Sonntag, 17 Juli 1955

17.7.1955

Die Aussage des Dichters ist nie zu vollenden, die Gestalt, die er weiss und sieht, kann er nie ganz sichtbar machen. So kann er nicht genug arbeiten, nicht genug schreiben, grundsätzlich wenigstens: denn je mehr er produziert, desto deutlicher wird das mit der Produktion Gemeinte, je umfangreicher sein Gedicht wird, desto grösser ist seine Chance, dass er einen grossen Teil des ihm aufgegebenen Gedichtes mitteilt. – Dass soll kein Lob billiger Vielschreiberei sein, aber ein Einwand gegen die Minimalisten (Benn), die behaupten, ein Dichter schreibe nicht mehr als sechs gute Gedichte u. ä. Das Verkehrte solcher Theorien wird einem sofort klar, wenn man sie auf die bildende Kunst überträgt // (warum sollte es da anders sein?): Welche sechs Werke Michelangelos sind wirklich gut, sodass der ungeheure Rest dagegen abfällt? Oder wie ist es mit Rubens? Aber um bei der Dichtung zu bleiben: welches sind die sechs guten Gedichte, die sechs grossen Gedichte Goethes, Hölderlins, die alle andern als mittelmässig erscheinen lassen? – Es mag im Leben des Künstlers Perioden geben, wo er gut daran tut, sich mit anderem zu beschäftigen, seine Kunst liegen zu lassen. Aber daraus eine Regel zu machen, ein Rezept, das scheint mir doch abwegig. Von einem gewissen Punkt an, kann der Mensch nicht anders als dass Seine tun (wenn er überhaupt etwas zu tun hat), unablässig am Seinen arbeiten. Und ist er einmal innerlich tot, unfähig – was jedem passiert – so leidet er darunter, erfährt er die grösste Qual. Aber der Fleiss, die tägliche Bemühung bleibt doch immer die Bedingung des Fortschreitens in der Kunst. Kann man sich vorstellen, dass Van Gogh ein Jahr lang aufgehört hätte mit Malen? Sein Leben war Malen. Dass Rilke aufgehört // hätte zu dichten (als er es eine Zeitlang musste, war es ihm so schlimm wie der Tod), freiwillig aufgehört hätte? Sein Leben war Dichten. Valéry ist hier die Ausnahme.

Wozu dieses Raisonnement?: Gegen die Versuchung zu glauben, dass sich mir das Entscheidende im Schlaf, nur im Schlaf zeigen werde, dass es genüge, abzuwarten, eine Versuchung, für die ich immer wieder empfindlich bin. Zur rechten Zeit schlafen und zur rechten Zeit warten ist gut. Aber daraus ein Prinzip zu machen, bedenklich. Mir kann es sehr leicht passieren, dass ich mein Leben verschlafe und verwarte und, auf den Kairos gefasst, auch das nicht tue, was ich mit weniger Schlaf und mehr Bemühung zu tun imstande bin.

  • Textart: Prosanotat
  • Signatur: C-2-a/08
  • Werke: Bd. 6, 207
  • Status Text: Provisorisch
  • Priorität: Normal
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