Dienstag, 25 November 1958

Die Auffindung des Leibes des hl. Markus

Die Lagunen sind verschlammt
und stinken unerträglich.
Die Kanalisation funktioniert nicht mehr,
jeder Wellenschlag schwemmt wieder Kot bis
05 an die Stufen von Santa Maria della Salute: 
Die Leute im Motorboot halten sich die Nasen zu.
Aber sie freuen sich, dass die Paläste
da und dort schon einzustürzen beginnen. // 021
Denn nur so besteht eine Hoffnung,
10 dass man den Leib des heiligen Markus wieder findet.
Die Kanoniker, die ihn bewahrten,
sind alle gestorben.
Und wer hätte das Geld, neue anzustellen,
denen sie ihr Geheimnis hätten weitergeben können?
15 Die Arbeitslosen an den Kanälen,
auf den zerböckelnden Brücken,
fragen einander nicht nach dem Leichnam;
denn jeder fürchtet, der andre
glaube, der Frager // 022
20 meine, er habe den heiligen Leichnam gestohlen.
Und jeder fürchtet sich vor dem Tod in der Jauche,
die fast schon still steht, des Kanals.
Sie sitzen und schaun sich nicht an und angeln Konservenbüchsen,
rostige, leere heraus.
25 Solche gibt es noch viele von damals, als hier
noch Fremde herkamen.
Aber inzwischen ging der Leib des heiligen Markus verloren.


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Die Auffindung des Leibes des hl. Markus

Die Lagunen sind verschlammt

und stinken unerträglich.

Die Kanalisation funktioniert kaum¿

nicht mehr,

jeder
und Wellenschlag schwemmt wieder 

Kot an bis hinauf

05 inan die Stufen von Santa Maria Maggiore¿della Salute:

Wer mit dem Motorboot dennoch fährt,

– das tun die

Die Leute im Motorboot halten sich die Nasen

zu.

Aber sie freuen sich, dass die Paläste

da und dort schon einzustürzen beginnen. //

Seite 021 (A-5-d_04_021.jpg)

Denn nur so besteht eine Hoffnung,

10 dass man den Leib des heiligen Markus

wieder findet.

Die Kanoniker, die ihn bewahrten,

sind alle gestorben.

Und wer hätte das Geld, neue zu¿ be¿ anzu-

stellen,

denen sie ihr Geheimnis hätten weitergeben

können?

15 Die Arbeitslosen an den Kanälen,

auf den zerbröckelnden Brücken,

fragen einander nicht nach dem Leich-

nam;

denn jeder denkt¿ fürchtet, der andre

glaube, der Frager //

Seite 022 (A-5-d_04_022.jpg)

20 meine, er habe den heiligen Leichnam

gestohlen.

Und jeder fürchtet ,sich vor dem Tod in der 

in der Jauche Jauche,

die fast schon still steht, des Kanals.

Sie sitzen und schaun sich nicht an und

angeln
ziehen Konservenbüchsen,

rostige, leere heraus.

25 Solche gibt es noch viele von damals, als

hier

noch Fremde herkamen.

Aber inzwischen ging der Leib des heiligen

Markus verloren.

25.XI.1958

 

  • Letzter Druck: GEDICHTE 1960
  • Textart: Verse
  • Datierung: Vollständiges Datum
  • Fassung: Erste Fassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-d/04
  • Seite / Blatt: 020, 021, 022
  • Werke / Chronos: Dieses enorme Gedicht, 112

Inhalt: 87 Entwürfe zu 82 Gedichten (3 Endfassungen), Motiv-Notizen
Datierung: 18.6.1958 – 15.1.1961
Textträger: Schwarzes Notizbuch, karierte Seiten, Bleistift, S. 188 (V.4) - 189 blauer Stift
Umfang: 192 beschriebene Seiten
Publikation: GEDICHTE (28), Flussufer (18 Gedichte), Verstreutes (1)
Signatur: A-5-d/04 (Schachtel 29)

Bilder: Ganzes Buch (pdf)
Spätere Stufen: Manuskripte 1958, 1959-60, 1961, Typoskripte 1958, 1959, 1960, 1961
Kommentar: Ab S. 192 Motiv-Notizen, von hinten her eingetragen
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften (ohne die Motive)

Weitere Fassungen

Notizbuch 1958-61 (alph.)
Notizbuch 1958-61 (Folge)
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