Typoskripte Kutter

Inhalt: Typoskripte zu 122 Gedichten (7 Endfassungen)
Datierung: 1950-1954
Textträger: Einzelblätter (A4-Format)
Umfang: 10 Dossiers: 1/a (I, 17.4.1951), 1/j (Ia, 11.8.1051), 1/d (II, 1952), 1/b (III, 1952), 1/c (IV, 3.8.1952), 1/e V (Dez. 1952), 1/g (VI, 2.7.1953), 1/h (VII, Okt. 1953), 1/f (VIII, Dez. 1953), 1/i (IX, März 1954)
Publikation: Die verwandelten Schiffe (18 Gedichte); Verstreutes (11 Gedichte)
Signatur: E-03-A-01/a-j (Schachtel 147)
Herkunft: Sammung Markus Kutter

Kommentar: Beschreibung. Texte Dossier /a übereinstimmend mit Sammlung Georgi I (Werke 5, S. 28-36)
Wiedergabe: Edierte Texte

1951 * (nicht datiert)       )

Das heraufstieg in den Wald …*

Das heraufstieg in den Wald
an der Bergeslehne knisternd Tier
brach den Schlaf mir auf der Sonnenkuppe
unterm einsam kühlen Schattenbaum:
05 wie das mich erschreckte, Knacken
schützenden Gehölzes, das den
Abstieg birgt; wo ringsum dauern
Schluchten ungestümer Bäche,
die, vergessen unter Sommerstille
10 und dem Summen dunkler Hummeln,
wieder drangen aus der Seele
schreckend auf, die nie gedämpften:
als heraufstieg in den Wald
an der Bergeslehne knisternd Tier.

1951 * (nicht datiert)       )

Vor dem offen auf den Strand geleerten …*

Vor dem offen auf den Strand geleerten
Füllhorn edler Steine fasst Begierde
die vergessenen Inselbewohner, dieser
Schätze Heimat, Meeres Reich zu schauen,
05 wo die Ahnen – wie sie glauben – wohnten:
Und sie gehn den Strand hinaus der Tiefe
zu, noch immer tiefer, bis die Flut
raubt den Atem und die Väterhallen
leuchten durch das aufgetane Tor.

1951 * (nicht datiert)       )

Auf der Insel gehn die gestrandeten Schiffer …*

Auf der Insel gehn die gestrandeten Schiffer.
Sie aber schweigt und ist schön inmitten des Meeres,
ob auch jene rufen klüftiger Berge
Wirrsal und wüste Wildnis der Herkunft und gehn doch
05 heut im Garten der Götter: ihnen ist Duft
von den Bäumen, Gesang der Zikaden und das
hohe Rauschen der Flut nur Elend, solange
ruhlos bleibt ihre Seele und das Gewaltige
will, nicht wissend das Glück der reinen Beschauung:
10 Ruhe im Einklang des Meers mit dem Himmel und den
Quellen des waldigen Bergs, wo das Ganze tönt.

1951 * (nicht datiert)       )

Was ist im trüben Moor das Reinere …*

Was ist im trüben Moor das Reinere,
davor zur Trübnis wird dies klare Ufer?
da Stadt und Garten einzig gegenwärtig
sind dort und diese obern bleiben Schatten,
05 geworfen an die Höhlendecke, die lastet
auf unsrem Haupt, und Freiheit ist der Eingang
hinunter in die widerliche Lache,
wo aus der Fische aufgeblähten Leichen,
aus fauler Pflanzen Resten steigt der Turm
10 ins Aug und ins Geblüt die Beere schwillt?

1951 * (nicht datiert)       )

Irrgeworden vor dem Ueberhellen …*

Irrgeworden vor dem Ueberhellen
fällt der Vogel immerfort nach innen,
unentwegten Falls Spirale findet
jedem Innenort noch einen inner-
05 innersten: so wie das Trostlicht den
Abendgänger lockt und im Gehölz
stets nach vorne flieht und über Schluchten
noch enthoben an den neuen Ort
unerreichbar angebotner Zuflucht:
10 fällt der Vogel, willos niederkreisend,
in den Grund, der jenseits des erreichten
immer noch im Ueberhellen liegt.

1951 * (nicht datiert)       )

Schwemmt der Fluss aus hohen, kaum gefurchten …*

Schwemmt der Fluss aus hohen, kaum gefurchten
Tälern nach den alten Tiefen mich
dieser Lust zurück, und duften wieder
Wiesen, wo der Fallende nicht weiter,
05 von dem hohen Ort nicht weiter fällt:
immer labt ihn dieses Tales schlummernd
Leben, Kraut und bunter Garten an dem
breiten, inselreichen Spendestrom.

1951 * (nicht datiert)       )

Wo denn anders ist dieser Strauch …*

Wo denn anders ist dieser Strauch
Reinen Herzens Erfahrung,
mit silbernen Blättern glänzend,
als in dem herbstlichen Garten Gegenwart,
05 dessen Kronen tragen die Kuppel
des Hauses aus Spielen der Liebe?
Wo denn anders ist er als hier am Ende des Jahrs,
das nie süsser schmeckt als im Abschied?
Wer immer wusste vom Abschied,
10 schon als die Taube, weisse Gefährtin dem Kind,
aus der Hand entglänzte über die roten und gelben Kronen der Bäume
aus Furcht vor dem Winter:
der lächelt jetzt und geht
allein hinein unter die Kuppel,
15 schliesst die Tür, wie die Sonne
sank eben und Kühle weht aus dem Strauch
Reinen Herzens Erfahrung
mit matt gewordenen Blättern.

1951 * (nicht datiert)       )

Obgleich die Tore dröhnen in die Pfosten …*

Obgleich die Tore dröhnen in die Pfosten
und durch die Halle fliegen dunklen Schalles
die grossen Vögel – siehe wie ermatten
im Schatten die blinkenden Geräte – so heben
05 die Greise kaum vom Mahl das Haupt, zu herrlich
ist ihnen Duft und Schmack des Gottes, der
Gefangenen auch in Brot und Wein geheim
zu eigen bleibt und mehr als Mittagsonne.

1951 * (nicht datiert)       )

Wer da Gold wirft durch das Fenster der Armen …*

Wer da Gold wirft durch das Fenster der Armen,
ja Gebirge versetzt mit grösserer Kraft,
schwebt verschlossen im Gemach des Gebetes
über der Erde und nährt sich,
05 Säugling, an der ewigen Brust.

1951 * (nicht datiert)       )

Die Taube trägt die heilige Ampulle …*

Die Taube trägt die heilige Ampulle
zum Pestgewölb hinab,
zerbricht am in den Leichen unerkannten Königshaupt
die ganz mit Wohlgeruch die Düsternis erfüllt,
05 sodass, durch dieses Zeichen auferweckt, der Bischof
vom Lager schwankt, mit blauen Händen
zu krönen halbverweste doch gesalbte Stirn.

1951 * (nicht datiert)       )

Der Herzgesang, der aus dem Innern schwirrt …*

Der Herzgesang, der aus dem Innern schwirrt
und sanft die Seele aus den Fesseln wirrt
der wie die Taube auf den Gipfeln girrt:

wie hätt er auch die Schmachtende gefunden
05 das Tor, den wilden Wächter überwunden
nach ach so vielen kerkerdunklen Stunden

gesprengt die Schlösser und die Mauern hart,
wenn nicht im tiefsten Brunnen aufgespart
ein fliessend Licht vom Licht geoffenbart?

1951 * (nicht datiert)       )

Nimmer fand ich die Rose …*

Nimmer fand ich die Rose, solang sich
hob am Eingang zum Holz als Schlange der Erdgeist,
sprang, ein Löwe, dem Bedränger ins Antlitz,
Aufgerafftem fiel als Adler ins Auge.
05 Erst als Mut unüberwindlich
brach hervor aus der Tiefe jenseits des Herzens,
drang ich ein und sah die Rose
glühen vor den ZeItgenossen des Königs,
der im Thronzelt ehrt ob Kronen die Rose,
10Tod dem Pflückenden, aber dem Schauenden Leben:
Ganz bin ich eins mit dem König in der gefundenen Rose.

1951 * (nicht datiert)       )

Im falschen Spiel von Strom und Nebel lechzt …*

Im falschen Spiel von Strom und Nebel lechzt
gestaltlos alles und aus Wechselwehen
nach jenem Umriss, den die Stunde weigert:
das Haus gespenstisch abgezogener Schein
05 des einstmals wahren Bilds, und wie zum Sturz
ins Leere Lockung Steg, Scheinsteg hinüber
den Scheinfluss: 0 dass gänzlich schwänden doch
die trügrisch wehenden Nebel und das Haus,
die Brücke und der Strom da wären wirklich,
10 aus Irrung leitend portwärts Aug und Fuss.

Schwillt und mündet ins Meer der Strom und empfing
nicht zuvor den klaren Bach aus
goldener Pforte der Geheimnisstadt
mit dem köstlichen Geröll: Diamanten,
05 immer gleich in lichtspendender Reinheit,
nie von der Strömung verzehrten: was frommt ihm,
dass von der Tafel des Königs
strömen nieder unendlich Rinnsale lauteren Weins?

1951 * (nicht datiert)       )

Wäre dieser Strom doch schon erhoben …*

Wäre dieser Strom doch schon erhoben
diese Tiefe schon bereut
wär der Feind vorm Engelheer zerstoben
und das Leben aus dem Sieg erneut,

05 würde an den letzten Abendhängen
jede Pflanze rein benannt
und in unversehrten Fängen
trüg der Vogel endlich fort uns aus dem Brand.

1951 * (nicht datiert)       )

Ob ich in dem Berge gehe jahrelang …*

Ob ich in dem Berge gehe jahrelang
brennt mir doch immer wieder
unvermutet durch die Spalte
zwischen totem Astwerk
05 auf die rote Scheibe:
zündet im Höhlengrund den Stein, die Seele
an zum neuen Morgen.

1951 * (nicht datiert)       )

Tritt hinab nun nach den Führern …*

Tritt hinab nun nach den Führern
der Verwünschte aus der oberen Welt der
Blumen und der fischbelebten Wasser
in den Glanz der toten Minerale,
05 wo der Dämon unbesiegbar wohnt:
weiss er, dass in kurzem alle folgen
die noch atmend lieben,
durch die Felsentüren in die Unterwelt.
Wenn die obere hier verblasst,
10 muss dort unten totes Bild an totem Bild
innerlich im Licht des Erdendämons glänzen.

1951 * (nicht datiert)       )

Gefangener der Tiefsee riss sich los …*

Gefangener der Tiefsee riss sich los
und hinauf in die oberen Wasser:
wie war es da Licht und nur Licht
dem endlich befreiten aus den Wassern des Lebens,
05 nur Licht noch hier in den oberen Wassern
der Tiefsee entrissnem Gefangnen, nur Tod.

1951 * (nicht datiert)       )

O dieses Tages schnell geschmolzne Zeit …*

O dieses Tages schnell geschmolzne Zeit,
wie fällt sie geiergleich von dunklen Bergen
auf hastigen Gang der Wanderer, die seit

der ersten Frühe sich im Mantel bergen
05 vorm Anblick, der das heisse Auge quält:
den Leichen in den aufgeklafften Särgen.

Auch jene hatten fieberig gezählt
die Stunden, ob sie der gebotenen Fahrt
genügten? Da den Siegern zugewählt

10 der Knabe ging, vom Siechtum ausgespart.

1951 * (nicht datiert)       )

Wenn du nicht vermagst das Unlenkbare zu lenken …*

Wenn du nicht vermagst das Unlenkbare zu lenken,
sei zur Tröstung dir immer das Gewitter des Himmels,
sei dir das Toben der Lüfte, Donner und tötende Flamme,
die die verschlossnen öffnet, weckt die versiegten Quellen
05 aus den Sockeln uralt verschollener Bilder: So bringt
Schrecken Heiliges wieder hervor, die Gräber erbrechend.

1951 * (nicht datiert)       )

Eine schwere Dolde lässt …*

Eine schwere Dolde lässt
von den Kindern im Garten
schwankend sich hin und wider bewegen.
Bis sie den Zweig schwerer hinabzieht,
05 schwerer hinabzieht unwiderstehlich
unter Blüten Betörte begräbt und
erstickt in Duftrausch.

1951 * (nicht datiert)       )

Wer in das Totenreich vermessene Fahrt …*

Wer in das Totenreich vermessene Fahrt
auf Wagen rauscht mit schnell verschlissnem Prunken
und überdrüssig des, was offenbart,

mit aus dem feuchten Stein geschlagnen Funken
05 die lang verborgene Höhle kaum erhellt,
wo, von den Lebensgärten einst entsunken,

die Flieder in der unbestimmten Welt
vergrauen düftelos in Moderfeuchte:
der taumelt rückwärts vor dem heiligen Zelt

10 am Jauchepfuhl, der ihm das Blut verseuchte,
vom Gegenufer unzerstörter Macht,
die strahlender als jene frühe Leuchte

den Kranken ruft in Königs heile Pracht.

1951 * (nicht datiert)       )

Von den Gipfeln ist die fremde Taube …*

Von den Gipfeln ist die fremde Taube
niedergeflogen ins Tal,
wo sie nicht achtet der Wandrer.
Nur dem Flüchtling, dem der Mittagsdämon
05 treibt das Salz aus den Augen,
schwebt sie, wenn er entkleidet die Mitte des Wassers erreicht, in
stillen Kreisen gnadenglänzend aufs Haupt.

1951 * (nicht datiert)       )

Wirr fährt hin und her der Vogel …*

Wirr fährt hin und her der Vogel
im Gespinst des Scheinlichts, das
wächst und zieht Irrfäden über
die verborgene Flamme: dieses
05 Netz noch wächst über Wiesen und den
reinen Schrei der Grillen und des
Kuckucks Ruf, des andern, glücklichen
Vogels: er aber sucht überm Scheinlicht
tauben Fadengespinstes in des
10 Grillenschreies reiner Burg
offene Fenster durch die Kuckucks
Rufwand in die Stille des Walds,
wo das Dunkel ganz im Dickicht
hält das Feuer: endlich
15 Licht dem Irrschein entronnenen Vogel.

1951 * (nicht datiert)       )

Vergänglich ist auch dieses Bildnis, kaum …*

Vergänglich ist auch dieses Bildnis, kaum
enthüllt, das stieg herab in das Gewölbe,
wo sitzen schon die vielen auf den Thronen
und füllen das Gemach mit Innenglanz,
05 obgleich sie tot sind gegen dieses Abbild
des wirklicheren Lebens. Und wenn es auch
schien Braut und höchstes Gut der schmachtend lang
in Tiefen irrenden Seele, so hört sie doch
auf einmal, dass unter allen Bildern bebt
10 im Berg die Höhle, wankend vom Grund, und sich
die Felsen spalten und aus den Donnern steigt,
den keiner zu sehnen wagt, der Herrscher: stillend
noch über dieses Bildnis, das vergänglich.

1951 * (nicht datiert)       )

Kühle tropft auf die Blume schwimmend im Glutsee …*

Kühle tropft auf die Blume schwimmend im Glutsee,
wenn sie zufällig der Brodelkreis an den Felsen hinanträgt:
Leben empfängt sie, blauend in der Berührung,
und erlischt alsbald wieder glutgetränkt im Glutsee,
05 bis sie, von neuem gespielt an den Fels der Erlösung, von
neuem empfängt in eines Tropfenfalls Nu
Leben ewiger als Aeonen im Gluttod.

1951 * (nicht datiert)       )

Dem der heimlich aus von Tänzern …*

Dem der heimlich aus von Tänzern
lautem Saale floh,
ist der Weg verwuchert,
wenn der Ruf der suchenden Genossen
05 im Gesang der Grillen schmolz.
Glanz des Festes aber blich im
Schein des übers Morgenlicht
reinigenden, unauslotbar tiefen Quells.

1952 * (nicht datiert)       )

Vor Himmels Röte schmilzt ...*

Vor Himmels Röte schmilzt
metallene Wandung des Hauses,
und in den Kammern quillt
den Siechen ins geborstene Ohr
05 Klageton des Horns,
sodass sie werfen fort die blutigen Laken.

Aber auf der Schwelle hebt der Sänger
lauteren Kelch des Lieds
empor zum Flammenmund, der unersättlich säuft,
10 dass er ihn stille:

wenn die Najaden alle auf dem Trocknen röcheln,
erlischt die Röte überm wüsten Feld;
geronnen deckt Metall, erkaltend,
des Hauses alten Ort,
15 wo das Horn entfiel des Bläsers Lippe
und die Nackten raffen
verkohlte Fetzen ans Gebrest.

1952 * (nicht datiert)       )

Keiner kennt die Pinie wieder ...*

Keiner kennt die Pinie wieder,
welche früher Liebe schattend,
welche früher heisser Flamme
schattend warf den Schleier nieder.

05 Keiner kennt den Staubbach wieder,
welcher hoher Liebe schimmernd,
welcher hoher stiller Flamme
schimmernd warf Geschmeide nieder.

Jeder kennt die Sonne wieder,
10 die auf tote Liebe sengend,
auf die Aschenspur der Flamme
sengend stieg zum Tanz hernieder.

1952 * (nicht datiert)       )

Ichthys

Und bist erwacht du an dem eklen Tisch,
die Strasse draussen kaut und rülpst den Fisch,
der dennoch lebt und glänzt im Element,
im stinkend hier verwesenden Gemisch
05 aus Händlergier und Fluch, Geknirsch
der Strassenbahn:
den Schergen fiel er hin.
Wo sind, die seiner Glorie nahn,
den Meeresthron und schön bewegten Sinn
10 des Flossenspiels im Traume fahn?

1952 * (nicht datiert)       )

Dunklen Bluts Rubinenblume ...*

Dunklen Bluts Rubinenblume
breitet, abseits sinnend, Blätter
reifen Kelchs zur weiten Schale,
ganz in Busch und Dorn verborgen.

05 Doch sie füllt mit schwerem Odem
Mittagsgartens offne Plane,
wogt empor an Lilienhüften,
überduftet alle Rosen.

In der Nachtverzweiflung Retter
10 scheucht des Gartens Alb die Blume,
schon den Morgenstern beschwörend:
ganz in Busch und Dorn verborgen.

1952 * (nicht datiert)       )

Streife mit den Schwingen, Vogel ...*

Streife mit den Schwingen, Vogel,
nächtiger Täler Hirtenfeuer,
dass die Träumer um die Glut
wachen auf aus Schlummerdünsten
05 warmen Tiers
ins Gestirn des nackten Himmels:
deine weissen Schwingen mildern,
nah herab bewegte Lider
mildern kalter Sterne Brand.

1952 * (nicht datiert)       )

Kröte und Pelikan

Sträubte wandelnd Tier Gefieder,
fiel der Pelikan hinab,
äugt es aus dem Moder wieder:
Kröte in dem eklen Grab
05 unter den geborstnen Stufen
jene hält, die nicht mehr rufen.

Lichtes Tier, das Leben spendet,
dunkles, das verzaubert äugt;
Herrschaft, dort im Blut verspendet,
10 hier ein Krönlein sie bezeugt:
in der Gruft das böse Licht
Macht der Kröte dichter flicht.

1952 * (nicht datiert)       )

Brach das Füllhorn, das uns lang genügte ...*

Brach das Füllhorn, das uns lang genügte,
giessend Balsam in das Haus,
duften Jahr um Jahr noch von den Scherben 
jener Gärten Blumen aus. 

05 Jener Gärten, wo der Magier züchtet 
aus der nachtverschlossnen Qual, 
wenn sich Zedernwipfel lichtet, 
neuer Blumen Wahl. 

Aus der neuen Blumen einer 
10 presst er, jäh bestimmt, verheissnen Saft: 
stark wie Wein und als der Honig reiner 
herrscht er, Hornes Mittelkraft. 

Mittelkraft des Horns allein genügte, 
brach es, brach mit ihm das Haus, 
15 Folterblume noch in Scherben, 
reicher stets zu spenden Düfte aus.

1952 * (nicht datiert)       )

Nächtens stürzt der Strom in lauer Woge ...*

Nächtens stürzt der Strom in lauer Woge
ins Gemach und reisst von Davids Bild
mit dem abgeschlagnen Haupt in Händen
weg den Vorhang, und Geziefer schwimmt
05 tot herein, der Käfer Panzer, Spinnen.
Hier noch regen Fühler sich und Flügel,
die der Strom an seidene Tapeten
hängt als ekler Hochzeit Kranzeszierde.
Schau, sie bekleckert, endend, Rumpf des Riesen,
10 Raupe noch zuletzt des Knaben Wange,
siegeshelle, Spülicht, Satz der Woge,
Stromes lauer Woge nächtens im Gemach.

1952 * (nicht datiert)       )

Wenn uns andern immer speit die Wölbung ...*

Wenn uns andern immer speit die Wölbung,
höhnisch schreckend, Tropfen auf das Haupt,
saugt in seinen Wirbel nächtige Grotte,
die den Felsen riesig unterdehnt,
05 unverrückter Tanz der Porphyrsäule.
Aber sie, zum Hohne, krönt der Torso:
gipsern hält er doch der Drehung stand.
Ja, die Taube fängt er weg, die durch die
Lücke schwebt herab; mit spröden Stümpfen
10 fängt er weg der Säule Trost und einzigen Gast.

1952 * (nicht datiert)       )

Trennung trägt, die reichgezierte Barke ...* (B*)

Trennung trägt, die reichgezierte Barke,
zu den Lampen, leuchtend Wiedersehn.
Aus dem grünen Wasser die Delfine
rufen Lockungen, die schillernd wehn:
05 Blasen gelben Glücks, ins Helle steigend.
Dass ich doch vergässe dein Gesicht,
dass ich doch, zur nahen Stunde neigend,
liesse den Delfinen mein Gewicht!
Aber mich trägt, ob sie leck erschiene,
10 Hoffnung fort, die reichgezierte Barke.

1952 * (nicht datiert)       )

Abend auf der Piazza Colonna

Umgestürztem Becher gleich,
leergetrunken tropft der Himmel,
grün mit letzter Spur der Sonne
auf den Platz, der fieberbleich
05 flüchtet, am Gemäur zu kaun,
geil verbrennt in roten Lichtern
des Theaters, feig sich klammert
an die Wagen: nicht zu schaun
Schlund der Nacht und Morgengraun.

1952 * (nicht datiert)       )

Der Fischer

Wechselt nicht der Fischer Steg und Strand,
dass er jenen kühnsten fände,
dass er lachend auf die Lände
zög den Haifisch, der sein Boot berannt?
05 Bringt er hoch ihn nicht die schroffen Wände,
ob er lang auch ächzend riss,
sich die Lippe blutig biss,
schafft er's leicht auf weichem Sandgelände:
Wo das stumme Maul die Angel greift,
10 trägt's der Tiefe Rauschen,
macht das Ohr des Fischers lauschen:
der nun Träume wach mit Sinnen greift.

1952 * (nicht datiert)       )

Der Ballon

Den schwebenden, den steigenden Ballon,
wer hält den Traum,
der aller Last entbehrt,
und flieht zum Saum:
05 wo noch der Nachen voll
und fruchtbeschwert
fährt Tag hinweg? – Der Baum
fängt mit den Aesten schon
den schwankenden, den sinkenden Ballon.

1952 * (nicht datiert)       )

Der Mond

Trank der Mond, in Dunst verschwommen,
Abendschein,
steigt er selbst, von Nacht benommen,
bleich herein:
05 löscht des Gipfels Schneegeschmeide,
zeichnet matt
mit der harten, knappen Kreide
Fels und Blatt.

1952 * (nicht datiert)       )

Der Sturz

Die Flöte rief, als wir noch immer fielen
durch Distelwirrnis tief, tief ins Gebirg,
uns tröstend zu, dass wir des rechten Falls
gestürzt und uns getrost ihm liessen:
05 Wenn auch der Flügel schwarzen Nestlings, als
Dämonenfittich wachsend, mit uns sank,
so rann der Sand doch lauterster Gesteine,
und im Kristallstaub rann das lichte Gold
von Höhlenwänden, wo wir endlich hielten,
10 bis es die scharze Schwinge überschäumt.

1952 * (nicht datiert)       )

Oestliches Liebeslied

Kennst Du mich, der eh dich küsste,
kennst du meiner Lippe Brand;
kennst du, deren Nacht ich süsste,
mich am duftenden Gewand?

05 Ja, du bist's, den ich vernommen,
schönrer Schall als Tamburin:
Wehn und Wort ist angekommen,
schon die Lippe aufgenommen.
Statt vorm Feuer schnell zu fliehn,
10 such ich Kühlung mittendrin.

1952 * (nicht datiert)       )

Die Jagd

Hängen Waldes Schattennetze nieder,
spüren Hunde kläffend nach dem Reh:
dass es sinkt in falbe Kräuter nieder,
glüher Nüstern Beute, reines Reh,
05 das sie auf der Fährte manches Wildes rochen.
Glüher Mäuler, die nun stillt das Reh,
fallend Geifergier zur Atzung nieder,
Hundegier, die lodert nach dem Reh
irre, wenn die Netze hängen nieder.

1952 * (nicht datiert)       )

Hochaltar von St. Peter

Hände vierer Gründerväter heben
Thron empor in Tanz der Wolken, Geister,
heben mühlos mit dem Blick, der stärker 
als die Hand, den schweren Stuhl: er schwebt,
05 himmlisches Gerät schon selber, dass
keiner wagte, ob sich jeder auch
Herrscher dünkt im Haupt, ihn zu besteigen.
Fürchtend, dass er, an so hohen Ort
ganz erhoben, höb empor die Welt
10 in die Himmelssphären und die schwere
stürzte rückwärts berstend in den Schutt.

1952 * (nicht datiert)       )

Abend

Ich sitz am Säulenstumpf der Nacht und werfe
nach dem Polypen, der gen Westen sinkt,
das Netz und fange schliesslich nur den Mond:
sein Schwimmen ohne Flossenregung tröstet
05 mit vieler Sternenfische Wimperschlagen
gar bald mich, wenn ich leise aus der Flut
die Beute zieh zum Säulenstumpf der Nacht.

1952 * (nicht datiert)       )

Die Brandung

Quelle springt dem Meere kindlich zu,
spricht geschwätzig in den schweren Sang
starken Läufers, der zum Felsen brandet.
Kleiner Schwester plätscherndes Begrüssen
05 reizt, den keiner hält, zum hohen Griff,
dass er, schäumend, übersteigt das Riff,
stürzt hinan und, krankend nach der Süssen,
vor der Ueberraschten Füssen landet
Muschel, Stern und Krebs. Behängt mit Tang
10 fasst er sie und küsst den Mund ihr zu.

1952 * (nicht datiert)       )

Römische Campagna

Die Ruine leuchtet in den Hag,
in Gespräch und Wein am Nachmittag.

Was ist's, das uns fernher übermannt,
nach der Quelle rückwärts Worte bannt,

05 die kaum sprangen wie der Brunn im Laub?
Ist Genuss der reifen Stunde Raub

feig am Mal, das jene Reiche liessen
ganz im Herzen, wenn das Bild zerfällt,
des geborstne Quadern schweigen hiessen?

1952 * (nicht datiert)       )

S. Maria della Vittoria

O dem Bogen
sanft entschimmert
stösst der Pfeil
Gottentzücken
05 in das Herz, das ganz enthoben
auf der Flammenspitze wimmert:
eh beglückte,
o wie sind die Wiesen kahl,
an den dürren Seelenrändern
10 mag kein Kelch den Mittag loben.

Reinigend herabgekommen
steigt das Kind in Wundenwein.
Liebesrot im Kelch geblieben,
Feuer durch das Blut getrieben,
15 trennt es, was es angenommen:
Pfeil inmitten bebt,
Schmachtenden belebt,
schmilzt in Kindes Wesen ein.

1952 * (nicht datiert)       )

Wie doch fallen jäh die Flammen ...*

Wie doch fallen jäh die Flammen
Wanderern aufs Haupt hernieder,
stürzen gierig von den Horsten
Vögel in das Aug hernieder.

05 In der Wüste zückt den Strahl
Dürstenden die nackte Sonne,
peinigt jeden ohne Wahl.

Doch in Nächten steigt sie auf
reiner Strahl aus Brunnentiefe,
10 steigt dem Heger, ob er schliefe,
Feuerschlange heiss herauf 

aus dem Herd in Leibesmitte:
Dass sie nimmermehr entglitte.

Aus den Klüften schlägt das Haupt
15 Geierflügel, lässt mich ziehen
tappend nur, Gesichts beraubt.

Doch in kahler Kammer schwebt
Silbertaube aus dem Dunkel,
schlägt die Schwinge, streut Gefunkel,
20 das mich Siechenden belebt 

über allerkühnste Bitte:
Dass sie nimmmermehr entglitte.

1952 * (nicht datiert)       )

Allzu leicht nicht ...*

Allzu leicht nicht
sei uns Erfüllung,
wenn der Weg über Halden,
über Schotter und Bruch
05 leitet zur Lichtung des Gipfels:
wo Beeren
tief in den Herbst noch
süss zwischen den Adern der Blätter,
Tropfen Bluts
10 brennen, im Schnee noch an Weihnacht.
Nicht zu leicht
sei uns Verwöhnten Erfüllung,
da nimmer verlangte
unsre Sattheit am Wegsaum des Tieflands
15 die Beeren,
bevor wir, ernüchtert im Schweiss,
mit gekräftigten Sinnen
uns bereitete Süsse, gütig
wie Ostereier den Kindern im Garten verstreute,
20 versteckt gebotene Gaben
lüstern erfahren
in hoher Luft nahe dem Himmel,
Vorpfand verschwendrischen Mahls.

1952 * (nicht datiert)       )

S. Johann im Lateran, Kreuzgang ...*

Nahe krächzt,
nahe das Schöpfrad,
hebt aus der Tiefe,
hebt aus der innersten Tiefe
05 den schwankenden Eimer,
voll noch, voll überfliessend dort unten:
aber im Steigen am Seil
gibt er den Reichtum zurück,
lässt ihn fallen zum Schatz heim,
10 dem er enthoben.
O dass nur noch ein Tropfen
meiner geborstenen Lippe
bliebe zur Letzung,
da mich der Abendstern nimmer
15 tröstete, nicht des Mondes lächelnde Sichel:
wenn ich dies reine,
aus der Tiefe mühsam geschöpfte
Wasser nimmer,
auch nicht einen Tropfen empfinge.

1952 * (nicht datiert)       )

Trennung trägt, die reichgezierte Barke ...* (A*)

Trennung trägt, die reichgezierte Barke,
zu den Lampen, leuchtend Wiedersehn.
Aus dem grünen Wasser die Delfine
rufen Lockungen, die schillernd wehn:
05 Blasen gelben Glücks, ins Helle steigend.
Dass ich doch vergässe dein Gesicht,
dass ich doch, zur nahen Stunde neigend,
höbe auf im Delfin mein Gewicht!
Aber mich trägt, ob sie lecker schiene,
10 Hoffnung fort, die reichgezierte Barke.

1952 * (nicht datiert)       )

Wer das Fleisch noch duldet ...*

Wer das Fleisch noch duldet,
kennt Begierde nicht.
Wer durch Steppen wandert,
kennt den Delfin nicht.
05 Der ist noch verschuldet
Waldes Zwischenlicht,
wer nicht hellen Meeres
Fluten lieber bricht
und, im Schaume fahrend,
10 Himmeln sich ergibt.
Auf dem Seile wandelt,
wer die Spiele liebt,
heilsverklärten Heeres
Gang und Regung handelt;
15 nicht ist der verschuldet
Waldes Zwischenlicht:
wer das Fleisch noch duldet,
kennt Begierde nicht.

1952 * (nicht datiert)       )

Die manche Wolke hüllt und lässt und stillt ...*

Die manche Wolke hüllt und lässt und stillt,
des Berges wechsellichte Höh ersteigt
das Maultier, zögernd vor den Wassern wild.
Aber der Knabe sich ins Stieben neigt:
05 wenn er erriete, was den Vater drängt,
dass er Gestrüpp und Fels der Höhe sucht,
hätt er nicht freigerissen in die Flucht
sein Leben, eh Gehorsams Blitz es sengt?
Doch wusst er mehr, da Vaters Will entzweigt
10 dem stärkern Willen: das geschenkte Bild
des Knaben er dem Abend schöner zeigt,
wo Mond wie Sonne falben Triften gilt.

1952 * (nicht datiert)       )

Abend auf der Piazza Colonna

Umgestürztem Becher gleich,
leergetrunken tropft der Himmel,
grün mit letzter Spur der Sonne
auf den Platz, der weg sich weich
05 flüchtet in das Mauerbraun, 
geil verbrennt in roten Lichtern
des Theaters, feig sich klammert
an die Wagen: nicht zu schaun
Schlund der Nacht und Morgengraun

1952 * (nicht datiert)       )

O der Schlinge entwunden …*

O der Schlinge entwunden, dem Netz entflohn und
losgerissen von der klebrigen Rute,
flieg ich hinweg aus dem trüben Gespräch:
dort unten summt noch die Rede des Paares am Tisch,
05 ganz am Rand noch kaut der weisse Kellner die Nägel:
wie sie sich mühen, mich im Ihren zu halten.
Aber schon bin ich zu hoch und sehe das Meer hinter den Dächern,
spüre Lockung und Zug des Gestirns in seine heissern,
in seine stärkeren Wirbel:
10 wär ich nicht glücklich, wenn's mich versengte,
wenn's mich zwänge, vernichtet, als Funke in seine Flamme zu stieben,
statt an der Rute zu kleben, honigbetörter,
neu mich immer zu fangen im Netz,
mich in die Schlinge mehr zu verwirren mit jeder Bewegung?

1952 * (nicht datiert)       )

Treibt ihr noch am niedern Ufer …*

Treibt ihr noch am niedern Ufer
kümmernd hin,
hell ist wie die Wasserrose
nimmer euch der Sinn:
05 wo sie schwebt auf dunklen Fluten,
fest zugleich darin,
hangt ihr dumpf in Angstgebüschen
ohne Weltgewinn.

1952 * (nicht datiert)       )

Ianiculus

O Schirmer Tag,
der vor das öde All
sich blinkend warf,
die falbe Schlange schlug
05 und auf dem Berg
den goldnen Horizont
mit heilem Schilde deckt:
Zu deinem Fuss
der Bronn speist schon die Stadt,
10 wo Lorbeer herb
nun tröstet kahlen Stamm,
des Krone kühlt
die Stirn des Nachmittags.

1952 * (nicht datiert)       )

Europa

Flicht ihm Kränze um die Hörner, 
flieh du mit dem fremden Stier:
jenseits nur die finstern Knaben
auf der Insel lässt er dir.

05 Magst du solchen Gatten haben
trinkt der Enkel einst mit Graus
tief in Labyrinthes Waben
Blüten bis zum Boden aus.

Kinder, die nur Gärten kennen,
10 schlingt des Zwiegeheuers Gruft:
Grauen schnaubt schon dein bekränzter
Stier in salzig helle Luft.

1952 * (nicht datiert)       )

Pan und Selene

Wich ins Rohr sie von der Weide,
dass er sie zur Flöte bricht,
liess die andre, dass sie meide,
ihm die Stimme fürs Gesicht:
05 drangest du mit Segelschnelle,
ob auch bebend, in die Bucht
finstern Arms, und Tränenhelle
dämpft des Griffes Wut und Wucht.

Den er, brünstig, wach gebrüllt,
10 Hirte hält der Herden Flucht,
weil dein Kuss den wilden Mund gestillt.

1952 * (nicht datiert)       )

Hera

Flieht der Kuckuck vorm Gewitter
mir in Schoss,
flugs verborgen im Gewande,
wächst er gross:
05 wächst er mir zum jähen Werber
unterm Strahl,
lässt mir gegen Kuss und Donner
keine Wahl.

Schmilzt Gewitters letzte Trümmer
10 jetzt die Nacht,
stellt gerettete Gestirne
auf die Wacht:
trägt die zitternde, beschirmte,
kleine Last
15 sicher in die Hochzeitsgrotte
zagen Gast.

1952 * (nicht datiert)       )

Adonis

Wandelt dich das Mädchen in die Muschel, 
weil du's nicht begleitest auf den Weg,
wenn am Myrrhenbusche auf dem Berg
weint das Mädchen, bleibst du in der Muschel. 

05 Mit dem Harz doch springst du duftend wieder 
aus dem Busch und stillst die Tränen schnell, 
Kräuterbettes und der Jagd Gesell, 
kommst du willig ihr auf Weiden wieder.

Kann sie vor dem Eber dich nicht wahren,
10 herbstlich steigt dein Blut im Blütenkelch; 
Falterflügel bildet sie behend,
kleinem Sohn des Vaters Bild zu wahren.

1952 * (nicht datiert)       )

Afrodite

Schlägt die Augen auf sie an der Insel,
flieht vor Fels und Dorn sie rückwärts in den Schaum,
bis sie steigt an ihrer Bleibeinsel
flachem Strand spätabends aus dem Schaum.

05 Folgen ihr, da sie, zur Höh gewendet,
Düne lässt und Wiesen ums Gehölz,
Löw und Panther, sanft sich zugewendet:
herrscht die Fremde schon im Wildgehölz.

Ob sie feindlich auch dem Mond, so doch gewogen,
10 steht die Sonne jetzt wie jener still:
dass die Stunde bleibe, wo, dem Mund gewogen,
Mundes Blüte hängt am Munde still.

1952 * (nicht datiert)       )

Die Lampe

Lampe zwischen Bäumen schwankt,
schreckt zurück vorm Eulenauge,
wirft sie, leuchtend, Schatten nieder,
wenn sie hin und wider schwankt.
05 Fürchtet Eulenauge, Schatten,
riesengross von Ast und Bäumen:
Lampe flackert jäh und schwankt,
da sie, leuchtend, immer nur
Auge weckt und Schatten ruft:
10 Lampe flackert, fällt, zerbricht,
Aug im Schatten ganz erlischt.

1952 * (nicht datiert)       )

Die Lichtung

Kehr ich wieder an die MorgensteIle,
wenn der Baum die Wurzeln löst und tanzt,
komm ich nochmals in den Hain am Abend,
wo der Fels den Fels vergisst und tanzt:
05 trittst du mit dem Köcher in den Reigen,
den der Baum, der Felsen um dich tanzt,
schwebt dir auf der Stirn die Mondessichel,
lichte Sichel überm Tanze tanzt:
Bleiben, schauen will ich bis zum Morgen,
10 wo mit Baum und Fels die Sichel tanzt.

1952 * (nicht datiert)       )

Pfauenlied

Schlägt das Rad aus dem Gebüsch,
magst du immer Blumen mischen,
wenn der Mond steigt, sich zu mischen
Pfauenaugen, ins Gebüsch?

05 Schlägt aus Dämmer, hell bestimmt,
dir das augenreiche Rad,
magst du vor dem Pfauenrad
dämmernd stehen, unbestimmt?

Vor den Augen im Gebüsch
10 kannst nicht länger Blumen mischen:
schwinde, dich dem Mond zu mischen,
in das Pfauenradgebüsch.

Datiert: 1953       )

Die Landung

Endlich nahe dem Ufer
hebt der in der dunklen Blüte des Schiffszelts gelagerte König,
von Wunden matt und von der Woge des Stroms,
die Hand entgegen den Freunden,
05 die mit der Bahre hinzu, als er anlegt,
stürzen und ihn tragen hinab zum Heervolk,
das weint und küsst die müde hängende Hand.
Die auf einmal wieder sich strafft und fasst den Zügel:
der König springt hinüber aufs Ross,
10 reitet hinein zur in der Mitte des Lagers
geöffneten Blüte des hellen anderen Zelts,
aus Wunden gerichtet empor von der neuen Woge des Zurufs.

Datiert: 1953       )

Das Grab

Wenn aus der mittagstiebenden Steppe
ihm emporsteigt das Grab auf dem halb versunkenen Sockel,
wenn er abspringt vom Ross und die Stufen hinaufeilt,
sich durch die Tür drängt hinein zum goldenen Sarg:
05 mag er immer sich stemmen, ächzend, wider den Deckel,
verschlossen bleibt er ihm bis zum matten anderen Morgen.

Datiert: 1953       )

Der Brunnen

Fällt mir der Adler, kaum befreit von der Schlange,
schnell in den Nacken und kratzt die Wange mir blutig,
wenn ich mich bücke, zu trinken:
sinkt drüben schon stöhnend das Reh vornüber ins Wasser,
05 das speiend die Schlange vergiftet, als ich sie würgte.

Datiert: 1953       )

Der Eroberer

Auf dem Gipfel, der in Inseln die Bucht sammelt von weither,
hängt über jubelnden Waffen der Helm, der umfing das Haupt,
das er ausrief mit dem purpurnen Busch,
hängt noch im Panzer das Bild des vorstürmenden Leibes.
05 Hier liess ers und zog mit den jubelnderen Waffen,
dem lauteren Busch, dem bildsameren Panzer, mit allem,
was liessen die Pilger von früher, hinab auf den Wogen der Schilde,
bis er hinsank in den Rausch der eroberten Stromstadt
und wieder aufstieg und wehte, Duft des würzigen Ruhmbaums,
10 zurück auf des Gipfels beraubten, des Gipfels geschmückteren Altar.

Datiert: 1953       )

Die Wolken

Die grossen dem Meer entglittenen Wolken
wenden sich weg von der Stadt,
die mit Lichtern leuchtet und scheucht
die langsam sinkenden Ballen.

05 Sie sanken entgegen dem Turm
und fliehn, von der Spitze getroffen,
zurück in die sich im Meer
düster spiegelnde Dunstwand.

Datiert: 1953       )

Die Schwestern

Schlaftrunken stürzen die Schwestern hinein in den Brandrausch,
im offenen Auge den Stier,
der gestern, trunken auch er,
stürzte die Stirn in den Fels, der brannte von Blüten,
05 anfachte von neuem den Fels mit Blut aus zerbrochenem Haupt. –
Im offenen Auge den Stier,
trunkener stürzen die Schwestern vereint in den Brandrausch.

Datiert: 1953       )

Die Blume II

Von der finsteren Treppe trittst in den olivenen Lichthain,
der durch des Armkorbs Geflecht anrührt die Blume:
Von der erglimmenden hebst du den Deckel, stürzest,
mit deinem Gellen weit weckend den Schläfer, hinaus in den Mittag,
05 während die Blume fiel und, überwuchernd,
mit Brand anfüllt den olivenen Lichthain.

Datiert: 1953       )

Die Maske

Mit der Höhle des Augs sah dich an die wächserne Maske
aus dem Korb, als du hobest den Deckel.
Sodass du sprangst vom Felsen hinab in die Schlucht,
nur um nicht zu fallen weiter, hinab in das Auge,
05 nur dass du fandest den Schluchtgrund, und wenn du zerschelltest.

Datiert: 1953       )

Der Baum

Du tönst mit offener Krone,
vorfallend aus lockrem Geröll,
in das Gewölbe des Sommers,
weil du fürchtest die Felsschlucht:
05 In das Gewölbe des Sommers
vorfallend, aus offener Krone
tönst du mit Bienen hinaus.

Datiert: 1953       )

Der Adler

Das Bündel, das die Mauerluke herabwirft,
fängt vor den Disteln der Schluchtwand der Adler,
trägt es und segelt tiefer, hinüber zum Garten,
und legt vor den vom Wind der Flügel geweckten
05 Gärtner mit sanfter Klaue, der lacht aus den Windeln, den Knaben.

Datiert: 1953       )

Der Schläfer

Was zwitscherst du, Vogel, dem Schläfer,
was streifst du das Bett hier, was dort mit dem Flügel,
dass er dir, ganz noch verfangen im Schlafnetz,
das du beginnst zu zerreissen, mit halber Hand wehrt?
05 Was rufst du lauter und fällst ihm in die Stirn,
setzest dich gar auf sein Haupt, lang hinschreiend:
Sodass er, entfesselt, nun schwimmt auf dem Bett hinaus in den Mittag,
erschrocken und wach, allein mit dir, Vogel, als Lenker?

1953 * (nicht datiert)       )

Der Gang

Wer den finstern Gang betritt am Tempel,
wo die alten Bilder stehn, der Adler
mit der Wölfin und dem Stier, im Holze faulend:
ihn bestürzen die, die vor verwandelt,
05 in den Nischen hausen unterm Tropfgestein.
Und sie lecken ihm Gesicht und Hand, bis dass er,
selbst ein junges Tier, die Zitzen saugt der Wölfin.

1953 * (nicht datiert)       )

Die Blume

Der vom Strand zur Stadt die Blume brachte,
lässt sie fallen, da sie, plötzlich offen,
ihm die Nüstern mit dem Duft verwirrt:
und er flüchtet, zu des Volkes Staunen,
05 auf die Klippe, zu des Volkes Argwohn:
Bis im Sturz ihn, einen Vogel, halten
neue Schwingen, tragen hoch, wenn lang
Fuss um Fuss schon trat in Staub die Blume.

1953 * (nicht datiert)       )

Die Fische

Nur zuweilen streifen tief die Fische
an die Klippe, wo sie vor als Fischer,
auf der Rute erste Regung wartend,
kauten jenes Kraut, das nach dem Wasser
05 weckt die wilde Sucht: Bis dass sie schwammen,
leis mit Schuppen und mit Flossen sinnend,
weit hinaus: Nur tief zuweilen streifen
sie die Klippe, wo sie vormals sassen.

1953 * (nicht datiert)       )

An den toten Sänger

Verteilt in unzähliger Vögel Flügel und Stimme,
stiegst aus dem Rauch du hinauf,
über Scheitern in Flammen erneut:

Singst, wunderbar lindernd, am Morgen
05 den Trauernden, der dir verweinte
alle Stunden der Nacht,
vom Sims des Fensters in Schlaf,

als, über Scheitern in Flammen
erneut, du stiegst aus dem Rauch,
10 in Flügel und Stimme unzähliger Vögel verteilt.

1953 * (nicht datiert)       )

Der Flüchtling

Der Gruss des Flüchtlings hallt wieder im Meersaal,
Kugel des Grusses von ruhenden Riffen:
so dass der Fische nisternder Schwarm stiebt aus den Zweigen,
wenn in verborgenen Krügen der Wein
05 schäumt und schäumen vom Wein die Najaden,
wenn aus den Muscheln sie reissen Gesträuch
und es schwingen durchs Wasser –
taumeln hin an die ruhenden Riffe,
wo der Gruss des Flüchtlings hallt wieder im Meersaal.

1953 * (nicht datiert)       )

Dionysos

Panther und Löwe schütteln
die Splitter der Kugel vom Fell
und ziehn aus den Scherben im Wagen
näher und schneller den Knaben.

05 Ich liege schon in den Strängen und ziehe selber den Knaben,
das Kleid schon brennt mir, das Haar von den Funken des Wagens,
da wieder ziehn aus den Scherben
der Kugel, die sprühend zerspringt,
Panther und Löwe wieder und wieder den Knaben.

1953 * (nicht datiert)       )

Der Hirt

Ins Linnen gehüllt des makellosen Gewandes,
gehst du, wie stets am Morgen, hinaus vor das Tor,
doch ohne die Herde,
nur ein einziges Lamm auf der Schulter,
05 hinaus auf des Felsens äusserste Klippe:
Dort fasst dich der Greis an der Schulter,
stösst dich hinab in die Schlucht,
die von weitem, weitem emporbraust:
bereit, zu empfangen das Lamm in die würdige Hürde
10 und dich, Hirt, in die Trift, wo du weidest die willige Herde.

1953 * (nicht datiert)       )

Der Anachoret

Vom Felsen schwankt ihm am Seil
im Krug das Wasser herab,
da ihn nicht stillte das heimlich
aus dem See mit Mühe geschöpfte:
05 Dort spiegelte Licht sich,
wo mühsam er schöpfte,
heimlich, und sich nicht stillte:
im Krug hier schwankt es geborgen
vom Felsen am Seil ihm herab.

1953 * (nicht datiert)       )

Votivbild

Aus dem Mund des Knaben die Taube
flattert im Kreis und birgt
im Mund der Mutter sich schnell 

unter der offenen Kuppel,
05 die leuchtet im Donnergewölk:
wo die kenternden Schiffer versprachen
Schalen und köstliche Kelche,
dass vor des ehernen Bergs
Steilwand sie rette der Knabe,

10 des Mund entflattert die Taube, 
kreist und schnell sich verbirgt 
in der Mutter lächelndem Mund.

1953 * (nicht datiert)       )

Der Pfau

Sachte setzte der Pfau einen Fuss vor den andern und zog den Schweif knisternd hinter sich her auf dem Geländer, bis er an die Stelle kam, wo das Gebüsch wuchernd in den schwarzen Garten hereinbrach, mit dem Gezweig voller Düfte sich den Eintritt erzwang: Bis er dorthin kam, Kopf und Krone hob, zögerte erst und dann anhielt, sodass sein Schweif, einen Augenblick blinkend, vom Geländer hinabfiel und dann sich barg in den Zweigen.

02 Erschreckt nun hob sich ein Wind aus dem Busch, stob ein purpurner Faltersturm in den Glanz, der aus der Zweige Ueberhang aufging: Der Pfau schlug das Rad in die Nacht.

1953 * (nicht datiert)       )

Die beiden Bäume

Kränze der Pilger in den Kronen der Bäume
preisen des Fremdlings abends vollendete Gabe:
Als in der Kühle die Greise den Mittag bedachten –
wie der Fremdling, von der Strasse sich wendend
05 nochmals zurück, wandelt zum Tempel die Hütte –
griffen beider Füsse knorrig die Krume,
griffen die Hände verholzt und belaubt in den Himmel,
Schatten zu geben den Pilgern für immer wie bisher,
dort, wo des Fremdlings abends vollendete Gabe
10 preisen die Kränze herab aus den Kronen der Bäume.

1953 * (nicht datiert)       )

Die gefällte Eiche

Wie der Wipfel sinkt der lichten Eiche,
nahen klagend alle ringsumher,
alle Nymphen klagen, wenn zur Erde
sinkt der Wipfel tief der lichten Eiche.

05 Wie der Wipfel sinkt der lichten Eiche,
bleichen weh die Blätter, tropft das Blut,
seufzt es aus der Krone klagend nieder,
wie der Wipfel sinkt der lichten Eiche:

Mit dem Wipfel sink ich dieser Eiche,
10 Schwester, die den Schwestern lange lieb;
von den Schwestern scheid ich, ihren Spielen,
mit dem Wipfel sinkend dieser Eiche.

1953 * (nicht datiert)       )

Der Trauerbaum

Ohne Träne
steht im Trauerbaum der Knabe,
wo der irre Speer traf durchs Gebüsch den Hirsch,
den er früh noch ritt und dem er
05 ins Geweih die Kette hing und um den Hals die Kapsel:
wo der Hirsch des Knaben Hände leckte,
eh der im Gebüsch verirrte
Speer des Schlafes Zelt zerriss,
ohne Träne steht im Baum der Knabe.

1953 * (nicht datiert)       )

Das Gewitter

Der Berg grünt plötzlich
auf im Gewitter, und eine Zeit unterm Regen
geh die Windung des Wegs ich hinab,
wo tief kocht das Gewölk, zuweilen
05 durchwühlt von wandernden Blitzen,
die wandern herwärts, die nahn:

Doch näher steht offen die Höhle,
darinnen der Quell überrauscht
den rauschenden Regen.

1953 * (nicht datiert)       )

Die flüchtige Taube

Verirrte Taube
weckt den Schläfer und flieht durch die Spalte der Tür
hinaus in den lichteren Saal,
runden Flugs die Treppe zur Zinne hinauf:
05 Wegsinkt sie der haschenden Hand
zwischen Zedern hinab in die stille
geöffnete Hand tief unten im Garten,
geborgen gurrende Taube.

1953 * (nicht datiert)       )

Der Nachmittag

Fontäne der Blüten, aus der brausenden Blattflut
steigend, erlischt vor der Kuppe des Bergs,
dem frühen Mond, der aufglimmt am Nachmittagshimmel,
heller bald als die schleuniger niederwärts eilende Sonne:
05 unter dem Mann,
der, schneeig schimmernd, stillschwebt und den beiden
aus zugewendeten Spiegeln widerleuchtenden Freunden,
die von oben da sind auf einmal,
erlischt die Blume, die Sonne: des Bergs
10 Kuppe drüben allein,
früh aufglimmender Mond
unter dem schneeig wolkenstill schwebenden Mann: wer ist es?
steht jetzt am Himmel
dieser erloschnen Fontäne, dieser verstummten Blattflut.

1953 * (nicht datiert)       )

Die Nachtreise

Da der letzte der Brüder
trat aus dem dämmrigen Gang in die Zelle,
trägt dich das Ross auf den Berg,
wo jenseits der Dünen
05 das zwielichtig spielende Meer
am Rand des Himmels versinkt
und aufspringt die Pforte
vor tausend Lampen ums Grab,
das immer duftet von Rosen. –
10 Noch füllen die Nüstern dir Rosen,
noch tausend Lampen den Blick,
da durch den dämmrigen Gang,
ehe noch tritt aus der Zelle
der erste der Brüder,
15 du schreitest zurück.

1953 * (nicht datiert)       )

In Fesseln

Der singt in den Fesseln,
der Greis treibt unter den Brücken der Stadt
wider die Strömung hinauf
zur nächtlich mit Lampen
05 im Winde wogenden Halle
oben am Ufer. –
Nur still aus der goldenen Wölbung
mit unermüdeten Lidern
blickt der Herrscher herab,
10 entgegen dem Greis,
den tragen die Brüder vom Floss
herein, nun stumm in den Fesseln.

1953 * (nicht datiert)       )

Die Belagerung

Die Brandung des Schluchzens empor
zu deinem Thron auf die Mauer
übersummt das Summen der Hummeln,
der Pfeile, die vor deinem Antlitz,
05 ehe noch traf ihr Stachel, wenden und sinken:
Bis tropfen, tropfen die Tränen
deiner offenen Augen
vom Thron, von der Mauer hinab
in die Brandung des Jauchzens.

Sonntag, 20 September 1953       )

Das Riff

Schneller, schneller treibt der Kiel
übern Lenker, den vom Steuer warf der Vogel,
stürzend aus dem Mond mit starren Flügeln,
schweigend in die winterstille Woge.
05 Schneller, schneller trägt der Kiel die Schläfer
auf das Riff, wo glänzen unter Kieseln
die Gebeine jener, welche früher
liefen auf das Riff in Winters Mondesstille.

Sonntag, 20 September 1953       )

Die verwandelten Schiffe

Hängen über den Dolden
des buchtigen Ufers die Segel,
fällt aus den Felsen
der Feind mit dem Speer.

05 Da tauchen, da schwinden die Segel,
da sinken die Schiffe im Schaum,
und Schwimmerinnen für Schiffe
steigen herauf.

Dem Feind vor den schwimmenden Mädchen
10 fällt der Speer aus der Hand,
wenn sie ziehen aus Dolden,
singend, des buchtigen Ufers
ins offene Meer.

Sonntag, 20 September 1953       )

Elegie

Sie verbrannten ihn am Morgen auf dem Hügel.
Noch im Rauch und Ruch der Balsamkräuter
hielt die Hand das Horn, womit er abends,
auf dem Ufer blasend, die Najaden
05 aus dem Grund gelockt: sie schwammen,
wach im Wiegen lauschend, an den Strand.
Doch der Triton warf vom Mund
wild das Gegenhorn und klomm am Fels
heimlich hoch und riss den Bläser
10 schnell hinab: die Mädchen riefen, suchten,
trugen spät den angespülten her
und verbrannten ihn am Morgen auf dem Hügel.
Noch im Rauch und Ruch der Balsamkräuter
hielt die Hand das Horn, womit er abends
15 die Najaden blasend aus dem Grund gelockt.

Sonntag, 11 Oktober 1953       )

Der Schuh

Wenn er auch streift an die Wipfel
mit dem gestohlenen Schuh,
so lässt er ihn doch nicht fallen hinab, wo ruhen die Fürsten,
in einen der Gärten am Wasser.
05 Sondern, wo tief unterm Turm
am Tor der König sitzt im Mittagsgericht,
dort erst stürzt nieder der Adler und wirft ihm den Schuh in den Schoss.
Aufschaun vom umstrittenen Teppich Wirker und Händler,
da wegfliegt der Adler, lässt fragend den König:
10 Bis er findet die Frau im ummauerten Garten,
eben entstiegen dem Bad,
wie ringsum sie sucht den einen, verlorenen Schuh.

Dienstag, 22 September 1953       )

Die Wallfahrt der Piraten

Aus dem Ufergebüsch
kommen sie wieder mit Fackeln
und steigen zur Grotte hinab,
wo sieht über silberne Herzen
05 das Auge der Mutter aufs Meer,
da sie her ohne Steuer und Ruder
trieb, bis aus dem Gebüsch
sie kamen und holten vom Schiff
die Wartende ein.

10 Wiederum weht
mit dem Rauch der Fackeln
über silberne Herzen die Hymne
zur erglühenden Kohle des Augs
der Mutter, träges Gewölk.

Sonntag, 20 September 1953       )

Der Entrückte

Als der Fischer
am Fuss des Felsens gelandet,
hinaufgestiegen und die Schulter des Fremden berührte,
hob dieser, der lang geschlossenen Auges gekniet,
05 endlich das Auge und sah,
dass er verlassen den heimischen Strand voller Feinde
und nun hier am entlegenen Strand
war, mit einem Fischer als Freund.

Sonntag, 20 September 1953       )

Der Baum der roten Beeren

Purpurn troff
der Baum der roten Beeren,
troff, vom Wind verwundet, in den Himmel,
dass das lichte Laken dunkelt.

05 Mit den nachterwartend üppig
überquollnen Blätterfluten troffen
nun die Beeren,
die da blutend, nicht verblutend, rissen
auf das Laken,
10 auf in Baumes Abendwunde.

Datiert: 1954       )

Die Entführung

Den Falken, den er eben gekauft, an der Wange,
singt auf dem Verdeck der Knabe den Händlern,
die laut ihm jubeln und lauter, bis dass ihm wegreisst die Stimme
der Wind, die Rahe ihm schlägt ins gewendete Lachen
05 und er, tränenwirr rings auf die Hämischen blickend,
den Falken als Boten, dass er geraubt auf dem endlosen
Wasser gefangen, loslässt ans Ufer zum Vater.
Datiert: 1954       )

Die Harfe

Ueber dem wehenden Klang vergassen die Fischer
die Netze des Nachts und irrten dem Morgen entgegen,
der in der Barke die nun an dem matten
Knaben verstummte Harfe heranträgt.
05 Sie ziehn sie ans Ufer, tiefer als sonst vom Fang der Fische,
ermüdet von diesem Fang, der erst im Morgen verstummte.
Datiert: 1954       )

Der Stein

Verborgen den Brüdern, im innern Gemach
den Stein zückt aus Fetzen der Bettler.
Und weinend führt der Vater ihn auf den Altan,
dem Volk zu zeigen den Sohn: es sieht ihn und jauchzt.
05 Doch tief unterm Strahl, den doppelt hinab
zückt der kräftige Stein, sich ducken die Brüder.
Datiert: 1954       )

Die Oase

Hinein führt über die letzte glühende Düne
die Schlange den versengten Fuss in den Tau,
der ihn löscht, noch bevor zuinnerst dem Mund
unter dem Palmbaum die Quelle die mit der steigenden Sonne
05 immer kühlere Kühlung zustäubt: wo,
ihr geneigt, erwacht schon am ersten Tropfen die Lippe.

Datiert: 1954       )

Der Trunk

Als er vom Heerfeld, das lag durstoffenen Munds,
hinabkroch, fand er im Winkel des geborstenen Schluchtmunds
Wasser und bracht es dem, der noch aufrecht allein sass.
Der nahm und goss aus Freundeshänden den Helm
05 wenigen Wassers hinweg: richtete auf mit dem reichlichen Wasser,
das schnell verronnen im Staub, die Halme des Heerfelds.

Datiert: 1954       )

Der süsse Quell

Du stürzest den Mund ins salzige Wasser,
das bittrer ihn als der Durst sengt.
Ehe du hörst ein Murmeln im Kies,
den Fuss dir scharrend benetzest.
05 Ehe du gräbst mit der Hand,
dass der Strahl dir hervorspringt. –
Laut rufst du, die mit den Wolken am Rand gehn:
Dass sie, wenn träge allein
weiterwandern die Wolken, ins Auge
10 empfangen den Strahl, der die Glut ihnen anfacht
und löscht auf der Scheide der Wüsten.

Datiert: 1954       )

Ankunft in der Oase

Wir sammeln das Harz, das die Myrrhenstämme herabrann.
Die Kamele schnupperten es weit in der Wüste,
darüber wegblickt die Palme, die nie sah der Oelbaum
der verschlossnen Oase: Wo nun sie schreiten hinein,
05 beladner als die Palme mit Datteln, als mit Oliven der Oelbaum,
mit der Myrrhen der Wüste würzigem Harz.

Datiert: 1954       )

Auf der Schaukel

Auf der Schaukel schaut der zottige Hund
stumm von unten mich an, stumm von oben und schüttelt das Haar.
Nur wenn er zuweilen dich sieht, blinde Frau,
die du sitzest verhüllt auf der Mauer des Brunnens,
05 dann jault er laut auf der Schaukel
und wendet das Auge und schaut wieder von unten, wieder von oben
stumm mich an auf der Schaukel und schüttelt das Haar.

Datiert: 1954       )

Das Haupt unterm Linnen

Auf der Flucht aus den Gassen der nächtlichen Stadt
trat ich ein in den Hof, wo rauschte die Ruhe
und auf dem Rand des Brunnens mitten in Blumen
ich das Haupt fand unterm Linnen.
05 Im Hof, wo rauschte die Ruhe allein in den Blumen,
jenseits der Gassen der Stadt, als aus der Nacht
mit tränenlos offenem Aug ich heimlich hineinfloh.

Datiert: 1954       )

Der Spiegel

Zum Kreis der Engel vom Grund der spiegelnden Vase
wölken die Dämpfe: der Talschlucht verwandter, verwundert
finden sich unten im Grund der spiegelnden Vase
von neuem die Engel, wo wölken die Dämpfe, verdunkelnd
05 das Bild der Engel, der hellen, die sich verwundert
verwandelt anschaun im Grund der spiegelnden Vase.

1951 * (nicht datiert)       )

Der Schwan

Wenn er tunkt das Haupt ins untere Wasser,
sieht er dort die ganze Welt
um Gebirg und Bäume stehn,
um Gebirg und Bäume wandeln
05 dort den Kämpfer, Lorbeer pflückend,
und am Ufer stehn, die sich umarmen:
wenn er tunkt das Haupt ins untere Wasser.

Wenn er hebt das Haupt aus unterem Wasser,
sieht er hoch den ganzen Himmel
10 um die Sonnen und die Monde stehn,
um die Sonnen und die Monde wandeln
dort den Sieger mit dem Silberzweig
und am Lichtstrom schauend stehn den Weisen:
wenn er hebt das Haupt aus unterem Wasser.

15 Wenn er tunkt das Haupt ins untere Wasser,
sieht er dort die ganze Welt,
sieht er dort den ganzen Himmel,
einen Abglanz von den Sonn und Monden,
wandeln um Gebirg und Baum,
20 sieht den Sieger mit dem Silberzweig
jenem lächeln, der den Lorbeer pflückt,
und den Weisen über der Umarmung
sieht er widerlächeln in der Woge:
wenn er tunkt das Haupt ins grüne untere Wasser. // 02

25 Wenn er tunkt das Haupt ins untere Wasser,
lockt Gebirg und Baum, dass er sich niedersenke.
Wenn er hebt das Haupt aus unterem Wasser,
locken Sonn und Monde, dass er sie umkreise.
Aber, schwachen Atems, kann er nimmer tauchen,
30 schwacher Flügel trägt ihn nicht empor:
wenn er hebt das Haupt aus unterem Wasser.

Wenn er hinschwimmt auf dem unteren Wasser,
der Gespräche stiller Zwischenlauscher,
weiss er jedes Bild und Spiegelbild,
35 selber unbekannt der Höh und Tiefe,
bis am Abend im Gebüsch des Ufers
bricht aus weisser Brust, was er erfuhr,
weher Sang, den Winden übergeben:
als er hinschwamm auf dem unteren Wasser.

1951 * (nicht datiert)       )

Nur Bedrängnis statt erhofften ...*

Nur Bedrängnis statt erhofften,
statt verheissnen Glücks des Schlafes
an dem kühlen Fuss der Ulme,
wo der Schatten kühner kämpft
05 gegen Nachmittages Licht:
wo die Burg scheint von dem Felsen,
weiss Gemäuer aus dem Silber,
aus den Stacheln der Gewächse,
zwingt den Ruhbegehrer stets
10 neu in diesen hellen Anblick,
sagend: "ich bin stärker als die
Stille und die Schattenkühle;
willst du fliehen, willst du schlafen:
zwingen will ich dich, im Traum
15 aufzusteigen her zu mir,
dich zu ritzen an den Stacheln.
Jede Wunde soll Begierde
nach der Höfe kahlen Mauern,
nach vergessnen Häftlings Seufzern
20 dir befeuern". Ausgedörrt ist
Sinn und Seele beim Erwachen
aus Bedrängnis statt erhofftem,
statt verheissnem Glück des Schlafes.

1951 * (nicht datiert)       )

In die Tiefe, wo das Chaos braust ...*

In die Tiefe, wo das Chaos braust,
fällt vom Stern, der wie der Adler saust
auf den Gipfel aus den höchsten Bränden,
nicht ein Schimmer. Nur in einem Tal
05 wiegt er sich auf grüner Zeder Krone:
Magier, begierig nach dem Sohne,
kennt des Zeichens offenbarte Zahl,
rüstet Herden, ihm sie zuzusenden,
mit den Knechten, nächst dem Tor behaust,
10 über Tiefen, wo das Chaos braust.

1951 * (nicht datiert)       )

Reiner, reiner ist heut dieser Lohn ...*

Reiner, reiner ist heut dieser Lohn,
den wir gestern zagend noch empfangen:
Mond ist in der tiefsten Stunde schon
hinter Meer und Inselwelt mit Prangen
05 hingesunken. Und das Heer, mit Flügeln
blinkend, kommt von schwarzen Hügeln,
Heiles Schilde mächtig in den Händen,
helfend nieder: grunderregte Welle
drängt, die falschen Lichtes trüglich blenden,
10 Todesfürsten nach der Felsenschwelle.
Und die Pforte donnert überm Drohn.

1951 * (nicht datiert)       )

Glanz im unbefleckten Osten ...*

Glanz im unbefleckten Osten:
wie der Pfau, der im Gesträuch sein Rad
schlägt am Schattenrand des Weihers –
und es sprühn die Augen schmetterlingsgleich,
05 wenn er schreitet unter zapfenreicher
Fichte, dem Granatbaum, der von Früchten strotzt –:
Reicher Glanz im unbefleckten Osten
weckt am Weiher auf den Pfau,
zückt das Fichtengrün zur Helle,
10 küsst Granaten in die Süsse:
Reicher Glanz, der steigt im unbefleckten Osten.

1951 * (nicht datiert)       )

Dort aber, dort aber glüht ...*

Dort aber, dort aber glüht
deines Gedächtnisses innige Blüte,
wo du am Tor des Gewölbes
hebst den Schleier und Wogen von Flieder
05 hemmen nimmmer den Freund,
wenn er niedersteigt nachmittages,
Unbezwungner, zu dir, die nicht hält der untere König,
zu dir, der Unbezwungnen, Bruder zur Schwester:
jetzt, in der Stunde, wo die Kinder
10 des Vaters täglich sich treffen,
wenn es der Wächter nicht sieht,
heimlich im Hain, der weiter als alle Hallen des Todes:
jetzt, jetzt, wo die Leuchte schattenlos
und ewig die Stunde.

1951 * (nicht datiert)       )

Alter Frau Melancholie ...*

Alter Frau Melancholie
blühn in Armes matter Beuge
nicht der Strauss,
ja die Düfte nicht einmal
05 von dem Blumenstrauss der Sommerwiesen:
und ihr Bruder,
schwülen Sommers dunkler Dämon,
rollt hinweg die goldnen Kugeln
hinter finstere Gebirge,
10 weil der Halle Säulen
diese Last kaum tragen mehr
todestrüben Blicks der Alten,
deren Arm in matter Beuge
nicht mehr hält den Strauss von Wiesen,
15 ja die Düfte nicht einmal
von dem Blumenstrauss der Sommerwiesen.

1951 * (nicht datiert)       )

Wie die aufgebrochne Rose ...*

Wie die aufgebrochne Rose brennt die Liebe nicht einmal.
Wie die Wüste, quellenlose, dürstet Seele nicht einmal.
Urbild überwindet Abbild, dessen Rühmung Prahlerei.
Wie die Nacht, die makellose, leuchten Tage nicht einmal,
05 welche laute Taten tragen, die dem Nachtsinn fortgeschwemmt:
ihm brennt wie die eine Rose Rosengarten nicht einmal.

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