Samstag, 13 Juni 1953

13.6.53

Das Gedicht muss das Ganze enthalten, seine Gefahr ist, dass es am Rande bleibt, nur einen Teil der Wirklichkeit repräsentiert. Freilich, diese Wirklichkeit des Gedichtes ist nicht die der Aktualisten, nicht einfach identisch mit dem Gerümpel, der uns täglich umgibt. Es kommt nur auf die Durchsichtigkeit an: wieweit die Gegenstände des Gedichts in der wirklichen Ordnung stehen, es ist dann, letztlich, gleichgültig, welche Gegenstände das sind. Und diese Ordnung ist nur dem sehenden Auge sichtbar, und nur wenigen ist dies sehende Auge gegeben: dem Heiligen und dem Künstler. Wobei der Heilige mit seiner Person das lebt, sich identifiziert mit der Realität, die er erfährt. Die Aufgabe des Künstlers aber ist es, sie den Sinnen zu reproduzieren. Ich glaube, dass ich erst in ganz wenigen Gedichten mich der Erfüllung dieser Aufgabe genähert habe. Das Meiste ist Vorübung. Entscheidend ist, dass ich über die Vorübung allmählich zur Leistung, zum eigentlichen Kunstwerk fortschreite. Dass ich mich nie // mit dem blassen Ornament zufriedengebe. Mit dem blossen Ornament: denn es ist klar, dass sich das wirkliche, erfüllte Kunstwerk so gut im Ornament darstellen kann wie in allem andern. Aber das Ornament muss sich selbst übersteigen. Es muss gefüllte Schale sein, während es sich allzu oft damit begnügt, leere Schale zu sein. Aber wer kommt hier durch? Wie soll ich hoffen, das je zu erreichen, wa ich erreichen muss? Es bleibt mir nur die Hoffnung, es sei in meinen Versen doch etwas von dem, was ich drin haben möchte und drin noch nicht finde: dass ich mit höchster Anspannung der Kräfte doch allmählich das herauszubilden vermag, was ich, meist vergeblich, seit jeher herauszubilden versuche.

Weitere Informationen

  • Textart: Prosanotat
  • Signatur: C-2-a/07
  • Werke: Bd. 6, 179, 180
  • Priorität: Normal
    Änderung: Mittwoch, 03 August 2016
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