Synopse

(7)
Montag, 06 Februar 1956    (    )

Das Linnen

Zwischen Russmauern,
eben unterschieden noch vom blauen Klirren
des gefrornen Himmelslinnens hängt Gedankenlinnens
weicher Flanell ein wenig in die Strasse.
05 Durchs Fenster greift des angestrengten Sinnens,
wachen, wüster offnen Träumens geschickter Finger,
zieht den Zipfel an der Zimmerpalme, die
unter der Zierlampe sich der grossen Mutter,
die in der Wüste mit dem starken Fächer im Sandwind
stand 
10 und unter jener grössten, dörrenden und aller Säfte
Widerspruch // 065
verlangenden Lampe,
zieht den Zipfel an der Zimmerpalme vorbei
zum Glastisch, breitet es, das ganze Linnen
auf der Platte aus. 
Auch von ihr ist es kaum unterschieden, durchsichtig
ganz wie sie, 
15 doch weich und wechselnd voll Figuren,
enthält inmitten jenen ganzen Tag,
den Brunnenhof unter den Zypressen,
die sein Strömen, Rauschen, Überfliessen tadeln,
den Faun, der mittagsirre aus dem Becken steigt,
20 sodass der Löwe, bröckelnd schon im Fresko,
neu aufbrüllt und den toten Büsser herauszuscharren
anfängt, // 066
Des Faunes Tanz und Wahnsinn füllt den Hof:
wirft ihn als Bild an die Wand der Höhle, die an
der Wand des Hofs sonst abgebildet war 
und macht das brüderliche Leben des Büssers und
des Löwen 
25 zur nähern Gegenwart: wer will noch unterscheiden.
Der Faun der tanzt, der Faun ist Brunnens 
überflossne Flut. 
– Doch die Frau, die unter der Zimmerpalme die
Pastete isst, 
macht mit dem Ellenbogen die Bewegung,
die ungeschickteste, 
die weg für immer weg das Linnen mit dem
eingwirkten Hof, 
30 des Wassers Wahnsinnsfaun wegreisst.
Er ist entglitten, der letzte weiche Zipfel aus
den Häusern weg. 
Allein klirrt nur das blaue Winterlaken.

In: Notizbuch 1955-57
Freitag, 02 März 1956    (    )

Linnen (A)

Zwischen Russmauern hängt vom gefrornen Himmelslinnen, 
das im sachten Luftzug knistert, 
Erinnerungslinnens weicher Flanell ein wenig in die Strasse. 

Des angestrengten Sinnens, gespannten Träumens Finger 
05 zieht es an einem Zipfel geschickt durchs Fenster 
und streift die Zimmerpalme, die unter der Zierlampe aufschreckt 
aus der Erinnerung an die grosse Mutter, 
die mit noch starkem Fächer im Sandwind stand unter der grossen, 
aller Säfte Widerspruch verlangenden Lampe. 
Der geschickte Finger zieht das Linnen zum Glastisch und ruhigen 
Sinnens Hand breitet es auf der Platte aus: 

Es zeigt gestickt, die Zypressen im Hof, 
10 die des Brunnens Verschwendung tadeln und dann bald auch ihr 
Wipfelflüstern lassen, 
wenn der sonnenirre Faun jetzt aus dem Becken springt und torkelt, 
sodass der Löwe, der im Wandbild schläfrig bröckelt, 
neu aufbrüllt und den toten Büsser wütend einscharrt, 
der ihm doch den Dorn gezogen und nur Gutes tat 

15 Des Faunes Wahnsinn wirft den Brunnenhof als Bild hin auf die 
Höhlenwand, 
und macht das brüderliche Leben des Büssers und des Löwen zur 
nähern Gegenwart: // 02

Der Faun, der tanzt, des Brunnens Verschwendungsflut hat uns 
alles umgekehrt. 
Der Faun, der Verschwendungssprungflut austanzt, 
hat uns alles umgekehrt. 
20 – Da macht die Frau, die neben der Zimmerpalme eine Pastete 
isst, 
eine brüske Bewegung mit dem fetten Arm und reisst mir des 
Linnens Zipfel, 
von dem ich ganz vergessen hatte, dass ich ihn noch festhielt, 
aus der Hand: Schon gleitet der letzte weiche Zipfel über die 
Russwand weg 
und lässt das Feld dem knisternden gefrornen Linnen.

In: Manuskripte 1956
Donnerstag, 24 Mai 1956    (    )

Der Zipfel (B)

In der Lücke zwischen den Russmauern hängt
ein Zipfel des Erinnerungslinnen herab; 
Träumens Hand zieht ihn durchs Fenster, 
geschickt, damit er die Zimmerpalme nicht streift 
05 und ihr unter der Zierlampe zeigt nicht das Bild der Wüstenmutter, 
die mit dem stärkeren Fächer im Wind stand 
unter der grossen, alle Säfte kräftiger umtreibenden Lampe. 

Die Hand zieht das Linnen herein auf den Tisch 
und breitet die Stickerei aus: 
10 Der Faun springt sonnenwirr in den Brunnen 
und plantscht und spritzt durch den Kreuzgang (Hof), 
sodass der Löwe, der im Wandbild verblasste, 
farbig aufbrüllt und den toten 
Büsser, der ihm einst freundlich den Dorn zog, 
15 eifriger einscharrt. // 04

Da macht die Frau, 
die neben der Zimmerpalme ihre Pastete zerschneidet, 
mit dem Arm eine brüske Bewegung 
und reisst, ins Essen vertieft, 
20 aus der Hand mir den Zipfel. 
Er entgleitet durchs Fenster, 
und lässt zwischen den Russmauern leer eine Lücke.

In: Manuskripte 1956
Samstag, 26 Mai 1956    (    )

Der Zipfel (C)

Ein Zipfel des Erinnerungslinnens hängt in die Lücke zwischen den Russmauern herab. Träumens Hand zieht ihn durchs Fenster, schnell, bevor er entglitten, geschickt, damit er die Zimmerpalme nicht streift und ihr nicht, taktlos, unter der Zierlampe das Bild zeigt der Wüstenmutter, die noch mit stärkerem Fächer im Sandwind stand unter der grossen, alle Säfte kräftig umtreibenden Lampe. 

02 Die Hand zieht das Linnen herein auf den Tisch und breitet die Stickerei aus: Der Faun springt sonnenwirr in den Brunnen und spritzt durch den Kreuzgang, sodass der Löwe, der im Wandbild verblasste, wieder farbig aufbrüllt und den toten Büsser, der ihm einst so freundlich den Dorn zog, eifriger einscharrt. – 

03 Da macht die dicke Frau neben der Zimmerpalme, aufs Zerschneiden ihrer Pastete inbrünstig gesammelt, mit dem Arm eine brüske Bewegung und reisst mir den Zipfel aus der Hand: Er entgleitet schnell durchs Fenster und lässt zwischen den Russmauern leer eine Lücke.

In: Manuskripte 1956
Samstag, 27 Oktober 1956    (    )

Der Zipfel (D)

Ein Zipfel des Linnens Erinnerung hängt in die Lücke zwischen den Russmauern herab; von wo ihn die Hand durchs Fenster zieht, schnell, bevor er entglitten, geschickt, damit er die Zimmerpalme nicht streift und ihr nicht, unter der Zierlampe, taktlos das Bild der Wüstenmutter zeigt, die mit stärkerem Fächer steht unter der grossen, alle Säfte kräftig umtreibenden Lampe. 

02 Die Hand zieht das Linnen herein auf den Tisch und breitet die Stickerei aus: Der Faun springt von der Sonne verwirrt in den Brunnen und spritzt durch den Kreuzgang, sodass der im Wandbild verblasste Löwe wieder farbig aufbrüllt und den toten Büsser, der ihm einst so freundlich den Dorn zog, eifriger einscharrt. – 

03 Da macht die dicke Frau, neben der Zimmerpalme aufs Zerschneiden ihrer Pastete brünstig gesammelt, mit dem Arm eine brüske Bewegung und reisst den Zipfel der Hand weg: 

04 Schon ist er durchs Fenster und fort und lässt zwischen den Russmauern leer einen breiten Winter als Lücke.

In: Manuskripte 1956
Datiert: 1956    (    )

Der Zipfel (Sant' Onofrio) (E)

Ein Zipfel des Linnens Erinnerung hängt in die Lücke zwischen den Russmauern herab; von wo ihn die Hand durchs Fenster zieht, schnell, bevor er entglitten, geschickt, damit er die Zimmerpalme nicht streift und ihr nicht, unter der Zierlampe, taktlos das Bild der Wüstenmutter zeigt, die mit starkem Fächer steht unter der grossen, alle Säfte umtreibenden Lampe. 

02 Die Hand zieht das Linnen herein auf den Tisch und breitet die Stickerei aus: Der Faun springt, von der Sonne verwirrt, in den Brunnen und spritzt durch den Kreuzgang, sodass der im Wandbild verblasste Löwe neu farbig aufbrüllt und den toten Büsser, der ihm einst den Dorn zog, wieder eifriger einscharrt. – 

03 Da macht die dicke Frau, neben der Zimmerpalme aufs Zerschneiden ihrer Pastete brünstig gesammelt, mit dem Arm eine brüske Bewegung und reisst den Zipfel der Hand weg. 

04 Schon ist er durchs Fenster und fort und lässt zwischen den Russmauern einen breiten Winter als Lücke.

In: Manuskripte 1956
Datiert: 1956    (    )

Der Zipfel (Sant' Onofrio)

Ein Zipfel des Linnens Erinnerung hängt in die Lücke zwischen den Russmauern herab; von wo ihn die Hand durchs Fenster zieht, schnell, bevor er entglitten, geschickt, damit er die Zimmerpalme nicht streift und ihr nicht, unter der Zierlampe, taktlos das Bild der Wüstenmutter zeigt, die mit starkem Fächer steht unter der grossen, alle Säfte umtreibenden Lampe.

02 Die Hand zieht das Linnen herein auf den Tisch und breitet die Stickerei aus: Der Faun springt, von der Sonne verwirrt, in den Brunnen und spritzt durch den Kreuzgang, sodass der im Wandbild verblasste Löwe neu farbig aufbrüllt und den toten Büsser, der ihm einst den Dorn zog, wieder eifriger einscharrt. –

03 Da macht die dicke Frau, neben der Zimmerpalme aufs Zerschneiden ihrer Pastete brünstig gesammelt, mit dem Arm eine brüske Bewegung und reisst den Zipfel der Hand weg.

04 Schon ist er durchs Fenster und fort und lässt zwischen den Russmauern einen breiten Winter als Lücke.

In: Typoskripte 1956
Typoskripte 1956 (alph.)
(Total: 14 )
Typoskripte 1956 (Folge)
(Total: 14 )