Typoskripte 1943-46

Inhalt: Entwürfe zu 20 Gedichten (16 Endfassungen)
Datierung: 16.7.1943-24.5.1946
Textträger: Einzelblätter (A4-Format)
Umfang: 43 Bll
Publikation: Verstreutes (1)
Signatur: A-5-b/01 (Schachtel 30)
Herkunft: gräulich-grüne Mappe: (Gedichte 1944/45)

Wiedergabe: Konstituierte Texte

Denkst du noch der
Morgengärten
unserer ersten,
helleren Sommer?
05 Weisst du noch, wie
damals wir klirrten
hell im Harnisch
und im Helme
unserer Hoffnung
10 durch den dämmernd
weithin verlornen
Wald der Gefühle?

Dort erbauten
unsere Träume
15 wiegende Brücken
über der Wasser
schäumende Stürze.
Und in Höhlen
schlugen wir Riesen als
20 lachende Sieger.

Weisst du noch, wie
einst wir spürten
Hand in Hand
unserer Flügel
25 kühnes Wachstum,
wie unser Atem
eins war den Winden des
offenen Himmels?

Dass wir jetzt noch
30 pochenden Herzens
Einheit erführen
aller Dinge,
Einheit wie damals,
als die Wasser
35 droben am Himmel
und die Wasser
an der Erde,
übergegossen aus
kreisenden Becken,
40 mischten sich immer die
einen den andern.

Aber es wuchs der
Mittag der Trennung
über den Bergen
45 leuchtend empor.
Da zerrann das
grüne Weben
heimlicher Wälder
schnell im Lärm der
50 heissen Plätze,
wo die Menschen
wägen und zahlen. // 02

Du aber eiltest
vorzulenken
55 deinen Wagen
über den Trotz der
widrigen Steine
und geschickte
Bahn dir zu brechen
60 durch die verworrene
Not der Leute,
dass so allen
wachse ein Gutes.

Mir aber blieb im
65 Herzen ein Heimweh
nach den Bächen
meines Frühlings.
Nimmer wusste ich
Kluges zu schaffen
70 auf den hohen
Bühnen der Städte.
Heimwärts fliehe ich
immer ins Weite,
wo noch keiner
75 Grenzen erfunden
und zu singen,
kindlich zu sagen,
jedem erlaubt.

Da, mein Lieber,
80 will ich stehen,
an den Rändern
deiner Strasse,
glücklich staunend,
wenn du hinfährst,
85 sicher leitend,
hoch im Wagen.
Und wir sehn uns
eine Weile
fröhlich an,
90 froh und traurig,
denkend unsrer
wogenden Freundschaft,
wie sich alles
ändert und wandelt,
95 dass der Reigen
dieses Lebens
schön zu Ende
werde getanzt.
Aber innen, im
100 innersten Garten
bleibt und blüht
stets eine Treue.

      )

Der Morgen.

Westwärts zieht die Nacht der dunkeln Schleppe Gepränge;
zaudernd hebt sich und scheu über den Wäldern der Tag,
spähend, ob wirklich die finstre das Haupt für immer gewendet.
Aus dem kristallenen Meer trägt er behutsam herauf
05 blaues glimmendes Licht und fürchtet ein vorschnell Erlöschen,
wenn sich erhöbe jäh nochmals zürnend die Nacht.
Doch es schwingen empor die Lieder erwachender Vögel,
bald als Boten des Lands fliegen sie selber nach Ost.
Ostwärts reiten dem Tag entgegen die silbergezäumten
10 Flüsse, auch unser Herz öffnet sich staunend dem Glück.
Er aber sieht es mit Lust. Ersteigend kühner den Himmel,
steckt er im blauenden Kreis Fackel für Fackel in Brand.

Wie denn wollte
Dich erreichen
meiner Seele
zage begonnenes
05 und noch weit in den
Tälern zerstreutes,
dämmerndes Lied?
Denn einer langen
Frist bedurften
10 immer die Menschen,
auszutragen den
Samen der Götter
und zu bilden im
sterblichen Schosse die
15 ewige Frucht.
Ja, ich stand, schon
selber entzündet,
in der flammenden
Ankunft des Gottes.
20 Und wem dank' ich's,
dass ich nicht lang schon
schmolz und verbrannte,
ausser Dir, meinem
weiseren Lehrer?

25 Aber es gibt noch
stille Wälder,
glitzernde Teiche
und den Flug der
lichten Libellen
30 in meinem Herzen.
Hier singt stille,
meine Sehnsucht ihr
reineres Lied.
Sieh, entgegen
35 schlägt es Dir Flügel
und seinen Schimmer,
heute erwacht.
O der Geduld, der
lange geschmähten,
40 dieses zarte zu
Ende zu tragen
über die Stürze, die
grundlosen, hin!

Nun aber will es,
45 will Dich erreichen,
auch wenn Du ständest
hinter sieben
wehrenden Bergen.
Siehst Du dort, wie es
50 sicher die Schwingen
spannt in die klare,
leuchtende Luft,
wie es bald der
anderen süssre,
55 aller andern
stolzre Gesänge,
froh übersteigt,
gipfelwärts kreisend?

      )

Sonett.

Warum hast du den Weg so schnell gefunden,
Der heimlich her in diese Lichtung führt?
Schon hat dich, Dunklen, hell der Strahl berührt
Des Mittags. Und, vom Rausche überwunden,

05 Gehst tanzend du, in Zauberzwang gebunden.
Wer hätte die Gefährdung je gespürt,
Bevor des Taumels Wut, zu hoch geschürt,
Der Seele reines Antlitz ihm zerschunden?

Doch unser lang schon angefangner Reigen
10 Soll gleichwohl dich in seine Wirbel ziehn,
Ob du auch eines klar beschränkten Ganges

Entbehren musst: es wächst im schönen Neigen
Das stolzre Herz, und weiter weht dahin
Der hohe Klang vereinigten Gesanges.

Was für Tage sind dies, so müde und lockend zum Schlafe,
wo das schüchterne Blau, stets von Wolken bedrängt,
nie den Mittag bekrönt und vor dem Abend schon schwindet,
wo die Lüfte quer laufen und wie ohne Ziel?
05 Andere ruf' ich zurück, mein Freund, lebendige Stunden,
da uns vom Strome herauf wogte ein silberner Wind.
Unterm Zeltdach der Fähre sassen und winkten die Mädchen
bunt mit Tüchern uns zu. Aber auf waldigem Berg
liess eine Wolke sich nieder: ein Schwan mit entfalteten Flügeln,
10 ruhig rudernd hinan, sanft überschattend das Land.
Draussen schritt feiernd der Park im grünen Gang der Alleen
bis zu dem schweigenden Haus, wo ihn die Treppe empfing,
freundlich fallend entgegen, doch wehrten sachte Geländer
neckisch Bäumen und Busch, schön zur Bewahrung bestellt.
15 Weiden hingen im Weiher und um die marmorne Herme
lichtete hell sich der Hain, wiegender Tempel im Duft.

Alles glitt in den Abend. In Dämmer zerrann uns die Landschaft.
Schnell war die Wiese verblasst, wo wir uns trafen zur Lust.
Aber weissere Wege gehn durch den Traum der Verlassnen,
20 sichrer schimmernd voran über die Auen am Fluss.
Sinnst du, Liebender noch, gelehnt an die Pfosten des Herzens?
Folge dem wendenden Pfad, leuchtenden Nebeln vorbei,
die, in Sträuchern verloren, warten künftiger Feste,
wo eine Göttin vielleicht schmückenden Schleiers bedarf.
25 Sieh, auf finsteren Wipfeln rundet sich rötlichen Glanzes
neu des wachsenden Monds glückhaft gebogenes Horn.

Nymphe, geheim durch
Aeste des Nachts
schimmernd herüber:

Leise blähen
05 auf die Winde
weisses Glänzen
deiner Schleier.
Tanzend und im
Steigen prächtig
10 scheinst du mir in
diesen Garten,
in von Zweigen
überhangnen,
träumedunklen,
15 schwanken Schlummer.
Willst du mich in
Nachtlust locken,
Gleissnerische,
aus dem Schlaf,
20 in der Tänze
Funkelwonne,
wo du ringsum
streust Gespinste,
silberwallend,
25 und verdunstend
dich den Weiten
schauernd gibst? // 02

Auf schon quillt der
Rätselsaft
30 wogenwild aus
meinem Innern.
Bin ich Strahl denn,
Lichtfontäne,
Gaukler dir und
35 Widerpart?

      )

Die Fontäne. / 1

Müssige Bläue, lasse
Schlummerfläche des Sees:
Segel, schwebende Träume,
wecken die Woge ihr nicht.
05 Schnell vergessen die Tiefen das
leichthin gespiegelte Bildnis. Doch
dort, dort, springt die Fontäne
knisternd zum Himmel, die silberne
Fackel, mit schneeige Funken
10 sprühenden Schäumen. Lichte aus
mattem Herzen geraffte,
wache Begierde! Erst vor den
letzten Hüllen des Himmels
biegst du geblendet zurück.
15 Lächelnd stäubst du in Schleiern
versöhnt schon herab und verteilt.

Fällst du hernieder,
hell geflügelter Vogel,
du des Lichtes freundlich Erinnern
des Nachts,
05 dort über schwarzen,
einsamen Bäumen?

Aber das Dunkle ist immer
dem Gedächtnis des Lichtes geweiht.
Und der Sturm,
10 wenn wogend auch, brausend,
opfert doch stets
der heiligen Ruhe.

Nie noch riss einer
ganz aus der Mitte
15 die Seele: dort wo Gedächtnis
oder Erwartung ihr wohnt
und des Unsäglichen
Sehnsucht brennt auf
der Feuerstätte des Herzens: // 02

20 o, dort bleibt sie
unberaubt und
unverraten auf immer.
Dort auch wächst
in die lohende Liebe der Geist,
25 spornend, glühend empor,
ganz bis hinaus in den gelben
Saum, ja weiter noch, bis in
die unsichtbare, äusserste,
heisse Hülle der Flamme.

30 Das nur ist Liebe.
Lang aber währt ihre
mühsame Lehrzeit,
und mancher zerbrach, noch
bevor das glänzend
35 gebrannte Geschirr die
Werkstatt verliess.

Dennoch sollst du versuchen,
das Schöne zu leisten,
dass, findet einer
40 in alten Schichten später
die Scherben, er Ornamente bewundre,
die formende Hände gezogen:
wenn du dich einmal verschenktest,
gilt gleichviel, was stets dir geschah.

Leidenschaft immer grösserer Sehnsucht warf seine Sterne,
warf seine Berge zum grenzenlosen, zum nie geschlossenen
Himmel: und nicht lange pflog er der Ruh' in den Gärten.
Wasser, springend hoch aus den Brunnen, mahnte ihn immer,
05 dass sich alles bewegt zur feuriger liebenden Mitte.
Konnte er da noch stehen, noch warten und müssig sich sparen,
wenn sein eigenes Herz, wie ein Ross im hemmenden Zügel,
heftig drängte zum Ziel? Ja, aufgerichtet inmitten
müder, weigernder Seelen singen und klagen die Oden
10 noch den verlorenen Gott. 0, klammern wir sturer als Bäume
uns an die ärmliche Stelle und sind wir toter als Felsen,
dass er uns noch nicht bewog, das graue Gewand zu verlassen
ängstlich umklammernden Daseins, durch die Dinge zu springen,
(gleich wie die Löwen im Zirkus mutig durch feurige Ringe)
15 kühn in den Schoss der Welt, zu springen ins Urbild der Schöpfung?
Alles ruht rein dort geeint in ewig steigender Flamme,
wie dieser Jüngling es sah in der liebenden Nacht seiner Seele:
ganz erlosch nicht das Licht, ob er im Finstern auch irrte,
immer glomm ihm ein Docht, ein Funken göttlichen Geistes.

Immer noch streifen
auf nächtlichen Seen
singende Geister,
und nimmer verstehn

05 eilende Pfeile, 
vom Hügel gesandt,
goldenen Hirsches
Geweih und Gewand.

Mühsal vergeht ja,
10 die Jagd und der Mut,
klagend verrinnt das
vergebliche Blut.

Müdem Spieler
die Flöte entglitt,
15 Tänzer im Zwielicht
verlieren den Schritt:

trunkenen Schläfern
in Träume und Hain
taumelt und blendet
20 der Morgen herein.

Zieht euch die Sehnsucht
auf silberne Höh'n,
blüht euch die Flamme
im Opfer so schön,

25 häufet die Früchte
und teilet das Wild
schnell vor des Gottes
gewährendem Bild.

      )

Elegie.

Losgerissen
stieg der Adler
und hob sich zum Himmel, 
kreiste und flog mit
05 unhörbar bebenden Flügeln
und suchte das Höhere immer.
War nicht über dem Tage
noch eine Nacht?
Dunkelnd unendlich und süss?
10 Bleibt es nicht schöner
dies Licht, wenn
manchmal äusserste Federn
streifen Gewässer der Nacht,
geheimnisbergende Spiegel?

15 Doch schon wehe
traf das Geschoss und
hing in der wilder
schlagenden Schwinge. // 02
Wissen, blitzend sprang's auf in
20 der Seele des Vogels:
Flug ist Leben allein,
rein zu schweben
über den Grenzen
der ängstlich gechiedenen Reiche.
25 Lust, unsägliche,
kreisenden Aufstiegs:
nie noch riss sie ihn also
ferndürstend empor zu
jenen Gipfeln des Abends,
30 blauen, zerklüfteten Gipfeln
über dem Ruche des Sees.
Der lag blasser schon da, und
makellos war der Himmel
mit wenigen Sternen.
35 O, Flimmersichel des Monds,
Stille im Schilf,
Gesänge am Ufer!
Dunkel rollt' es
über dem Fittich und tropfte // 03
40 langsam hernieder,
heisse Erinnrung,
sengendes Blut,
o, brennende Sehnsucht:
überall da wie
45 ein Ruf in den Alpen,
den weithin ein jeder
hört durch lautere Lüfte,
überall war heiliger Geist,
allen Wipfeln
50 rauschend gemein
Biegung und Woge,
neuer Klang der Pokale
und wieder ein Lied
am Fest der Jugend im Garten.
55 Droben summten
unzählig die Pfeile
in silbernen Schwärmen,
klangen zitternd und staken
im Gefieder des Adlers.
60 Hob er die Flügel auch
wund in der klirrenden Rüstung,
dass er vollende
den grade begonnenen,
höheren Zirkel; // 04
65 hochzuschweben
des Flugturms reine Spirale
bis zur seligen Spitze,
zur nächtlichen Nabe des
leise drehenden HImmels,
70 blieb ihm verboten.
Letzter Schlag der hellen
Schwinge war dies,
letztes Flammen
ins offene All der Entrückung.
75 Wie eine Schnuppe
stürzte er dann,
letzte Leuchte, vom Himmel
hinab in den See ohne Hoffnung.
Und wie eine Blüte,
80 überreif lag er
auf glanzlosem Wasser,
die Fittiche grausam
gänzlich entfaltet.

      )

Die Mänade.

(Zu einem pompeianischen Wandbild)

Siehe, im Dunkeln
saugt auf einmal ein Wirbel
an alles Licht, das
irgendwo noch verborgen
05 lag in den Maschen der Nacht.
0, es funkeln Glieder,
wehende Schleier aus Helle.
In gestaltlose Nacht
wächst im Nu die Gestalt.
10 Eh' wir begriffen, woher,  
weht sie schön und
fast vollendet im
Raume des wölbig
gerundeten Tanzes.

      )

Tag und Nacht.

Manchmal gedenken wir Lauten
mittags des stilleren Mondes,
der nicht in Flammen uns wärmt,
dennoch die Nächte erhellt.
05 Manchmal, ob auch wir nicht wollen,
steht inmitten des Herzens
aufrecht und dunkel die Pappel,
auf ihrem Wipfel der Mond,
ruhend vom einsamen Gang
10 durch die sternblühende Nacht.
Nacht rührt oft uns die Seele,
oft uns Lärmenden noch:
war sie nicht Schossraum des Worts,
das unsre Welten erschuf?
15 Fiel es nicht klingend in sie, 
trug nicht Nacht die Musik?
Stille der Nächte allein
nährte den wachsenden Ton.
Und das Dunkel des Raums
20 wiegte das Licht in den Tag.
Aber die Mutter verging
klaglos im Schmerz der Geburt.
Liebe, die Pappel, sie trägt
dunkel im Wipfel den Mond:
25 Stille im Herzen des Lärms
und des grell - lichten Tags
wächst schon neu eine Nacht.

      )

Genfer Ode. / 1

Als ich des wachen, lauteren Tages Sehnsucht erfahren,
innen glühende, über die Hänge, über die kaum mit
Reben bepflanzten Gärten der Liebe, hob ich mich auf, zu
suchen die heilige Stadt, das für Ostern gereinigte Volk und
05 opfernde Priester im Tempel. Doch öde fand ich die Strassen,
wild überwachsen des Heiligtums Höfe. Da dacht' ich des Wortes,
dass einst komme die Zeit, wo nicht mehr wir beten zum Vater
hier im Tempel und dort auf samaritanischem Berge,
sondern dann wird erscheinen, unversehens und lieblich,
10 still auf Höhen des Geistes, dem selig staunenden Wandrer
duftend entgegen aus Dornen, blaue berauschende Blüte.
Viele vergessen ihn zwar und gehn an ihm achtlos vorüber,
da sie Gewalt nur ergreift. Doch immer bleiben die andern,
lauschend der leiseren Landschaft und nicht der Stürme bedürfend,
15 harrt doch am Wege der Gott, vor dem ins Mark sie erschauern.
Lust ist schon der duftende Tag und wehes Entzücken
nie genügendem Herzen, wenn purpurn und lila die Blumen // 02
flammen und grün und schattig ruhen die sinnenden Bäume.
Sehnsucht, rot geronnen im Mohn, überströmende, süsse,
20 dunkle Erinnrung der Linden: heller leuchten der Ahnen
Schätze, unter die Armen verteilt. Und weiss auf dem Gipfel
steigen die Wolken wie Weihrauch empor; denn auch dort ist nun Tempel.
Freudiger Segel gelassnes Ballett auf schimmernder Bühne:
vor der Szene des Weinbergs wandeln und wehen sie schweigend,
25 längst schon im Tanze geübt, am Fest, im Lächeln des Gottes.
Drüben warten die Trauben auf Glanz und geistige Fülle,
alles wird Wein noch für uns, wird Rausch und innere Leuchte.

      )

Genfer Ode / 2

Wenn als Gefährte der Landschaft einsam ich bleibe am Abend, 
eile ich bang und schnell meinen Pfad, wie eine verratne
Braut erhebt sich die Nacht und fleht, dass ich sie erkenne.
Länger geleiten nicht Bäume sanft wie am Tage die Strassen,
05 brünstig lodert der Geist, der stets ihr Innres bewohnte
nun in die äussersten Zweige, und dunkel ruft er herüber,
ob nicht Verwandtes sei hier, zu spüren sein Lechzen im Blute.
Schauen nicht grüne Augen herauf aus den Wellen des Flusses,
stumm und verzaubert? Doch nimmer find' ich den Spruch, um zu lösen
10 all die verwunschenen Wesen aus Bann und magischen Fesseln.
Abgewendet im Glanz des eigenen, ewgen Entzückens,
halten sich Götter umarmt, von Sträuchern der Liebe behütet.
Ihnen schimmern wie Silber durch blaue, wechselnde Schatten
Schultern und Knie und wogende Brust, vom Monde beschienen.
15 Der geht über der Wolken gestaltenwirrem Getriebe,
seherisch lächelnd seit alters, und wie der Biene die Blumen // 02
stehn im Geheimnisse offen, aus träumeduftenden Kelchen
trinkt er das innerste Gold und träuft es wie Honig hernieder.
O, schon erquickt er der Nacht die brennenden Lippen, und bald wie
20 schlummernde Kinder atmet sie still und wandelt zum Morgen.

      )

Ankunft des Engels.

Bleiche Hügel,
verebbend in mondlose Nacht,
unbewegte, gefrorene Wasser.
Hirten sitzen, in Decken gehüllt,
05 bei schlafender Herde,
selber fast schlummernd,
und sinnen gewöhnliche Dinge,
graue und kalte.
Ihrer Träume fiebrige Tauben,
10 ausgesandt nach dem Eiland des Glückes,
lange kehrten sie heim in ernüchterte Seelen.
Aber allen, die wohnen zwischen den Blättern der Rose,
kommt einmal der Tag, oder, schöner noch,
einmal die Nacht,
15 da sie, erwachend, ziehn durch Nüstern den Duft,
den süssen, süssen, der sie schon immer umgab.

So ist der Engel,
stets inwendiger Bote:
war er auch, wie Glut unter Asche, verborgen,
20 jetzt flammt er auf,
entzündet gleich Fackeln
die Bäume der grauen Allee.
Nun tönt sie,
Klangsonne, jähe, des Nachts,
25 Stimme aus bebender Mitte und ruft:
"Fürchtet euch nicht!"

      )

Gesicht

Was willst du, Schwan, mich in die Rosen drängen?
Nicht mag ich denn in deiner Grotte Finsternis entbrennen.
Und wenn die Brüder alle, schon vergehend, sängen,
so blieb' ich, weiss noch, in der Nacht allein.
05 Du sollst mich erst am Wasserfall erkennen,
der mich zum Purpursee hinunterreisst:
er lockt und rauscht, ich gleite
und stürze in die unverhoffte Weite,
der stillen Perle zu, die in der Tiefe gleisst.

      )

Clemens Brentano.

Tänzer auf flimmerndem Seil im gelben Zwielicht des Zeltes, hoch über wilder Musik schritt er behend, über der schnaubenden Jagd schwarzer Pferde mit silbernen Mähnen, über Wolken rötlichen Staubes.

02 Schreiten musste er stets, tanzen auf unverlässlichem Tau, jede Bewegung erwägend, ob sie ihn weiter leite den schaukelnden Pfad, ob sie ihn stürze in wirre, nie ganz unterschiedene Tiefe.

03 Oben im First des Zeltes, am hohen Mast, da drehte sich die glänzende Kugel, gefügt aus kleinen, metallnen Quadraten, und fing durch bunt verglaste Lukarnen die Sonne, warf sie in den dämmernden Raum wie farbige Blüten, wie sanfte Wirbel von Opalen, Smaragden, Demanten.

04 Wenn er nur hinaufsehen dürfte, für einen Augenblicks Hälfte hinaufsehn zu diesem Wundergestirn, das oft violett erglomm, gleich den schönen Käfern am Lattich, die er als Knabe gesammelt, oft rot wie Astern am Abend im Herbst, eidechsgrün endlich, gelb auch und blau. – – – –

05 Böse Wahl zwischen Dunkelschlund und Ekstase: noch, noch geht er, sieh, noch wiegt er den weissen, biegsamen Stab in den Händen und tanzt und lächelt. Aber es lauscht seine furchtsame Seele, es lauschen der Sinne innerste stets auf jede Regung des Taus: schwingender, leichter, mühsamer, mühsamer Gang!

06 Wie hält er den Blick, dass er ihm, lange schon flügge, nicht plötzlich entweicht zu des Schimmerplaneten lockender Drehung?

07 Nicht lange mehr hält über schaukelndem Tau des Willens dürftig geschmiedeter Käfig gefangen den starken, verschlagenen Drang: genau fand er aus die schwächsten der Stäbe.

08 (Bleibe Aug' auf dem Stabe, bleib' auf dem Seil.) Purpurn braust es herauf aus drehendem Grunde. Es wandelt der Raum vom Amethyst zum Rubin. – – – –

09 Wer fängt den Tänzer im Fall, wenn das Tau ihm zu schmal wird? Wer fängt den von innen verbrannten, den stürzenden Sperling im Fall?

      )

Die Insel / 1

Aeste streiften
den Kahn am Gemäuer;
unter Brücken geduckt,
nahte er dunkel.
05 Freundlich rief
der Fischer dem Knaben,
der hinaus in die Strömung
sandte des Bootes
zierliches Abbild.
10 Und ringsum standen am Ufer
kleine Mädchen und staunten,
wie es, vom Winde bedrängt,
dem Ufer entfloh.

Doch Abend ist's nun,
15 fern sind die Schiffe,
und leer ist von Kindern die Insel.
Welk an der Stirne des Gottes
duftet der Kranz:
irre starrt er,
20 mit kalten Augen,
durch Blüten und Efeu. // 02
Die Hermen alle,
die vormals frommen des Gartens,
lächeln im Rausch,
25 der über die Bäume heraufkommt
und die Wipfel der Pappeln
sausend bewegt.
Bis plötzlich
aus Wolken,
30 auf Haine hernieder und Wiesen,
stürzt gewittrige Glut
wie vergiftete Pfeile.

Typoskripte 1943-46 (alph.)
(Total: 19 )
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