Montag, 05 Mai 1952

5.5.52

Kutter sagt, dass er den Reim ungern vermisse. Auch empfiehlt er mir als Vorbild Benn an, sucht mir aber Borchardt auszureden; er habe ihn immer als unschöpferisch empfunden.

Mir, im Gegenteil, ist es beim Reime schreiben nie ganz wohl. Sie dynamisieren das Gedicht, das doch ruhen sollte, allzu leicht. Nur in der Ruhe gewinnt das Gedicht das Leuchten von einer unsäglichen Mitte her, das allein über seinen Wert entscheidet. So sehr ich Benn schätze und eine große Zahl seiner Gedichte bewundere, so wenig finde ich das, dies Leuchten des Unsäglichen durch das dichterische Wort bei ihm. Ich finde es, wie auch bei vielen andern, alten und neuen Dichtern, bei Borchardt. Seine schönsten Gedichte stehen und verströmen ruhend den höchsten Glanz. Das ist nach meiner Ansicht das Beste, was man von Versen sagen kann.

Kutter sucht im Gedicht den genauesten Ausdruck des Individuellen, ich viel eher die höchste Stilisierung ins Typische. Das Einzelne hat mir nur die Funktion, // das Allgemeine vertretend darzustellen. Die Kunst, die endlose Bemühung besteht für mich darin, dem Urbild immer das Bild zu finden, das ihm möglichst genau entspricht.

Weitere Informationen

  • Textart: Prosanotat
  • Signatur: C-2-a/07
  • Werke: Bd. 6, 168
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