Montag, 13 Februar 1956

13.2.56

[…] Das Gedicht, das nur gute Fleissarbeit ist, poetische Umschreibung von irgendetwas anderem, das an sich anders, unpoetisch erfahren wird und dann nachträglich in Versen ausgedrückt, ein solches Gedicht scheint mir bedeutungslos, langweilig. Das Poetische ist eine Haltung, eine Einstellung zur Welt, die zum vorneherein gegeben ist. Für den Dichter ist alles Poesie. Und mit höchster Anstrengung seines ganzen Wesens, unter Dreingabe seines ganzen Wesens versucht er, die Poesie im Wort sichtbar, hörbar, lesbar zu machen. Die innere Gestalt in eine äussere zu verwandeln, so den reinsten Zusammenfall, die Identifikation zu bewirken.
Und dies darf nie nach Mühe aussehen, im Produkt muss die Anstrengung ganz verzehrt, weggebrannt, überwunden, in Heiterkeit transponiert sein. Sodass es wie Spiel aussieht, höchstes, ausgelassenstes, freistes, geistigstes Spiel, wahrhaft ist. Aber nie bloß Spielerei, Arabeske: Das Gedicht muss ins Schwarze treffen, in das Schwarze der // Welt. Das kann es weder, wenn es esoterisch ist, geschmäcklerisch abseitig, noch wenn es kriecherisch ist, dem Publikum schmeichelnd. Es muss ganz genau den richtigen Ort finden: auf regend und ansprechend zugleich. Es muss im Zusammenhang der Gesellschaft stehen, ohne ihre Werte und Ordnungen einfach anzunehmen. Es muss faszinieren, indem es eine höchst differenzierte Kenntnis und Einfühlung in diese Ordnungen mit respektlosester Unabhängigkeit verbindet. Mut und Schmiegsamkeit, Konformität und Libertinage müssen auf die richtige Weise verschmolzen sein, Revolution und Rückwendung. Es gibt hier die großen Vorbilder, die man sich nicht genug einprägen kann: Thomas Mann, Marcel Proust, Ezra Pound, Auden, Kavafis.

  • Textart: Prosanotat
  • Signatur: C-2-a/09
  • Werke: Bd. 6, 220, 221
  • Status Text: Provisorisch
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