Montag, 15 Juli 1957

Die Staubwolke

Ist diese Wolke, die dort am Horizont herauf stiebt,
der dunkle mächtige Pilz, der wächst,
ist er das Heer des mächtigen persischen Königs?
Wenn die Lanzenträger heranstöben,
05 wären sie freilich enttäuscht,
denn sie fänden nicht den Kaiser hier im Purpurzelt,
sondern nur mich, einen durstigen und lang nicht mehr gewaschenen
Reisenden, von dem sich der Genius, mit bang verhülltem Gesicht // 042
schon gar nicht mehr wegzuwenden brauchte
10 (o, ein Genius verhüllt und wendet sich nur in purpurnen Zelten):
Und blitzte auch eine Lanze hervor aus der Wolke,
sie träfe einen rostigen Kühler: das löste
die Disziplin des Heeres schnell auf,
und die Reiter sammelten sich schnell um den Wagen:
15 die Marke, das Alter die Zahl der Pferdekräfte zu erfahren.
Kein Genius wandte sich weg, aber die Luft entwich schon lang aus den Reifen<.>
Aber vielleicht schiesst niemand mehr eine Lanze,
vielleicht haben die alle schon neuere Wagen gesehen
und reiten weiter und treiben nur Herden, // 043
20 beachten mich gar nicht.
Gerade noch übrig ist die Wolke, die eine Menge von Reitern
aufwirft, gerade noch übrig,
und die Wüste und die Angst und der Durst des Reisenden
für eine Weile. Das purpurne Zelt,
25 der traurige Genius, das Heer der Perser und die tückische Lanze,
das steht bereits nur noch in Büchern.
Und die stehn in meinem Hirn, und das glüht in der Hitze.
Aber ich will jetzt wissen, was bringt wohl die Wolke,
die Wolke am Himmel wird grösser.


Seite 041 (A-5-d_01_041.jpg)

Die Staubwolke

Ist diese StaubwWolke am Horizont, die dort

am Horizont herauf

stiebt,

der dunkle mächtige Pilz, der wächst,

ist er das Heer des mächtigen persischen Königs?

Wenn die Lanzenträger vorb¿ heranstöben,

05 wären sie freilich enttäuscht,

denn sie fänden nicht den Kaiser hier im

Purpurzelt,

sondern nur einen durstigen mich, einen durstigen

und lang nicht mehr gewaschenen

Reisenden, von dem sich nicht der der Genius,

mit bang verhülltem

Gesicht //

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schon gar nicht mehr wegzuwenden brauchte

10 (o, ein Genius verhüllt und wendet sich nur

in purp purpurnen Zelten):

Und blitzte auch eine Lanze hervor aus der Wolke,

sie träfe einen rostigen Kühler: das löste

die Disziplin des Heeres schnell auf,

und die Reiter sammelten sich schnell um

den Wagen:

15 die Marke, das Alter die Kil Zahl der Pferde-

kräfte zu erfahren.

Kein Genius wandte sich weg, aber die Luft entwich

schon lang aus den Reifen

Aber vielleicht schoss¿iesst niemand mehr eine Lanze,

vielleicht haben die alle schon neuere Wagen gesehen

und reiten weiter und treiben nur Herden, //

Seite 043 (A-5-d_01_043.jpg)

20 beachten mich gar nicht.

Gerade noch übrig ist die Wolke, die eine Menge von

Reitern

aufwirft, gerade noch übrig,

und die Wüste und die Angst und der Durst

des Reisenden

für eine Weile. Das purpurne Zelt,

25 der traurige Genius, der¿ das Heer der Perser und

die tückische Lanze,

das steht bereits nur noch in Büchern.

Und die stehn in meinem Hirn, und das glüht

in der Hitze.

Aber ich will jetzt wissen, was bringt wohl die Wolke,

die Wolke am Himmel wird grösser.

15.7.57

 

  • Letzter Druck: GEDICHTE 1960
  • Textart: Verse
  • Datierung: Vollständiges Datum
  • Fassung: Erste Fassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-d/01
  • Seite / Blatt: 041, 042, 043

Inhalt: 39 Entwürfe zu 39 Gedichten, 1 Dramenkonzept (1 Endfassung), Motiv-Notizen
Datierung: 8.4.1957 – 14.6.1958
Textträger: Hellbraunes Notizbuch, Bleistift
Umfang: 130 beschriebene Seiten
Publikation: GEDICHTE (12 Gedichte), Verstreutes (3)
Signatur: A-5-d/01 (Schachtel 29)

Bilder: Ganzes Buch (pdf)
Spätere Stufen: Manuskripte 1957, 1958, Typoskripte 1957, 1958
Kommentar: ab S. 124 Motiv-Notizen
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften (ohne die Motive)

Weitere Fassungen

Notizbuch 1957-58 (alph.)
Notizbuch 1957-58 (Folge)
Suchen: Notizbuch 1957-58