Dienstag, 02 August 1955

2.8.55

Entpoetisierung des Gedichtes, das ist die Zurückziehung des Poetischen von der Oberfläche in den Kern, der bewusste Verzicht auf den direkten, gefälligen Reiz. Also auf den forcierten Wohlklang, z.B.: Hiate, Häufungen von Konsonanten, einsilbige Wörter werden vielleicht nic:ht geradezu gesucht, aber vor allem nicht mehr bewusst vermieden. Wenn sie sich ergeben, werden sie in Kauf genommen. Dass es keine poetischen Stoffe gibt bei diesem Verfahren versteht sich schon lange von selbst. Aber es gibt auch keine „hohen“ und keine „niederen“ Wörter mehr, keine zu vermeidenden banalen Wörter, keine zu bevorzugenden seltenen Wörter. Das scheinbar Flachste und Abgegriffenste ist gerade recht, um, an der richtigen Stelle, dem Gedicht neuen verborgenen Glanz zuzuleiten, es auf neue Räume hin zu öffnen.

Die ästhetische Qualität dieses entpoetisierten // Gedichts liegt nicht mehr offen da, es zwingt also den Geist zu grösserer Anstrengung, er muss auf die Suche nach dem Reizenden gehen. Und wenn er es tut, wenn er die Anstrengung auf sich nimmt, durch die neutrale, graue äussere Schicht des Gedichtes hindurch zu stossen, dann findet er eine Fülle von Gestalten, Farben, Spielen, die ihm das gewohnte, scheinbar so vie1 schönere und reichere Gedicht nie bieten konnte. Vor allem auch darum nicht bieten konnte, weil es ihn nie zu voller Tätigkeit, zu voller Bewegung zwang, oder doch sehr viel seltener, ihn nicht so unbedingt zwang, seine ganze Sensibilität auf es einzustellen.

  • Textart: Prosanotat
  • Signatur: C-2-a/09
  • Werke: Bd. 6, 208, 209
  • Status Text: Provisorisch
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