Die verwandelten Schiffe 1957

schiffe kleinTitel: Die verwandelten Schiffe / GEDICHTE
Verlag: Hermann Luchterhand Verlag, Darmstadt, Berlin-Frohnau, Neuwied (1957)
Druck: Wiking Druckerei GmbH, Darmstadt
Inhalt: 49 Gedichte; Klappentext (Das Gedicht heute) von Raeber
Textträger: Broschüre mit Zeichnung auf vorderem Umschlag, 64 Ss

Vorstufen: Notizbuch 1952-541954-55, 1955-57, Manuskripte 19531954, 1955, 1956, Typoskripte 1954
Kommentar:Beschreibung 
Wiedergabe
: Freie Handhabung des Zeilenumbruchs bei Langversen

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AENEIS X, 219-223

AENEIS X, 219-223:

Atque illi medio in spatio chorus ecce suarum
Occurrit comitum: Nymphae, quas alma Cybele
Numen habere maris, Nymphasque e navibus esse
Iusserat, innabant pariter, Jluctusque secabant,
Quot prius aeratae steterant ad litora prorae.

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DER SPIEGEL

Zum Kreis der Engel vom Grund der spiegelnden Vase
wölken die Dämpfe: der Talschlucht verwandter, verwundert
finden sich unten im Grund der spiegelnden Vase
von neuem die Engel, wo wölken die Dämpfe, verdunkelnd
05 das Bild der Engel, der hellen, die sich verwundert
verwandelt anschaun im Grund der spiegelnden Vase.

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AN DEN TOTEN SÄNGER

Verteilt in unzähliger Vögel Flügel und Stimme,
stiegst aus dem Rauch du hinauf,
über Scheitern in Flammen erneut:

Singst, wunderbar lindernd, am Morgen
05 den Trauernden, der dir verweinte
alle Stunden der Nacht,
vom Sims des Fensters in Schlaf,

als, über Scheitern in Flammen
erneut, du stiegst aus dem Rauch,
10 in Flügel und Stimme unzähliger Vögel verteilt.

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ABEND

Ich sitz am Säulenstumpf der Nacht und werfe
nach dem Polypen, der gen Westen sinkt,
das Netz und fange schließlich nur den Mond:
sein Schwimmen ohne Flossenregung tröstet
05 mit vieler Sternenfische Liderschlagen
gar bald mich, wenn ich leise aus der Flut
die Beute zieh zum Säulenstumpf der Nacht.

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DIE DREI KAMMERN

Schleich ich hinaus in die Hütte an der Grenze des Dorfs,
daß mir der Gruß des Bruders am Morgen nicht schrecke,
die vom Frühlicht schon ängstlich, die Taube;

steig ich hinauf in die Höhle über dem Wasser im Fels,
05 daß mir das Lied des Fährmanns am Mittag nicht schrecke,
die vom einzigen Tropfstrahl schon ängstlich, die Taube;

grab ich mich ein in die Steppe jenseits des Tals,
daß mir das Zirpen der Grille am Abend nicht schrecke,
die von der Mondspur schon ängstlich, die Taube:

10 klagen am Tag und klagen zur Nacht die Schakale
in das verschüttete Grab: wohin floh, wohin meine Taube?

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TAG UND NACHT

Den Tag in der Steppe kühlt mehr als der Quell unter Eichen
das Lachen des Mädchens dem Burschen entgegen, der,
gelehnt an die Tür, schaut, kauend Kerne des Mohns, durch
geschlossene Lider.
Die Nacht, wo sieden die Flöten und kochen die Tamburine
05 empor ums finstere Stampfen der Mädchen und Burschen, kühlt
tiefer
der überquellende Schein der einzigen Lampe
im Schiff der Kammer abseits, das schwimmt auf dem Brodeln.

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DIE OASE

Hinein führt über die letzte glühende Düne
die Schlange den versengten Fuß in den Tau,
der ihn löscht, noch bevor zuinnerst dem Mund
unter dem Palmbaum die Quelle die mit der steigenden Sonne
05 immer kühlere Kühlung zustäubt: wo,
ihr geneigt, erwacht schon am ersten Tropfen die Lippe.

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ANKUNFT IN DER OASE

Wir sammeln das Harz, das die Myrrhenstämme herabrann.
Die Kamele schnupperten es weit in der Wüste,
darüber wegblickt die Palme, die nie sah der Ölbaum
der verschloßnen Oase: Wo nun sie schreiten hinein,
05 beladner als die Palme mit Datteln, als mit Oliven der Ölbaum,
mit der Myrrhen der Wüste würzigem Harz.

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DAS GRAB

Wenn aus der mittagstiebenden Steppe
ihm emporsteigt das Grab auf dem halb versunkenen Sockel,
wenn er abspringt vom Roß und die Stufen hinaufeilt,
sich durch die Tür drängt hinein zum goldenen Sarg:
05 mag er immer sich stemmen, ächzend, wider den Deckel,
verschlossen bleibt er ihm bis zum matten anderen Morgen.

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DER SCHLÄFER

Was zwitscherst du, Vogel, dem Schläfer,
was streifst du das Bett hier, was dort mit dem Flügel,
daß er dir, ganz noch verfangen im Schlafnetz,
das du beginnst zu zerreißen, mit halber Hand wehrt?
05 Was rufst du lauter und fällst ihm in die Stirn,
setzest dich gar auf sein Haupt, lang hinschreiend:
Sodaß er, entfesselt, nun schwimmt auf dem Bett hinaus in den
Mittag,
erschrocken und wach, allein mit dir, Vogel, als Lenker?

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DER STEIN

Verborgen den Brüdern, im innern Gemach
den Stein zückt aus Fetzen der Bettler.
Und weinend führt der Vater ihn auf den Altan,
dem Volk zu zeigen den Sohn: es sieht ihn und jauchzt<.>
05 Doch tief unterm Strahl, den doppelt hinab
zückt der kräftige Stein, sich ducken die Brüder.

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DER ENTRÜCKTE

Als der Fischer
am Fuß des Felsens gelandet,
hinaufgestiegen und die Schulter des Fremden berührte,
hob dieser, der lang geschlossenen Auges gekniet,
05 endlich das Auge und sah,
daß er verlassen den heimischen Strand voller Feinde
und nun hier am entlegenen Strand
war, mit einem Fischer als Freund.

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DIE HARFE

Über dem wehenden Klang vergaßen die Fischer
die Netze des Nachts und irrten dem Morgen entgegen,
der in der Barke die nun an dem matten
Knaben verstummte Harfe heranträgt.
05 Sie ziehn sie ans Ufer, tiefer als sonst vom Fang der Fische,
ermüdet von diesem Fang, der erst im Morgen verstummte.

Purpurn troff
der Baum der roten Beeren,
troff, vom Wind verwundet, in den Himmel,
daß das lichte Laken dunkelt.
05 Mit den nachterwartend üppig
überquollnen Blätterfluten troffen
nun die Beeren,
die da blutend, nicht verblutend, rissen
auf das Laken,
10 auf in Baumes Abendwunde.

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DER BAUM

Du tönst mit offener Krone,
vorfallend aus lockrem Geröll,
in das Gewölbe des Sommers,
weil du fürchtest die Felsschlucht:
05 In das Gewölbe des Sommers
vorfallend, aus offener Krone
tönst du mit Bienen hinaus.

Hängen über den Dolden
des buchtigen Ufers die Segel,
fällt aus den Felsen
der Feind mit dem Speer.

05 Da tauchen, da schwinden die Segel,
da sinken die Schiffe im Schaum,
und Schwimmerinnen für Schiffe
steigen herauf.

Dem Feind vor den schwimmenden Mädchen
10 fällt der Speer aus der Hand,
wenn sie ziehen aus Dolden,
singend, des buchtigen Ufers
ins offene Meer.

Auf der Flucht aus den Gassen der nächtlichen Stadt
trat ich ein in den Hof, wo rauschte die Ruhe
und auf dem Rand des Brunnens mitten in Blumen
ich das Haupt fand unterm Linnen.
05 Im Hof, wo rauschte die Ruhe allein in den Blumen,
jenseits der Gassen der Stadt, als aus der Nacht
mit tränenlos offenem Aug ich heimlich hineinfloh.
 

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AUF DER SCHAUKEL

Auf der Schaukel schaut der zottige Hund
bald von unten mich an, bald von oben und schüttelt das Haar.
Nur wenn er dich sieht, blinde Frau,
die du sitzest verhüllt auf der Mauer des Brunnens,
05 dann jault er laut auf der Schaukel.
Aber schon schaut er wieder von unten, wieder von oben
mich an auf der Schaukel und schüttelt das Haar.

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DER TRAUERBAUM

Ohne Träne
steht im Trauerbaum der Knabe,
wo der irre Speer traf durchs Gebüsch den Hirsch,
den er früh noch ritt und dem er
05 ins Geweih die Kette hing und um den Hals die Kapsel:
wo der Hirsch des Knaben Hände leckte,
eh der im Gebüsch verirrte
Speer des Schlafes Zelt zerriß,
ohne Träne steht im Baum der Knabe.

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DIE FISCHE

Nur zuweilen streifen tief die Fische
an die Klippe, wo sie vor als Fischer,
auf der Rute erste Regung wartend,
kauten jenes Kraut, das nach dem Wasser
05 weckt die wilde Sucht: Bis daß sie schwammen,
leis mit Schuppen und mit Flossen sinnend,
weit hinaus: Nur tief zuweilen streifen
sie die Klippe, wo sie vormals saßen.

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DIE FLÜCHTIGE TAUBE

Verirrte Taube
weckt den Schläfer und flieht durch die Spalte der Tür
hinaus in den lichteren Saal,
runden Flugs die Treppe zur Zinne hinauf:
05 Wegsinkt sie der haschenden Hand
zwischen Zedern hinab in die stille
geöffnete Hand tief unten im Garten,
geborgen gurrende Taube.

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DAS GEWITTER

Der Berg grünt plötzlich
auf im Gewitter, und eine Zeit unterm Regen
geh die Windung des Wegs ich hinab,
wo tief kocht das Gewölk, zuweilen
05 durchwühlt von wandernden Blitzen,
die wandern herwärts, die nahn:

Doch näher steht offen die Höhle,
darinnen der Quell überrauscht
den rauschenden Regen.

Zur Legende von ihrer wunderbaren Ernährung im Gefängnis durch eine Taube und ihrer Beisetzung auf dem Sinai durch Engel.

Wenn die Taube,
bevor das Rufen der Männer
von der Müllabfuhr und das
Rasseln der Eimer
05 aufweckt den Schläfer, der,
senkrecht auf der Stirn eine Falte des Ärgers,
sich umdreht mit Ächzen,
hochfliegt zum Turm in Alexandrien,
die gefangene Jungfrau zu nähren,
10 steht im Schlafrock die Freundin
auf dem kleinen Balkon und winkt
in den Hof dem Freund, der
aufs Rad steigt und eilig zurückwinkt:
er gefällt ihr nicht anders im dunklen
15 Rock mit dem glänzenden Posthorn, als vorhin,
da er schlief und sie nochmals die
kleine Lampe mit dem Schirm aus
löchriger Seide andrehte und
aufsaß im Bett und ihn ansah.

20 Wenn mit der Wäsche
auf dem Dach des Hotels gegenüber
fliegen im Rauch – man kocht fürs Personal eben das Frühstück –
größer geflügelte Tauben, // 29
schaut die Freundin verwundert hinauf,
25 eh sie hineingeht und ansieht
das Bett, das leere, zerwühlte des Freundes, im Licht
der kleinen Lampe, die jetzt schon bei offnen Gardinen
zu verzweifeln beginnt unterm Schirm aus löchriger Seide,
eh sie hineingeht und hört
30 die Mülleimer rasseln und rufen die Männer,
indes im Zimmer daneben, senkrecht
auf der Stirn eine Falte des Ärgers,
der Schläfer ächzend sich umdreht.

Eh sie vergißt der einen
35 Sekunde größer geflügelte
Engeltauben, die tragen den hellen
Leichnam der Jungfrau zur
Gipfelwolke des draußen
im Dunst dort unerbrechlichen Grabmals.

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DER GANG

Wer den finstern Gang betritt am Tempel,
wo die alten Bilder stehn, der Adler
mit der Wölfin und dem Stier, im Holze faulend:
ihn bestürzen die, die vor verwandelt,
05 in den Nischen hausen unterm Tropfgestein.
Und sie lecken ihm Gesicht und Hand, bis daß er,
selbst ein junges Tier, die Zitzen saugt der Wölfin.

Daß du dich wunderst, oben, über die Mosaiken der Apsis, weil die späten Blumengewinde und Tauben und Brunnen Zwillinge der frühen sind und löschen ein halbes Jahrtausend: Daß dich, Ahnungslosen, das wundert, schon das ist gefährlich.

02 Gefährlicher ist, daß du die vielen Stufen zur Unterkirche hinabsteigst und das Kind vor dem Altar im Grabhaus des Heiligen findest: denn wer weiß, ob du der Woge entkommst, wenn sie am Abend zurückkehrt?

03 Aber nochmals tiefer, in der zuletzt erbrochenen untersten Grotte, entkommst du sicher nicht mehr der Woge des Bluts, die steigt und das Aufbrüllen des Stiers unterm Messer des gleichmütigen Gottes in Gurgeln erstickt; die dir schnell steigt bis zum Scheitel, wohin deine Hand im Reflex greift. – Und du wunderst dich nur noch, seit wann du sie trägst: «Seit wann trag' ich die phrygische Mütze?»

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DIE SIRENEN

Wie als sie ans Ufer
schon geworfen die Taue
und einer gar schwamm hinüber,

wächst aus dem Mund des einen Matrosen
05 in der andern Gejohl, welche die Straße vom Hafen 
ziehn zum kleinen Bahnhof mit den Kartuschen und der
Göttin aus schmutzigem Stuck, die emporhebt,
bedeutend, ein geflügeltes Rad,
überm Eingang zur Seilbahn – während
10 der Saison im Herbst und im Frühling
klimmt sie alle Halbstunden zur Höhe des Burgbergs
mit dem Kastell, das heute Museum – :

wächst aus Harmonika und Mund des einen Matrosen
mitten in der andern Gejohl, die, 
15 eingehängt girrenden Mädchen zur Rechten und Linken,
in Achterreihen die breite Straße hinaufziehn,
wo vom Gehsteig werfen die Kinder, die Mütter
Blumen: unter die Schulterstücke stecken sie schnell
die einen, die andern, zu viel sinds,
20 zertreten sie; die Männer aber, gedrückt
an den Rand in den Autos, drehn nieder
die Scheiben und schwenken Hände und Hüte: // 33

wächst aus Harmonika und Mund des einen Matrosen
der Liedbaum jetzt über das Stampfen, das lautere Johlen
25 – : der Straßenbahnzug hält an der
Querstraße keifend, gebremst vom
Gedräng der Blumen und Kinder,
der Mütter und Hände und Hüte und Autos – :

wächst aus Harmonika und Mund des einen Matrosen
30 auf einmal jetzt der Liedbaum, verschränkt
sich dicht in die Krone oben des Lieds im
Schiff vor der Insel, wo sie die Taue
schon ans Ufer geworfen und einer
gar schwamm hinüber,
35 in die Krone des Lieds, das vom Hauptmast
so mächtig hinaufwuchs, daß
sank unterm Schatten der Liedbusch,
der, duftend von Blüten, sie hinzog zur Insel.

Desselben Liedbaums,
40 der die Göttin aus schmutzigem Stuck, die klimmende Bahn mit
dem Burgberg,
einen Augenblick gar der Fremden Geschwätzkraut im Kastell,
das heute Museum,
gedoppelt jetzt überschattet.

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DIE WIRTSCHAFTSSEITE

Der Vogelbaum oder die zehntausend Märtyrer


«Die Aktienmärkte liegen behauptet»
im Wimperschatten des Vogelbaums,
unter dem Puder der Blüten,
die mit dem schmutzigen Bach das Trottoir
05 entlang in den Rinnstein fließen: wo sie
nochmals, nochmals rötet das Blut.

Die Aktienmärkte liegen nur noch mühsam behauptet,
wenn von der Schneekuppe der Sturmwind
durch die wirren Stimmen des zur Unzeit erregten
10 Glockenspiels herabstürzt und in den
Regenbach, der das Trottoir
entlang in den Rinnstein fließt, wischt die
von Wochen des Lächelns bräunlich ermüdeten
Blüten zusammen: aber vom Blut
15 sind sie jetzt nochmals gerötet, gerötet.

«Auch der Stahl steht im Markt»
und blinkt im Regen und blutet
aus den Märtyrerleibern, die man
vom Felsen herab warf und die er
20 magnetisch anzog und auffing.

Der Stahl steht mitten im leeren
Markt, und der Regen wäscht ihm // 35
das Blut der Märtyrer ab und
rötet die von Wochen des Lächelns bräunlich
25 ermüdeten Vogelbaumblüten
nochmals, nochmals im Rinnstein.

Der glockenstimmige Sturm von der Kuppe
hat sie von den Wimpern der Zweige
des Vogels gewischt und die Flügel,
30 die abseits jetzt im Laub stehn,
an Gefieder und Flug plötzlich erinnert.

Aber der Schnabel, begraben,
bleibt aufgesperrt, von der Krume
gesättigt, gesättigt.
35 Und die vom entrollenden
Spielball lange gequälten
Augen betrügt nun der Erdschlaf.

Über Vestalen,
fischvergoldet
aus grüblerischem Gewässer
widerblinkende, aufwärts
05 reißt den Blickvogel, der
vergeblich an Torsen sich klammert
das wendige Flugzeug, das
vom Turm von Santa Francesca
zu den Wipfeln des Palatin
10 – sodaß, wenn das E es beginnt,
P schon anfing zu schmelzen –
mit Schlagrahm ‹Persil› schreibt.

Der Blickvogel fällt auf das Buch,
darin er geglitten sonst vom Stern zu zwei Sternen,
15 stumpf zurück und läßt es dem Wärter,
der nach sechs Uhr es aufliest,
fängt sich und taumelt noch eben zur Bar
dort und erschreckt die andere Schrift,
die übers Sonnendach kriecht, ‹Coca-Cola›.

Den glänzenden Falter
innen trägt die unscheinbare
Nonnenraupe; wenn, als in der Vorhalle lang sie
gewartet und, nun auf dem Platz es zu dämmern begonnen,
05 endlich an den Gendarmen vorbei, die in Gruppen zu vier die
Drängenden ordnen,
eingedrungen ins Herz, dessen Riesengewölb hinter Simsen
verborgene Lampen erleuchten:
wenn, in der reglosen Hitze nur vom dunkel
stockenden Blutstrom der Frommen aufrecht gehalten,
10 jetzt endlich sie fängt im über
den Kopf emporgehaltenen kleinen
Spiegel – darin nie oder nur mit
schlechtem Gewissen sich selbst sie erblickte –
auf den weißen Greis weit vorn auf dem Thron
15 (man hat alle Fenster geschlossen, damit er sich nicht erkälte),
der französisch anspricht die Menge:
jubelt sie ‹wie schön er doch ist› und
trägt, Raupe den Falter, ihn dann hinaus auf die Straße,
blind für den hoch über den Reihen
20 der Klosterschülerinnen, die mit Kerzen
durch die Schwärme der Autoglühwürmer 
zur im Wechsel hellen, im Wechsel erloschnen Monstranz ziehn,
für den Neonring über jetzt lichten Laternen
um die Silhouette des Mailänder Doms, der wieder,
25 gelb werbend, umkränzt die rote Hostie ‹Motta› – :
trägt ihn, bis daß sie, die Raupe,
selbst, eines sicheren Tags, ein glänzender Falter.

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ARTISTEN / I

Im vom Bartisch beschworenen Dreieck steigt der Artist mit Bogen und Köcher auf die lichte Likörflaschensäule und schießt den ersten Pfeil zuhöchst in den Himmel.

02 Und gleich beißt sich der zweite ein in des ersten noch bebende Feder. Alle Pfeile schießt er zur Kette, die vom Himmel herabhängt und schließlich leicht schwankend dasteht mit dem letzten auf der lichten Säule aus leergetrunkenen Flaschen.

03 Nun klettert er, gereizt von den vielen bunten Gelenken, die Pfeilkette empor, bis er vor dem Brüllen des Stiers und mehr noch vor dem dumpfen Aufprall der Hörner auf die Sternbälle zurückschrickt: Doch schon ins Auge hebt ihm die Hörner der Stier.

04 Und die Gäste hangen wartend ins Glas, bis der Wirt, am anderen Tag, einen andern Artisten ohne Bogen und Köcher gefunden.

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ARTISTEN / II

Einen Trompeter fand er, der sich an seinem Tonseil geschickt in den Himmel hinabließ und dann mit den baumelnden Beinen die Sternbälle wegschob.

02 Doch er war noch schneller beim Stier und fiel grad in die aufgehobenen Hörner. Und die Gäste warteten nicht mehr am Bartisch und verlangten den Zuschlag heraus.

03 Wen soll der Wirt jetzt noch suchen? Einen Jongleur mit Kugeln?: Der schwänge bald an seinen immer größer geworfenen Ringen sich zu weit hinaus und nähme die Sterne als Kugeln, geriete erst recht und noch schneller in die erhobenen Hörner.

04 Versuche, Wirt, es ohne Artisten zu machen; denn zu virtuos sind sie heutzutage geworden und kommen dir alle schon am ersten Abend abhanden.

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DER PFAU

Sachte setzte der Pfau einen Fuß vor den andern und zog den Schweif knisternd hinter sich her auf dem Geländer, bis er an die Stelle kam, wo das Gebüsch wuchernd in den schwarzen Garten hereinbrach, mit dem Gezweig voller Düfte sich den Eintritt erzwang: Bis er dorthin kam, Kopf und Krone hob, zögerte erst und dann anhielt, so daß sein Schweif, einen Augenblick blinkend, vom Geländer hinabfiel und dann sich barg in den Zweigen. Erschreckt nun hob sich ein Wind aus dem Busch, stob ein purpurner Faltersturm in den Glanz, der aus der Zweige Überhang aufging: Der Pfau schlug das Rad in die Nacht.

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AUGENBLICK

Vom Tisch, wo sie den Freundinnen rühmte
das Flugzeug, das aus Detroit
– in Michigan liegt es, einem Land in den Staaten wie Schwaben
in Deutschland –
sie brachte, die Kinder Barbara und Christofer
05 den Eltern zu zeigen,
warf sie hinüber zu ihm die beweglichen Augen,
den Kopf und die Hand mit den Ringen
schnell regend, immer noch wie
damals, als er im Garten des August
10 hinabsprach aus dem Netz,
das sie von unten spielerisch anstieß;
nur sprach, damit sie
schlüge ihm auf die dunkel beweglichen Augen
und rege den Kopf und die schnelle Hand ohne Ringe.
15 Wie sie jetzt aufschlug und regte da drüben
über Detroit und über dem Flugzeug nach Schwaben
und ihn nicht erkannte:
Der aufstand und, verstört, fast zu bezahlen vergaß,
weil er nicht länger ertrug, zurückzuschaun
20 auf das wiegende Nachtgartennetz des August.

      )

REQUIEM

Das Mädchen sitzt neben den Schwestern auf dem Sofa und
schiebt die Gardinen vom Fenster zurück 
und sieht das Schiff auf dem See, das immer wächst, bis es anlegt,

und sieht sich selbst, die Frau, die auf den Steg tritt,
wo einer ihr winkt und sie an der Hand faßt:
05 «Nein» schreit sie lippenlos, tonlos und risse den Knaben mit sich
zurück,
wenn er ihr nicht ans Ufer entwischte.

So flüchtet sie allein in die Kabine und schaut nicht hin auf den
Spitz,
der vor ihr das Männchen macht und sich, weil man die Brücke
wegzieht, ohne daß sie ihm sein Stück Zucker zuwarf,
verärgert fallen läßt und der Prozession in die Kirche nachläuft
und der Orgel ins Tantum Ergo hineinbellt.

10 Lieber fährt sie allein tiefer ins Gebirg;
und das Auge im Fenster folgt dem Dampfer zugleich mit dem
Auge des Knaben
vom Getümmel des Kais zur Enge, wo sich fast berühren die
Felsen
und wo die Kellner ein Sonnendach spannen übers Deck, für die
Dame,
die einzig noch da ist von der Sommergesellschaft:
15 Für den Fall, daß sie zur Teezeit herauskommt.

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UNBESONNEN

Die Rothaarige wirft die Haustür zu und ruft:
«Warum läßt du sie offen, du weißt doch, ich hasse den
Durchzug?»
dem Mann nach, der eben im Auto davonfuhr.

Dafür erschreckt sie die Greisin,
05 die den ganzen Tag schon im Sand sitzt und schwer atmet,
weil, den Griff der Felsen von der Bucht zu lösen, dem Leuchtturm
nicht gelingt:
man erkennt die entlegene immer erst wieder am perlenen
Knirschen des Sands,
wenn der beharrliche Wurm endlich durch das Rauschen ins Ohr
dringt.

Das Auge des Leuchtturms wegzudrehen und den Griff der Felsen,
der reglos die Bucht würgt, zu lösen:
10 jetzt erst gelingt es, wenn die Greisin aufschrickt
und der Sturm steigt und vom Meer her Heuschreckengewölk
treibt.

Die Glut der Beete, im Garten geduldet, ist schon erstickt,
bevor der Flügel, den die Rothaarige zuwarf, im Nest nicht mehr
zittert.

Die Pappel im Fenster flieht vor dem Vorhang,
der, aufgestachelt vom Wind, sie verfolgt,
indes das Auge die Partitur des Balletts von weitem zu lesen
versucht.

Das Auge schickt den Flugzeugdrachen aus
05 und hält ihn fest an der Leine seines Wunsches,
daß er um ein Uhr nachts das dröhnende Paket Erinnerung in
einen Schlaf werfe.

Dem Auge am nächsten kommt,
der in Cinemascope den Honig seines Blicks vom Riesenrad
herabträufelt:

Den schickt es nach Paso Robles, um ihn nicht mehr zu sehen.
10 Und richtig, Achilleus findet immer und überall sein Troja,
auch wenn man die Tafel an der Autobahn übermalt hat:

Wieder tropft der Honig in den ausgepreßten Saft der immer
nachwachsenden Traube.
Die Trümmer des Wagens rauchen, und es stinkt nach verbranntem
Gummi,
sodaß man keinen Holzstoß mehr zu errichten braucht.

      )

AM FLUSSHAFEN

Wenn sie sähn, wie die spanische Fahne als letzte die Dockwand
entlang schwebt,
äßen die Damen dann noch Kuchen zum Tee
und läse, den steifen Hut neben sich auf dem Sims, der Bucklige
die Illustrierte?

Als ob nicht die Schiffe die Stadt ins Meer zu tragen begonnen
hätten:
05 Und nur solang man aus den Werften das Schwatzen und Rascheln
laut überhämmert,
um auch das letzte Schiff fertig zu machen,
ist für Kuchen und Tee und fürs Blättern in Illustrierten noch Zeit.

Doch wenn sie die spanische Fahne als letzte die Dockwand
entlang schweben sähen,
rüsteten sie sich schnell zur Abfahrt wie deine Augen, die mich
schon ließen
10 und der schwarzen Dockwand entlang schwimmen im mittleren
Feld der spanischen Fahne.

Wenn du das Feuer
hinhältst der Dame, die
leicht zurückweicht, weil aus dem Wagen,
der plötzlich anhielt, der Fahrer
05 öffnet auf euch zu die Tür,
achtlos: trittst du,
Kaiser, ins Kloster
und findest enttäuscht
die Rosen alle gekappt,
10 bis dir nach wenigen
Schritten im Teehaus der Abt
zeigt, schweigend, die aufging am Morgen,
allein in der Vase die Rose:
wenn du der Dame, die leicht
15 zurückweicht, die Zigarette anzündest.

      )

PAUSE

Nur der Schirm schwebt rot im Regen ohne Schmetterling über
den Rasen
und sucht ihn und flieht vor den hastigen Schirmen der Ein-
käuferinnen unter die Bäume,
die von Erinnerung an die Tage tropfen, wo die Blumen den
Kindern gehörten.

Der Lieferwagen wischt mit der Aufschrift «Winterhuder Malz-
bier» den Schirm weg,
05 und die beiden Männer vorn unter den Mützen tun jeder einen
starken Schluck aus der Flasche:
strengt es doch an, nicht zu wissen von seiner Macht über so
vieler Augen empfindliche Paradiese.

So wenden sich die Schüler wohl oder übel zurück in den Saal,
der ihnen die Nasen mit stickigem Zweifel füllt,
ob der Choral zum Harmonium nicht nur sei anstatt des Ächzens
der Orgel,
10 die der Mann ohne Beine dreht an der Treppe zur U-Bahn,
wo der Luftzug den Duft seines Danks zwischen triefenden
Schirmen hinabträgt.

      )

DIE WESPEN

Zu lange setzte sich die Wespe auf dem Tassenrand der Ver-
suchung des Dufts aus,
als daß sie nicht schließlich hätte darin umkommen,
hinabstürzen und mit Beinen und Flügeln die Kaffeenacht
umrühren müssen.

Auf dem Mund der Coca-Cola-Flasche – die ich eben bestellte,
05 weil ich die zuckende Agonie nicht einmal ansehen kann,
ohne auch schon den Zweifel, ob ich nicht retten müßte, zu
trinken –
zittert die andre Wespe zwischen Lockung und Warnung.

So auch hockt dem Motorschiff, das ganz allein draußen im
gläsernen Sturm blasiert lustfährt,
hinten das Flugzeug gelb auf und weiß noch nicht,
10 ob es sich in die Sonnenmilch stürzen soll:
sie tropft in die Meerenge herab und füllt sie mit Schaum,
sodaß das Wasser die Klippen hinaufflieht, Odysseus,
und dann schnell mit zerschundenen Knien zurücksinkt;
nur die Bojendame harrt aus und zeigt dem Schiff,
15 obwohl es sie nicht zu brauchen vorgibt, den Weg durch die Riffe.

Doch im Gliederzucken der einen,
im zitternden Zwiespalt der andern Wespe schaut Platon
– denn ich sitze direkt am Sklavenmarkt, wo man ihn feilhält – // 49
im weißen Schiffwindspiel des attischen Reeders,
20 das seine Wespe durch den Sturmschaum davonträgt,
schaut Platon immer die reine Idee an;
und mitten im Feilschen, wenn ein Bauer ihm fern außen die
Leibwand befühlt,
kostet er nochmals die Tafelgespräche in Syrakus
und die Nachtspaziergänge mit Dion, unverfaulte Orangen.

25 Sodaß, wenn Amnikeris kommt und ihn freikauft,
er traumtaumelnd in den neuen Rolls Royce steigt
und sein ‹Wunderbar› nur gibt, weil jener es ihm mit allen
Mienen entreißt.

Aber schon fast in der Stadt brennt ihn plötzlich das Bild wach,
das ihm bei der Abfahrt ins Auge hereinglitt und jetzt in der
Hirnhalle ankommt:
30 Wie die Wespe reglos im Kaffee liegt,
indes die Schwester, zum langen Leben entschlossen,
vom Mund der Flasche in die Sonnenmilch wegschwimmt.

Wenn er die Orange zerteilt, achtet er darauf,
daß ihm der Saft nicht den weißen Kragen und die Manschetten,
die er ohnehin jeden Tag wechselt, bespritzt.

Denn er ist nervöser als sonst schon,
weil er die Stadt so plötzlich verlassen und in dieses Kloster
herausziehen mußte,
05 wo es nur Mönche gibt, die mit Blicken seine Seele zu retten
versuchen.

Aber das ist doch besser, als in dem feuchten Palast zu bleiben
und sich wie Pastetenfleisch von der Jammertunke von fünfzig
Frauen immer neu übergießen und ganz durchtränken zu lassen.
Hier ist es wenigstens trocken,
10 und niemand verlangt von ihm Trauer um das Mädchen, das er
nur förmlich gekannt hat.
(Im Bett braucht man gottseidank nicht zu sprechen.)

Hier kann er, wenn die Sonne hinter den baumlos erstarrten
Wogen unterging, zuschaun,
wie man das einzige Rosenbeet mitten im Kohlplatz wässert,
und kann dann, damit man sein Gähnen nicht sieht, hineingehen
und genau darauf achten,
15 daß ihm beim Zerteilen der Orange der Saft nicht den Kragen
und die Manschetten bespritzt,
die er ohnehin jeden Tag wechselt.

      )

DER FUDSCHIJAMA

Gefühlswälder sind süß zu durchwandern,
weil sie die Tageszeit nie genau erkennen lassen,
sondern die Ränder mit dem Dämmerlappen immer sorgsam
verwischen,
und weil nachts in den Mondlichtungen uns immer das gleiche Reh
05 aus großen nassen Augen ansieht und rührt.

Erst draußen am Abfall der Klippen,
wo nicht einmal mehr geducktes Gebüsch den Salzwind mildert
und wo die Nacht nackt ist im scharfen Wintergespräch mit dem
von der Woge aufs höchste gereizten,
über den Golf laut Schnee redenden Berg Fudschijama:
10 da erst begreifen wir, warum wir so lange gegangen.

      )

DAS INWENDIGE LICHT

Variationen über ein Thema von Leibniz

«Das inwendige Licht, das Gott selbst in uns anzündet,
kann durch die sinnliche Erfahrung der Welt geweckt werden»,
geweckt durch den Lampenladen an der Ladenstraße der Vorstadt,
der mir schon von weitem entgegenbleckt auf den Weg durch die
Gärten:
05 diese grellste Goldfüllung in der Reihe der vielen,
die ins Gebiß aus altmodischen Villen unten eingesetzt sind,
vermag das summende Bienenkorblicht der alten Gaslampe zu
wecken.

Das hindert mich nicht, die Verkäuferin anzubrummen,
weil sie mir für meine Wandlampe keine hohen roten Schirme
verkaufen kann,
10 sondern nur niedrige aus gelbem Ölpapier mit grünen Zierstreifen
und Goldrand,
wie sie nachgerade auch Hinz und Kunz haben.

Ihre Entschuldigung erstickt unter der Donnerlawine der
Hochbahn,
die mich, wäre es nicht schon sechs Uhr, ins Zentrum brächte,
wo man alle Arten von Schirmen findet,
15 sogar solche, aus denen das inwendige Licht durch wohlverteilte
Sternlöcher leuchtet. // 53

Dafür zertrümmert mein Löffel,
wenn ich resigniert im Bahnhofbuffet die Milch umrühre,
zugleich mit der Haut aus Versehen das Glasdach des Bahnsteigs,
wo eben Tamino die Katzen und Hunde mit ihren blinden Greisen
20 von den Treppen und aus den Pissoirs anlockt
und mit den Funken der Flöte allen ihr inwendig dösendes Licht
weckt.

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IM NETZ

Ich hänge, die Flügel im Netz, mit schmerzenden Schultern
zwischen Fenster und Straße,
indes Noah die Frau aus der Angstarche des Autos hervorzieht:
Vergeblich hatte er mit den Scheinwerfern die Nachtflut
um die Bäume und bitteren Büsche für Sekunden getrocknet.
05 «Hier genau war es, daß er nach meiner Handtasche griff»,
zittert die Frau, und schon trinken beide Trost
und knabbern Beschwichtigungen auf dem Erkerararat gegenüber.

Sodaß aus der erneuerten Flut hinter den bitteren Blättern der
Strolch taucht
und mir, der ich auf den Schrei zu Hilfe lief und hilflos ins Netz
fiel, zuwinkt:
10 mir mit zwinkerndem Einverständnis durch Strähnen zuwinkt, die
triefen von Nachtflut.

      )

DER MUND

Sacro Bosco in Bomarzo

Ehe das Moos den vom Efeu schon überwachsenen Schrei schließt,
tritt hinein in den offenen Steinmund.

Unter der Lampe, die baumelt vom Gaumen,
kaufe der Händlerin eine Karte mit dem Vulkan ab,
05 dessen Rauch den Horizont überrötet,
und mit dem steinernen Mund, wie er war,
ehe erstmals das Moos den vom Efeu schon überwachsenen
Schrei schloß:

eine Gartengrotte, wohin der Kavalier seine Dame
zog, weil unter den bunten Laternen die Geigen
10 peitschten das Blut, das schrie,
bis er mit ihr den steilen
Ohrweg hinanklomm zum Lid, wo Platz war zum Liegen …

Ehe Moosschweigen den Schrei schließt
und der Vulkan vergeblich den Tiefschläfer anruft,
15 ehe die Asche die Wange pudert,
die doch nicht zum Fest will:

Tritt hinein in den offenen Mund und kaufe die Karte.

      )

KARUSSELL

Ein hölzernes Dekorationspferd, das auf der Orgel steht, spricht

Aus der Mitte überm Orgelbrunnen,
wo die Töne in das Becken fallen,
staun ich an die Pferde, die am Rande laufen,
staun ich an die Brüder Pferde, die so eilig laufen,
05 eilig laufen fort und doch sind immer hier.

Immer laufen meine Brüder Pferde,
aber weiter fort ist schon die Brücke,
drauf der Mann mit den Ballonen geht.
Und auch der gelbe Vogel, den mit Schwirren
10 an der Schnur er um den Stab her schwingt,
damit ein Kind ihn noch vor Abend kaufe,
auch er kommt langsam, langsam weiter fort.

Doch ihr, ihr Brüder Pferde, schnaubt und lauft nur schneller,
ihr bleibt doch immer unterm Sturz
15 der Musik von meiner Orgelsäule,
die mit Schäumen füllt des runden Beckens
und mit Überschäumen füllt des Gartens Ohr.

Und die Zapfen von den Pinien fallen
ab von Zeit zu Zeit und würzen
20 die Wirbel meiner Wasser, und sie
würzen euren blinden Wirbel, Brüder Pferde,
um den runden, runden Brunnen Karussell.

      )

DIE SPANISCHE TREPPE

Erst als ich, erschreckt von dem Hündchen,
das zur blumenumwundenen Lenkstange emporsprang,
gestürzt war,
und mein Rad verbogen am Obelisk lag,
05 nahm ich, Fische, euch wahr,
die ihr blind schwimmt unentwegt
in den gläsernen Stufen der Treppe
und nur die Blumenhändlerinnen etwa hört klagen
über den geringen Ertrag des weggeschmolzenen Tages.

10 Dafür durch die Stirne schwimmt ihr mir jetzt noch,
wenn ich aus meinem Zimmer
über des Hofkartographen Iljin Karte des Russischen Reiches
ausschweife und wenn am Fuß des Kaukasusobelisks
verbogen mein Rad liegt
15 und die Blumenblätter bis nach Finnland verstreut sind:
schwimmt ihr mir blind unentwegt in den gläsernen Stufen.

      )

EISNACHT

Da man im Weinhaus schon um zehn Uhr die Stühle
auf den Tisch zu setzen beginnt,
fährst du durch die vom Eis
durchklirrte Nacht hin und findest
05 im ordinärsten Viertel noch ein offnes Lokal,
wo ein alter Mann in der Ecke
Münzen säuberlich aufhäuft.
Aber jetzt stellt er das Radio lauter,
damit im Schlagrahm der Schlager
10 deine harten Gedanken versinken.
Und wenn auf der neuen Flucht dann
du rumtrunken gleitest und in das Eis schlägst,
schlägst du durch und schlägst mit den von den Splittern
der Schutzscheibe zerschnittenen Wangen
15 Grönland und Sibirien durch:
dein Blut taut den Nordpol auf,
und deine Augen funkeln dahinter,
heiße Kiesel im Sand.
Nachdem du von Weinhaus zu Weinhaus
20 fiebertest in der Eisnacht,
ruht deine sogar eines Blicks
Streicheln scheuende Wange,
ruht an Ostias Meerwange nun.

Etüdenliane
klettert durch Decken und Böden,
wenn vom Klavier der Schüler sie aufzückt,
damit sie dem Alten am Tisch die Beine umwinde.

05 Spät erst erschrickt er,
weil ihn zu sehr beschäftigt die Mühe,
das Auge, das über der Stadt hing
und herabfiel im großen Gewitter,
wieder zusammenzusetzen.

10 Nun schon den Leib,
die Arme hat ihm die zähe
Liane umwunden
und läßt ihn die Scherben nicht fassen,
indes das Metronom unten den Schüler
15 zur letzten Etüde leise eindringlich aufhetzt.

      )

INTERIEUR

Die Lampe zittert noch von der trägen Bewegung,
mit der die Februarmorgensülze,
die das Zimmer jetzt anfüllt, hereinquoll.

Vor dem Fenster der Garten,
05 dem es bis heute gelingt,
die Pose des Sommers zu halten,
ärgert mich jetzt.
Und am Klirren merke ich, daß ich
im Aufstehen, scheint es,
10 mit dem Arm das Glas vom Tisch wischte.

Doch beim genaueren Hinsehn
sind auf dem Teppich die Scherben
jenes Augustnachmittags an der Küste der Provence,
wo der Felsriegel am Ausgang der Bucht schmolz
15 und im Strandsand schmolzen die Küsse.

Diese Schüssel Zimmer zumindest
will ich nicht hinwerfen, bevor
jemand kommt und aufkehrt die Scherben.

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