Freitag, 22 April 1955

Philipp II. in Aguilera (A)

Wenn er die Orange zerschneidet,
achtet er drauf, dass ihm der Saft
nicht den weissen Kragen verspritzt, 
den er zwar jeden Tag wechselt. 

05 Aber er ist nervöser als sonst 
wegen des Wechsels der Lebensumstände: 
weil er die Stadt plötzlich verlassen musste 
und herausziehn in dieses Kloster, wo es 
nur Mönche gibt, die mit Blicken 
10 sein Leben zu bessern versuchen. 
Aber das ist doch noch besser, 
als in dem feuchten Palast zu bleiben 
und sich wie weisses Fleisch immer von neuem 
von der Tunke des Jammers von fünfzig 
15 Frauen übergiessen und ganz 
durchdringen zu lassen. 

Hier wenigstens ists trocken 
und niemand verlangt von ihm Trauer 
um ein ängstliches Mädchen, das er 
20 nur wenig und förmlich gekannt hat 
(im Bett braucht man, gottseidank, nicht zu sprechen) 
Hier kann er zusehn, wie man, nachdem 
die Sonne unterging hinter des erstarrten 
Meeres kahler Woge, die fünf Beete 
25 mit Rosen mitten im Gemüseplatz giesst, // 01v
und dann, damit man nicht sieht, wie er gähnt, 
hineingehn und ganz drauf achten, dass er 
beim Zerschneiden der Orange 
den weissen Kragen nicht verspritzt mit dem Saft.


Blatt 01r (A-5-c_11_077.jpg)

A Totenklage  Philipp II. in Aguilera

Wenn der die Orange zerschneidet,

achtet er drauf, dass ihm der Saft

nicht den weissen Kragen verspritzt,

den er zwar jeden Tag wechselt. 
––––––

05 Aber er ist nervöser als sonst

wegen des Wechsels der Lebensumstände:

weil er nun die Stadt plötzlich verlassen musste

und herausziehn in dieses Kloster, wo es

nur Mönche gibt, diemit Blicken versuchen
nur Mönche gibt, die  sein Leben  bessern wollen
nur Mönche gibt, die  sein Lebenzu

\ die mit Blicken / sein Leben zu

bessern versuchen.


11 Aber das ist doch noch besser,

als in dem feuchten
als in dem (kalten) Palast zu bleiben

und sich wie weisses
und sich wie PastetenfFleisch immer von neuem

von der Tunke des Jammers von fünfzig

15 Frauen neu übergiessen und ganz

durchdringen zu lassen. 

Hier wenigstens ists trocken und

und niemand verlangt von ihm Trauer

um ein ängstliches Mädchen, das er

20 nur wenig und förmlich gekannt hat

(im Bett braucht man, gottseidank, nicht zu sprechen)

Hier kann er zusehn, wie man, nachdem

die Sonne unterging hinter des erstarrten

Meeres kahler Woge, die fünf Beete

25 mit Rosen mitten im Gemüseplatz giesst, //

Blatt 01v (A-5-c_11_078.jpg)

und dann, damit man nicht sieht, wie er gähnt,

hineingehn und ganz drauf achten, dass er

beim Zerschneiden der Orange

den weissen Kragen nicht verspritzt mit dem Saft.

22.4.55

 

  • Details:

    V. 04: darunter nachträglich Strich zur Strophenabtrennung

  • Besonderes:

    Verso: gestrichenes Lorca-Zitat: „Und wer in den Schlaf sich stürzen will …“

  • Letzter Druck: Die verwandelten Schiffe 1957
  • Textart: Verse
  • Datierung: Vollständiges Datum
  • Strophen: ja
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/11_009
  • Seite / Blatt: 01r/v

Inhalt: 135 Manuskripte und 21 Typoskripte zu 24 Gedichten (keine Endfassung)
Datierung: 14.11.1954 – 21.11.1955
Textträger: 200 Einzelblätter (A4-Format); v.a. durchscheinende Makulatur von Dissertation und Gedichttyposkripten
Umfang: 25 Dossiers, 213 beschriebene Seiten
Publikation: Die verwandelten Schiffe (12 Gedichte), GEDICHTE (1 Gedicht), Verstreutes (2)
Signatur: A-5-c/11 (Schachtel 36)
Herkunft: Nr. 1-15: braune Mappe EG 55 I; Nr. 16-25: rote Mappe EG 55 II

Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften

Manuskripte 1955 (alph.)
Manuskripte 1955 (Datum)
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