Donnerstag, 21 April 1955

Totenklage

Wenn er die Orange zerschneidet,
achtet er drauf, dass ihm der Saft
nicht den weissen Kragen verspritzt,
den er zwar jeden Tag wechselt.
05 Aber er ist nervöser als sonst
wegen des Wechsels der Lebensumstände:
dass er nun die Stadt plötzlich verlassen musste
und herausziehn in dieses Kloster, wo es 
nur Mönche gibt, die sein Leben bessern wollen,
10 weil sie nichts Andres zu tun haben
(und das geistliche Leben ist auf die
Dauer nicht jedermanns Sache):

Aber das ist doch noch besser,
als in dem Stadtpalast zu bleiben
und sich wie weisses Fleisch immer von neuem
15 von der Tunke des Jammers von fünfzig // 101
dazu bestellten Frauen neu übergiessen,
ganz durchdringen zu lassen<.>

Hier wenigstens ist es trocken 
und niemand verlangt von ihm Trauer
20 um dieses ängstliche Mädchen, das er
nur wenig und förmlich gekannt hat 
(im Bett braucht man gottseidank nicht
zu sprechen). 
Hier kann er zusehn, wie man, nachdem
die Sonne unterging hinter
der kahlen Kuppe, der Woge
25 eines erstarrten Meeres, die fünf Beete
mit Rosen mitten im Gemüseplatz giesst,
und dann, damit man nicht sieht, wie er gähnt,
hineingehn und drauf achten, dass er
beim Schneiden der Orange
30 den weissen Kragen nicht verspritzt mit dem Saft.


Seite 100 (A-5-c_07_100.jpg)

Hamburg

Totenklage

Wenn er die Orange zerschneidet,

achtet er drauf, daß ihm der Saft

nicht den weißen Kragen verspritzt,

den er zwar jeden Tag wechselt.

05 Aber er ist nervöser als sonst

wegen des Wechsels der Lebensumstände:

dass er nun die Stadt plötzlich verlassen

 musste

und xx herausziehn in dieses einsame

Kloster, wo es 

nur Mönche gibt, die sein Leben bessern wollen,

10 weil sie nichts Andres zu tun haben

(und zum¿ das geistliche Leben ist auf die

Dauer nicht jedermanns Sache):
 

Aber das ist doch noch besser,

als in dem Stadtpalast zu bleiben

und sich wie weisses Fleisch immer von

neuem

15von der Tunke des Jammers von fünfzig //

Seite 101 (A-5-c_07_101.jpg)

dazu bestellten Frauen dur¿ neu übergiessen,

ganz durchdringen zu lassen
 

Hier wenigstens ist es trocken

und niemand verlangt von ihm Trauer ,

20um dieses ängstliche Mädchen, das er

nur wenig und förmlich gekannt hat

(im Bett braucht man gottseidank nicht

zu sprechen).

Hier kann er zusehn, wie man, nachdem

die Sonne unterging hinter der Kuppe,

der kahlen Kuppe, der Woge

25 eines erstarrten Meeres, die fünf Beete

mit Rosen mitten im Gemüseplatz giesst,

und dann, wiederum¿ damit man nicht

sieht, wie er gähnt,

hineingehn und drauf achten, dass er

beim Schneiden der Orange mit dem Saft

30 nicht den weissen Kragen nicht verspritzt

mit dem Saft.

21.4.55

  • Besonderes:

    AoR gestrichene Ortsangabe: Hamburg

    Notiz (S. 121): 
    Nach dem Tod der Maria von Portugal zieht sich Philipp für einige Wochen in das Franziskanerkloster Aguilera zurück, um dem Gejammer der Hofdamen und der Mägde in Valladolid zu entgehen. Nachdem die Prinzessin in der St. Pauls-Kirche der Dominikaner beigesetzt ist.

  • Letzter Druck: Die verwandelten Schiffe 1957
  • Textart: Verse
  • Datierung: Vollständiges Datum
  • Fassung: Erste Fassung
  • Strophen: ja
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/07
  • Seite / Blatt: 100, 101
  • Werke / Chronos: Dieses enorme Gedicht, 94

Inhalt: 57 Entwürfe zu 42 Gedichten, Notate zu szenischen Texten, Motiv-Notizen
Datierung: 14.1.1954 – 3.10.1955
Textträger: Hellbraunes Notizbuch, liniert, Bleistift
Umfang: 130 beschriebene Seiten (S. 94-114 fetter schwarzer Bleistift)
Publikation: Die verwandelten Schiffe (19 Gedichte), GEDICHTE (1 Gedicht), Verstreutes (4 Gedichte)
Signatur: A-5-c/07 (Schachtel 29)

Bilder: Ganzes Buch (pdf)
Spätere Stufen: Manuskripte 1954, 1955, Typoskripte 1954, 1955
Kommentar: S. 120-122 Motive zu Gedichten
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften (keine Umschriften bei Prosanotaten)

Notizbuch 1954-55 (alph.)
Notizbuch 1954-55 (Folge)
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