Samstag, 26 September 1953

26.9.1953

Zum Konturen-Heft: Günter Eich und einem Nachwort zu dessen Gedichten von Walter Höllerer: Heute geben offenbar Leute den Ton an, die besessen sind von dem Gedanken, man müsse eine neue Sprache erfinden, um etwas ganz Neues zu sagen. Und sie drehen und wenden sich, um dieses Neue, diese neue Sprache zu machen. Dabei geht es aber doch darum, immer näher an das, was immer da war und immer da ist, heranzukommen, also die einfachste und gültigste und reinste Sprache zu schreiben und zu dichten, diesen Weg weiterzugehen, den die grossen Dichter unserer Sprache uns, seit es diese Sprache gibt, vorangegangen sind. Und diese Dichter folgten wiederum den Dichtern älterer Sprachen und Dichtern der anderen Sprachen, die zu ihrer Zeit und früher schrieben: es geht doch einfach um den Wetteifer auf das Gedicht hin, das Gedicht überhaupt. Das Neue daran ist bloss, dass ich als Neuling in diesen wunderbaren Wettstreit eintrete, dass ich zu allen Vor- und Mitdichtern noch dazukomme, und daran freilich zu denken, könnte einen gelegentlich verzweifeln lassen: Auf jene höchsten Vorbilder hinzusehen und den Mut nicht zu verlieren, nein, ihn immer mehr zu steigern, immer mehr um den eigenen Platz in diesem Zusammenhang zu wissen und um den eigenen Schritt, den man über die anderen hinaus machen muss: auf ihren Schultern, diese Aufgabe genügt gerade. Wozu das Gerede von dem Neuen, das man, etwa seit 1945, zu sagen habe, von der neuen Sprache, die um alles in der Welt dafür gefunden werden müsse? Es gibt genug, übergenug zu tun – und ich weiss nicht, ob es einer heute erreicht, die Wirklichkeit, die immer da ist, vor und nach 1945, die göttliche Wirklichkeit vollkommen auszusagen, sie erscheinen zu lassen in unserer alten, aber noch lang nicht ausgesprochenen Sprache.

Weitere Informationen

  • Textart: Prosanotat
  • Signatur: C-2-a/08
  • Werke: Bd. 6, 186, 187
  • Status Text: Dringend
  • Priorität: Normal
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