Sonntag, 19 April 1953

Von Paul Huber, 19.4.1953

Lieber Kuno,

[…]

Die Gedichte entsprechen nach meiner Ansicht ziemlich genau dem, was Du selber geschrieben hast über Deine gegenwärtige Lage. Das Gedicht "Die Lampe" möchte ich immerhin weit über die andern stellen. Es behandelt in einfacher, evidenter Weise ein meines Erachtens grosses Symbol. Lass diesen bedeutenden Stoff nicht los und mache noch etwas Bedeutenderes draus. Es sollten die Sehnen des Gedichtes etwas gespannter sein. Vermeide jeglichen beschaulichen Quietismus. Vision ist Ruhe gewordene höchste Aktivität, nicht Quietismus. Ich sehe noch zu wenig Notwendigkeit in den sprachlichen Besonderheiten dieses Gedichtes, z. B. im Weglassen des Artikels, in der Inversion "wirft sie" (3. Zeile) – Ich weiss schon, dass z. B. der Artikel unter Umständen zu stark vergegenständlicht, aus dem Allgemeinen herauslöst. Bei Dir wirkt das Weglassen auf mich oft etwas manieriert, gerade als Scheu vor der gegenständlichen Sache, Mangel an Wille zur Inkarnation, und als sublime Scheu vor dem jambischen Auftakt. Ich gäbe viel für das "die" vor Lampe, oder etwa für das "sie" vor "fürchtet" – natürlich nicht einfach so hingesetzt, aber für eine Veränderung Deiner Schweibweise in dieser Richtung. Du hast einen kräftigen Schuss Realismus nötig, sonst bekommt man mit der Zeit den Eindruck, Deine Symbole wie Konditoreifiguren, in Watte und Seidenpapier gehüllt, zu erhalten. Marzipan und überreife // Pfisiche sind gut – Brot und Wein sind bedeutender!

Den Mangel an Härte empfinde ich vor allem in "Afrodite". Die letzte Zeile, die dem vorher verwendeten überkommenen Requisitorium das neue Leben geben sollte, fällt nach meinem Empfinden ab, sodass man die Wiedererweckung eines Topos hat, und statt einen kräftigen eigenen Lichtstrahl in das Szenarium des Topos zu sehen, hört man das Geräusch der Feuersteine, aus denen kein herzhafter Funke springen will.

Muss nicht beim Gedicht "Die Lichtung" die Reflexion allerhand von dem ergänzen, was der sprachlich und vor allem bildhaft spontanen Evidenz in Bezug auf das Tanzsymbol abgeht? Wenn man das Gedicht mehrmals liest, beginnt der langsam wiegende trochäische Rhythmus zu sprechen. Bringt er es fertig, in seinen milden Morphiumrausch Fels und Baum unter der Sichel einzuwiegen? Geht das nicht fast eher auf ein Wiegenlied los, als auf ein Tanzlied? Auf jeden Fall ist es bedeutend schwerer, nur Fels + Baum unter der Sichel zum Tanz um den in die Lichtung getretenen Menschen zu bringen, als eine grössere Menge von Dingen. Man fühlt sich veranlasst, nach der Deutung der einzelnen Symbole zu suchen, (Fels, Baum etc.), und nimmt sie nicht einfach als das All hin.

Aus dem "Pfauenlied" werde ich nicht recht klug. Doch, gerade jetzt ist's mir aufgegangen! // Besser spät als nie! Wieder einmal ein neues Symbol für das Höhlengleichnis! Das Pfauenrad ist herrlich dafür – aber für viele Leute sind die Blumen zu kräftig, zu wenig dämmerig um einen Lichtgegensatz zu erlauben. Du erweckst Lichtvorstellungen, also sinnliche Eindrücke, und trotzdem muss man sie wieder los werden, um nicht durch andere sinnliche Eindrücke logisch falsch geführt zu werden (Aequivozität von "mischen" in der 2. und 3 Zeile der letzten Strophe z. B.). Und eben, der optische Hauptkontrast ist nur intellektuell zu erleben. Der Einfall, die Pfauenblumen der andern Welt und die irdischen Blumen zu kontrastieren, ist kostbar. Die Durchführung überzeugt mich nicht recht. Wäre die Schwierigkeit des mangelnden direkten Kontrastes im Optischen nicht durch die Einführung eines zeitlichen Nacheinanders oder derg. zu überwinden? Oder wäre nicht ein echtes Kunstmärchen zu dichten um diesen Kern herum?

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Weitere Informationen

  • Letzter Druck: Unpubliziert
  • Textart: Brief
  • Schreibzeug: Tinte
  • Signatur: B-2-HUBE
  • Priorität: Normal
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