt
trotz der Priester Verdammung:
um euretwillen vernichtet der Gott uns.
Und sie bergen das uralte Bild
20 ganz am Ufer
in unbetretenen Wäldern.

Samstag, 02 April 1949       )

Reine Wälder …*

Reine Wälder
bergen seit alters Weissagung
in Grotten das gültige Schutzbild.
Die suchen finden es nicht
05 Söhne des Prunkes
die mit dem Schmucke der Väter
der mahnend verschiednen
frevlerisch gehn:
sie sehen nur äussere Blendung.

10 Kinder der Pächter
beim Sammeln von Reisig und Laub
hören des fremden Vogels Ruf:
woher dieser Ton im vertrauten Geäst?
und folgen der Lockung
15 den Lauf des Baches empor.
Weh in geöffneter Grotte
ist ihnen unendliche Lust
Weh die heilige Schau:
da sie nur ihnen erlaubt.

20 Zu den Brüdern eilen hinab
noch Glanz auf der Stirn
des Gesichtes berufne Propheten.

Samstag, 02 April 1949       )

Kalter Stern …*

Kalter Stern 
leblose Spur
entwichener Welten
Trauer erloschen sogar
05 im schrecklichen Lichte des Mittags.
Traumlose Wachheit:
Scheinwerfer ohne Erbarmen
gezielt auf entblutete Wunde
auf überoffenen Kelch
10 der zerrissenen Blume
auf berstenden Sarg
der ausgeleert in den Raum ohne Grenze:
noch trägt im Munde der Sohn
was Jubel den Vätern
15 als erstickenden Ruf.
Und niemand der hört.

Samstag, 02 April 1949       )

Geduckt zwischen Blättern …*

Geduckt zwischen Blättern
unter Lippen der Blüte
immer schwerer zu atmen
Betäubung:

05 Bald trifft uns der Strahl
fremd wachsenden Morgens
allesamt sind die Pfeile
gezielt auf dies Haus.
Lebendige Wände zerfallen
10 wie im Herbst vor dieses anderen Frühlings
scharfem Gestirn.

Labyrinthe aus Spiegeln
sind ihm gemäss
laublose Bäume
15 Blumen genauer gewollt
ohne Not geschaffen im Tagspiel.
Was ist noch dort von dem unsern?

Geduckt zwischen Blättern
der welkenden Blüte
20 immer schwerer zu atmen
Betäubung.
Sonntag, 03 April 1949       )

In Stille hohen Rastorts …* (a*)

In Stille hohen Rastorts
brausen Winde her vom Küstendunst
zerschlagen sich am Fuss
des nicht lange Widerstehenden:
05 hinab steigt er zum Hafen
der von aufgeschreckten Völkern wimmelt.
Aus überschwemmten Gassen
führt sein schwerer Kahn
Kinder voller Hoffnung
10 nach der Stille hohen Rastorts 
über schnell gewachsner Flut.

Mittwoch, 20 April 1949       )

In hohen Rastorts Stille …* (c)

In hohen Rastorts Stille
brausen Winde her vom Küstendunst
zerschlagen sich am Fuss
des nicht lange Widerstrebenden:
05 hinab steigt er zum Hafen
der von aufgeschreckten Völkern wimmelt.
Aus überschwemmten Gassen
trägt sein schwerer Kahn
Kinder voller Hoffnung
10 über schnell gewachsne Flut
in hohen Rastorts Stille.

Montag, 04 April 1949       )

Wanken …*

Wanken
des Turmes nun gestillte Empörung
wider das träge
Bleiben im Erbteil.
05 Firste rings
stehen in Flammen
Sturz der Gebälke
scheint wider in Wässern des Landes
durch Büsche
10 wo die Liebenden ruhn in Umarmung.
Sie entkamen aus Flammen
in ältere Flamme
in jüngere auch
und achteten nicht
15 des Endes der Stätten der Kindheit.

Weit ist ihr Weg in der Heide
wo ins dürre Geäst
in die morsche Höhlung der Föhre
die Eidechse flieht
20 und tröstlich schimmert im Finstern:
sie aber tragen Ikone
der heiligen Väter
im Gewande verborgen
von Rastort zu Rastort.

Montag, 04 April 1949       )

Grüne Oede …*

Grüne Oede
unter tönendem Himmel der Vorzeit
durch alle Stürze des Aeons
bewahrt mit windgebogenen Bäumen
05 um das Grabmal des Fürsten.
Trennung freilich ist heut
und brennt in den Augen der Spätern.
Er noch wollte hier ruhn
im Glanze der Taube
10 die aus der Oeffnung der Kuppel
schwebt – dem Geiste verwandt
der in allen verborgen –
silbern herab.

Montag, 04 April 1949       )

O Innerstes das strahlend überfliesst …*

O Innerstes das strahlend überfliesst
wär ich nicht Licht von dir und kleine Lampe
die Oel verzehrend brennt die ganze Nacht
nicht grüsste mehr den Irrenden ins Dickicht
05 die sanfte Tröstung aus dem Apsisfenster:
die gleiche Kraft bezwingt auch diese Nacht
die als Magnet die feinsten Späne lockt
ob sie verborgen auch in tiefsten Klüften
die Mannes Glied dem Schoss des Weibes einigt.
10 Es ist die eine stets die zieht und zieht
und wilde Spaltungen im Finstern hasst.
Donnerstag, 21 April 1949       )

Wer hätte Beraubung …*

Wer hätte Beraubung
notwendig begriffen,
Entblättrung des Baumes?
Nur Makelloses
05 dringt auf in die Kugel,
ins leuchtende Haus
des ruhenden Lammes.

Reinigt von Eppich,
reinigt von Efeu
10 ganz die Ruinen:
entrückt und verpflichtet
sind sie der Kugel,
Stätte uns Wirren
zum voraus bereitet
15 als endliche Wohnung
im Hause des Lammes.

Dienstag, 26 April 1949       )

Das Haus ist geheim …*

Das Haus ist geheim;
hinter geschlossenen Türen
wird das Eine entschieden.
Hier ist nichts not:
05 rote Bäume,
über Bächen die Büsche des Lebens,
der wallende Flieder,
Brunnen, Brunnen;
doch sie und alles: entführend,
10 lenken fern von den geschlossenen Türen.
Und hinter ihnen wird das Eine entschieden.

Dies alles ist fremd und bunt,
Vielfalt der Lockung, 
Lockung des Rausches,
15 der gelichteten Anker
und Sang der Matrosen:

die sich täuschen;
über dem Meer suchen sie
auf Palmeninseln,
20 was sich lange entschied
im geheim verschlossenen Haus.
Es zu öffnen, das ist, was lohnt.
Einzudringen in die Sitzung der Götter,
sie zu stürzen durch höhere Klarheit; // 02
25 hinaufzugehn
auf die höchste Terrasse,
wo offen liegen die Täler des Landes
und sichtbar die Stadt,
die so nahe und nie noch erreicht:
30 denn sie war es nicht,
die wir erfochten
nach langer Fahrt
durch feindliches Land
in syrischer Sonne;
35 sie war es nicht,
deren Gold wir raubten
und deren Mädchen genossen.
Dort noch ist sie
unerbrochen;
40 und nur der härteste Geist,
der schneidendste,
bricht ihre Mauern.

Mittwoch, 27 April 1949       )

Trümmer sind …*

Trümmer sind
über die Halde
des Berges verstreut,
von Büschen verwuchert.
05 Noch unverletzt aber
steht über der Quelle
in dunkler Kammer die Göttin;
Gegenwart bleibt sie
im sprossenden Frühjahr,
10 wenn wieder täglich der Hirt
zieht mit den Schafen herauf
und schläft auf der Schwelle:
geschmiegt an urewige Brust
lecken die Tiere
15 von tropfenden Zitzen
sich Kühlung.
Freitag, 29 April 1949       )

Die Berge sind in Lichtern und in Farben …*

Die Berge sind in Lichtern und in Farben
erstorben bald, das Tiefste wird Gesicht
aus Wolken schauend, spiegelnd sich in Seen.
Wer aber flieht vorm Mittag in die Höhle
05 und, kaum zum Schlaf bereit, sich ganz verlassen,
schon zuckt hinweg ihn das verborgene Licht.
Donnerstag, 19 Mai 1949       )

Weh ist dieser hohe Steg gedehnt …*

Weh ist dieser hohe Steg gedehnt:
reich sind wohl der bunten Karawane
Purpurtroddeln mit den Perlgehängen;
in den Kräutern kommt der Heilung Fülle,
05 Saft der Früchte will den Durstigen letzen.
Doch solang der Zug auf hohem Steg
geht, auf dieses Steges weher Dehnung,
bleibt Gefahr, dass er die freudig bangend
jenseits lang schon warten, nie erreicht.
Mittwoch, 23 März 1949       )

Finsternis und Baum …*

Finsternis und Baum
und alles Dunkle hell
und über jenen Weg
kommt schon der Jäger schnell.
05 Er liebt das Zwielicht wohl:
es ist den schönsten Tieren
ein rätselreich Gespinst
darin sie sich verwirren.
Nun ist die frühe Zeit
10 da noch die Kohle glüht
und jenes Horn noch mild
dem Morgen bläst Geleit.
Doch bald der Mittag tönt
uns zornig wild.
Montag, 23 Mai 1949       )

Die Wege sind aus Bachesniederungen …*

Die Wege sind aus Bachesniederungen
hinangebäumt den buschigen Bergeshang,
wo Echse und, die Farben feurig wechselnd,
der Käfer eilt im grün bezähmten Licht.
05 Da wehen wohl aus Gartenblust herüber
der gelbe Staub und selbst der Schmetterling,
Fremdlinge bunte, in die Sinnesstille,
die rein den Wanderer auf den Berg umschweigt.
Er will das andere nicht, das ihn verwirre,
10 ging er doch lang an Städte netzendem Wasser
und auf den Strassen, welche Vielgestalt
der Ware führen in die Weite. So
erblickt gezieltes Auge nicht den Falter
und nicht den goldnen Staub; ja, selbst die Echse,
15 den Käfer, der Stille Hüter, grüsst er kaum.
Dem schattenlosen Gipfel eilt er zu,
wo auch kein Strauch mehr klare Sicht beengt
und das Getier bleibt flüchtig unterm Felsen.

Donnerstag, 02 Juni 1949       )

Manche Blume ist Glut, bevor sie erfroren …*

Manche Blume ist Glut, bevor sie erfroren,
manches Feuer noch Flamme, bevor es erstarrte
in dieses Mittags grossem Gestirn ohne Drehung.
Aber hier bricht das neue Herz auf der Liebe
05 mitten in unbewegter Masse, in tödlichen
Mauern das glühende Herz, die blutende Blume,
Wunde rotklaffend ins verborgene Innre, wo brodeln
noch die Vulkane der Zeugung und bersten die Gluten
ältesten Lebens hervor, der spendenden Liebe.

Donnerstag, 02 Juni 1949       )

An die Engel

Schwebenden euch in lauteren Räumen ist alles
wirklicher sichtbar, klar und fern wie durch das
umgekehrte Fernglas ohne Verwischung:
wie eine Blume der Baum, wie Kiesel die Häuser
05 und der schaffende Mensch dem Gotte vergleichbar.
Nicht die Träume seht ihr, nicht die Schlangen im Abgrund;
denn sie sind anderer Herkunft. Das wahrere Dasein
kennt nur den Schatten des Mittags, wo ruhen die Schnitter
und wo die Liebenden ruhn: den Schatten des Mondlichts.
10 Euch ist das Wirkliche sichtbar im anfänglichen
Einen, Samen und reiferes Urbild der Dinge
ganz vollkommen gebildet im lauteren Quellgrund.

Donnerstag, 02 Juni 1949       )

Herren der Tiefe …*

Herren der Tiefe
tragen Gestein,
begrabnes seit den Stürzen des Anfangs,
heut auf den Gipfel:
05 der Gottheit, die wohnt
über höchstem, feurigem Himmel
den Tempel zu baun;

weitscheinende Mauern
aus dem alten Gelass der Titanen
10 stossen durch fruchtige Aecker
und Triften der Erde
in reines Gewölbe
geistiger Macht.

Sonntag, 12 Juni 1949       )

Wer kann denn bauen schon Vollkommenes …*

Wer kann denn bauen schon Vollkommenes
und Tempel richten über dem wirren Forst
der auf den Felsenschroffen nahen Berges
die volle Höhe unersteigbar hält?
05 Solang die grosse Tat zu tun unmöglich,
ist Trost den Harrenden, zu schaun das Licht
das übern Abgrund grüsst, der wehrt den Drängern,
und ist genug, bis jener Steg vertäut,
der mit den Aexten für den Baumschlag endlich
10 und mit den vorbehaunen Quadern führt
zum eitel stets geplanten Gipfelbau.

Sonntag, 12 Juni 1949       )

Dort hält Gebirge hinter Vorwelttrümmern …*

Dort hält Gebirge hinter Vorwelttrümmern
die Sonne fern verwahrt den ganzen Sommer.
Die klare meidet dieses feuchte Tal,
die faden Blumen, die Vergängnis und
05 Verwelkung brüten in dem dumpfen Brodem.
O besser ist zu fliehen heute noch,
zu steigen über jene Scheideklippe:
noch derer, die ihn suchen harrt dort Mittag;
die starken Farben wehen und die Düfte
10 den Kommenden erheiternd ins Gesicht.

Montag, 13 Juni 1949       )

In der verflammenden Nacht …*

In der verflammenden Nacht
begegnet das Heilige uns,
wenn alle ziehen hinauf
zum verschlossenen Wald,
05 begierig zu schauen des Sees
klares Gewässer,
darein wir zu tauchen
freudig beschliessen:
dort ist noch Licht,
10 wenn die Sonne versank
und Hügel und Wälder
entfärbt dem Fürsten verfallen.
Dort noch, dort noch die Tänze,
dort noch die Göttin im neuen
15 nachtüberglänzenden Licht.

Mittwoch, 15 Juni 1949       )

Noch kommt auf Wogen dumpf des heissen Schweigens …*

Noch kommt auf Wogen dumpf des heissen Schweigens
der Dämon der Verwirrung in den Mittag;
der Weg den Weinberg hoch im Schatten der
Oliven nur gibt klare Sicht hinüber
05 in bunter Büsche Wucherung am Wasser
und auf den Inseln unverletzte Gärten.

Mittwoch, 22 Juni 1949       )

Tote Nymphen, gespült von unterseeischen Riffen …*

Tote Nymphen, gespült von unterseeischen Riffen,
unterseeischen Höhlen herauf, liegen blau am Strande,
Götter der Tiefe auch mit grünen triefenden Haaren
im zerstörten Gesicht, den Leib von Algen bedeckt.
05 Draussen aber treibt auf dem glatten Wasser des grossen
Gottes Kadaver selbst mit dem Dreizack, ungeheurer
Leichnam, schwarz von Vögeln der See; und der Verwesung
Ruch schon weht in die Stadt an diesem traurigen Mittag.

Sonntag, 11 Dezember 1949       )

Sonst dämmert immer augenlos die Stadt …*

Sonst dämmert immer augenlos die Stadt,
bis auf die lichten Züge grosser Vögel,
die schon die Sonne aus den Schwingen träufeln
hernieder auf die Kuppel, wissend hohe
05 über der Stadt im Dämmer ohne Augen.

Donnerstag, 26 Januar 1950       )

Vom Westen drängt das Reinere herüber …*

Vom Westen drängt das Reinere herüber, 
so stark, ob es auch schwindet, in den Traum,
dass es die Trübnis spellt des schwarzen Soges, 
der jede Kraft in Mittnachttiefe zieht.
05 Wo ist das Künftige stärker als Vergängnis?
da in den Wolkenspalten bleibt das Licht
dem Zug der Wetter klarheitwärts enthoben
und Donner tönen vor den Regenschauern
noch unterhalb der Bergesgipfel, die,
10 wie hoch auch, nimmer rühren ans Gewölbe.

Mittwoch, 01 März 1950       )

Diese sind eins mit Jenen am reicheren Ufer …* (b'*)

Diese sind eins mit Jenen am reicheren Ufer:
alle sehen das kreisende Licht, in der Sonne
ist den Spätern vereint der Helden und Könige
Antlitz, die gingen einstmals dort und alle
05 suchten das Eine, sie kreisen in dieser Kuppel,
summen im offenen Kelch um Staubblatt und Stempel,
nach der Mitte von singenden Schwestern geleitet,
Führerinnen der Seelen: nach der obern
Mitte im Aufstieg, nach der innern im Abstieg:
10 woher sie auch kommen, Mitte und Mitte sind eins.

Samstag, 11 März 1950       )

Die Wanderung nach Wissen durch die Pforten …*

Die Wanderung nach Wissen durch die Pforten
des Tags, der Nacht und ihres Ueberganges
führt in die ganz im Licht verborgne Halle,
die steht im Scheitel alles Unsichtbaren.
05 Das Ei hängt nieder mitten aus der Kuppel,
bis einst es birst im Spreiten göttlicher Flügel
und tönender Flug heilt die verwunschenen Räume.

Freitag, 14 April 1950       )

Die Bezeugung rufst du, Wesensbild …*

Die Bezeugung rufst du, Wesensbild,
aus den hohen Tänzerchören durch die
Wolkenschwaden in den lehmigen Schlaf
nieder, ständig hier und dennoch rufend
05 weither, wie bedroht in deiner Botschaft:
wenn den Blinden auch das Ohr erstarrte?

Niemand sieht, was seltene Früchte in Marktes Gepräng
trug der Teppich herein: was auf ihm liegt ist nimmer
Nähe: Bis dass der Zauberer lockt mit der Flöte die Käufer.
Dann aus der Brust singt einem jeden der eigene Osten
05 endlich innen erlauschter tönender Lockung die Antwort.

Donnerstag, 27 April 1950       )

Vom Hereinklang genährt der wandelnd seienden …*

Vom Hereinklang genährt der wandelnd seienden
Sterne, schön ist dem Wiegenden auf dem Netz,
auf dem hangend fern befestigten Gitter
immer der Tanz und das Spiel mit dem farbigen Ball:
05 Was denn schadet ein Versehen des Fusses?
Immer ein anderes Netz, ein anderes Gitter
fängt den Stürzenden auf und unter andrer,
unter bunterer, wiegt er, Bälle Geröll.

Donnerstag, 27 April 1950       )

Hergewehter Staub des Frühlings strömt …*

Hergewehter Staub des Frühlings strömt
reinen Duft der Blütenwohnung, die
schnell verdorrt und dennoch brennend Glück
dauert dem, der einmal wohnte dort.
05 Allen andern weht er auf den Kahn,
wo sie treiben mit dem Bettelgut,
Botschaft in den steil und steilern Strom,
dass des brachen Reichtums leere Stadt
harrt der Schiffer unterm Katarakt.
 

Donnerstag, 27 April 1950       )

Bruder, du leitest, ob sie auch gingen zuvor …*

Bruder, du leitest, ob sie auch gingen zuvor
mit den Gaunern des Weges, endlich Bereite
über den See hinter den waldigen Hügeln
zu der Kuppel reinen Lichts, wo die Taube
05 ruht und alles Hiesige schwindet. Du nur
bleibst bei den Glücklichen, Winterbote, zurück.

Samstag, 29 April 1950       )

Welche niemals birst, die Wölbung dreht im Licht …*

Welche niemals birst, die Wölbung dreht im Licht,
wenn die neue Wolke wie ein dunkles Boot
droht den fliehend ohnehin zerrissnen Fetzen
Mittagshimmels, unverletzbar ruhenden
05 einstmals auf den Säulen, die sangen unterm
Anflug stiller Vögel; wenn jetzt stumm die Säulen
und die Vögel schreien, irrend durch den wunden
Himmel, dreht im Licht, die niemals birst, die Wölbung.

Samstag, 29 April 1950       )

Im Gewölbe lichtentlassene Fackeln …*

Im Gewölbe lichtentlassene Fackeln
nirgends ruhig reisen über den Gängern,
deren auf den Bergen manche warten,
eins der Feuer, verbannter, doch nicht verstossner, 
05 Wohnung unsterblicher Helden, möchte vorüber
fahrend, den Verwandten ergreifen und aus dem
Kerker einstens im Sturm zurück in befreiter
Brüder Versammlung tragen im quellenden Licht.

Montag, 01 Mai 1950       )

Des Morgens fällt das Wachstum der Gesichte …*

Des Morgens fällt das Wachstum der Gesichte
auf jeder Höhe an, und kaum bemerkt
braust unten heiss die ewige Menschenlust.
Zwei Alter, Jüngling, sind in dir verereint:
05 ins Schweigen aus der Wüste ruft der Mönch,
der Hirt vom Zwischenmeer in die Umarmung.
Nimm alles Mass aus dir, sitz bei dem Mönch
des Morgens, und zum Hirten geh am Abend,
den beiden fremd zugleich, die dir misstrauen:
10 Bewegt um deine schwache Mitte, der
in nie gefestigter Bewegung du
gerade bist noch, nichts und zugleich alles.

Samstag, 13 Mai 1950       )

Was ist im trüben Moor das Reinere …*

Was ist im trüben Moor das Reinere,
davor zur Trübnis wird dies klare Ufer?
da Stadt und Garten einzig gegenwärtig
sind dort und diese obern bleiben Schatten,
05 geworfen an die Höhlendecke, die lastet
auf unsrem Haupt, und Freiheit ist der Eingang
hinunter in die widerliche Lache,
wo aus der Fische aufgeblähten Leichen,
aus fauler Pflanzen Resten steigt der Turm
10 ins Aug und ins Geblüt die Beere schwillt?

Mittwoch, 22 Februar 1950       )

Willst du ganz enthüllen jener Gottheit …*

Willst du ganz enthüllen jener Gottheit
Bildnis, das der Schatten noch bedeckt:
weichen an den Eingang die Gefangnen,
scheun den Grund noch mehr, den stets sie scheuten,
05 weil, sie alle zu empfangen, aufgeht
des Gefängnisses Gefängnis; taube
Tiefe, wo doch Nacht schon düster drückte,
schaut sie an, das abertote Auge,
das Erinnerung selbst an Leben löscht.

1950 * (nicht datiert)       )

Wo denn anders ist dieser Strauch …* (a*)

Wo denn anders ist dieser Strauch
Reinen Herzens Erfahrung,
mit silbernen Blättern glänzend,
als in dem herbstlichen Garten Gegenwart,
05 dessen Kronen tragen die Kuppel
des Hauses aus Spielen der Liebe?
Wo denn anders ist er als hier am Ende des Jahrs,
das nie süsser schmeckt als im Abschied?
Wer immer wusste vom Abschied,
10 schon als die Taube, weisse Gefährtin dem Kind,
aus der Hand entglänzte über die roten und gelben Kronen der Bäume
aus Furcht vor dem Winter:
der lächelt jetzt und geht
allein hinein unter die Kuppel,
15 schliesst die Tür, wie die Sonne
sank eben und Kühle weht aus dem Strauch
Reinen Herzens Erfahrung
mit matt gewordenen Blättern.

Freitag, 17 November 1950       )

Wo denn anders ist dieser Strauch …* (b*)

Wo denn anders ist dieser Strauch
reinen Herzens Erfahrung,
mit silbernen Blättern glänzend,
als in dem herbstlichen Garten Gegenwart,
05 dessen Kronen tragen die Kuppel
des Hauses aus Spielen der Liebe?
Wo denn anders ist er als hier am Ende des Jahrs,
das nie süsser schmeckt als im Abschied?
Wer immer wusste vom Abschied,
10 schon als die Taube, weisse Gefährtin, dem Kind,
aus der Hand entglänzte über die roten und gelben Kronen der Bäume,
fürchtend den Winter:
Der lächelt jetzt und geht
allein hinein unter die Kuppel,
15 schliesst die Tür, wie die Sonne
sank eben und Kühle weht aus dem Strauch
reinen Herzens Erfahrung
mit matt gewordenen Blättern.

1950 * (nicht datiert)       )

Der Herzgesang, der aus dem Innern schwirrt …*

Der Herzgesang, der aus dem Innern schwirrt
und sanft die Seele aus den Fesseln wirrt,
der wie die Taube auf den Gipfeln girrt:

wie hätt er auch die schmachtende gefunden,
05 das Tor, den wilden Wächter überwunden
nach ach so vielen kerkerdunklen Stunden

gesprengt die Schlösser und die Mauern hart,
wenn nicht im tiefsten Brunnen aufgespart
ein fliessend Licht vom Licht geoffenbart?

1951 * (nicht datiert)       )

Ob ich in dem Berge gehe jahrlang …*

Ob ich in dem Berge gehe jahrlang
brennt mir doch immer wieder
unvermutet durch die Spalte
zwischen totem Astwerk
05 auf die rote Scheibe:
zündet im Höhlengrund den Stein, die Seele
an zum neuen Morgen.

1951 * (nicht datiert)       )

Eine schwere Dolde lässt …*

Eine schwere Dolde lässt
von den Kindern im Garten
schwankend sich hin und wider bewegen.
Bis sie den Zweig schwerer hinabzieht,
05 schwerer hinabzieht unwiderstehlich
unter Blüten Betörte begräbt und
erstickt in Duftrausch.

1951 * (nicht datiert)       )

Kühle tropft auf die Blume schwimmend im Glutsee …*

Kühle tropft auf die Blume schwimmend im Glutsee,
wenn sie zufällig der Brodelkreis an den Felsen hinanträgt:
Leben empfängt sie, blauend in der Berührung,
und erlischt alsbald wieder glutgetränkt im Glutsee,
05 bis sie, von neuem gespielt an den Fels der Erlösung, von
neuem empfängt in eines Tropfenfalls Nu
Leben ewiger als Aeonen im Gluttod.

1951 * (nicht datiert)       )

Dem der heimlich aus von Tänzern …*

Dem der heimlich aus von Tänzern
lautem Saale floh,
ist der Weg verwuchert,
wenn der Ruf der suchenden Genossen
05 im Gesang der Grillen schmolz.
Glanz des Festes aber blich im
Schein des übers Morgenlicht
reinigenden, unauslotbar tiefen Quells.
 

1951 * (nicht datiert)       )

Wirr fährt hin und her der Vogel …*

Wirr fährt hin und her der Vogel
im Gespinst des Scheinlichts, das
wächst und zieht Irrfäden über
die verborgene Flamme: dieses
05 Netz noch wächst über Wiesen und den
reinen Schrei der Grillen und des
Kuckucks Ruf, des andern, glücklichen
Vogels: er aber sucht überm Scheinlicht
tauben Fadengespinstes in des
10 Grillenschreies reiner Burg
offene Fenster durch die Kuckucks
Rufwand in die Stille des Walds,
wo das Dunkel ganz im Dickicht
hält das Feuer: endlich
15 Licht dem Irrschein entronnenen Vogel.
 

1951 * (nicht datiert)       )

Gefangener der Tiefsee riss sich los …*

Gefangener der Tiefsee riss sich los
und hinauf in die oberen Wasser:
wie war es da Licht und nur Licht
dem endlich befreiten aus den Wassern des Lebens,
05 nur Licht noch hier in den oberen Wassern
der Tiefsee entrissnem Gefangnen, nur Tod.

1951 * (nicht datiert)       )

O dieses Tages schnell geschmolzne Zeit …*

O dieses Tages schnell geschmolzne Zeit,
wie fällt sie geiergleich von dunklen Bergen
auf hastigen Gang der Wanderer, die seit

der ersten Frühe sich im Mantel bergen
05 vorm Anblick, der das heisse Auge quält:
den Leichen in den aufgeklafften Särgen.

Auch jene hatten fieberig gezählt
die Stunden, ob sie der gebotenen Fahrt
genügten? Da den Siegern zugewählt

10 der Knabe ging, vom Siechtum ausgespart.

1951 * (nicht datiert)       )

Das heraufstieg in den Wald …*

Das heraufstieg in den Wald
an der Bergeslehne knisternd Tier
brach den Schlaf mir auf der Sonnenkuppe
unterm einsam kühlen Schattenbaum:
05 wie das mich erschreckte, Knacken
schützenden Gehölzes, das den
Abstieg birgt; wo ringsum dauern
Schluchten ungestümer Bäche,
die, vergessen unter Sommerstille
10 und dem Summen dunkler Hummeln
wieder drangen aus der Seele
schreckend auf, die nie gedämpften:
als heraufstieg in den Wald
an der Bergeslehne knisternd Tier.

1951 * (nicht datiert)       )

Vergänglich ist auch dieses Bildnis, kaum …*

Vergänglich ist auch dieses Bildnis, kaum
enthüllt, das stieg herab in das Gewölbe,
wo sitzen schon die vielen auf den Thronen
und füllen das Gemach mit Innenglanz,
05 obgleich sie tot sind gegen dieses Abbild
des wirklicheren Lebens. Und wenn es auch
schien Braut und höchstes Gut der schmachtend lang
in Tiefen irrenden Seele, so hört sie doch
auf einmal, dass unter allen Bildern bebt
10 im Berg die Höhle, wankend vom Grund, und sich
die Felsen spalten und aus den Donnern steigt,
den keiner zu sehnen wagt, der Herrscher: stillend
noch über dieses Bildnis, das vergänglich.

1950 * (nicht datiert)       )

Irrgeworden vor dem Ueberhellen …*

Irrgeworden vor dem Ueberhellen
fällt der Vogel immerfort nach innen,
unentwegten Falls Spirale findet
jedem Innenort noch einen inner-
05 innersten: so wie das Trostlicht den
Abendgänger lockt und im Gehölz
stets nach vorne flieht und über Schluchten
noch enthoben an den neuen Ort
unerreichbar angebotner Zuflucht:
10 fällt der Vogel, willos niederkreisend,
in den Grund, der jenseits des erreichten
immer noch im Ueberhellen liegt.

1951 * (nicht datiert)       )

Schwemmt der Fluss aus hohen, kaum gefurchten …*

Schwemmt der Fluss aus hohen, kaum gefurchten
Tälern nach den alten Tiefen mich
dieser Lust zurück, und duften wieder
Wiesen, wo der Fallende nicht weiter,
05 von dem hohen Ort nicht weiter fällt:
immer labt ihn dieses Tales schlummernd
Leben, Kraut und bunter Garten an dem
breiten, inselreichen Spendestrom.

1950 * (nicht datiert)       )

Vor dem offen auf den Strand geleerten …*

Vor dem offen auf den Strand geleerten
Füllhorn edler Steine fasst Begierde
die vergessenen Inselbewohner, dieser
Schätze Heimat, Meeres Reich zu schauen,
05 wo die Ahnen – wie sie glauben – wohnten:
Und sie gehn den Strand hinaus der Tiefe
zu, noch immer tiefer, bis die Flut
raubt den Atem und die Väterhallen
leuchten durch das aufgetane Tor.

1951 * (nicht datiert)       )

Wer da Gold wirft durch das Fenster der Armen …*

Wer da Gold wirft durch das Fenster der Armen,
ja Gebirge versetzt mit grösserer Kraft,
schwebt verschlossen im Gemach des Gebetes
über der Erde und nährt sich,
05 Säugling, an der ewigen Brust.
 

1951 * (nicht datiert)       )

Die Taube trägt die heilige Ampulle …*

Die Taube trägt die heilige Ampulle
zum Pestgewölb hinab,
zerbricht am in den Leichen unerkannten Königshaupt
die ganz mit Wohlgeruch die Düsternis erfüllt,
05 sodass, durch dieses Zeichen auferweckt, der Bischof
vom Lager schwankt, mit blauen Händen
zu krönen halbverweste doch gesalbte Stirn.

1951 * (nicht datiert)       )

Tritt hinab nun nach den Führern …*

Tritt hinab nun nach den Führern
der Verwünschte aus der oberen Welt der
Blumen und der fischbelebten Wasser
in den Glanz der toten Minerale,
05 wo der Dämon unbesiegbar wohnt:
weiss er, dass in kurzem alle folgen
die noch atmend lieben,
durch die Felsentüren in die Unterwelt.
Wenn die obere hier verblasst,
10 muss dort unten totes Bild an totem Bild
innerlich im Licht des Erdendämons glänzen.

Freitag, 01 Dezember 1950       )

Der Sommer ist erkannt …*

Der Sommer ist erkannt,
am End der Glanz,
und unverwandt
ist schon die Traurigkeit gebannt
05 in diesen Kranz
aus Blumen und aus Beeren.

Und willst du den beschweren
mit Süssem noch und noch,
so musst du Last dir mehren:
10 vom Obsthain und den leeren,
entweihten Gärten kommen doch
die Früchte dir zumal aufs Haupt.

Mit Efeu lang der Trunkenheit belaubt
gehst in der Dämmerröte,
15 die dir die Rauschesnacht geraubt,
und irrst vom Schall ertaubt
der wirren Flöte
in Reichtum ächzend durch das Haus.

1951 * (nicht datiert)       )

Wer in das Totenreich vermessne Fahrt …*

Wer in das Totenreich vermessene Fahrt
auf Wagen rauscht mit schnell verschlissnem Prunken
und überdrüssig des, was offenbart,

mit aus dem feuchten Stein geschlagnen Funken
05 die lang verborgene Höhle kaum erhellt,
wo, von den Lebensgärten einst entsunken,

die Flieder in der unbestimmten Welt
vergrauen düftelos in Moderfeuchte:
der taumelt rückwärts vor dem heiligen Zelt

10 am Jauchepfuhl, der ihm das Blut verseuchte,
vom Gegenufer unzerstörter Macht,
die strahlender als jene frühe Leuchte

den Kranken ruft in Königs heile Pracht.

1951 * (nicht datiert)       )

Von den Gipfeln ist die fremde Taube …*

Von den Gipfeln ist die fremde Taube
niedergeflogen ins Tal,
wo sie nicht achtet der Wandrer.
Nur dem Flüchtling, dem der Mittagsdämon
05 treibt das Salz aus den Augen,
schwebt sie, wenn er entkleidet die Mitte des
Wassers erreicht, in
stillen Kreisen gnadenglänzend aufs Haupt.

1951 * (nicht datiert)       )

Nimmer fand ich die Rose …*

Nimmer fand ich die Rose, solang sich
hob am Eingang zum Holz als Schlange der Erdgeist,
sprang, ein Löwe, dem Bedränger ins Antlitz,
Aufgerafftem fiel als Adler ins Auge.
05 Erst als Mut unüberwindlich
brach hervor aus der Tiefe jenseits des Herzens,
drang ich ein und sah die Rose
glühen vor den ZeItgenossen des Königs,
der im Thronzelt ehrt ob Kronen die Rose,
10Tod dem Pflückenden, aber dem Schauenden Leben:
Ganz bin ich eins mit dem König in der gefundenen Rose.

1950 * (nicht datiert)       )

Erfüllt im Nachtmahl nicht mehr sich der Traum …*

Erfüllt im Nachtmahl nicht mehr sich der Traum,
so weist dies gegen Morgen:
in jenem lichten Sternensonnenraum
ruht Herrliches verborgen.
05 Die Becher klingen wider Becher an.
O, werft sie weg. Des Trostweins ist genug.
Empfangt den wahren Wein aus diesem neuen Krug.

Samstag, 01 Juli 1950       )

Leer ist heute die See, darauf die Wartenden …*

Leer ist heute die See, darauf die Wartenden
schauen, nicht ahnend die dunkeln Segel des Schiffes,
dass es die Toten bringt, gelenkt vom letzten
Fergen, der auf immer das Schreckliche zeigt in den Augen:
05 in die untern Paläste brach neue Gewalt!
Wird sie schonen unsrer getrübten Würde,
da sie die reine zerschlug ursprünglicher Götter?

1950 * (nicht datiert)       )

Obgleich die Tore dröhnen in die Pfosten …*

Obgleich die Tore dröhnen in die Pfosten
und durch die Halle fliegen dunklen Schalles
die grossen Vögel – siehe wie ermatten
im Schatten die blinkenden Geräte – so heben
05 die Greise kaum vom Mahl das Haupt, zu herrlich
ist ihnen Duft und Schmack des Gottes, der
Gefangenen auch in Brot und Wein geheim
zu eigen bleibt und mehr als Mittagsonne.

Schwillt und mündet ins Meer der Strom und empfing
nicht zuvor den klaren Bach aus
goldener Pforte der Geheimnisstadt
mit dem köstlichen Geröll: Diamanten,
05 immer gleich in lichtspendender Reinheit,
nie von der Strömung verzehrten: was frommt ihm,
dass von der Tafel des Königs
strömen nieder unendlich Rinnsale lauteren Weins?

1950 * (nicht datiert)       )

Im falschen Spiel von Strom und Nebel lechzt …*

Im falschen Spiel von Strom und Nebel lechzt
gestaltlos alles und aus Wechselwehen
nach jenem Umriss, den die Stunde weigert:
das Haus gespenstisch abgezogener Schein
05 des einstmals wahren Bilds, und wie zum Sturz
ins Leere Lockung Steg, Scheinsteg hinüber
den Scheinfluss: 0 dass gänzlich schwänden doch
die trügrisch wehenden Nebel und das Haus,
die Brücke und der Strom da wären wirklich,
10 aus Irrung leitend portwärts Aug und Fuss.

1951 * (nicht datiert)       )

Wäre dieser Strom doch schon erhoben …*

Wäre dieser Strom doch schon erhoben
diese Tiefe schon bereut
wär der Feind vorm Engelheer zerstoben
und das Leben aus dem Sieg erneut,

05 würde an den letzten Abendhängen
jede Pflanze rein benannt
und in unversehrten Fängen
trüg der Vogel endlich fort uns aus dem Brand.

1950 * (nicht datiert)       )

Vor den Häusern der Armen …*

Vor den Häusern der Armen
spielen die Kinder im Kehricht
ob auch die Strassen
alle sich neigen nach innen
05 der Mitte der Stadt.

Wer steigt die Treppen
hinauf dieses schmutzigen Hauses
voll Kammern der Bettler:
ihm auf dem Dach
10 leuchtet aus Flattern der Wäsche
die weisse Kuppel hervor
Burg über Brandung der Firste
und von der Laterne
der Mutter goldenes Schutzbild.

1951 * (nicht datiert)       )

Auf der Insel gehn die gestrandeten Schiffer …*

Auf der Insel gehn die gestrandeten Schiffer.
Sie aber schweigt und ist schön inmitten des Meeres,
ob auch jene rufen klüftiger Berge
Wirrsal und wüste Wildnis der Herkunft und gehen doch
05 heute im Garten der Götter: ihnen ist Duft
von den Bäumen, Gesang der Zikaden und das
hohe Rauschen der Flut nur Elend, solange
ruhlos bleibt ihre Seele und das Gewaltige
will, nicht wissend das Glück der reinen Beschauung:
10 Ruhe im Einklang des Meers mit dem Himmel und den
Quellen des waldigen Bergs, wo das Ganze tönt.

1951 * (nicht datiert)       )

Wenn du nicht vermagst das Unlenkbare zu lenken …*

Wenn du nicht vermagst das Unlenkbare zu lenken,
sei zur Tröstung dir immer das Gewitter des Himmels,
sei dir das Toben der Lüfte, Donner und tötende Flamme,
die die verschlossnen öffnet, weckt die versiegten Quellen
05 aus den Sockeln uralt verschollener Bilder: So bringt
Schrecken Heiliges wieder hervor, die Gräber erbrechend.

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