Montag, 08 April 1957

Der Frosch

„Nicht dass ihr glaubt, ich ertrage
nicht, was meine Mutter erlitten,
ich brächte, der ich alles leiste,
dies nicht zustande:
05 einen Knaben zu gebären und ihm das Geheimnis
meiner Macht, meines Ruhmes zu lassen.
Nur ihm, nur ihm will ich kundtun,
warum es dem einfältigen Grosshans gelang,
die Hunde vor meinem Thron zum Singen zu bringen,
10 und die steinernen Bilder im Garten,
auf den Zinnen des Hauses zum Lachen. // 004
Ihm will ich es sagen,
im innern Gespräch, das ich mit ihm
führe geheim vor seiner Geburt.
15 Denn nur in diesem Tragen,
nur in diesem Schmerz entsteht die notwendige Einung, 
daraus der Erbe wird meines ewigen Reiches.
Das stets nur ein Gott wie ich selber beherrsche.“
Spricht der Kaiser
20 und bricht in das von den Ärzten
bereitgehaltene Goldtuch den Frosch
mit vielem Gekotze und Blut,
sodass sich die Diener die Nase zuhalten. // 005
„So aus Kot wächst die Schönheit,
25 abgerungen dem Widerstand des Gemeinen¿,
der Gott steht am Ende“,
stöhnt der Kaiser,
indes man den Frosch, in Prozession
bringt in die vorbereitete Kammer an der äusseren Mauer.
30 Damit er dort wachse hinterm goldenen Gitter,
empfange die Huldigung des aus- und einziehenden Volkes.
Aber am Tag, wo man den Kaiser fand im Schwert seines Sklaven,
feiste, blutige Qualle am Boden, // 006
verbrennen mit Reisig die Knaben der Vorstadt den Frosch,
35 der durch die Stäbe des Gitters
entkommen war,
verbrannten ihn, aus Furcht, den Erben des ewigen göttlichen Reiches.


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Hamburg

Der Frosch

„Nicht dass ihr glaubt, ich sei feige und ich ertrage

nicht, was meine Mutter erlitten,

ich brächte, der ich alles leiste,

dies nicht zustande:

05 einen Knaben zu gebären und ihm das Geheim-

nis

meinesr Macht, meines Ruhmes zu lassen.

Nur ihm, nur ihm werde ich will ich kundtun,

warum es dem einfältigen Grosshans gelang,

die Hunde vor meinem Thron zSingen Lachen
die Hunde vor meinem Thron zum Singen zu

bringen,

10 und die Bilder steinernen Bilder im Garten,

auf den Zinnen des Hauses zum Lachen. //

Seite 004 (A-5-d_01_004.jpg)

Ihm will ich es sagen,

im innern Gespräch, das ich mit ihm

führe geheim vor seiner Geburt.

15 Denn nur in diesem Tragen,

nur in diesem Schmerz entsteht die not-

wendige Einung,

daraus mir der Erbe wirmeines
daraus mir der Erbe wird des ewigen Reiches.

Das stets nur ein Gott wie ich selber beherrsche.“

Spraicht der Kaiser und spuckt in das von

und bricht
20 und spuckt in das von den Ärzten

bereitgehaltene Goldtuch den Frosch

mit vielem Gekotze und Blut,

sodass sich die Diener die Nase einen Augen-

blick h¿ zuhalten.

Aber schnell richtet nehmt meinen Sohn

Seite 005 (A-5-d_01_005.jpg)

Und bringt ihn ins bereitete Gemach Gemach

an der Mauer,

dass er da wachse zur Schöh Schönheit,

„So imaus Kot wächst die Schönheit,

letzte Blüte¿

25 abgerungen dem Widerstand des Gemeinen¿,

der Gott steht am Ende“,

stöhnt der Kaiser,

indes man den Frosch, in Prozession

bringt in die vorbereitete Kammer an der äusseren

Mauer.

30 Damit er dort wachse hinterm goldenen Gitter,

empfange die Huldigung des aus- und einziehen-

den Volkes.

Aber am Tag, wo man den Kaiser fand im Schwert seines

Sklaven,

den feisten feiste, blutige Qualle am Boden, //

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verbrennen mit Reisig die Knaben der Vorstadt

den Frosch,

der zzdurch
35 der zwischen denie Stäbene des Gitters hindu

entkommen war,

verbrannten ihn, den aus Furcht, den Erben

des ewigen göttlichen Reiches.

8.4.57

 

  • Besonderes:

    Ortsangabe: Hamburg

    Notat im Notizbuch 1955-1957, S. 120:
    Nero „gebot, seine Mutter zu töten und aufzuschneiden, damit er sähe, wie er im Mutterleibe hätte gelegen.“ Die Ärzte wollen nicht. Darauf N.: „So machet, dass ich schwanger werde und einen Knaben gebäre, damit ich wisse, wie gross der Schmerz meiner Mutter mag gewesen sein.“  Leg. aurea S. 435 f.

    „Simon der Magier aber war bei Nero in solcher Gunst, dass man ihn ohne Zweifel für einen Hüter hielt über des Kaisers Leben und Heil und über der Stadt Wohl. Leo der Papst erzählt, dass Simon eines Tages vor dem Kaiser stand, da verwandelte er unversehens sein Antlitz, dass es bald alt, bald jung erschien.“ Nero hält ihn nun für Gottes Sohn. Leg. aurea S. 429 //

    Simon Magus „bewegte eherne Schlangen durch seine Kunst und machte eherne und steinerne Bilder lachen und Hunde singen.“ Leg. aurea S. 428

       Nero gebiert einen ihm von den Ärzten in den Leib praktizierten Frosch. Lässt ihn in einem Gemäuer+ aufziehen, weil ihm die Ärzte einreden, es würde daraus ein Knabe werden, er selber habe bei der Geburt auch so ausgesehen. –

    + weiter oben: „bedeckten steinernen Gemach“

  • Letzter Druck: Unpubliziert
  • Textart: Verse
  • Datierung: Vollständiges Datum
  • Fassung: Erste Fassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-d/01
  • Seite / Blatt: 003. 004, 005, 006

Inhalt: 39 Entwürfe zu 39 Gedichten, 1 Dramenkonzept (1 Endfassung), Motiv-Notizen
Datierung: 8.4.1957 – 14.6.1958
Textträger: Hellbraunes Notizbuch, Bleistift
Umfang: 130 beschriebene Seiten
Publikation: GEDICHTE (12 Gedichte), Verstreutes (3)
Signatur: A-5-d/01 (Schachtel 29)

Bilder: Ganzes Buch (pdf)
Spätere Stufen: Manuskripte 1957, 1958, Typoskripte 1957, 1958
Kommentar: ab S. 124 Motiv-Notizen
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften (ohne die Motive)

Weitere Fassungen

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Notizbuch 1957-58 (alph.)
Notizbuch 1957-58 (Folge)
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