Nachwort über das schweizerische Sprachdilemma

Vor ein paar Jahren wohnte ich im Schweizer Institut in Rom und trat in einem Brief an ein anderes Mitglied des Instituts, einen Basler Juristen, dafür ein, daß als offizielle Haussprache außer dem Französischen und dem Italienischen, da ja die Mehrheit der Stipendiaten aus der deutschen Schweiz komme, auch das Deutsche verwendet werde. Ich erhielt ein ausführliches Antwortschreiben, woraus ich einige Abschnitte hier zitieren möchte:

02 »Wenn wir die Forderung aufstellen, in der Schweiz und in schweizerischen Institutionen solle jedermann seine eigene Sprache verwenden, gilt es … festzuhalten daß dies für ›Deutschschweizer‹ nur je ihr Dialekt sein kann. So kommt ftir mich, der ich in Basel-Stadt aufgewachsen bin, als ›deutschschweizerische‹ Sprache allein das ›Baseldytsch‹ in Frage, wie ftir Sie der in Ihrem Kanton gesprochene Dialekt, also nicht, was Sie irrtümlicherweise anzunehmen scheinen, das Hochdeutsche. Die Dialekte der ›deutschen‹ Schweiz sind nämlich nicht nur wesentlich älter als das Hochdeutsche, sondern auch eigenständig und jedenfalls für die kulturelle ›Individuation‹ des ›Deutschschweizers‹ von ungleich größerer Bedeutung denn die importierte Schriftsprache, welche für uns eine Fremdsprache ist und immer bleiben wird.

03Für Welschschweizer, Tessiner und Rätoromanen nun wäre es, auch wenn sie sich noch so sehr darum bemühten, kaum möglich, unsere vielen und zum Teil doch sehr unterschiedlichen ›deutschschweizer‹ Sprachen allesamt zu erlernen und zu verstehen. Wenn wir somit mit ihnen leider nicht so sprechen können, wie jedem von uns ›der Schnabel gewachsen ist‹, dann bleibt uns nurmehr übrig, [105] uns in der Sprache an sie zu wenden, die von ihnen und uns gemeinsam verstanden wird. Und dabei kommt nur das von uns ›Deutschschweizern‹ einer gewissen Bildungsschicht in der Regel ebenfalls mehr oder weniger beherrschte Französische oder Italienische in Betracht. Denn: Das Hochdeutsche, welches von den betreffenden Miteidgenossen heute zumeist ebenfalls verstanden würde, stellt ja für uns ›Deutschschweizer‹ im mündlichen Verkehr eine Fremdsprache dar und einer solchen sollte doch wohl, der Eigenständigkeit und der ›Selbstrealisierung‹ unseres Landes zuliebe, im Gespräch unter Schweizern eine der schweizerischen Sprachen (und dies sind, im Gegensatz zum Deutschen, sowohl das Französische als auch das Italienische) vorgezogen werden.«

04Das ist nur eine von den in den letzten Jahrzehnten nicht eben seltenen Äußerungen dessen, was ich Helvetismus nennen möchte, aber zweifellos die extremste, die mir jemals begegnete. Unter Helvetismus. verstehe ich ein kulturpolitisches Programm, das die deutsche Schweiz vom übrigen deutschen Sprachgebiet abtrennen und zu einer besonderen sprachlich-kulturellen Einheit machen will. Er hat die Schweizer meiner Generation und noch mehr die der jüngeren Generationen nachhaltig bestimmt. Seit meiner Schulzeit mußte ich mich damit auseinandersetzen. Nicht zuletzt der Brief, aus dem ich zitiert habe, regte mich dazu an, über den Gegenstand neu nachzudenken. Die folgenden Bemerkungen sind ein vorläufiges Ergebnis dieses Nachdenkens.

05Als Muttersprache eines Menschen gilt gemeinhin, nicht nur im deutschen Sprachbereich, primär die Hochsprache, in der er sich zuerst artikulieren gelernt hat, in der er, zumindest, seine Schulbildung empfing. Auch in der Schweiz war das spätestens seit der Aufklärung und noch bis vor kurzem nie ernstlich bestritten worden. Die Redensart von der »deutschen Muttersprache« fand sich [106] noch in meiner Schulzeit in den Lesebüchern. Der Dialekt aber steht, so etwa die lange herrschende Meinung, hinter der Hochsprache als deren gleichsam lokale und intime Variante und ältere Vorform. Dialekt und Hochsprache wurden bis in die neueste Zeit nicht als Gegensatz empfunden, sondern als zwei verschiedene Stufen, Erscheinungsweisen derselben Muttersprache.

06Ein historischer und geographischer Überblick läßt zudem erkennen, daß die Grenze zwischen Hochsprache und Dialekt fließt. Ein Dialekt kann zur Hochsprache aufsteigen, eine Hochsprache zum Dialekt absinken. Derart etwa sind aus dem Lateinischen, in einem Prozeß des Ab-und Wiederaufstiegs, die romanischen Sprachen entstanden. Und der zitierte Brief legt die Vermutung nahe, daß für seinen Verfasser wenigstens die alemannischen Dialekte in der Schweiz schon hochsprachliche Eigenschaften anzunehmen beginnen. Wenn man aber heute, nicht nur in der Schweiz, darüber klagt, daß die deutsche Hochsprache den Dialekt verdränge und sich an seine Stelle gesetzt habe, so stimmt das nur in einem sehr eingeschränkten Sinn. Denn der alemannische Dialekt war bisher zu keiner Zeit Hoch- oder Schriftsprache. Diese Funktion hatte die längste Zeit, auch im deutschen Sprachraum, das Latein. Der Dialekt wurde nie geschrieben und weder in der Schule noch in der Kirche, noch vor Gericht verwendet. Neben das Latein tritt dann allmählich eine regionale, in der Schweiz und Süddeutschland also eine oberdeutsche Gemeinsprache, die zwar überall mundartliche Elemente enthält, aber niemals identisch ist mit dem gesprochenen Dialekt. Sie befindet sich gleichsam auf halbem Weg zwischen diesem und der neu hochdeutschen Schriftsprache. Wer sich für den Verlauf dieser Entwicklung interessiert, sehe sich etwa die Giebelbilder auf den Luzerner Holzbrücken an: Die Sprüche, welche die dargestellten Szenen erklären, alle wohl zwischen dem [107] frühen 17. und dem späten 18. Jahrhundert entstanden, mischen auf eine für uns zuweilen drollige Weise dialektale und hochdeutsche Sprachelemente. Man will offensichtlich eine Sprache schreiben, die zwar volkstümlich ist, aber zugleich in einem weiteren Umkreis verstanden werden kann. Der Übergang zwischen Dialekt und Hochsprache ist gleitend, diese mischt sich fortwährend mit jenem. Das Gleiche können wir, ähnlich ungezwungen und naiv, heute noch in der Umgangssprache in Bayern oder Schwaben, auf dem Land vor allem, beobachten während in der Schweiz der Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache zwar objektiv vielleicht nicht größer geworden ist, aber subjektiv immer mehr als Gegensatz empfunden wird.

07Dabei kann das Verhältnis zwischen Hochsprache und Dialekt naturgemäß nur ein hierarchisches sein: Die Hochsprache ist zwar, darin haben ihre Kritiker durchaus recht, die jüngere und künstlichere, auch rationalere, aber oder gerade deshalb die verbindliche, normsetzende Form einer Sprache. Der Dialekt ist sozusagen ihre Naturform, er ist die Sprache des täglichen Gebrauchs für den privaten Bereich und wird normalerweise nur in einem engen territorialen Umkreis verstanden. Solange der Dialekt echter Dialekt ist, wechselt der Sprecher, kaum daß er seine engere Heimat verläßt, reflexartig über zur Hochsprache, die ihm als die zwar unpersönlichere, aber dafür allgemeiner verständliche Form seiner Muttersprache geläufig ist.

08Und was hier, bildlich gesprochen, von der Horizontalen gesagt ist, gilt ähnlich von der Vertikalen. Wenn der Dialektsprecher in eine Situation kommt, wo er sich intellektuell (nicht emotional!) differenzierter ausdrücken muß, wo ein höherer Grad der Abstraktion gefordert ist, wechselt er gleichfalls automatisch zur Hochsprache über als zu jener Form der Muttersprache, die für den Transport [108] wissenschaftlicher Inhalte und für die genaue begriffliche Unterscheidung geschaffen und geeignet ist.

09In der Schweiz nun funktionieren diese Reflexe nicht mehr. In der Mehrzahl der Fälle, in denen der Normaleuropäer, auch wenn er einen Dialekt beherrscht und sich seiner in bestimmten Situationen bedient, zur Hochsprache übergeht, hält der Deutschschweizer am Dialekt fest. Zum Teil ist das der Überrest eines älteren Verhaltens, aus der Zeit, in der sich die Hochsprache noch nicht durchgesetzt hatte und der Gebrauch des Dialekts noch verbreiteter und selbstverständlicher war als heute. Aber für die Erklärung des Phänomens wichtiger sind andere Momente. Und mir scheint, daß diese immer mehr in den Vordergrund treten.

10Das Hochdeutsche gehört in der Schweiz nicht mehr zu den Merkmalen der Identität, weder der nationalen noch der lokalen und schon gar nicht der individuellen. Ein Deutschschweizer, wenn man ihn fragt, was er sei, wird sofort und ohne zu überlegen antworten: Schweizer. Wenn man dann weiter in ihn dringt, wird er das spezifizieren mit Zürcher, Berner, Basler o.ä., aber kaum je mit Deutschschweizer. Und selbst wenn er das einmal täte, seine Sprachzugehörigkeit der ausdrücklichen Erwähnung wert fande, dächte er dabei normalerweise an seinen Heimatdialekt und nur im Ausnahmefall und nebenher an das Hochdeutsche. Die in der Schweiz gesprochenen alemannischen Dialekte liegen offenbar gerade auf der Schwelle, jenseits deren sie notwendig zur Hochsprache werden. Dafür gibt es viele Anzeichen. So übersetzt etwa neuerdings die Simultananlage im Parlament des zweisprachigen Kantons Bern nur vom Französischen ins Berndeutsche und umgekehrt, der Gebrauch des Hochdeutschen ist gar nicht mehr vorgesehen. Mindestens bis in die dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts jedoch war Hochdeutsch die selbstverständlichste Verhandlungssprache [109] in allen deutschschweizer Kantonsparlamenten und Kantonsregierungen, von den Bundesbehörden in Bern gar nicht zu reden. Heute soll es sogar schon Universitätslehrer geben, die ihre Vorlesungen und Seminare in Dialekt halten. In der Schule sprechen ohnehin seit Jahrzehnten die Lehrer mit den Schülern überwiegend Dialekt; Hochdeutsch ist Unterrichtssprache nur noch im allerengsten Sinn, dient nur noch zur Übermittlung des Lehrstoffs. Die Klassendiskussionen, nicht nur in den Volksund Hauptschulen, sondern auch auf den Gymnasien und in den Lehrerbildungsanstalten, werden in Dialekt geführt. Etwas, das vor hundert, vor fünfzig Jahren noch unvorstellbar gewesen wäre. Wer kann sich da wundern, daß die Jugend gegenüber dem Hochdeutschen ein Unbehagen empfindet, sich darin unsicher fühlt und, wo immer es angeht, vermeidet, hochdeutsch zu sprechen? Wer also das Hochdeutsche als Fremdsprache bezeichnet, kann sich, zumindest was den mündlichen Gebrauch angeht, auf eine Menge Argumente stützen. Aber er muß wissen: es ist zur Fremdsprache erst geworden, lange Zeit galt es nicht dafür. Gottfried Keller und Jacob Burckhardt, ihrer Herkunft und Bildung nach so verschieden voneinander wie nur möglich, hätten diese Vorstellung, falls sie überhaupt jemals darauf stießen, zweifellos rur absurd gehalten. Heute würden sie vielleicht zögern mit ihrem Urteil: Zu vieles weist darauf hin, daß die deutsche Hochsprache in der Schweiz bald nur noch Schriftsprache, im mündlichen Gebrauch jedoch überall vom Dialekt verdrängt sein wird. Bis zum Zweiten Weltkrieg war ja das Hochdeutsche nicht nur in allen öffentlichen und offiziellen Reden, sondern auch in Ansprachen bei Vereins-und Familienfeiern, wenn nicht selbstverständlich, so doch die Regel. Heute ist das Umgekehrte der Fall: Wer einen Geburtstagstoast hochdeutsch ausbringt, fallt aus dem Rahmen. //

11 Beteiligt an dieser Entwicklung sind auch die elektronischen Massenmedien. Wenn diese etwa in der Bundesrepublik, wo Hochdeutsch auch Umgangssprache ist, die sprachliche Planierung in Richtung auf ein farbloses Fernsehdeutsch fordern, bestätigen und stärken sie in der Schweiz den Dialekt in seiner beherrschenden Stellung. Fernsehen und Rundfunk, im Ehrgeiz, den Leuten nach dem Munde zu reden, den Mann und die Frau von der Straße ohne Stilisierung und Überhöhung so zu zeigen, wie sie sind, können nicht daran interessiert sein, Menschen, die sonst nie in ihrem Leben auf die Idee kämen, hochdeutsch zu sprechen, ausgerechnet vor dem Mikrophon und der Kamera dies tun zu lassen.

12 Die Schweizer lieben ihre Hochsprache nicht, viel eher scheint es, daß sie sie hassen. Immer wieder hört man Klagen darüber, wie abstrakt, gemütlos, seelenlos sie sei, und das gerade von den Gebildeten, die so tun, als gäbe es weder den »Grünen Heinrich« noch »Die Kultur der Renaissance in Italien« noch »Andorra«, als wären sie in ihrer Schulzeit nie von »Augen, meine lieben Fensterlein« und dem »Römischen Brunnen« bezaubert gewesen. Sie stellen sich genau so an, als ob man ihnen das Hochdeutsche aufgezwungen hätte, und nennen es verächtlich eine »importierte« Sprache. Als ob nicht alle Hochsprachen, das liegt in ihrem Wesen als überregionale Idiome, überall außer in der Gegend ihrer Entstehung »importiert« wären. Um bei der unsern zu bleiben, das Hochdeutsche ist in der Schweiz nicht mehr und nicht weniger »importiert« als in ganz Westdeutschland und wurde hier zuerst einmal früher und leichter angenommen als etwa in Alt-Bayern.

13 Die Ursachen dieses Hasses müssen also anderswo liegen. Zum Beispiel in der, wenn auch nur indirekten, Erfahrung des Hitlerregimes, welche die Entstehung eines nicht nur politisch begründeten schweizerischen Nationalbewußtseins, eben dessen, was ich Helvetismus nannte, // kräftig gefordert hat. Die Schweizer des 19.J ahrhunderts unterschieden genau zwischen dem »Schweizervolk« und den Nationalitäten, aus denen es sich zusammensetzte. Johann Kaspar Bluntschli drückte mit seinem Satz: »Die deutschen Schweizer sind und bleiben Angehörige und Genossen der großen deutschen Nation« eine seiner Zeit durchaus geläufige Meinung aus. Die Schweizer hielten sich für ein durch seine Institutionen und seine Geschichte geeintes Volk, aber sprachlich und kulturell (was auch immer unter »Kultur« man damals verstand), nahmen sie nach wie vor teil am Leben von drei verschiedenen Nationen, deren Angehörige zur Hauptsache außerhalb des Landes wohnten. Bis tief in unser Jahrhundert, in die Zeit der Weltkriege hinein, sah man eben darin eine Mission der Schweiz, daß sie durch das friedliche Zusammenleben von Teilen dreier großer, allzuoft miteinander zerstrittener Nationen Europas sich diesen als Vorbild anbot. Seither hat sich das Pathos, mit dem die Staaten früher ihre Existenz rechtfertigten, längst ebenso erledigt, wie das gesamte politisch-kulturelle Klima sich verändert hat. Hier sei nur daran erinnert, daß den Schweizern des vergangenen Jahrhunderts, den Gründern des Bundesstaates 1848, den Reformern von 1874, eben nicht daran lag, die Schweiz sprachlich und kulturell von ihrer Umwelt abzugrenzen, sondern im Gegenteil daran, ihre politische Einheit, Eigenart und Unabhängigkeit bei gleichzeitiger Zugehörigkeit zu verschiedenen Nationalitäten zu behaupten. Die Gründerväter des modernen Bundesstaates verstanden daher unter»Vielsprachigkeit« etwas anderes als deren heutige Lobredner. Für diese handelt es sich dabei lediglich um die banale Feststellung, daß in der Schweiz mehrere Idiome gesprochen werden; jene dagegen waren stolz darauf, daß in der Schweiz drei große Kultursprachen sich unter dem Dach eines Staates begegneten. Wenn die Bundesverfassungen von 1848 und 1874 die deutsche // Sprache als »Nationalsprache« vor dem Französischen und Italienischen nennen, so ist damit nicht dieser oder jener Dialekt, auch nicht die Gesamtheit aller in der Schweiz gesprochenen Dialekte gemeint, sondern eindeutig, das ergibt sich aus dem Kontext der zeitgenössischen Literatur, die deutsche Hochsprache und nur diese. In dieselbe Richtung weisen die staatlichen Schulordnungen seit der Helvetik: Erste Aufgabe der Schule sei es, dem Schüler zur mündlichen und schriftlichen Beherrschung seiner Muttersprache, und das ist für damalige Begriffe natürlich das Hochdeutsche, zu verhelfen.

14 Seit man nach den beiden Weltkriegen in ganz Mitteleuropa die französische Definition übernommen hat, wonach die Nation einfach der Staat ist, wurde die bis dahin weitverbreitete Ansicht, daß die Schweiz, sprachlichkulturell verstanden, von Deutschen, Franzosen und Italienern bewohnt sei, durch die These abgelöst, es gebe Schweizer deutscher, französischer und italienischer Sprache. Ein auf den ersten Blick kaum bemerkbarer, tatsächlich aber gravierender Unterschied. Das Problem der doppelten Loyalität, einerseits gegenüber dem Staat, dem »Vaterland«, anderseits gegenüber der Sprachgemeinschaft, die immer, wenigstens unterschwellig, auch als »Nation« empfunden wurde, dieses Problem, das den Schweizern im Ersten Weltkrieg schwer zu schaffen machte, schien aufeinmal wie durch ein Wunder erledigt. Die Sprachnation gab es nicht mehr, sie konnte folglich auch keine Loyalität beanspruchen, übrig blieb einzig der Staat.

15 Auf ihn bezog sich nunmehr alles. Wie der am Anfang zitierte Basler Rechtskundige meint, »der Eigenständigkeit und ›Selbstrealisierung‹ unseres Landes zuliebe« sollte fortan die deutsche Hochsprache, die zahllosen, und wahrlich nicht den schlechtesten, Schweizern über zweihundert Jahre lang geistige Heimat gewesen war, wenn // nicht völlig abgeschafft, so doch zurückgedrängt, ihrer verbindlichen Bedeutung als einer Sprache der allgemeinen öffentlichen Kommunikation beraubt, ihre Verwendung dem Belieben des einzelnen anheimgestellt werden. Ein deutscher Sprachraum existiert zwar noch für die Praxis des Kulturbetriebs, nicht mehr aber für das Bewußtsein und für das Gefühl weiter Kreise der schweizerischen Intelligenz. Und damit ist, genau genommen, der deutschen Hochsprache in der Schweiz überhaupt die Basis entzogen.

16 Wie aber kam es dazu, daß das Hochdeutsche hier zuerst, wenn auch langsam und zögernd wie in den meisten Gegenden Süddeutschlands, angenommen, nachher aber wieder abgestoßen wurde? Die europäischen Nationen, das Wort hier wieder im früher gebräuchlichen Sinn als Bezeichnung für eine primär sprachlich-kulturelle Einheit verstanden, bildeten sich allmählich in einem jahrhundertelangen Einschmeizungsprozeß. Je intensiver eine Landschaft an diesem Prozeß teilnahm, desto schneller und vollständiger wurde sie eingeschmolzen. Die deutsche Schweiz beteiligte sich zwar zeitweise aktiv an der Bildung der modernen deutschen Sprachnation, aber offenbar nicht lange und intensiv genug, um auch nur den relativ geringen Grad der Einschmelzung vieler Gegenden Süddeutschlands etwa zu erreichen. Zwischen der Spätaufklärung und dem Ersten Weltkrieg, vor allem um die letzte Jahrhundertwende, schien es dann allerdings, die Schweiz sei im Begriff, sich sehr schnell dem allgemeinen Sprachstand anzugleichen. Das war vielleicht die Folge der für das europäische 19. Jahrhundert bezeichnenden Verbindung von nationalromantischen und rationalistischaufklärerischen Motiven. Die durch den vermehrten Gebrauch der Hochsprache gegebene Annäherung an Deutschland befriedigte sowohl jene, welche die Wurzeln der Eidgenossenschaft im mittelalterlichen Reich sahen // und behaupteten, sie habe nicht nur dessen älteste und beste Traditionen, sondern noch einige altgermanische dazu für die Nachwelt bewahrt, wie auch die andern, die sich davon eine direktere Teilnahme am kulturellen, wissenschaftlich-technischen und ökonomischen Fortschritt versprachen. Wie dem auch sei, tatsächlich hatte sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg das Hochdeutsche als Instrument der öffentlichen Kommunikation durchgesetzt und drang allmählich sogar in den privaten Umgang vorwiegend akademischer Gesellschaftskreise ein. Von Ressentiments war damals offenbar wenig zu spüren.

17 Die Veränderung der Dinge, die sich schließlich als ein völliger Umsturz erweisen sollte, setzte mit dem Ersten Weltkrieg ein. Wie die Schweizer nach dem Dreißigjährigen Krieg, zusammen mit ganz Europa, immer mehr in den kulturellen Sog Frankreichs, der damaligen kontinentalen Vormacht, geraten und am Ende von ihr militärisch besetzt und politisch beherrscht worden waren, fürchteten sie jetzt, dem expansiven Deutschen Reich gegenüber in eine ähnliche Lage zu kommen. Es bedurfte dann nur noch Hitlers, damit sich die »deutsche Muttersprache« in die »importierte Fremdsprache« verwandelte, die sich von anderen Fremdsprachen allenfalls dadurch unterscheidet, daß man sie zwar noch schreibt, dafür aber auch haßt.

18 In der Auseinandersetzung um Hochsprache und Dialekt geht es aber um mehr und Wichtigeres als politische Opportunität oder gar Mode. Es geht um zwei Konzeptionen der Kultur. Ich meine hier nicht den alten und, so scheint es mir wenigstens, müßigen Streit um Kultur und Zivilisation, sondern zwei Auffassungen, wovon man wiederum, grob vereinfachend, die eine als die eher französische, die andere als die eher deutsche bezeichnen könnte. Nur verlief hier die Entwicklung umgekehrt wie beim Begriff der Nation. Während sich hier die westliche Definition, wonach Nation und Staat nur zwei verschiedene // Ausdrücke für dieselbe Sache sind (das Wort »Nationalstaat« wird so überflüssig, denn jeder Staat ist Nationalstaat), durchgesetzt hat, ist, was den Begriff der Kultur angeht, die im späten 18.Jahrhundert formulierte deutsche und osteuropäische Auffassung, die ich die folkloristische nennen möchte, seit den Weltkriegen immer allgemeiner geworden. Kultur ist ihr zufolge die Gesamtheit der zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort vorhandenen menschlichen Sitten, Einrichtungen und Produktionen, die man, wie Flora und Fauna, nicht zu kritisieren oder gar zu verändern, sondern einfach zur Kenntnis zu nehmen, und, so, wie sie ist, zu akzeptieren hat.

19 Die Gegenmeinung, die nicht nur die französische Staatskultur spätestens seit dem I 7.Jahrhundert und danach bis zum Ersten Weltkrieg, wenn auch mit Schwankungen und regionalen Unterschieden, den ganzen europäischen Kulturkreis bestimmte, versteht, wie das schon die hellenistisch-römische Spätantike getan hatte, Kultur als ein bewußtes Erzeugnis des menschlichen Geistes, als einen human geordneten Kosmos, der nicht zuletzt auf der Überwindung des Partikulären zugunsten einer möglichst allgemeinen Übereinstimmung beruht. Das liefe dann am Ende im Politischen auf den Universalstaat, im Sprachlichen auf die Universalsprache hinaus. Indes die folkloristische Kultur ihre Vollendung im Ministaat ala Monaco und in der Lokalsprache ala Baseldeutsch fände.

20 Für unseren historischen Augenblick, dämmerig und vieldeutig, wie er sich darstellt, gilt wohl, daß beide Auffassungen ihre partielle Richtigkeit haben. Es käme darauf an, den Kompromiß für die Praxis zu finden. Der bloße Spontaneismus, der Kult des nur Partikulären, Lokalen und Individuellen bringt eben bestenfalls Folklore hervor, endet in Primitivität und Anarchie. Eine systematisch durchgebildete National-oder gar Universalkultur // läuft Gefahr, in abstrakten Regeln zu erstarren, von Generation zu Generation leerer und schematischer zu werden, Form ohne Inhalt, im negativen Sinn klassizistisch.

21 In der Schweiz ist die Gefahr des Versinkens im Folklorismus zweifellos größer. Die Mode der Zeit trifft sich hier mit einer alten, dem ganzen deutschen Sprachgebiet eigentümlichen Neigung. Zwar gewann mit der Aufklärung auch hier die Idee einer allgemeinen Humanität, die sich in einer möglichst allgemeinen Sprache äußern müsse, an Boden, setzte sich auch hier die Nationalsprache, die es ja schon seit mindestens zweihundert Jahren gab, gegen das absterbende Latein einerseits, gegen die verschiedenen Dialekte und Regionalsprachen anderseits als Hoch-und Schriftsprache durch. Darüber darf man freilich nicht vergessen, daß bis tief ins 19.J ahrhundert hinein zumindest jeder Oberdeutsche noch ganz selbstverständlich einen Dialekt sprach. Dem jungen Goethe, wie er nach Leipzig kommt, ist das Reden »nach der Schrift«, wie er es nennt, fremd und ungewohnt.

22 Damals befand sich die Schweiz noch in Übereinstimmung mit einem großen Teil des übrigen deutschen Sprachgebiets. Das Nebeneinander von Dialekt und Hochsprache war selbstverständlich und fiel, im Unterschied zu heute, niemandem auf. Die Reisenden des 18. und frühen 19.Jahrhunderts verloren, soweit mir wenigstens bekannt ist, in ihren Briefen und Berichten über die sprachliche Struktur der deutschen Schweiz kein Wort. Wohl eben darum, weil sie sich von derjenigen der angrenzenden Landschaften deutscher Sprache nicht oder nur unerheblich unterschied. Gar von einer Abneigung der Schweizer gegen das Hochdeutsche scheint auch um 1800 niemand etwas bemerkt zu haben.

23 Was sich in den letzten Jahrzehnten ereignete, ist eine Regression, der Versuch, hinter die Aufklärung zurückzugehen. Und zwar in einem durchaus romantischen Sinn, // nämlich zurückzukehren in einen ursprünglichen, heilen und natürlichen Zustand, den es so niemals gab, in eine von der übrigen Welt abgeschlossene, von allen fremden Einflüssen gereinigte, gleichsam authentische Schweiz. Und diese »Rückkehr« bewerkstelligte man, was die Sprache angeht, zuerst einmal dadurch, daß man einfach stehen blieb, sich nicht mehr von der Stelle rührte. Da sich aber alles andere ringsum weiterbewegte, fiel man unversehens aus den alten Zusammenhängen hinaus: man veränderte sich dadurch, daß man sich nicht veränderte. Mah behielt also die alte, früher allgemeine Doppelheit: Dialekt hier – Hochsprache dort, bewußt bei, machte von einem bestimmten Augenblick an die fortschreitende Annäherung der gesprochenen an die geschriebene Sprache nicht mehr mit. Im Gegenteil, man verbannte das Hochdeutsche wieder aus vielen Bereichen des öffentlichen und privaten Gebrauchs, wo es zum Teil schon seit Generationen fest etabliert schien. Das konnte jedoch nur gelingen, wenn man gegen die Hochsprache ein Ressentiment faßte, es nährte und pflegte. Das Hochdeutsche, dreihundert Jahre lang als Vorbild und Norm gültig, mußte zum Gegenstand der Abneigung gemacht werden, wenn man es aus seiner scheinbar unerschütterlichen Stellung vertreiben wollte. So ergab sich eine ganz neue Situation. Denn der frühere Zustand der Trennung von Hochsprache und Dialekt war naiv gewesen, eine natürliche und unvermeidliche Etappe auf dem Weg der sprachlichen Entwicklung: Das Hochdeutsche lag damals gleichsam vorn, als das angestrebte Ziel. Heute jedoch liegt es hinten, als ein historisches Bleigewicht zieht es die Schweiz in eine Vergangenheit zurück, die sie sonst endgültig überwunden zu haben glaubt. So jedenfalls empfinden es viele, vor allem auch junge Schweizer. Nach meiner Beobachtung gibt es gerade auch bei den Intellektuellen nur eine kleine Minderheit, die ein unverkrampftes, ressentiment-// freies Verhältnis zum Hochdeutschen hat und sich seiner mündlich ebenso leicht und gern bedient wie schriftlich.

24 Das Vordringen des Dialekts aufKosten der Hochsprache hat, wie gesagt, auch Gründe, die mit der Schweiz und ihren besonderen Verhältnissen nichts zu tun haben: die allgemeine, überall in Westeuropa zu beobachtende Abwertung der Hochsprachen als Überreste des bürgerlichen Zeitalters, als Herrschaftsinstrumente des Zentralstaates und seiner Bürokratie. Und dann die Massenmedien, vor allem das Fernsehen, die, wie ich es schon darzustellen versuchte, zur Hochsprache ein zumindest zwiespältiges Verhältnis haben. Nur in der Schweiz kommen zu den allgemeinen Gründen, verstärkend, die besonderen lokalen dazu. In Bayern etwa, in Venetien oder in Neapel gibt es Umstände, die, aller Wahrscheinlichkeit nach, die italienische, bzw. deutsche Hochsprache trotz allem nicht untergehen lassen: das Interesse der Wirtschaft und der Verwaltung an einer Gemeinsprache, die überall verstanden, gesprochen und geschrieben wird; das besondere ideologische Interesse des nach wie vor mächtigen überregionalen Staates an einer Nationalsprache, die das Bewußtsein der nationalen Einheit und Identität erhält und befordert; der Zustrom von Menschen, die den Lokaldialekt nicht sprechen, als Folge der Niederlassungsfreiheit und der Bevölkerungsmischung innerhalb der einzelnen Staaten seit nunmehr über einem Jahrhundert. Daß von all diesen Umständen, die den Hochsprachen anderswo zu Hilfe kommen, der deutschen Hochsprache in der Schweiz kein einziger von Nutzen ist, weiß jeder, der die schweizerische Situation kennt.

25 Sie besteht darin, daß das Hochdeutsche in der Schweiz im Begriff ist, als Landessprache abzusterben. Heute nähern wir uns bereits dem Punkt, wo es nur noch als Schriftsprache dient, im Unterschied zur Lage vor zweidreihundert Jahren, als es schon Schriftsprache war, auf // dem Weg, allmählich zur öffentlichen Verkehrssprache zu werden. War das Hochdeutsche damals in der Offensive, so ist es heute in der Defensive, in einer hoffnungslosen Defensive, wie ich glaube. Eine Sprache, deren Gebrauch nicht nur tunlichst vermieden, sondern von weiten Kreisen, wahrscheinlich sogar der Mehrheit der Bevölkerung geftihlsmäßig abgelehnt wird, hat ihre Berechtigung als Ausdrucks-und Kommunikationsmittel dieser Bevölkerung verloren. Sie repräsentiert, außer vielleicht ein paar Literaten, die sich im übrigen hüten, sich unumwunden zu ihr zu bekennen, niemanden und nichts mehr. Glaubten die »Progressiven«, die Liberalen und Sozialisten des 19.Jahrhunderts noch, sie seien auf das Hochdeutsche angewiesen zur Verbreitung ihrer Ideen, gibt es heute dafür keine Entsprechung mehr. Nein, gerade in der intellektuellen Führungsschicht bestehen die größten Reserven gegen das Hochdeutsche, in diesen Kreisen vor allem lehnt man es als »fremd« und »importiert« ab. Und das dürfte am Ende den Ausschlag geben: eine Sprache, die allgemein für eine Fremdsprache gehalten wird, ist eine Fremdsprache. Daran ändert der Umstand, daß sie immer noch eine kümmerliche Existenz als Schriftsprache fuhrt, so scheint mir, nicht das Geringste.Jahrhundertealte Gewohnheiten, mögen sie ihre Begründung auch längst verloren haben, sind hartnäckig.

26 In Wirklichkeit ist das Alemannische in der Schweiz nahe daran, selber zur Hochsprache zu werden. Im Augenblick freilich ist es noch keine. Denn das Hochdeutsche behauptet, außer als Schriftsprache, noch ein paar wenige, jedoch wichtige Positionen als, wenn auch nicht unbestrittene, Unterrichts-, Kirchen-, Parlaments-, Gerichts- und Mediensprache. Es scheint mir aber nur eine Frage der Zeit, daß es auch aus diesen Positionen vom Alemannischen (»Schweizerdeutschen«) verdrängt wird. Immer vorausgesetzt, die Einstellung der Schweizer zu der ge-//samten Problematik bleibt so, wie sie sich nun schon seit Jahrzehnten darstellt. Dann wird der nächste Schritt nicht mehr lange auf sich warten lassen, man wird den bisherigen Dialekt auch zu schreiben anfangen. Und wenn meine Analyse stimmt, ist das nur zu begrüßen. Die Annahme des Alemannischen als Hoch-und Schriftsprache wird die Schweizer, wenn sie sich mit dem Hochdeutschen schon nicht befreunden können, von ihrer sprachlichen Schizophrenie heilen, ihr Verhältnis zu sich selbst und damit auch zu ihren Nachbarn entspannen. Vor allem die Beziehung zu Deutschland, gekennzeichnet von ftinfuundert Jahren des Schwankens, der Ablösung, der Wiederannäherung und der erneuten Ablösung, ein höchst komplexes Verhältnis der Haßliebe, worin freilich der Haß in den letzten funfzig Jahren zweifellos bei weitem überwog, wird sich endlich entscheiden. Denn der Haß überwog nicht zuletzt, weil die endgültige, auch sprachliche Trennung offenbar längst als überfällig empfunden wird. Er hat die Funktion, das Eindringen des Hochdeutschen in die gesprochene Sprache, die allmähliche Substitution des Dialekts durch die deutsche Gemeinsprache zu verhindern. Er meint, den Hassenden nicht bewußt, aber völlig zu Recht: Eine Sprache, die man nicht sprechen will, soll man auch nicht schreiben.

27 Das Hochdeutsche ist die Nabelschnur, mit der die Schweiz, wie widerwillig auch immer, bis auf den heutigen Tag an Deutschland festgewachsen ist. Die Nabelschnur fault längst, man schneide sie, wenn man sie nicht wiederbeleben kann und will, durch, und man wird sehen, wie frei und unbefangen die Schweizer der Welt und gerade auch Deutschland gegenübertreten werden. Sie werden endlich, jedenfalls darf man es hoffen, mit sich selbst einig sein und so reden, wie sie schreiben, so schreiben, wie sie reden.

28 Für den Anwalt einer weiteren, sei es auch noch so schat-//tenhaften, Präsenz der deutschen Hochsprache in der Sch weiz bliebe als Argument allenfalls der Hinweis auf den praktischen Vorteil, den die Anlehnung an eine allen Bevölkerungsklassen verständliche Groß-und Weltsprache zweifellos hat. Dagegen ist zu sagen, daß heute alle kontinentaleuropäischen Sprachen ihre Weltgeltung weithin verloren haben. Die Rolle als Weltverkehrssprache ist, für den historischen Augenblick wenigstens, dem Englischen zugefallen. Diese Sprache zu erlernen, kann keiner umhin, der sich am kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Leben der Gegenwart direkt und aktiv beteiligen will. Daß aber, anderseits, eine solche universale Verkehrssprache, so nützlich sie ist, eine nationale Sprache, worin sich das ganze Leben eines Landes so umfassend und authentisch wie möglich artikulieren sollte, nicht ohne weiteres ersetzen kann, versteht sich wohl von selbst.

29 Es ergäbe sich dann freilich noch die schwierige Entscheidung darüber, wie diese Hoch-und Schriftsprache, welche die zahllosen schweizerischen Lokalidiome überwölben müßte, am Ende aussehen soll. Wird man einen Dialekt, z.B. den Stadt-Zürcher oder Aargauer, zur Schriftsprache machen? Oder ist es nicht realistischer, und angesichts des Schul-und Kulturfoderalismus relativ leicht, in jedem Kanton die führende Mundart, z.B. die der Hauptstadt, für verbindlich zu erklären? Die Sprachvielfalt, die zuerst einmal entstünde, ließe sich, denke ich, für eine Übergangsperiode in Kauf nehmen. Mit der Zeit würde sich die Zahl dieser ja objektiv nur sehr wenig voneinander verschiedenen Schriftsprachen immer mehr verringern, diejenigen der wichtigsten Zentren würden sich allmählich durchsetzen. Schließlich blieben vielleicht noch Zürichdeutsch, Baseldeutsch und Berndeutsch übrig, die anderen könnten sich als lokale Varianten im mündlichen Gebrauch noch für eine,je nach den besonderen Umständen, kürzere oder längere Frist halten. Sei // dem aber wie immer, der weitere Verlauf, wenn nur einmal die grundsätzliche Entscheidung für eine »schweizerdeutsche« Hoch-und Schriftsprache gefallen ist, läßt sich im Einzelnen nicht voraussehen und ist auch nicht so wichtig.

30 Wichtig ist nur: der Anachronismus der schroffen Trennung von geschriebener und gesprochener Sprache ist endlich überwunden; der Schweizer kann und darf, wie alle anderen Europäer heute das wenigstens grundsätzlich können und dürfen, so sprechen, wie er schreibt, so schreiben, wie er spricht.

31 Man mag die hier skizzierte Entwicklung beklagen, den hier formulierten Vorschlag ablehnen. Wer, wie ich selbst, die Balance des 19. Jahrhunderts von Kultur-und Staatsnation noch erlebt hat, in der doppelten Loyalität zur einen und zur anderen aufwuchs, wird es wohl als unzumutbar, ja geradezu absurd empfinden, eine Wahl zwischen den beiden zu treffen. Aber wenn mich nicht alles täuscht, hat die weitaus überwiegende Zahl der Deutschschweizer, wodurch auch immer veranlaßt, diese Wahl getroffen. Die Balance existiert nicht mehr. Der heutige Schweizer erlebt sein Land als einen geschlossenen, von seiner nächsten Umgebung durch eine zwar unsichtbare, aber desto schärfere Linie abgetrennten Raum. Stuttgart liegt ihm ferner als New York. Aber erst wenn er die Sprache, die er nun einmal für die einzige ihm wirklich zugehörige hält, auch bewußt und voll akzeptiert, ist er wirklich bei sich angekommen, dort, wohin er über die Stationen von 1499 und 1648 offenbar gelangen wollte. Erst mit einer Schweizer Sprache ist er im Rahmen seines heutigen Selbstverständnisses, so wenigstens fürchte ich, wirklich »frei und unabhängig« im Sinn der historischen Formel, frei auch von Ressentiments und Komplexen im Umgang mit der Vergangenheit seines Landes. Und das wäre immerhin ein Gewinn.