GESICHT IM MITTAG 1950

gesichtTitel: KUNO RÄBER / GESICHT IM MITTAG
Verlag: Vineta-Verlag AG, Basel (1950)
Druck: H. Jaunin S. A., Lausanne
Inhalt: 14 Gedichte, ohne Titel
Textträger: Heft von 16 Ss

Kommentar: Beschreibung
Vorstufen
: Typoskripte 1945-1950; Korrekturbogen: A-5-b/04

Erfüllt im Nachtmahl nicht mehr sich der Traum,
so weist dies gegen Morgen:
in jenem lichten Sternensonnenraum
ruht Herrliches verborgen.
05 Die Becher klingen wider Becher an.
0, werft sie weg. Des Trostweins ist genug.
Empfangt den wahren Wein aus diesem neuen Krug.

Sonst dämmert immer augenlos die Stadt,
bis auf die lichten Züge grosser Vögel,
die schon die Sonne aus den Schwingen träufeln
hernieder auf die Kuppel, wissend hohe
05 über der Stadt im Dämmer ohne Augen.

Die Wege sind aus Bachesniederungen
hinangebäumt den buschigen Bergeshang,
wo Echse und, die Farben feurig wechselnd,
der Käfer eilt im grün bezähmten Licht.
05 Da wehen wohl aus Gartenblust herüber
der gelbe Staub und selbst der Schmetterling,
Fremdlinge bunte, in die Sinnesstille,
die rein den Wanderer auf den Berg umschweigt.
Er will das andere nicht, das ihn verwirre,
10 ging er doch lang an Städte netzendem Wasser
und auf den Strassen, welche Vielgestalt
der Ware führen in die Weite. So
erblickt gezieltes Auge nicht den Falter
und nicht den goldnen Staub; ja, selbst die Echse,
15 den Käfer, der Stille Hüter, grüsst er kaum.
Dem schattenlosen Gipfel eilt er zu,
wo auch kein Strauch mehr klare Sicht beengt
und das Getier bleibt flüchtig unterm Felsen.

Weh ist dieser hohe Steg gedehnt:
reich sind wohl der bunten Karawane
Purpurtroddeln mit den Perlgehängen;
in den Kräutern kommt der Heilung Fülle,
05 Saft der Früchte will den Durstigen letzen.
Doch solang der Zug auf hohem Steg
geht, auf dieses Steges weher Dehnung,
bleibt Gefahr, dass er die freudig bangend
jenseits lang schon warten, nie erreicht.

Hergewehter Staub des Frühlings strömt
reinen Duft der Blütenwohnung, die
schnell verdorrt und dennoch brennend Glück
dauert dem, der einmal wohnte dort.
05 Allen andern weht er auf den Kahn,
wo sie treiben mit dem Bettelgut,
Botschaft in den steil und steilern Strom,
dass des brachen Reichtums leere Stadt
harrt der Schiffer unterm Katarakt.

Leer ist heute die See, darauf die Wartenden
schauen, nicht ahnend die dunkeln Segel des Schiffes,
dass es die Toten bringt, gelenkt vom letzten
Fergen, der auf immer das Schreckliche zeigt in den Augen:
05 in die untern Paläste brach neue Gewalt.
Wird sie schonen unsrer getrübten Würde,
da sie die reine zerschlug ursprünglicher Götter

GESICHT IM MITTAG (alph.)
GESICHT IM MITTAG (Folge)
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