Donnerstag, 05 Mai 1955

Im Brunnen (C)

Unten tief im Brunnen sitzend,
habe ich dich gleich erkannt: 
als du mir, der ängstlich schwitzte, 
ob er nackt und hungrig sitzen 
05 bleiben müsse? warfst herab das Festgewand. 

Unten tief im Brunnen sitzend, 
hab ich dich doch gleich erkannt, 
als du mir mit Seidenlitzen 
und mit Steinen, die im Dunkel plötzlich blitzen, 
10 warfst herab ein Festgewand. 

Soll ich aus dem Schlamm und Sand 
mit dem Festgewand dir steigen? 
Lass mich nur mein Herr und Herrscher 
hier im Brunnen unten bleiben: 
15 Wenn ich aus dem Brunnen stiege, 
dann wie bliebe, das du mir herabgesandt, 
heil und ganz dein Festgewand? 

Wirf mir lieber Brot und Schinken 
in den Grund, wo still ich sitze 
20 und mich freu am seltnen Blinken 
deiner Steine, deiner Seide, 
doch seit Stunden hungrig sitze. // 03v

Unten tief im Brunnen sitzend, 
habe ich dich gleich erkannt: 
25 als du mir, der nackt vor Ängsten schwitzte, 
warfst herab das Festgewand, 
warfst herab dann auch die Speise 
und zuletzt zur Kletterreise 
warfst herab die leichte Leiter; 
30 aber diesen Aufwärtsleiter 
will ich nicht. Nach eigner Weise 
will ich Brunnenherrscher sein. 

Bleib allein im trocknen Land. 
Unten tief im Brunnen sitzend 
35 wink ich dir und lache dir: 
schon am eitlen Festgewand, 
das du mir herabgesandt, 
habe ich dich gleich erkannt.


Blatt 03r (A-5-c_11_069.jpg)

C Im Brunnen

Unten tief im Brunnen sitzend,

habe ich dich gleich erkannt:

als du mir, der ängstlich schwitzte,

ob er nackt und hungrig sitzen

bleiben müsse? warfst herab das
05 bleiben müsse? warfst herab ein Festgewand. 

Unten tief im Brunnen sitzend,

hab ich dich doch gleich erkannt,

als du mir mit Seidenlitzen

und mit Steinen, die im Dunkel plötzlich blitzen,

10 warfst herab ein Festgewand. 

Soll ich aus dem Schlamm und Sand

mit dem Festgewand dir steigen?

Lass mich nur im Brunnen bleiben, mein Herr und Herrscher,

hier im Brunnen unten bleiben:

15 Wenn ich aus dem Brunnen bli¿ stiege,

dann woie bliebe, das du mir herabgesandt,

heil und ganz dein Festgewand? 

Wirf mir lieber Brot und Schinken

in den Grund, da
in den Grund, wo still ich sitze 
in den Grund, wo

20 und mich freu am seltnen Blinken

deiner Steine, deiner Seide,

doch hungrig sdoch seit Stundenhungrig
doch hungrig schon seit Stunden sitze. //

Blatt 03v (A-5-c_11_070.jpg)

Unten tief im Brunnen sitzend,

habe ich dich gleich erkannt:

25 als du mir, der nackt vor Ängsten schwitzte,

warfst herab das
warfst herab ein Festgewand,

warfst herab dann auch die Speise

und zuletzt zur (Kletterreise
und zuletzt zur (Aufwärts)reise

warfst herab die leichte Leiter;

30 aber diesen Taggeleiter Aufwärtsleiter

will ich nicht. Nach eigner
will ich nicht.  Auf  meine Weise

will ich Brunnenherrscher sein. 

Bleib allein im trocknen Land.

Unten tief im Brunnen sitzend

35 wink ich dir und lache dir:

schon am eitlen Festgewand,

habe ich dich gleich erkannt,

das du mir herabgesandt,

habe ich dich gleich erkannt.

5.5.55

 

  • Details:

    V. 28 Emendation: (Aufwärts)reise → ganzes Wort getilgt

  • Besonderes:

    Blatt beidseitig beschrieben; verso: Typoskript-Anfang ("Und wer in den Schlaf sich stürzen will ..."), durchgestrichen

  • Letzter Druck: Unpubliziert
  • Textart: Verse
  • Datierung: Vollständiges Datum
  • gereimt: ja
  • Strophen: ja
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/11_008
  • Seite / Blatt: 03r/v

Inhalt: 135 Manuskripte und 21 Typoskripte zu 24 Gedichten (keine Endfassung)
Datierung: 14.11.1954 – 21.11.1955
Textträger: 200 Einzelblätter (A4-Format); v.a. durchscheinende Makulatur von Dissertation und Gedichttyposkripten
Umfang: 25 Dossiers, 213 beschriebene Seiten
Publikation: Die verwandelten Schiffe (12 Gedichte), GEDICHTE (1 Gedicht), Verstreutes (2)
Signatur: A-5-c/11 (Schachtel 36)
Herkunft: Nr. 1-15: braune Mappe EG 55 I; Nr. 16-25: rote Mappe EG 55 II

Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften

Weitere Fassungen

Manuskripte 1955 (alph.)
Manuskripte 1955 (Datum)
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