Samstag, 13 April 1957

Das Grab

„Ich habe das Grabmal,
da man mir von Duft und von Lichtern
des Nachts öfters erzählt
– Staune – geöffnet
05 und fand sie daliegen die Schwester.
Und sie liess mir, – staune –
den Ring ihres Fingers,
lächelnd,
sodass ich ein Glänzen
10 wahrnahm in ihrem Mund,
ein Glänzen sah unter den Lidern,
ein Glänzen im Ohr, in den Löchern der Nase.
Und ich war gesund.“ // 008
„Wisse, das war das Gold,
15 das ihr der Kaiser gegeben, 
zum ewigen Leben im Grab,
das hält ihr der Seele letztes
Gefolge zurück,
das nun im Leibe irrt und nicht
20 die gesperrten Tore durchdringt,
immer aber hinauswill
und so aus dem Leichnam
den Lebendigen lächelt.“
„Irren will ich nicht mehr
25 und bleiben an der Schwelle des Grabes,
der Schwester leichten Schlummer nächtens betrachten, // 009
die ungeduldig flügelnden Falter befragen, 
an ihren Türen.“


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Das Grab 

„Ich habe das Grabmal,

da man mir vomon Duft und von Lichtern Lichtern

des Nachts öfters erzählt

– Staune – geöffnet

05 und fand sie daligen die Schwester.

Und sie liess mir, – denke staune –

den Ring , den ich ihres Fingers,

lächelnd,

sodass ich ein Glänzen

10 wahrnahm in ihrem Mund,

ein Glänzen sah unter den Lidern,

ein Glänzen im Ohr, in den Löchern der Nase.

Und ich war gesund.“ //

Seite 008 (A-5-d_01_008.jpg)

„Wisse, das war das Gold,

15 das ihr der Kaiser gegeben,

zum ewigen Leben im Grab,

das hält ihr der Seele letztes Gefolge

Gefolge zurück,

das nun im Leibe irrt und nicht

20 die gesperrten Tore durchdringt,

immer aber pocht¿ und hinauswill

und so aus dem Leichnam

den Lebendigen lächelt.“

„Irren will ich nicht mehr

25 und bleiben selber an der Schwelle des Grabes,

der Schwester leichten Schlummer nächtens be-

trachten,

von den Türen nicht weichen!“ //

Seite 009 (A-5-d_01_009.jpg)

an ihren Türen die

die ungeduldig flügelnden Falter befragen,

an ihren Türen.“

123. 4.57

 

  • Details:

    V. 05 Emendation: daligen → daliegen

  • Letzter Druck: Unpubliziert
  • Textart: Verse
  • Datierung: Vollständiges Datum
  • Fassung: Erste Fassung, Letzte Fassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-d/01
  • Seite / Blatt: 007, 008, 009 (oben)

Inhalt: 39 Entwürfe zu 39 Gedichten, 1 Dramenkonzept (1 Endfassung), Motiv-Notizen
Datierung: 8.4.1957 – 14.6.1958
Textträger: Hellbraunes Notizbuch, Bleistift
Umfang: 130 beschriebene Seiten
Publikation: GEDICHTE (12 Gedichte), Verstreutes (3)
Signatur: A-5-d/01 (Schachtel 29)

Bilder: Ganzes Buch (pdf)
Spätere Stufen: Manuskripte 1957, 1958, Typoskripte 1957, 1958
Kommentar: ab S. 124 Motiv-Notizen
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften (ohne die Motive)

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Notizbuch 1957-58 (alph.)
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