Donnerstag, 29 Januar 1953

29.1.53

Dieses Zweite ist wohl sehr viel schwieriger: die an sich fremde Form mit dem Innersten, Eigensten, Einmaligen derart ganz zu verschmelzen, dass sie wirklich nur noch eins sind und der unbefangene Leser glauben muss, diese Form sei nur grad diesem Gedicht eigen. So erklärt sich wohl auch, dass fast alle jungen Dichter, vor allem heute, den ersten Weg wählen. Er führt direkter zum Ziel. Die Aussage bleibt genau sie selber und gerät nicht in Gefahr, in einer anspruchsvollen traditionellen Form als im unangemessenen Kostüm unwahrhaftig aufgeputzt zu erscheinen. Aber freilich, dafür muss sie in Kauf nehmen, dass sie einsam bleibt, sich nur schwer als Strophe sich dem immer weiter und weiter gesungenen Lied der Gesamtdichtung einordnet, dass auch jene, die es wollten und vermöchten, von den in der Überlieferung ihnen gegebenen Kategorien aus, nur schwer den Eingang in sie finden. Denn die Fähigkeit des menschlichen Geistes, neue Sprachen verstehen zu lernen und vor allem auch: neue vollkommene // Rhythmen, Verse, Strophen zu finden, ist wohl nicht unbeschränkt. Wie viele neue Formen hat Goethe erfunden? Und sogar Klopstock und Hölderlin, die Vorkämpfer der freien Rhythmen, haben sie nicht vor den schönsten, reinsten Dichtungen in überlieferten Formen gearbeitet, sind nicht ihre „freien“ Rhythmen selber antiken nachgebildet? (vgl. dazu F. G. Jünger: Rhythmus und Sprache im deutschen Gedicht). 

Diese Überlegungen ergeben sich vor allem auch auf Grund der Begegnung mit Johannes Poethen und mit den Versen, die er unter dem Titl "Gezüchtete Traumvögel" zusammengestellt hat.

Weitere Informationen

  • Textart: Prosanotat
  • Signatur: C-2-a/07
  • Werke: Bd. 6, 176, 177
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