Freitag, 26 Juni 1953

26.6.53

Nach einem Gespräch mit Wolfgang Schadewaldt und einem Vortrag über die Ostkirche vo Eberhard Müller: Es gibt wohl die Möglichkeit für den Dichter, dass er eine bestimmte Schau der Welt ins Wort fasst, ins Wort übersetzt, dass er seine Weise, die Welt zu sehen. im Gedicht bezwingend dem Leser vermittelt. Aber das ist nur eine Möglichkeit, die mich nicht in erster Linie interessiert. Die Aufgabe des Dichters ist – scheint mir – zuerst, und für mich würde ich zu sagen wagen: ausschliesslich: dass er in allem Sichtbaren, Sinnlichen das erste Licht, das Quell- und Urlicht erscheinen lässt, dass in seinem Gedicht alles Irdische, die ganze Welt, alle Dinge der Welt in ihrem Wesen gezeigt werden: als Abspiegelungen des göttlichen Lichts. Das Gedicht ist genau in dem Grad richtig, in dem Grad wahr, als es ihm gelingt, diese entscheidende Realität darzustellen. Die Wahrheit ist zwar in den Dingen sichtbar, aber nur dem Sehenden, Dichter kann nur sein, wer sieht. Der verbreitetste Irrtum besteht darin, dass man meint, unseres äusseres, sinnliches Auge sei ohne weiteres imstande, die Wirklichkeit zu sehen. Es ist aber dazu nicht imstande, es sieht nur eine Oberfläche. Der Künstler, der Dichter besitzt die Kraft der Durchleuchtung, der Durchstrahlung, // die auf den Kern des Dinges, der gesamten irdischen Dinge dringt und sie in dem zeigt, worin sie Anteil haben an dem einen göttlichen Ding, von dem sie kommen, aus dem sie immer fliessen, jeden Augenblick neu, und das sie widerscheinen: ihr Sinn, der Sinn ihres ganzen Daseins ist es, widerzuscheinen. Diese einzige, diese entscheidende Wirklichkeit muss das Gedicht den stumpfen Sinnen der Menschen klar machen, im Spiel gleichsam, wie nebenbei.

[…]

Weitere Informationen

  • Textart: Prosanotat
  • Signatur: C-2-a/07
  • Werke: Bd. 6, 182
  • Status Text: Kontrolliert
  • Priorität: Normal
    Änderung: Donnerstag, 23 März 2017
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