Dienstag, 13 Mai 1958

Das Ohr des Dionysos

Dionysos presst im Saal sein Ohr an den
Mund der ehernen Sibylle. 
Im Verlies, da werfen die Gefangnen nur kleine
Kiesel an das Ei, 
das von [von] dem Gewölbe hängt.
Warum sprechen sie nicht und machen
05 nur mit den Kieseln immerfort „Klick, klick“?
Das Ei enthält zwar das Gift, das die Luft verdirbt
wenn es zerschellt, sind im Verlies
schnell alle verkrümmt und tot.
Aber dies Klick, klick, ist das vielleicht // 079
10 eine geheime Sprache, Dionysos
hört, wie sie sich verschwören gegen ihn, doch er
versteht nicht? Es ist vielleicht besser,
er lässt das Ei wegnehmen.
Was nützt ihm der Gefangnen Tod,
15 wenn er nicht weiss, was sie zuvor
mit der Kieselsprache über ihn beredet.

Dionysos presst vergeblich
im Saal sein Ohr an den Mund der ehernen Sibylle.


Seite 078 (A-5-d_01_078.jpg)

Das Ohr des Dionysos 

Dionysos lauscht oben
Dionysos presst oben¿ im Saal sein Ohr an den

Mund der ehernen Sibylle.

Im Verlies, da werfen die Gefangnen nur kleine

Kiesel an das Ei,

das von von dem Gewölbe nieder hängt.

Warum sprechen sie nicht und machen

05 nur mit den Kieseln immerfort „Klick, klick“?

Das Ei enthält zwar das Gift, das die Luftverdirbt
Das Ei enthält zwar das Gift, das die Luft  wenn¿

wenn es zerschlägtellt, sind alle im Verlies

schnell alle tot verkrümmt und tot.

Aber mit den Kieseln sprechen sie vielleicht

Aber dies Kiesel Klick, klick, ist das vielleicht //

Seite 079 (A-5-d_01_079.jpg)

10 eine geheime Sprache, Dionysos

hört, wie sie sich verschwören gegen ihn, doch er

versteht nicht? Es ist vielleicht besser,

er lässt das Ei wegnehmen.

Was nützt ihm der Gefangnen Tod,

15 wenn er nicht weiss, was sie zuvor

mit der Kieselsprache über ihn beredet.

Dionysos presst vergeblich

im Saal sein Ohr an den Mund der ehernen

Sibylle.

13.V.1958

 

  • Besonderes:

    Vgl die Notiz, S. 126: Spionage-Ohren: Statuen fangen die Worte u. Gespräche im Saal auf. Oben, im Zimmer des Tyrannen kommen sie aus dem Mund einer anderen Statue verstärkt heraus.
    (Hocke I. S. 122) 8.IV.58

  • Letzter Druck: Verstreutes
  • Textart: Verse
  • Datierung: Vollständiges Datum
  • Fassung: Erste Fassung
  • Strophen: ja
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-d/01
  • Seite / Blatt: 078, 079

Inhalt: 39 Entwürfe zu 39 Gedichten, 1 Dramenkonzept (1 Endfassung), Motiv-Notizen
Datierung: 8.4.1957 – 14.6.1958
Textträger: Hellbraunes Notizbuch, Bleistift
Umfang: 130 beschriebene Seiten
Publikation: GEDICHTE (12 Gedichte), Verstreutes (3)
Signatur: A-5-d/01 (Schachtel 29)

Bilder: Ganzes Buch (pdf)
Spätere Stufen: Manuskripte 1957, 1958, Typoskripte 1957, 1958
Kommentar: ab S. 124 Motiv-Notizen
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften (ohne die Motive)

Weitere Fassungen

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Notizbuch 1957-58 (alph.)
Notizbuch 1957-58 (Folge)
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