Sonntag, 01 März 1959

Das Einhorn

Du hebst das Horn
und vergiftest die Winde,
hebst es auf vor dem Wald,
den versteckten
05 Blüten, den Teichen mit Rosen,
den Grotten voll von Lianen.

Du senkst das Horn
und dringst hinein in den Wald;
da sind die Blüten verfault
10 und verkohlt die riesigen Bäume.
Der Teich ist ein Moor ohne Rosen,
Moder die Grotten.

Du mußt aber weiter, du mußt
durch die Gänge, die gleich deinem Horn
15 gewunden sind, doch nicht purpurn.
Weh deinem Vlies:
da drinnen liegt nicht Minotauros.
Unter zerbrochnen
GIasdächern uralter Fabriken
20 bei rostroten Maschinen,
die keiner mehr zu bedienen versteht,
liegen die Mumien da,
Könige aus Leder
und Krokodile mit blätternden Schuppen
25 (Blätter, duftende Blüten),
Augen, offen und schimmlig
(im Teich die offenen Rosen). –

Hebe wieder dein Horn
dann ist nur noch Staub, und du watest.
30 Staub ist nur noch statt Moder. //
Statt Labyrinthen,
statt Mumien ist nur noch Staub.
Und du watest bis zu den Knöcheln
tief im flimmernden Staub,
35 watest im Kreis und siehst
überall eine Jungfrau.

Weitere Informationen

  • Besonderes:

    Erstes von 3 Gedichten (GEDICHTE)

  • Zeitschrift: Merkur, Nr. 133, März 1959, S. 231-232
  • Letzter Druck: Verstreutes
  • Textart: Verse
  • Endfassung: ja
  • Strophen: ja
  • Signatur: D-3-b-01/a
  • Werke: Bd. 7, 190-191
  • Status Text: Kontrolliert
  • Priorität: Normal
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