Mittwoch, 28 Januar 1953

28.1.53

Für den Dichter gibt es zwei Möglichkeiten: er kann alles auf den reinen Ausdruck setzen, auf die möglichst ungetrübte, unverdeckte Wiedergabe seiner innern, subjektiven Erfahrung (wobei hier vom Anteil, den das Objektive, Allgemeine an der "subjektiven" Erfahrung hat, bewusst abgesehen werden soll). Das wird ihn, was die Form angeht – und sie ist eins mit dem Inhalt –, zum Suchen nach einer immer wieder neuen, einmaligen, der Neuheit und Einmaligkeit des jeweiligen Gegenstandes entprechenden Sprache, nach einem immer wieder neuen und einmaligen Rhythmus zwingen.

Oder aber: er will eine ihm gültig scheinende, ihm gültige Überlieferung fortsetzen, er sieht seinen Auftrag in der Erfüllung der Form, seine Leidenschaft ist, den Reichtum, die ungeheure Fülle an Versen und Rhythmen, die in der Dichtung der Vergangenheit gegeben sind, die Fülle an Bildern und Wendungen, nochmals, zum tausendsten Male vielleicht, bis zum letzten // auszuschöpfen, von seinem Höchsten und Innersten her (denn in diesem, ihnen undiskutablen, Zwang und Auftrag sind sich  alle Dichter gleich, so verschieden sie sonst sein mögen!) nochmals spielerisch, auf neue, unerhörte Weise zu varieren.

Weitere Informationen

  • Textart: Prosanotat
  • Signatur: C-2-a/07
  • Werke: Bd. 6, 176
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