Sonntag, 19 Februar 1956

16.2.56

Wenn ich die Gedichte des vergangenen Jahres durchsehe, dann bemerke ich darin, vor allem in der zweiten Serie, zuweilen eine unerfreulich pedantische Neigung, das Prinzip der „natürlichen“ Wortstellung // zutode zu reiten, d. h., auch dort den Satz nach der in der Prosa, im Alltagsgespräch üblichen Weise aufzubauen, wo ich es sonst, wenn es nur nach mir, nach der Stimmung der Situation gegangen wäre, nicht getan hätte. Ich glaubte, der Konvention, der Gewohnheit des Lesers diese Konzession schuldig zu sein. Dazu brachten mich vor allem Thomas und Jens mit ihren Aussetzungen an meinen älteren Versen: Es wird wohl sein, dass ich früher nach der anderen Seite übertrieb, auf die „natürliche“ Wortstellung im Satz überhaupt nicht achtete und dass es ein Gewinn, eine notwendige Erweiterung war, als ich es nun einmal so zu versuchen begann. Ich entdeckte so neue Mittel, war gezwungen, andere Verfahren zu suchen, um meinen Versen Kraft und Farbe, das Abweichende zu geben, was sie eben erst zu Versen macht. Aber trotzdem, ich wurde in der Vermeidung des alten Mittels pedantisch, und das scheint mir jetzt in jedem einzelnen Fall, // wo es wirklich nur Pedanterie und nicht Notwendigkeit war, beim Wiederlesen sofort deutlich zu sein. Ich muss mir die Freiheit nehmen, es so oder anders zu machen, ohne mich von aussen her beirren zu lassen. Bleiben wird mir immerhin das Wissen, das ich zuvor nicht hatte, um den Unterschied zwischen der üblichen und der unüblichen Wortstellung, die Möglichkeit je nachdem bewusst mit der einen oder der andern zu arbeiten: aber die Entscheidung soll immer nur vom Kern her getroffen werden, aus dem ich das jeweilige Gedicht bilde.

Auf diese Überlegungen brachte mich vor allem auch die Lektüre des Joseph-Romans: hier wird sogar der Prosasatz ganz und ausschliesslich nach den Erfordernissen der Situation geordnet, wie nach einer allgemeinen Regel. Und Thomas Mann erreicht Wirkungen mit diesem Verfahren, die er auf andere Weise niemals erreichen könnte. – // 

Ich kann es mir nicht genug wiederholen: ich kann beim Anhören von Kritiken und Ratschlägen zu meinen Arbeiten nicht vorsichtig genug sein. Die Gefahr, dass mir durch Nichtbeachtung der Meinungen anderer – auch der besten Freunde – wesentliche Möglichkeiten verloren gehen, dass ich Mängel, die leicht zu verbessern wären, übersehe und stehen lasse, ist sicher nicht grösser als die andere, dass ich mich immer wieder von meiner Richtung, die ja nur ich allein wissen kann, auf Nebengeleise locken lasse, wo ich zwar dies oder jenes Nützliche finden kann, von wo ich aber immer wieder nur mühsam, unter Verlust von viel Zeit und Kraft, auf meine Hauptlinie zurückkomme. Man müsste den idealen Kritiker erst noch erfinden: der genau wüsste, worauf sich Kritik beziehen kann und darf, der wüsste, was vorgegeben ist und zur Substanz des Gedichtes gehört und was entbehrlich, diskutabel ist, // so gemacht werden kann oder auch anders. Aber so ein Kritiker müsste mich besser kennen, mit mir einiger sein, als das ein anderer Mensch sein kann; er müsste mit mir identisch sein und zugleich von mir und meiner Arbeit eine sichere klare Distanz haben – denn nur so könnte er ja diese Arbeit wirklich sehen und beurteilen – von mir extrem verschieden sein. Die Forderung nach einem solchen Kritiker ist wohl anmassend, utopisch. Höchstens ich selber kann vielleicht, in sehr langer Zeit, diesen zureichenden Kritiker in mir ausbilden.

  • Textart: Prosanotat
  • Signatur: C-2-a/09
  • Werke: Bd. 6, 223
  • Status Text: Kontrolliert
  • Priorität: Normal
    Änderung: Donnerstag, 23 März 2017
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