Freitag, 05 März 1954

5.3.1954

Beim ersten Hinsehen könnte man glauben, es handle sich in der gegenwärtigen Dichtung um den Gegensatz von Integration und Ausschliessung, um den Gegensatz jener, die alles und jedes poetisieren wollen und können, deren Gedicht bis ganz hinauf und, vor allem auch, bis ganz hinunter reicht, und der anderen, die eine strenge Auslese treffen, nur ganz Weniges in das Gedicht einlassen und, ganz bewusst, alles andere, vielleicht das Meiste, beiseite setzen. – So scheint es, und mit Recht auch scheint es so. Aber beim genaueren Zusehen handelt es sich um etwas anderes, noch und zuletzt um etwas anderes: Der „ausschliessende“ Dichter hält die Kunst vor allem für eine Methode, das Ganze, // alles Einzelne aus jedem Bereich in einen Punkt zusammenzuziehen, worin es nun erst dem Auge als ein Ganzes erscheinen kann, worin erst es seinen Kern offenbart, sein Wesen, das in der Zurückführung auf seine „Formel“, auf sein Urbild sichtbar wird. Je mehr diese Annäherung an das Urbild gelingt, desto mehr hat das Gedicht sein Ziel erreicht, desto mehr ist es Gedicht. Das Gedicht (das Kunstwerk überhaupt) ist die Enthüllung der Wirklichkeit, der Welt als eines auf sein Urbild bezogenen, auf sein Urbild transparenten vielgliedrigen Ganzen.

Der „integrierende“ Dichter dagegen nimmt die Erscheinungen der Welt viel eher tale quale, es geht ihm zuerst darum, sie zu einem Stimmungsgefüge zu vereinigen oder, wenn er mehr Philosoph ist, zur Illustration einer allgemeinen Aussage. Aber es geht ihm nicht darum, sie auf ein Letztes hin zu ordnen, er masst sich nicht an, sie in ihrem Kern zu erkennen, sie auf ihre reine Kontur hin zu durchschauen. Insofern ist er Positivist, Impressionist. Er kann vorurteilslos alles wiedergeben, // während der andere, den ich den „ausschliessenden“ genannt habe, mit höchster, verzehrender Intensität jede Erscheinung auf ihren Kern hin betasten, durchschauen muss, wobei das unendlich Viele auf verhältnismässig wenige, dafür desto klarere, desto genauer umrissene Gestalten zusammen schmilzt. Aber gerade diese Reduktion ist das, was er will, Kunst ist ihm die Reduktion der Welt auf einige wenige Grundfiguren, auf ihre Grundfigur.

  • Textart: Prosanotat
  • Signatur: C-2-a/08
  • Werke: Bd. 6, 191, 192
  • Status Text: Provisorisch
  • Priorität: Normal
    Änderung: Mittwoch, 05 Dezember 2018
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