Dienstag, 01 Oktober 1946

Tag und Nacht

Manchmal gedenken wir Lauten
mittags des stilleren Mondes,
der nicht in Flammen uns wärmt,
dennoch die Nächte erhellt.
05 Manchmal, ob auch wir nicht wollen,
steht inmitten des Herzens
aufrecht und dunkel die Pappel,
auf ihrem Wipfel der Mond,
ruhend vom einsamen Gang
10 durch die sternblühende Nacht.
Nacht rührt oft uns die Seele,
oft uns Lärmenden noch:
war sie nicht Schossraum des Worts,
das unsre Welten erschuf?
15 Fiel es nicht klingend in sie, 
trug nicht Nacht die Musik?
Stille der Nächte allein
nährte den wachsenden Ton.
Und das Dunkel des Raums
20 wiegte das Licht in den Tag.
Aber die Mutter verging
klaglos im Schmerz der Geburt.
Doch die Pappel, sie trägt
dunkel im Wipfel den Mond:
25 Stille im Herzen des Lärms
und des grell-lichten Tags
wächst schon neu eine Nacht.

Weitere Informationen

  • Zeitschrift: Wort und Tat. Internationale Monatsschrift 3, Oktober 1946, S. 129
  • Letzter Druck: Verstreutes
  • Textart: Verse
  • Endfassung: ja
  • Werke: Bd. 7, 39-40 (verwendete Quelle)
  • Status Text: Dringend
  • Priorität: Normal

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