Synopse

(1)

Den glänzenden Falter
innen trägt die unscheinbare
Nonnenraupe; wenn, als in der Vorhalle lang sie
gewartet und, nun auf dem Platz es zu dämmern begonnen,
05 endlich an den Gendarmen vorbei, die in Gruppen zu vier die
Drängenden ordnen,
eingedrungen ins Herz, dessen Riesengewölb hinter Simsen
verborgene Lampen erleuchten:
wenn, in der reglosen Hitze nur vom dunkel
stockenden Blutstrom der Frommen aufrecht gehalten,
10 jetzt endlich sie fängt im über
den Kopf emporgehaltenen kleinen
Spiegel – darin nie oder nur mit
schlechtem Gewissen sich selbst sie erblickte –
auf den weißen Greis weit vorn auf dem Thron
15 (man hat alle Fenster geschlossen, damit er sich nicht erkälte),
der französisch anspricht die Menge:
jubelt sie ‹wie schön er doch ist› und
trägt, Raupe den Falter, ihn dann hinaus auf die Straße,
blind für den hoch über den Reihen
20 der Klosterschülerinnen, die mit Kerzen
durch die Schwärme der Autoglühwürmer 
zur im Wechsel hellen, im Wechsel erloschnen Monstranz ziehn,
für den Neonring über jetzt lichten Laternen
um die Silhouette des Mailänder Doms, der wieder,
25 gelb werbend, umkränzt die rote Hostie ‹Motta› – :
trägt ihn, bis daß sie, die Raupe,
selbst, eines sicheren Tags, ein glänzender Falter.

In: Die verwandelten Schiffe 1957
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