Dienstag, 19 April 1955

Requiem (D)

Sie sass mit den Schwestern in der
von Tüll ein wenig erhellten Plüschgrotte
und schaute auf den See hinein 
und sah sich selbst auf dem 
05 Dampfer zwischen den Ufern kreuzen: 
nirgends hat sies betreten. 

Auch nicht als ihr einer eindringlich winkte 
und sie neugierig auf den Steg trat 
und der andre sie an der Hand fasste: „Nein“
10 schrie sie und riss 
die Kinder zurück aufs Schiff. 
Da setzten sie sich aufs Hinterverdeck, 
und sahn zu, wie der weisse Spitz, der vor ihr, 
(wie immer,<)> das Männchen machte, 
15  sich ermüdet auf die Vorderbeine, 
als man die Brücke wegzog, fallen 
liess und der dörflichen Prozession in die Kirche nachlief, 
wo die Orgel eben verstummte. 

Nun ruht sie schon in der Kabine 
20 und hört das Klopfen nicht 
und schläft lieber, weil sie 
vor dem Schlamm und vor den 
Steinen am Ufer sich fürchtet: 
seit sie den Bruder überraschte, // 04v
25 wie er hineinging ins seichte Wasser 
und den Sand aufrührte 
und sie ansah und dann, wie ertappt, wegsah. 

Allein fährt sie jetzt mit dem Schiff 
tiefer ins Gebirg, und die Kinder 
30 sehn beim Zurückschaun im Wenden 
in der Lücke, wo sich die beiden Felshänge 
beinah berühren, dass die Kellner 
ein weisses Linnen zur Teezeit 
spannen übers Verdeck für die Dame, wo sie 
35 allein von der Sommergesellschaft noch da ist.


Blatt 04r (A-5-c_11_048.jpg)

 D Requiem

Sie sass mit den Schwestern in der

von Tüll ein wenig erhellten Plüschgrotte

und schaute auf den See hinein

und sah sich selbst auf dem

05 Dampfer zwischen den Ufern kreuzen:

nirgends hat sies betreten. 

Auch nicht als ihr einer eindringlich winkte

und sie neugierig auf den Steg Steg trat

und der andre sie an der Hand fasste: Da schrie  „Nein“

10 schrie schrie sie „Nein“ und riss

die Kinder aufs Schiff zurück aufs Schiff.

Wie sie sDa setztesie sich
wo sie sich setzten  aufs Hinterverdeck,

unzu↓ahnzu
und  sahn , wie der weisse Spitz, der vor ihr

(wie immer, das Männchen machte,

15  sich ermüdet liess auf die Vorderbeine

fallen liess, als man die Brücke wegzog, fallen

liess und der dörflichen Prozession in die Kirche nachlief,

wo die Orgel eben verstummte.

Nun ruht sie schon in der Kabine 

20 und hört das Klopfen nicht

und schläft lieber, weil sie

vor dem Schlamm sich fürchtet und vor den

vor den Steinen am Ufer sich fürchtet:

seit sie den Bruder überraschte, //

Blatt 04v

 

(A-5-c_11_049.jpg)
25 wie er hineinging ins seichte Wasser 

und den Sand aufrührte

und  sie
und dich¿ ansah und dann, wie ertappt, wegsah.

[ Allein fährt sie jetzt mit dem Dampfer Schiff

tiefer ins ]

Allein fährt sie jetzt mit dem Schiff

tiefer ins Gebirge, und die Kinder

30 sehn beim Zurückschaun im Wenden

in der Lücke, wo sich die beiden Felshänge

beinah berühren, dass ihr die Kellner

übers Verdeck ein weisses Linnen zur Teezeit

Linnen spannen, wo sie der Dame spannen

spannen übers Verdeck für die Dame, wo sie

35 allein noch da ist von der Sommergesellschaft noch da ist.

19.4.55

 

 

  • Besonderes:

    Blatt beidseitig beschrieben; recto zuerst Typoskript-Titel Die Wirtschaftsseite II / Der Vogelbaum oder die Zehntausend Märtyrer, durchgestrichen

  • Letzter Druck: Die verwandelten Schiffe 1957
  • Textart: Verse
  • Datierung: Vollständiges Datum
  • Strophen: ja
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/11_007
  • Seite / Blatt: 04r/v

Inhalt: 135 Manuskripte und 21 Typoskripte zu 24 Gedichten (keine Endfassung)
Datierung: 14.11.1954 – 21.11.1955
Textträger: 200 Einzelblätter (A4-Format); v.a. durchscheinende Makulatur von Dissertation und Gedichttyposkripten
Umfang: 25 Dossiers, 213 beschriebene Seiten
Publikation: Die verwandelten Schiffe (12 Gedichte), GEDICHTE (1 Gedicht), Verstreutes (2)
Signatur: A-5-c/11 (Schachtel 36)
Herkunft: Nr. 1-15: braune Mappe EG 55 I; Nr. 16-25: rote Mappe EG 55 II

Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften

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