Sonntag, 01 Juni 1958

Die Engelsburg: Kaiser Hadrian spricht

Als ich die Augen auftat in der Kammer,
bekam ich Angst und begann
mich durch das Grabmal langsam aufwärts zu tasten.

Oben richtete ich mir Gemächer,
05 wo ich in schwerem Brokat ging und,
voll Lust zur Uebertreibung, eine dreifache Krone trug:
Die Reste von Bescheidenheit,
die ich im Leben von den Alten noch hatte,
ließ ich jetzt ganz weg,
10 da mir die Biegung der Seele so wichtig geworden war seither.

Und nur gelegentlich, zur Entspannung,
befleißigte ich mich der Sprache und Gestik
verzückter Fische,
die einfach, ohne Reflexion,
15 still schimmernd schwimmen.

Bis ich mich schließlich,
nach all den vielen Versuchen,
mein Imperium so darzustellen,
daß keiner, den es ergriff,
20 sich ihm jemals wieder entziehen könnte:
entschied für eines der Bilder,
die lange wirken, auch wenn sie
den Verdacht der bloßen Maskerade auf sich ziehn,
und trat auf die Zinne:
25 Die Flügel noch gebreitet vom Herabflug,
das Schwert der Seuche in die Scheide steckend;
kurz, in der schönen Pose
des nach langem Groll versöhnten,
durch Bitten, Bußasche, Kerzen und Prozessionen
endlich beschwichtigten
30 und so auf dieser hohen Stelle fromm erinnert
festgehaltnen
die Stadt beruhigenden Engels.

Weitere Informationen

  • Besonderes:

    Strophengliederung, ev. aus Layoutgründen; Übertitel: Gedichte von Kuno Raeber

  • Zeitschrift: Neue Zürcher Zeitung, 1.6.1958, Bl. 6
  • Letzter Druck: FLUSSUFER 1963
  • Textart: Verse
  • Strophen: ja
  • Status Text: Definitiv
  • Priorität: Normal

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