Donnerstag, 13 August 1953

13.8.53 Höchenschwand

Die Poesie als ein Spiel über dem Elementaren, das sich aus dem Elementaren nährt, aber dies nur dem Kundigen, höchstens, offenbart. Das Gedicht desto mehr Gedicht, je weniger es „tiefsinnig“ ist, d. h. je mehr alles darin reine Gestalt, plastisch, anschaubar geworden ist, je weniger die uneingekörperte Seele darin herumgeistert. Die Seele muss ganz Körper geworden sein, bis zu dem Grad, dass der Oberflächliche glaubt, das Gedicht sei wie er, es sei nur Oberfläche. Wobei das insofern stimmt, als im Gedicht alles ins Sichtbare, also in die Oberfläche tritt, während der Oberflächliche nichts hat, nichts ist als Oberfläche, und diese Oberflächlichkeit ist leer. – Die grosse Gefahr der deutschen Poesie seit etwa zweihundert Jahren ist, dass sie diese Dinge weithin vergessen hat, dass nur wenige Dichter, im Verhältnis, von den Grundregeln der Dichtung gewusst haben. Und viele unserer besten Gedichte in dieser Epoche sind trotz einer fragwürdigen Grundhaltung // ihrer Verfasser zur Poesie zustande gekommen, was zwar für die immer in der Nation lebende Genialität zeugt; aber anderseits ist dieser Umstand schuld, dass das Niveau unserer Dichtung so ungleichmäßig ist, dass so viel Grundschlechtes neben so viel Genialem existiert. – Heute ist es wieder an der Zeit, dass unsre Dichter nicht mehr so sehr daran denken, grosse Dichter zu sein oder zu  werden, als daran, gute Gedichte zu schreiben: es ist das ein Unterschied. Im ersten Fall kommt es dem Dichter darauf an, sich als ein einzigartiges Individuum auszudrücken, im zweiten Fall darauf, ein Höchstes, eine letzte (göttliche) Realität auszusagen. Wobei der Dichter selbst sich viel eher zufällig, als Mund dieser Aussage empfindet. Auf seine Person kommt es irgendwie weniger, nur noch mittelbar an. (In dem Sinn etwa, dass er sich fragt: wieweit bin ich, als der, der ich bin, imstande // das zu tun, was ich tun muss?)

Neigte man zweihundert Jahre lang dazu, im Dichter den zu sehen, der ein Tiefstes aussagt, so ist es heute vielleicht an dem, dass man in ihm den sieht, der in seinem Tiefsten, durch sein Tiefstes ein jenseits Wirkliches, Größeres aussagt, das ihn in Dienst genommen hat und dem er genügen muss, dadurch, dass er es zur leichten Gestalt werden lässt, zur ohne Schwere glänzenden im Abglanz ihrer – immer unsäglichen – Herkunft.

Weitere Informationen

  • Textart: Prosanotat
  • Signatur: C-2-a/08
  • Werke: Bd. 6, 184, 185
  • Priorität: Normal
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