Sonntag, 10 Juli 1955

Der Prinz zieht sich, nach dem Tod seiner Gattin, für einige Wochen in ein Kloster zurück. (E)

Wenn er die Orange zerteilt, achtet er drauf,
dass ihm der Saft nicht den weissen Kragen und die Manschetten, die 
er ohnehin jeden Tag wechselt, bespritzt. 

Denn er ist nervöser als sonst schon: 
weil er die Stadt so plötzlich verlassen musste und in dieses Kloster 
herausziehn, 
05 wo es nur Mönche gibt, die mit Blicken seine Seele zu retten versuchen. 

Aber das ist doch besser, als in dem feuchten Palast zu bleiben 
und sich wie Pastetenfleisch von der Jammertunke von fünfzig Frauen 
immer neu übergiessen und ganz durchtränken zu lassen. 

Hier ist es wenigstens trocken, und niemand verlangt von ihm Trauer 
um das Mädchen, das er nur förmlich gekannt hat. 
10 (Im Bett braucht man, gottseidank, nicht zu sprechen.) 

Hier kann er, nachdem die Sonne hinter den baumlos erstarrten Wogen 
unterging, zusehn,
wie man das einzige Rosenbeet mitten im Kohlplatz wässert, 
und kann dann, damit man sein Gähnen nicht sieht, hineingehn und 
genau darauf achten, 
dass ihm beim Zerteilen der Orange der Saft nicht den Kragen und die 
Manschetten bespritzt, 
15 die er ohnehin jeden Tag wechselt.


Blatt 06 (A-5-c_11_085.jpg)

E Der Prinz zieht sich, nach dem Tod seiner Gattin, für einige Wochen
\ in ein Kloster | zurück.

1 Wenn er die Orange zerteilt, achtet er drauf,

dass ihm der Saft nicht den weissen Kragen und die Manschetten,

\ die er ohnehin | jeden Tag wechselt, bespritzt.

die er ohnehin jeden Tag wechselt, bespritzt.
–––

2 Denn er ist nervöser als sonst schon:

weil er die Stadt so plötzlich verlassen musste und in dieses Kloster

\ herausziehn,

05 wo es nur Mönche gibt, die mit Blicken seine Seele zu retten versuchen. 
–––

3 Aber das ist doch besser, als in dem feuchten Palast zu bleiben

und sich wie Pastetenfleisch immer von neuem von der Jammertunke von

fünfzig Frauen

immer neu übergiessen und ganz durchtränken zu lassen. 

4 Hier ist es wenigstens trocken, und niemand verlangt von ihm Trauer um das
Mädchen, das er nur förmlich gekannt hat.

um das Mädchen, das er nur förmlich gekannt hat.

\ (Im Bett braucht man, gottseidank, | nicht zu sprechen).

10 (Im Bett braucht man, gottseidank, nicht zu sprechen.)
–––

5 Hier kann er, nachdem die Sonne hinter den baumlos erstarrten Wogen unterging, 
Hier kann er, nachdem die Sonne hinter den baumlos erstarrten Wogen zusehn

zusehn, wie man das einzige Rosenbeet mitten im Kohlplatz wässert,

und kann dann, damit man sein Gähnen nicht sieht, hineingehn 
und genau darauf achten,

und genau darauf achten

dass ihm beim Zerteilen der Orange der Saft nicht den Kragen und die

Manschette bespritzt,

15 die er ohnehin jeden Tag wechselt.

10.7.55

 

 

  • Details:

    Nachträgliche Strophenmarkierungen und -numerierung (1-5) alR

  • Besonderes:

    Verso: Typoskript (Sebastian Franck, S. 118)

  • Letzter Druck: Die verwandelten Schiffe 1957
  • Textart: Verse
  • Datierung: Vollständiges Datum
  • Strophen: ja
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/11_009
  • Seite / Blatt: 06
  • Werke / Chronos: Dieses enorme Gedicht, 95

Inhalt: 135 Manuskripte und 21 Typoskripte zu 24 Gedichten (keine Endfassung)
Datierung: 14.11.1954 – 21.11.1955
Textträger: 200 Einzelblätter (A4-Format); v.a. durchscheinende Makulatur von Dissertation und Gedichttyposkripten
Umfang: 25 Dossiers, 213 beschriebene Seiten
Publikation: Die verwandelten Schiffe (12 Gedichte), GEDICHTE (1 Gedicht), Verstreutes (2)
Signatur: A-5-c/11 (Schachtel 36)
Herkunft: Nr. 1-15: braune Mappe EG 55 I; Nr. 16-25: rote Mappe EG 55 II

Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften

Manuskripte 1955 (alph.)
Manuskripte 1955 (Datum)
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