Dienstag, 15 Februar 1949

15.2.49

Emil Staiger: Grundbegriffe der Poetik. Für Staiger ist Lyrik das ganz naive, spontane Lied Brentanos oder Eichendorffs. Er kann sich nicht genug tun, ihre Ungeistigkeit, Absichtslosigkeit, Zu-Fälligkeit zu betonen. Was ich unter dem Gedicht vor allem verstehe, das ordnet er am ehesten wohl unter der Kategorie des Pathetisch-Dramatischen. Leider geht er darauf nicht näher ein. Das gehört ihm schon nicht mehr zu den Grundelementen.

So erscheint bei Staiger die Ordnung der Dichtung stark verschoben: das Kunstgedicht, das mir zentral scheint und eigentlich Geistiges stiftend, beachtet er in seiner Poetik gerade darum, weil es „stiftet“, nicht. Um ein Gedicht zu sein, muss es im Traume kommen, so glaubt er, je weniger Kunstverstand, // je weniger geistiger Gehalt, desto besser. Freilich, er gibt zu, dass sich nur erste Elemente einer Theorie der Dichtung in seinem Buch finden. Aber wie weit gibt es denn das wirklich naive Gedicht? Wie weit ist es der grossen Beachtung, die Staiger ihm schenkt, nur schon wert? Um kühn zu sein: die deutsche Romantik ist ein „weltliterarischer Höhepunkt des Liedes“, weil sie eine einseitige, falsche Vorstellung von Dichtung hatte, überkommen von Herder und seiner Schule. Es wurden schöne Verse geschrieben damals, aber sie stehen nicht, sie zerrinnen, sie sind Lyrik, aber nicht Gedichte, soweit es nicht doch einem Dichter gelang, einzugehen in den Geist, teilzunehmen am Geist, das Verborgene leuchtend herauszuschlagen in bewusster Bemühung und mühsamer Kunst: Gedichte, die tanzen, in denen sich irgendwie ein Gott offenbart, kommen aus der hellsten Wachheit des Geistes, aus höchster Anspannung aller inneren Kräfte. Wer das nicht weiss, hat noch nicht gemerkt, worauf es ankommt.

Weitere Informationen

  • Textart: Prosanotat
  • Signatur: C-2-a/06
  • Werke: Bd. 6, 111, 112
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