Donnerstag, 17 Mai 1956

17.5.56

Die DVA schickt mir die Gedichte mit einer schroffen Ablehnung zurück: das seien gar keine Gedichte, es handle sich um eine Aneinanderreihung und Verkoppelung von Einzelheiten, um mehr nicht, usw. – Ich kann nicht unabhängig genug von Lob und Tadel, Erfolg und Misserfolg werden: Ich muss, als Dichter, immer identischer werden mit meinen innersten künstlerischen Antrieben, mich ganz den Rhythmen und Bildern überlassen, die meinem Geist erscheinen. Mein Formwille und mein Verstand haben // dann die Aufgabe, das im Zentrum Erscheinende zu fassen, genau zu gestalten, zum Gedicht zu vollenden. Aber nicht nach irgendeinem äusseren Gesetz, das mir irgendwelche Kritiker insinuieren, sondern allein nach dem Gesetz, das dieser ersten Erscheinung von Anfang an innewohnt, das sich aus hr dem genau Hinschauenden und Hinhorchenden notwendig ergibt. – Dies ist das Furchtbare für den Künstler: ob sein Unternehmen scheitert oder gelingt, weiss er nie sicher, auch Erfolg und Misserfolg sagen nur wenig darüber aus; dass er dieses Nichtwissen aushalten muss, so unbewegt wie möglich: und wenn er als Mensch auch nicht anders kann, als sich über den Erfolg zu freuen, über den Misserfolg zu betrüben, so darf ihn das als Künstler keinen Augenblick beirren. Je vollkommener sein Gleichmut gegen die Meinungen der andern ist, je kälter ihn Misserfolg und Erfolg lassen, desto vollkommener wird sein Werk sein – Was interessiert // es mich schon, was die Lektoren von meinen Versen sagen: mich interessiert nur und darf nur interessieren, dass sie mich drucken.

  • Textart: Prosanotat
  • Signatur: C-2-a/09
  • Werke: Bd. 6, 227
  • Status Text: Provisorisch
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