Sonntag, 09 August 1953

9.8.53

Es gilt den Ausgleich zwischen der spontanen und der systematischen Arbeitsweise zu finden: ich darf das Zutrauen zum Einfall des Augenblicks nicht verlieren, // sonst werden meine Verse leicht akademisch leblos, «gemacht» im fragwürdigen Sinn des Wortes (der sicher zu Recht existiert). Anderseits darf ich mich nicht darauf verlassen, muss ich für jede Lage – auch für scheinbar trockene Perioden – eine Auskunft bereit halten. Verse werden eben doch gemacht; und wie oft ist es nicht schon geschehen, dass ich die besten freudlos und sozusagen nur aus Pflichtgefühl zustande brachte. Es gibt hier etwas, was mir nicht ganz durchsichtig ist: in die lustlose, scheinbar rein routinemässig übungshalber begonnene Formungsarbeit kann auf einem im Augenblick mir nicht bewussten, unsichtbaren Weg Feuer und Leben einströmen. – Also: es ist gut, Stoffe, Motive überallher zu sammeln, da steht die ganze Weltliteratur zur Verfügung; sie zu sammeln als Auslöser, Phantasiebeweger für jene Augenblicke, die genug fruchtbar sind zum Gestalten, aber nicht genug zum Finden von Motiven. Für sie ist ein Stoffvorrat nützlich, ja unentbehrlich. Aber ich darf mich an diesen Vorrat keinesfalls binden, muss ganz frei nach Lust und Laune mit ihm umspringen, ihn oft sogar aus dem // Bewusstsein wegschieben, einfach vergessen.

Weitere Informationen

  • Textart: Prosanotat
  • Signatur: C-2-a/07
  • Werke: Bd. 6, 183, 184
  • Priorität: Normal
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