Briefe

Inhalt: Briefstellen zur Gedichtproduktion
Signatur: Vgl. Angabe bei den einzelnen Texten

Kommentar: Die Auswahl ist beschränkt auf einige wenige Briefe, v. a. aus der Verlagskorrespondenz; vgl. auch einige Briefentwürfe Raebers in den Notizbüchern
Wiedergabe: Textkonstitution ohne Verzeichnung der Korrekturen

Sonntag, 19 April 1953       )

Von Paul Huber, 19.4.1953

Lieber Kuno,

[…]

Die Gedichte entsprechen nach meiner Ansicht ziemlich genau dem, was Du selber geschrieben hast über Deine gegenwärtige Lage. Das Gedicht "Die Lampe" möchte ich immerhin weit über die andern stellen. Es behandelt in einfacher, evidenter Weise ein meines Erachtens grosses Symbol. Lass diesen bedeutenden Stoff nicht los und mache noch etwas Bedeutenderes draus. Es sollten die Sehnen des Gedichtes etwas gespannter sein. Vermeide jeglichen beschaulichen Quietismus. Vision ist Ruhe gewordene höchste Aktivität, nicht Quietismus. Ich sehe noch zu wenig Notwendigkeit in den sprachlichen Besonderheiten dieses Gedichtes, z. B. im Weglassen des Artikels, in der Inversion "wirft sie" (3. Zeile) – Ich weiss schon, dass z. B. der Artikel unter Umständen zu stark vergegenständlicht, aus dem Allgemeinen herauslöst. Bei Dir wirkt das Weglassen auf mich oft etwas manieriert, gerade als Scheu vor der gegenständlichen Sache, Mangel an Wille zur Inkarnation, und als sublime Scheu vor dem jambischen Auftakt. Ich gäbe viel für das "die" vor Lampe, oder etwa für das "sie" vor "fürchtet" – natürlich nicht einfach so hingesetzt, aber für eine Veränderung Deiner Schweibweise in dieser Richtung. Du hast einen kräftigen Schuss Realismus nötig, sonst bekommt man mit der Zeit den Eindruck, Deine Symbole wie Konditoreifiguren, in Watte und Seidenpapier gehüllt, zu erhalten. Marzipan und überreife // Pfisiche sind gut – Brot und Wein sind bedeutender!

Den Mangel an Härte empfinde ich vor allem in "Afrodite". Die letzte Zeile, die dem vorher verwendeten überkommenen Requisitorium das neue Leben geben sollte, fällt nach meinem Empfinden ab, sodass man die Wiedererweckung eines Topos hat, und statt einen kräftigen eigenen Lichtstrahl in das Szenarium des Topos zu sehen, hört man das Geräusch der Feuersteine, aus denen kein herzhafter Funke springen will.

Muss nicht beim Gedicht "Die Lichtung" die Reflexion allerhand von dem ergänzen, was der sprachlich und vor allem bildhaft spontanen Evidenz in Bezug auf das Tanzsymbol abgeht? Wenn man das Gedicht mehrmals liest, beginnt der langsam wiegende trochäische Rhythmus zu sprechen. Bringt er es fertig, in seinen milden Morphiumrausch Fels und Baum unter der Sichel einzuwiegen? Geht das nicht fast eher auf ein Wiegenlied los, als auf ein Tanzlied? Auf jeden Fall ist es bedeutend schwerer, nur Fels + Baum unter der Sichel zum Tanz um den in die Lichtung getretenen Menschen zu bringen, als eine grössere Menge von Dingen. Man fühlt sich veranlasst, nach der Deutung der einzelnen Symbole zu suchen, (Fels, Baum etc.), und nimmt sie nicht einfach als das All hin.

Aus dem "Pfauenlied" werde ich nicht recht klug. Doch, gerade jetzt ist's mir aufgegangen! // Besser spät als nie! Wieder einmal ein neues Symbol für das Höhlengleichnis! Das Pfauenrad ist herrlich dafür – aber für viele Leute sind die Blumen zu kräftig, zu wenig dämmerig um einen Lichtgegensatz zu erlauben. Du erweckst Lichtvorstellungen, also sinnliche Eindrücke, und trotzdem muss man sie wieder los werden, um nicht durch andere sinnliche Eindrücke logisch falsch geführt zu werden (Aequivozität von "mischen" in der 2. und 3 Zeile der letzten Strophe z. B.). Und eben, der optische Hauptkontrast ist nur intellektuell zu erleben. Der Einfall, die Pfauenblumen der andern Welt und die irdischen Blumen zu kontrastieren, ist kostbar. Die Durchführung überzeugt mich nicht recht. Wäre die Schwierigkeit des mangelnden direkten Kontrastes im Optischen nicht durch die Einführung eines zeitlichen Nacheinanders oder derg. zu überwinden? Oder wäre nicht ein echtes Kunstmärchen zu dichten um diesen Kern herum?

[…]

Freitag, 17 April 1953       )

Von der Redaktion Deutsche Rundschau, 17.4.1953

Herrn Dr. Cuno Raeber
Tübingen
Fürststr. 17

Sehr geehrter Herr Doktor Raeber,

Herr Reichsminister a.D. Treviranus hatte die Liebenswürdigkeit, uns mit Ihren Gedichten bekanntzumachen. Wir haben sie mit Aufmerksamkeit und lebhafter Anteilnahme gelesen, wenn wir uns auch nicht entschliessen konnten, das eine oder andere zur gesonderten Veröffentlichung in der Deutschen Rundschau anzunehmen; denn unsereres Erachtens besteht ein innerer Zusammenhang zwischen den Gedichten, der nur in einer Buchpublikation deutlich werden kann. Freilich ist es in Anbetracht der Situation der meisten deutschen Verlage schwer, einen Rat zu geben, welcher Verleger das mit einem Gedichtband immer verbundene Risikon unternehmen würde; vielleicht wenden Sie sich einmal an den Bechtle-Verlag in Esslingen, oder auch an Eugen Diederichs in Düsseldorf, die beide entsprechende Publikationen in jüngster Zeit herausgebracht haben.

Das Manuskript dürfen wir Ihnen anbei mit unserem verbindlichen Dank zurückreichen.

Mit den besten Empfehlungen

DEUTSCHE RUNDSCHAU
Redaktion

Dienstag, 16 März 1954       )

Von Walter Höllerer, 16.3.1954 (Akzente)

Sehr geehrter Herr Doktor Raeber,

01 ich habe auf drei verschiedenen Wegen Mskrr. von Ihnen erhalten: durch Herrn Bender, durch Herrn Podszus vom Suhrkamp-Verlag und durch Herrn Günther von der DVA. Einige Ihrer Gedichte haben mir sehr gut gefallen. In letzter Minute hat sich ergeben, dass ich für Heft II (1. April) der 'Akzente' noch drei Seiten zur Verfügung habe: ich habe sie für Sie angesetzt und hoffe, dass Sie damit einverstanden sind.

02 Wir haben 7 Gedichte herausgesucht: Der Pfau, Der Baum, Der Trauerbaum, Die verwandelten Schiffe, Der Gang, Der Schläfer, Der Entrückte. Es scheint mir, dass sich diese Stücke zu einer Art Zyklus zusammenschliessen lassen. Ich habe die Gesamtüberschrift: 'Der Gang' vorgeschlagen.

03 Das Heft ist bereits im Druck. Ich wäre Ihnen daher sehr dankbar, wenn Sie dieser Auswahl, Anordnung etc. zustimmen wollten: denn eine grössere Veränderung würde es notwendig machen, dass wir diese Seiten zunächst weglassen müssen, und bei dem Raummangel, wie er in unserer Zweimonatsschrift chronisch zu werden droht, ist nicht abzusehen, wann ich mit Ihren Gedichten dann zum Zuge komme. – Natürlich erhalten Sie vorher Fahnenabzüge. – Das Honorar wird voraussichtlich ungefähr 120.- DM betragen.

Mit freundlichen Grüssen
Ihr
Walter Höllerer.
Donnerstag, 25 März 1954       )

Von Hans Rudolf Hilty, 25.3.1954 (Hortulus)

Sehr geehrter Herr Doktor Raeber,

01 Herr Dr. Peter Keckeis in Küsnacht-Zürich war so liebenswürdig, mir Gedichtmanuskripte von Ihnen vorzulegen. Wie Sie von Ihm vielleicht schon wissen, habe ich einiges für meine Zeitschrift hier behalten. Fürs erste erscheint nun im Märzheft (das dieser Tage ausgeliefert wird) Ihr Gedicht "Auf der Insel gehn die gestrandeten Schiffer …". Anderes folgt in den weiteren Heften. Ich hoffe, Ihnen mit diesen Veröffentlichungen eine kleine Freude zu bereiten, und ich hoffe auch, dass Ihnen meine Zeitschrift gefällt. Belege des Märzheftes werden Sie in den nächsten Tagen erhalten.

02 Leider kann ich nur sehr kleine Honorare bezahlen (und auch diese nur dank freundlicher Unterstützung durch eine Stiftung). Für das Gedicht im Märzheft stehen Ihnen 10 SFr. zu. Darf ich Sie vielleicht bitten, mir noch zu melden, ob ich Ihnen diesen Betrag nach Tübingen senden soll oder an eine Schweizer Adresse, oder ob ich ihn einfach vorläufig zu ihren Gunsten auf meinem "Hortulus"-Konto soll stehen lassen? Ich kann das ganz richten, wie es Ihnen am angenehmsten ist.

03 Und wenn Sie mir neue Manuskripte senden wollen wird mich das jederzeit freuen.

Mit den freundlichsten Grüssen bin ich immer
Ihr sehr ergebener
Hans Rudof Hilty

Mittwoch, 07 April 1954       )

Von Akzente, 7.4.1954

Sehr geehrter Herr Doktor Raeber,

in Abwesenheit von Herrn Doktor Höllerer, der verreist ist, danke ich Ihnen für Ihren Brief. Die Änderung des Wortes 'Felsschlucht' zu 'Feldschlucht' in Ihrem Gedicht 'Der Baum' hat Herr Doktor Höllerer bemerkt, aber für eine nachträgliche Autorkorrektur gehalten und für besser angesehen als 'Felsschlucht! weil es ungewöhnlicher und doch als Bild durchaus vorstellbar und überdies konsonantisch besser ist. – Die Verwechslung des Geburtsortes ist wahrscheinlich auf ein Missverständnis der Notiz in den 'Konturen' zurückzuführen. – Die Übersendung der Korrektur an die Druckerei war keineswegs störend.

Bitte entschuldigen Sie diese Versehen, die auf die überstürzte Drucklegung zurückzuführen sind.

In vorzüglicher Hochachtung

i.A. G. Holland¿

Donnerstag, 29 Juli 1954       )

Von Hans Rudolf Hilty, 29.7.1954 (Hortulus)

St. Gallen, den 29. Juli 1954

Sehr geehrter Herr Doktor Raeber,

für Ihre Manuskripte danke ich Ihnen herzlich. Ich habe im Sinne, die meisten oder vielleicht sogar alle Ihrer Verse miteinander zu bringen. Nur wäre es mir in diesem Falle angenehm, Sie könnten einen Gesamttitel über die Gruppe setzen: gewissermassen als Rechtfertigung dafür, dass ich von einem einzelnen Mitarbeiter so viel auf einmal bringe (was ich eben stets nur bei Zyklen tue, nicht bei einzelnen Gedichten). Ferner: Darf ich Sie noch bitten, mir den Titel Ihres seinerzeit im Vineta-Verlag erschienenen Bändchens zu nennen?

Mit wiederholtem Dank und vielen Grüssen
Ihr Hans Rudolf Hilty

Montag, 30 August 1954       )

Von Hans Rudolf Hilty, 30.8.1954 (Hortulus)

Zur Zeit auf dem Bodensee, 30. 8. 54

Sehr geehrter, lieber Herr Doktor Raeber,

Haben Sie herzlichen Dank für Ihre Karte aus Spanien. Ich versende nur ausnahmsweise Probeabzüge. So ist nun auch das Septemberheft bereits im Druck. Für Ihre Gedichte habe ich aus Ihren Vorschlägen den Gesamttitel „Etüden“ gewählt. Aus Raumgründen musste ich leider eines der zehn Stücke weglassen („Der Stein“). Die andern neun sind genau nach Ihrem Manuskript gedruckt. So hoffe ich, Sie werden mit der Veröffentlichung zufrieden sein. Wohin soll ich die Belege schicken (sie dürften in 8-10 Tagen ausgeliefert werden)? und wohin das Honorar? (Dieses kann ich natürlich auch zurückbehalten, bis Sie darüber verfügen).

Mit den freundlichsten Grüssen bin ich stets
Ihr Hans Rudolf Hilty

Donnerstag, 04 November 1954       )

An Thomas Räber, 4.11.1954

Deine Briefe und Karten aus England bestätigen mir, was ich bisher über dieses Land gehört habe: es wundert mich nicht, dass man dort, und in Amerika, offenbar die beste moderne Lyrik macht, vielleicht die beste moderne Dichtung überhaupt, indem doch das Gedicht sehr oft aus der Erfahrung der Diskontinuität der äussern Welt, des Mangels an Durchbildung, erwächst. Das Schöne neben dem Hässlichen, das Sinnvolle neben dem Verrückten, das Gute neben dem Bösen zu sehen, das erzwingt doch offenbar das Gedicht als einen Versuch, die geheime Verbindung aufzudecken vom einen zum andern.

Ich habe in den letzten Monaten eine Entgrenzung, Eröffnung, Erweiterung – so scheint mir – meiner Dichtung erlebt, die mir klar zu machen, daraus nun für jede einzelne Arbeit, für jeden Vers die Konsequenz zu ziehen, mich im Augenblick vollauf beschäftigen könnte. Das läuft, kurz gesagt, vielleicht darauf heraus: die ganze Welt kann in einem unmittelbareren Sinn Gegenstand der Dichtung sein, als ich das bisher für praktikabel gehalten hatte. Es gibt keine poetischen und unpoetischen Gegenstände mehr. Es kommt nur auf die Methode an: Poesie ist eine Methode der Weltdarstellung, der Weltbeherrschung, der Wirklichkeitsbeschwörung, wobei ich nicht meine, was ich bisher getan habe, sei falsch gewesen: das waren poetische Übungen an ausgewählten Objekten. Aber jetzt fange ich an zu fühlen, dass es schlechterdings keinen Bereich gibt, in den ich geistig einzudringen imstande bin, den ich, mit der Seele und den Sinnen betreten kann, der nicht zum Gedicht werden könnte, den ich nicht, wenn ich die Methode beherrsche, // meine Methode, ins Gedicht ziehen kann. – / nun, das ist Theorie, ich werde Dir die ersten Beispiele bald zeigen: wenn möglich gedruckt; wenn das zu lang geht, schicke ich Dir das Manuskript. – Es ist diese, fast plötzliche, Erkenntnis wie, es fällt mir im Augenblick nicht anders ein, ein geistiger Rausch,ein Taumel. Und zugleich das Gegenteil: Ernüchterung, Desillusion, als ob ich endlich von einem Sockel herunter steigen, ein enges Zimmer verlassen hätte. Geholfen haben mir hier die Gedichte Ezra Pounds, der Marianne Moore, Marcel Proust; und Musils „Mann ohne Eigenschaften“, den ich jetzt grad lese, bestärkt mich.

[…]

Donnerstag, 30 Dezember 1954       )

Von Hans Paeschke, 30.12.1954 (Merkur)

Sehr geehrter Herr Raeber,

01 wir korrespondierten bereits mehrfach und bisher ohne Resultat. Umsomehr freuen wir uns, Ihnen heute mitteilen zu können, daß wir im nächsten Jahrgang einige Gedichte von Ihnen veröffentlichen wollen. Die Auswahl entstammt einem Konvolut, das uns über Herrn Alfred Günther von der Deutschen Verlags-Anstalt zuging.

02 Es handelt sich um die drei Gedichte: "Abend", "Lied aus der Wiege", "Die drei Kammern". Um ein viertes Gedicht geht noch die interne redaktionelle Diskussion. Sie betrifft das Gedicht "Die heilige Katharina", das mich persönlich stark beeindruckte.

03 Mein Mitherausgeber Dr. Moras und ich wären Ihnen jedoch sehr dankbar, wenn Sie uns zur Deutung bzw. Interpretation dieses Gedichtes noch etwas unter die Arme greifen könnten. Wir befürchten, eine<m> Teil unserer Leser möchte es mit dem Verständnis dieses Gedichtes ähnlich gehen wie uns. Hat das Gedicht Bezug auf eine bestimmte Legende der 'Heiligen Katharina'? Wenn ja, schiene es uns ratsam, in einer Fußnote oder Anmerkung diese Legende kurz anzudeuten, um damit dem Leser das Verständnis einiger sonst rätselhafter oder verrätselter Stellen – namentlich am Schluss – zu erleichtern. Ausserdem wären wir für einige kurze biographische Angaben sehr verbunden.

Mit besten Empfehlungen und Neujahrsgrüssen!

Paeschke

Sonntag, 29 Januar 1956       )

An Thomas Räber, 29.1.1956

Zu deiner Grundsatzerklärung über Gedichte habe ich kein Wort hinzuzufügen: ich bin genau Deiner Ansicht. Alles Esoterische – im Sinn des sich Abschliessenden, vulgus profanum Hassenden – ist mir zuwider. Soll heissen: ein Kustwerk muss jedem zugänglich sein, jeden treffen und betreffen, wenn er und soweit er imstande ist, sein Innerstes, sein Selbst zu öffnen und es aufzunehmen. Und hier liegt ja, wie Du richtig sagst, die ganze Schwierigkeit: wenn einer das Gedicht nicht versteht, liegt das daran, dass er nicht offen ist dafür oder daran, dass das Gedicht zu unverständlich ist, um hineinzufinden durch sein offenes Tor, eine Ware, die nicht in die Stadt kommen kann, nach der sie adressiert ist? Wer soll das im einzelnen Fall wissen? […] Denn ich selber meine immer, diese Bedingung, der Handlichkeit, zu erfüllen in meinen Gedichten: den Geist der Leser zwar vielleicht anzustrengen, aber zuvor ihn zu reizen und auf den Weg der rechten Anstrengung zu führen. Denn so etwa muss man es ja machen: reizen und so zu einer neuen Bewegung zwingen. Gelänge das meinen Versen nicht, so würden sie eine wesentliche Bedingung nicht erfüllen und wären schlecht. […]

Mittwoch, 22 Februar 1956       )

An Thomas Räber, 22.2.1956

[…]

Der „Merkur“ will im Juni Gedichte bringen, im September oder Oktober soll der neue „Jahresring“ mit einer weiteren Reihe erscheinen. Das geht sehr langsam mit dem Publizieren: mir gefallen die Gedichte des vergangenen Jahres – vor allem die vorletzte Serie, nicht die letzte, über die unsere Diskussion ging – schon nur noch halb. Ich habe den Eindruck, eine Methode zu stur angewandt zu haben, nicht zuletzt unter Deinem und Jensens Einfluss: ich habe die Inversion auch dort vermieden, wo sie richtig wäre, so bekamen manche Verse etwas pedantisch Hölzernes. Man sollte auf niemanden hören, oder doch nur mit grösster Skepsis. Es ist besser die eigenen Fehler zu machen als die anderer Leute. –

Sonntag, 27 Mai 1956       )

An Thomas Räber, 27.5.1956

[…]

Im übrigen habe ich einen dramatischen Versuch […] schon sehr weit gebracht. Er kann gut werden, wenn ich dabei bleibe; und diesmal habe ich das Gefühl, dass ich es tue. Die DVA hat sich sehr brüsk von meinen Arbeiten distanziert; der Lektor, der mich mochte, ist pensioniertworden: ich fürchte nun Rückwirkungen auf den „Merkur“ und den „Jahresring“, die sehr abhängig, wie man mir sagt, von der Verlagsleitung sein sollen. Dann müsste ich wieder von vorne anfangen. Denn den guten St. Galler „Hortulus“ kann man mit dem besten Willen nicht für voll nehmen. –

[…]

Montag, 20 März 1961       )

An Horst Bienek, 20.3.1961 (Blätter und Bilder)

München, Leopoldstrasse 27, 20.3.1961

Lieber Herr Bienek,

01 eben sah ich die neue Nummer von B+B mit den drei Gedichten: Es drängt mich, Ihnen meinen Dank auszusprechen, 1. für die Veränderung meiner Biographie und 2. für die Veränderung bezw. Verbesserung des ersten der drei Gedichte.

02 1. Im biographischen Anhang haben Sie mich vom Stellvertretenden Protektor zum Protektor erhoben (, welches Amt damals wie heute von Professor Snell bekleidet wird); ausserdem haben Sie meine Amtszeit, die von 1955 bis 1957 dauerte, bis 1959 verlängert. Ihre Grosszügigkeit würde schlechterdings vollkommen, wenn es Ihnen gelänge, die Nachzahlung der entsprechenden Gehaltsdifferenz zu erwirken.

03 2. Was aber die Verbesserung meines Gedichts "Das Ohr des Dionysios" angeht, kann ich mich kaum fassen vor Rührung: Es ist Ihnen gelungen, aus einer dürftigen Skizze, einem Ansatz zu einem Gedicht, ein Kunstwerk zu machen. Besonders feinsinnig und einfühlend finde ich, dass Sie sich nicht mit der Glättung rhythmischer Härten begnügt, sondern auch die charakterlich fragwürdige Person des Tyrannen Dionysios von Syrakus (406-367 v. Chr.) – mein Gedicht bezieht sich auf eine Episode aus seinem Leben – durch den Gott Dionysos ersetzt haben. Ich bitte Sie lediglich, falls Ihre Bescheidenheit das nicht verbietet, in der nächsten Nummer Ihrer Zeitschrift meine stümperhafte Fassung doch noch abzudrucken: damit der Leser sieht, was ein genialer Redakteur aus einem Pfuschwerk machen kann.

In bewundernd dankbarer Herzlichkeit
Ihr
Kuno Raeber

Freitag, 16 November 1962       )

Von Hilde Classen, 16.11.1962

Lieber Herr Raeber,

01 Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief vom 12. November und für das Ms der GEDICHTE. Ich habe es mit großem Interesse und mit großer Freude gelesen und bin bereit, diese GEDICHTE noch unserer nächsten Produktion einzufügen, sodaß sie im Frühjahr 1963 erscheinen können.

02 Sie haben recht, einige der Gedichte waren mir bekannt durch Veröffentlichungen, so NEAPEL: PALAZZO REALE und PANTHEON. Ich war sehr beeindruckt, die Gedichte zu lesen resp zu hören, denn auch diese Gedichte verlangen danach, laut gelesen und gehört zu werden, und erfreut, wie sehr die Gedichte an Ausdruckskraft noch gewonnen haben, am meisten erkennbar etwa in den großartigen Gedichten
UNTER DEM GITTER
ENGEL IM REGEN
LABBYRINTH
BIENEN.

03 Es ist im Grunde müßig, einzelne der Gedichte herauszuheben. Bei jedem neuen Lesen begegnet man wieder einer anderen, für Sie typischen Ausdrucksform.

04 Nur eine Frage: haben Sie womöglich aus der letzten Zeit, also aus 1962 – diese Gedichte haben mir den stärksten Eindruck hinterlassen – noch einige wenige, die man hinzunehmen könnte, sodaß auf diesen Gedichte<n> das stärkste Gewicht liegt? Ich würde mich herzlich darüber freuen. Es sind jetzt 51 Gedichte.

05 Ich glaube, die Form unserer kleinen Gedichtände hatte Ihnen besonders gut gefallen. Ich möchte in dieser oder einer ähnlichen Form auch dieses neue Bändchen bringen.

06 Ihren Klappentext finde ich sehr gut.

07 Alles Weitere dann in der nächsten Zeit. Für heute herzliche Grüße und vielen Dank, daß Sie mir das Manuskript schickten.

Ihre
CLAASSEN VERLAG
G.M.B.H

Dr. Hilde Claassen

Samstag, 17 November 1962       )

An Hilde Claassen, 17.11.1962

München, Ainmillerstrasse 1, 17.11.1962

Sehr verehrte, liebe Frau Claassen,

recht vielen Dank für Ihren freundlichen Brief! Die Form ihrer kleinen Gedichtbände hat mir im Ganzen gefallen d.h. Schrift und Papier. Der Einband dürfte nach meiner Meinung etwas fester sein, ausserdem würde sich eine richtige Buchhülle gut machen, etwa so wie bei den Gedichtbänden der Kaschnitz. Dort finde ich auch das Format besser: Buchhändler haben mir bestätigt, dass grössere, etwas unübliche Formate leichter ankommen.

Titel: Vielleicht wäre AM STROMRAND noch besser als FLUSSUFER. Beide Titel rufen etwa dieselben Assoziationen hervor, aber AM STROMRAND ist etwas profilierter klingt härter.

Ich lege Ihnen hier noch ein paar Gedichte aus diesem Jahr bei. Ich hatte sie absichtlich ausgeschieden, weil sie mir weniger gefielen; aber das eigene Urteil ist ja nicht immer das beste, man braucht lange Zeit, bis man zu den eigenen Produktionen das richtige Verhältnis hat. Übrigens, nach meiner Zählung habe ich Ihnen genau 50 Gedichte geschickt, woher kommt das einundfünfzigste, oder habe ich mich verzählt?

Mit herzlichen Grüssen
Ihr

Freitag, 23 November 1962       )

Von Hilde Claassen, 23.11.1962

Lieber Herr Raeber,

01 Für Ihren Brief vom 17. November vielen Dank. Auch für die Gedichte STRASSE, SOMMERBAUM, KIESEL, STRASSENBAHNWAGEN, SOMMER, die Sie dem Brief beifügten. Ich bin mir noch nicht ganz klar darüber, ob ich sie alle werde einfügen können, evtl. das eine oder andere der früheren dagegen austauschen. Was meinen Sie? Es wären im ganzen, wenn ich sie alle hinzunehme, jetzt 55 Gedichte. Es waren vorher 50, nicht 51 – es war ein längeres darunter, sodaß unser Hersteller beim Kalkulieren die Fortsetzungsseite als ein Extragedicht gerechnet hatte.

02 Ich finde es verständlich, daß Sie dem Gedichtband einen festeren Einband wünschen. Eine richtige Buchhülle allerdings halte ich nicht für angebracht. Bei den letzten Gedichten von Frau Kaschnitz DEIN SCHWEIGEN MEINE STIMME hatten wir eine Cellophanhüllte umgelegt, die sich aber in der Praxis als nicht sehr haltbar und vorteilhaft erwiesen hat. Ich denke, man sollte einen festen Umschlag mit einer guten Schriftlösung machen.

03 Zum Titel: "Flussufer" finde ich weit besser als "Stromrand". Die Bewegung, das Strömende ist bedeutend sinnfälliger in "Ufer" festgehalten als in "Rand"; bei "Rand" habe ich die Vorstellung von etwas Starrem, Totem und merkwürdigerweise Rundem, jedenfalls etwas nicht Strömendem.

04 Einen Vertrag über die Gedichte lasse ich aufsetzen. Falls er heute nicht rechtzeitig zum Postabgang fertig wird […], folgt er Anfang nächster Woche.

Mit herzlichen Grüssen
Ihre
CLAASSEN VERLAG
G.M.B.H

Dr. Hilde Claassen

Donnerstag, 20 Dezember 1962       )

Von Hilde Classen, 20.12.1962

Lieber Herr Raeber,

01 Haben Sie Dank für Ihren Brief vom 14. Dez. 1962 und die zehn Gedichte, die ihm beigefügt waren. Ich habe mich gestern eingehend mit dem Manuskript beschäftigt und bin dabei zu folgender Überlegung gekommen: Es gibt unter allen Gedichten, also denen aus den Jahren 1960, 1961 und 1962, einige wenige, die ich wegzulassen vorschlagen möchte; einige wenige andere, bei denen ich ein Wort oder einen satz fortlassen würde weil ich glaube, sie werden dann viel ausdrucksvoller und einprägsamer – aber die letzte Entscheidung darüber haben selbstverständlich Sie.

Im einzelnen:

1960
02 ausgezeichnet: PALAZZO REALE und PANTHEON; FENSTER hingegen schlage ich vor wegzulassen. Dieses ganz kleine Gedicht müßte von einer äußersten Prägnanz sein, aber das ist es, soviel ich das sehe, nicht.

03 Das sehr schöne Gedicht GINSTER würde gewinnen, wenn die beiden letzten Zeilen wegbleiben könnten.

1961
03 ELEGIE schien mir bei der ersten, bei der zweiten wie auch bei der dritten Lesung zu peripher; ich schlage vor, es fortzulassen.

04 Das Gedicht VOGEL fände ich ausgezeichnet, wenn man am Schluß sagen könnte "taumelt traumlos und erinnert sich nicht an eine dieser Küsten, die klirrend kichern."

05 DIE HUPE schlage ich vor fortzulassen.

06 FÄHRE – hier würde ich den letzten Satz "und das Blech zerstückelt" fortlassen.

07 NOVEMBER ist ein sehr schönes Gedicht, aber es stört mich ein wenig "undefinierbares Pelzwerk". Ich verstehe, wie Sie dazu gekommen sind, aber dennoch würde ich ein anderes Adjektiv einsetzen, das dem 'zerschliessenen' in der vorhergehenden Zeile verwandter ist.

08 SEESTÜCK schlage ich vor fortzulassen.

09 KINDERZIMMER. Ich schlage vor, dieses Gedicht mit Zeile 13 "Brücke" enden zu lassen. //

1962
10 BÄUME schlage ich vor wegzulassen.

11 WENN DER SCHNEE SCHON. Die letzte Zeile schlage ich vor wegzulassen, weil sie dem Gedicht eine Wendung ins Sentimentale gibt, die ihm nicht gemäß ist.

12 TERRASSEN. Könnte man nicht in der letzten Zeile ein anderes Wort für "unverfroren" finden?

13 FLUGZEUG. Hier schlage ich vor, in der vorletzten Zeile "dir" fort zu lassen.

14 LASTSCHIFF
   SOMMER
      STRASSENBAHWAGEN
          SOMMERBAUMdiese vier Gedichte schlage ich vor wegzulassen.

15 Bei dem Gedicht WARTEN schlage ich vor, das Wort "daß" in der ersten, vierten und siebten Zeile wegzulassen.

16 PARK schlage ich vor fortzulassen.

17 Die Gedichte PROZESSION und GRAB wären möglicherweise auch fortzulassen – hier bin ich mir aber nicht sicher, und ich erwarte Ihre Entscheidung.

18 MISE EN TOMBEAU würde ich raten, wegzulassen, ebenso SCHLACHTEN: LEOPOLDSTRAßE.

19 Bei dem Gedicht STEINBRUCH würde ich raten, in der 2. Zeile anstelle von "zutiefst" "tief" zu sagen.

- - -

20 Dieses sollen, wie ich schon sagte, Vorschläge sein. Bitte lassen Sie mich Ihre Ansicht wissen. Ich bin natürlich etwas im Zeitdruck, weil das Manuskript bald in Satz gegeben werden sollte. Ihr Klappentext kommt, wie wir das schon vereinbart haben, vorne als eine Art Vorwort; als Titel würde ich FLUSSUFER lassen. –

[…]

Mit herzlichen Grüßen und allen guten
Wünschen,
Ihre
CLAASSEN VERLAG
G.M.B.H.

Dr. Hilde Claassen.

Freitag, 18 November 1977       )

Nico Zachmann (Schweizer Institut, Rom), 18.11.1977

Lieber Herr Zachmann,

01 gestern sah ich im Aufzug Ihre freundliche Mitteilung. Da sie sich offenbar an alle Hausbewohner richtete, werden Sie mir vielleicht gestatten, dass ich dazu eine Bemerkung mache.

02 Was mir auffällt, ist der Umstand, dass Sie, der Sie selbst doch wohl Deutschschweizer sind, die Mitglieder des Instituts, die, falls ich richtig informiert bin gleichfalls zu zwei Dritteln aus der deutschen Schweiz kommen, französisch ansprechen. Natürlich ist es Ihr Recht, da es sich hier ja um keine amtliche Mitteilung handelt, sich jeder beliebigen Sprache zu bedienen, also auch des Englischen oder Russischen, wenn Ihnen das so richtig erscheint. Dass Sie sich ausgerechnet des Französischen bedienen, hat jedoch, wie ich vermute, seinen Grund darin, dass Sie, mehr oder weniger bewusst, diese Sprache als eine Art schweizerischer Übersprache ansehen, als eine Lingua Franca für den Verkehr zwischen den verschiedenen Sprachgruppen des Landes. Etwa so ähnlich, wie das bis vor kurzem, heute ja nicht mehr, in Belgien der Fall war. Doch die Schweiz ist und war nie Belgien. Dort hatte diese Regelung ihre besonderen historischen Gründe. Zudem stellten die Frankophonen immerhin fast die Hälfte der Bevölkerung. In der Schweiz halte ich die Zubilligung einer derartigen Vorzugsstellung an das Französische für keinesfalls gerechtfertigt.

03 Die Achtung vor den sprachlichen Minderheiten ist ein unbestrittener Grundsatz des Zusammenlebens in einem mehrsprachigen Land. Doch setzt sie, um glaubwürdig zu sein, die Selbstachtung der Mehrheit voraus. Demokratisches Verhalten kann doch wohl nicht darin bestehen, dass die Mehrheit, in einem masochistischen Akt der Selbstaufgabe, die Rücksicht auf die Minderheit so weit treibt, dass sie deren Sprache übernimmt und ihre eigene verleugnet. Das nenne ich das Kind mitsamt dem Bade ausschütten. Wenn wir den Welschschweizern in gemeinsamen Gremien, auch wenn sie dort in der Minderheit sind, die Freiheit lassen, sich in ihrer Sprache zu äussern, mag das ein Ausdruck unserer politischen Reife und Toleranz sein. Wenn wir aber, im Glauben, ihnen so gefällig zu sein, selber französisch zu sprechen anfangen, scheint mir das fehl am Platze und geradezu absurd. Auch zeugt es für ein Missverständnis des Begriffs der Demokratie; diese fordert zwar den Schutz der Minderheiten, nimmt aber die Rechte der Mehrheit nicht weniger ernst. Wir können zwar, weissgott, von den Welschen nicht verlangen, dass sie die deutsche Sprache in der Schweiz vertreten, aber // ebenso wenig sind wir dazu berufen oder geeignet, die französische Sprache in der Schweiz zu erhalten und zu verbreiten. Das können die Welschen besser, und sie haben bekanntlich nie die mindesten Bedenken gehabt, es zu tun.

04 Die Sprache ist ein unterscheidendes Merkmal des Menschen, das vornehmste Werkzeug seiner Selbstrealisierung, seiner Individuation. Sie macht auch, neben anderen Merkmalen, seine nationale Eigentümlichkeit aus. Aber wie soll ich mich in einer vorgeblich schweizerischen Institution zuhause fühlen, wenn man mir dort das Gefühl vermittelt, ich müsse mich fast entschuldigen dafür, wenn ich mich meiner, also der deutschen Sprache bediene? Sie mögen sagen, dass ich als Schriftsteller da einen partikulären Standpunkt vertrete. Aber ich meine, es handelt sich um ein Problem, das jeden betrifft, der redet und schreibt, vor allem jeden Intellektuellen also. Die Sprache ist ja nicht bloss ein zufälliger Besitz, ein Gebrauchsgegenstand, sie gehört zu unserer Substanz, wir haben eine Verantwortung für sie. Und unsere fremdsprachigen Landsleute haben das Recht darauf, dass wir ihnen, wo das immer möglich ist, in unserer Sprache begegnen: dass wir die Kultur, die sich in unserer Sprache ausdrückt, zum gemeinsamen Gespräch beitragen. Wie wir das Entsprechende ja auch von ihnen erwarten. Das ist, scheint mir, die Voraussetzung für wirkliche gegenseitige Achtung, für den echten Dialog auf gleicher Ebene.

05 Was übrigens die besondere Lage des Instituts angeht, hat nach meiner Meinung, dies noch zum Schluss, von unseren Landessprachen allenfalls das Italienische den Anspruch auf eine Vorzugsstellung: es ist die Sprache des Landes, in dem wir zu Gast sind. Leider lässt er sich, weil wohl nur wenige Mitglieder des Italienischen mächtig sind, kaum verwirklichen. Immerhin ist zu wünschen, dass möglichst viele die Gelegenheit ergreifen, sich wenigstens etwas damit zu beschäftigen.

06 Ich hoffe, dass ich Sie mit dieser grossen Suada aus kleinem Anlass nicht allzu sehr gelangweilt habe, dass Sie mir meine Aufdringlichkeit nicht allzu sehr verübeln,

 und bin mit freundlichen Grüssen

Ihr

Samstag, 28 Mai 1983       )

An Franz Josef Görtz, 28.5.1983 (FAZ)

Kuno Raeber
Ainmillerstrasse 1
8000 München 40
28.5.1983

Sehr geehrter Herr Görtz,

01 es freut mich ebenso sehr, dass Sie meine Gedichte mit "grossem Interesse" gelesen haben, wie es mich betrübt, Sie mit keinem einzigen davon in dem Masse, das einen Abdruck in der FAZ rechtfertigen würde, überzeugt zu haben. Ich hoffe, Sie empfinden es nicht als allzu grosse Belästigung, wenn ich Ihnen noch einige weitere Stücke aus dem Manuskript unterbreite: vielleicht findet sich doch noch das eine oder andere dabei, das Ihren Ansprüchen genügt.

02 Ich glaube, es ist angebracht, dass ich Ihnen meine vielleicht befremdliche Hartnäckigkeit kurz erkläre: Die FAZ ist nun einmal das für die literarischen Entwicklungen im deutschen Sprachraum repräsentative Organ. Kein Autor, der Anspruch darauf erhebt von den Zeitgenossen zur Kenntnis genommen zu werden, kommt um diese Tatsache herum. Wenn ich Ihnen also immer wieder Muster aus meinen neuen Arbeiten zuschicke nd mich in dieser Übung auch durch regelmässige Ablehnung nicht beirren lasse, khat das seinen Grund einfach in meiner Meinung von der Bedeutung Ihres Feu<i>lletons und natürlich auch – das bitte ich Sie, mir nachzusehen – in meiner Meinung vom Wert meiner Arbeit.

Mit freundlichen Grüssen

Sonntag, 10 Juli 1983       )

An Hans Altenhein, 10.7.1983 (Luchterhand)

Lieber Herr Altenhein,

01 eben stosse ich, meine Verlagsangelegenheiten bedenkend, auf zwei Briefe, die ich 1980 erhielt. Den ersten, vom 4. Februar, schrieb Thomas Scheuffelen: er äussert sein Bedauern darüber, dass ich den Gedichtband REDUKTIONEN nicht Luchterhand überliess. Den zweiten, vom 20. Mai, schrieben Sie – es ging da hauptsächlich um die Rechte über ALEXIUS UNTER DER TREPPE – zum Schluss reden Sie von Ihrer Hoffnung auf ein gelegentliches Gespräch, "und sei es über Enttäuschungen".

02 Nun, an solchen fehlt es insofern nicht, als meine Landung bei Ullstein, nach mancherlei Irrfahrten, sich noch vor der Realisierung des ersten Projekts als halbe Bruchlandung erwies. Man überschüttete mich zwar mit Geld, warf aber das bereits ausgedruckte EI unmittelbar vor dem Erscheinen hinaus. Das Buch floh dann mit Erb zu Erb und machte seinen Weg, gewann schon vor der Publikation einen Preis, erfuhr in der Presse viele Würdigungen, teils kritisch zustimmende, teils enthusiastische. Nur ein Kritiker lehnte es schroff ab. Soeben noch hat das Schweizer Fernsehen einen Filmbericht darüber gedreht.

03 Aber jetzt stehe ich wieder da und weiss nicht weiter. Nicht nur, dass Erb die Publikation von zwei Arbeiten, die seit Jahren bei ihm teils schon unter Vertrag stehen (Essays), teils als zu veröffentlichende von ihm akzeptiert wurden (das Theaterstück VOR ANKER) noch nicht herausgebracht hat, jetzt erklärt er sich auch ausserstande den Band ABGEWANDT ZUGEWANDT zu publizieren, dessen Veröffentlichung für dieses Jahr 1983 er anlässlich meines sechzigsten Geburtstags vor über hundert Zuhörern feierlich versprochen hatte. Er begründet dies mit seiner finanziellen Not, meint tröstend "Aufgeschoben ist nicht aufgehoben". Bei allem Verständnis für seine Lage kann ich doch die Augen vor der Kalamität meiner eigenen nicht verschliessen: Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG widmete, ein einmaliger Vorgang, ABGEWANDT ZUGEWANDT zwei ganze Seiten, um dem Buch bei seinem Erscheinen die gebührende Aufmerksamkeit zu sichern; aber dann musste, da der Verlag kein Datum nennen wollte, // der Hinweis auf Verlag und Erscheinungstermin gestrichen werden. Praktisch bin ich also wieder einmal ohne Verlag, und das in einem Augenblick, in dem meine Arbeit mehr Beachtung findet als jemals, sie fände zweifellos noch mehr, wenn ich einen Verlag hätte, der sich darum kümmerte, der vor allem meine neuene Bücher, wahrhaftig nicht viele, in nicht allzu grossen Abständen präsentieren könnte. Man sagt mir jetzt öfter, ich solle mich doch, auch angesichts der Thematik von ABGEWANDT ZUGEWANDT, an einen Schweizer Verlag wenden. Aber abgesehen davon, dass ich nicht weiss, ob mir das gelänge, bin ich nur mit Massen daran interessiert: Dass das Buch, soweit es nicht einfach ein Lyrikband ist, von einer Problematik handelt, die zu einem wesentlichen Teil, nicht ausschliesslich, schweizerisch ist, scheint mir kein Grund dafür, es ausgerechnet dort zu veröffentlichen. Ausserdem habe ich genug Verlage gehabt, Vineta, Luchterhand, Claassen, Biederstein, nochmals Luchterhand, Ullstein, Erb – es reicht mir vollauf. Ich schicke Ihnen den Vorabdruck aus der NZZ, vielleicht besteht bei Luchterhand Interesse für das Manuskript – viele Leserbriefe, selbst aus Frankreich und einer sogar aus der Türkei, haben mir gezeigt, dass es Leute gibt, die auf das Buch warten.

Mit freundlichen Grüssen
Ihr

Freitag, 22 Juli 1983       )

Nico Zachmann (Schweizer Institut, Rom), 22.7.1983

Lieber Herr Zachmann,

01 Für Ihren Brief vom 1. Juli, den mir die Post erst gestern zustellte, danke ich Ihnen sehr. Ich glaube, dass Sie unbesorgt sein können: Schon aus Ihrem, in meinem Aufsatz zitierten, römischen Brief wurde mir Ihre Meinung hinlänglich klar. Wenn ich im übrigen von der deutschen Schweiz als einer „besonderen sprachlich-kulturellen Einheit“ sprach, lag der Akzent natürlich auf dem Adjektiv: „besonderen“; Einheit war da lediglich im Sinn von „Sache“, „Entität“ gemeint, also amplifizierend. Ich hätte auch schreiben könen: „und zu einer sprachlich-kulturellen Besonderheit machen will.“ Ihnen, lieber Herr Zachmann, // Sympathien für eine schweizerdeutsche Schriftsprache zu unterstellen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Wenn ich am Ende meiner Ausführungen eine solche Schriftsprache vorschlage, so nur, weil ich den von Ihnen eingeschlagenen Weg für ungangbar, die bewusste und schroffe Trennung von gesprochener und geschriebener Sprache für absurd und auf Dauer unpraktikabel halte.

02 Wir sind uns aber keineswegs einig. Das lässt sich, scheint mir, ertragen, da wir ja immerhin für unseren, schriftlichen!, Umgang noch die deutsche Hochsprache als Kommunikationsmittel, von uns beiden akzeptiert, zur Verfügung haben – mag der eine sie auch als Fremd-, der andere sie als seine Muttersprache betrachten.

03 Jedenfalls bleibe ich Ihnen für Ihren wertvollen Anreiz zum Widersprch immer  verpflichtet und grüsse Sie herzlich

Ihr Kuno Raeber

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