Mittwoch, 18 Januar 1956

Der offene Garten. Forts.

Maria: Dass wir dies hören,
an dieser Insel, vom Gesang angesogen,
landen, zerschellen müssen:
weil die süsse Kraft,
05 die Rosen, die Teiche das Eisen aus den Planken zogen.
Hebt doch, Schwestern, den Blick,
folgt nicht ihrer Vorschrift,
weg über den Garten, weg von der Stickerei,
weg von den Augen,
10 die nur voll sind vom Fest des Kindes.
Für uns nicht ist dieses Kind,
den Arglosen lasst es,
die ihm ihr Herz zur Wiege // 036
mit Seide und Federn bereitet.
15 In uns ist ein furchtbarer Geier,
der über den glostenden Dünen
unsrer Leere aufsteigt und über den Garten
ruhelos wegfliegt: Hebt eure Augen,
dem Rat der Flöten zuwider hinüber zur Wüste.
Dort wartet der Vater Elias:
dort wird er angerührt und getränkt und gesättigt
zu allem Weiteren.
Und wir sind seine Töchter, seine Schwestern
und nicht Ammen und Pflegerinnen des Kinds in der Olive.

Sie ist schon vorher ans Fenster getreten, schaut eine Zeit hinaus, wendet sich dann brüske um:

Geh uns voran, Teresa, // 037
25 wecke die Meerschlange,
die, schon sichtbar, in dir züngelt rauf 
und zieh mit uns abseits
vor die Mauern ins Schweigen ohne Gesang,
ohne Plauderbrunnen,
in die Trockenheit ohne die leichte
Stillung aus den Spiegelbrunnen der Augen.
Komm mit uns, lehr uns das Zwiegespräch
allein mit dem krächzenden Geier,
das Ausstehn der Kieselaugen des Geiers.
35 Bis er uns dann für immer, für immer,
ganz heimisch uns macht in seinem Ölberg
und sich niederlässt in den Ästen
des hinter den Sanddünen bereiteten Ölbaums. // 038

Ana: Du glaubst, dass die Schwestern das dulden:
der Garten ist schön, aber der Garten ist ein
40 festes Paradies, das sein Wild gezähmt hat,
und die darin sind, gestatten keinem
die Freiheit der alten Höhlen:
zu heiss ist noch die Erinnerung an die Nächte,
wo der Löwe den roten Zungeschrei aushing
45 nach der lebendigen Speise.
Hier ist er mit Früchten und Düften leicht befriedigt.
Nein, er will nicht, dass einer zurückkehrt
und ihn stört, indem er
ihm seinen furchtbaren Hunger,
50 seinen Blutdurst erinnert und aufweckt.
Die Schwestern lassen uns nicht gehen.

18.1.56 // 039

Lenora:
Meine Brüder waschen das Gold
aus den Flüssen Westindiens,
55 und sie scharren aus den Gebirgen Mexikos
die Smaragde. Warum
sollen nicht wir aus dem Gold,
aus den getürmten Smaragden
herausscharren den Schatz der Stille,
60 aufscharren den Brunnen,
darin wir uns versenken ins Anschaun des
trüben und dennoch zum Erkennen
des Schattens des gierigen Vogels
tauglichen Spiegels.
Mein ganzes Erbe gehört uns, // 040
65 damit wir uns die Freiheit vom Reichtum erkaufen.
Der Glanz meines Goldes werfe den
Schatten des Baumes Armut
scharf in den Mittag, damit wir 
darin uns schmiegend, erkennen
70 das Aug des im Astloch verborgenen Vogels.

19.1.56 // 041

Teresa: Die Wolke habe ich seit jeher erwartet
schon als ich noch vergnügt am Gitter mit den Vettern
über die neuen Wagen und die neuen Länder
des Königs schwatzte:
75 schon damals ängstete mich unser immer blauer Himmel,
ängstigte mich die stille Wipfelreihe,
und ich spürte in meinem eignen Abgrund sich die Wolke ballen:

Die jetzt heraufzieht, Schwestern.
Schon hängt sie schwer und trächtig da,
80 und wir, die wir die Vase aufgestellt,
wir sind getrost; denn, glaubt mir,
wenn nur ein Trophen herabfällt auf die abgestorbne,
gedörrte, präparierte Rose, // 042
die so viele für lebend halten:
85 sobald nur ein Tropfen da herabfällt,
wacht sie auf, die Blätter breiten sich,
das rote Wachs des Überzugs fält kläglich ab,
durch den Lack des Stils brechen neue Dornen. –
Und noch ein weiterer Tropfen,
90 und es überfliesst die ganze Vase,
sodass das Bild, das ihre Wandung schmückt,
neu scharf in unsre Augen sticht:
Elias, der allein aofwacht in der Wüste,
doch neben sich ein Brot und Wasser findet,
95 so viel, dass es gerade reicht für seine Wanderung. // 043

Maria: Aber auf diesen Tropfen zu warten, 
heisst, auf ein Wunder hoffen. 

Teresa: Lenora, sei geschickt im Gespräch mit deinen
Brüdern,
wenn nötig, nimm zum Kampf um deine
Erbschaft den besten
Advokaten.
100 Aber freilich, es ist besser, wenn es gelingt,
ihnen klarzumachen, dass zwanzig Jahre lang
in heissem neuen Kloster
die Messe für die Seelen ihrer Eltern und nach ihrem
Tod
für ihre eignen Seelen täglich gelesen werden wird.
20.1.56


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  • Besonderes:

    Vorangegangenes Lied (Der Gesang aus dem Garten herauf) dazugehörig;
    Dialoge; Fortsetzung 19./20.1.1956;
    Abbildung nur zu S. 35 

  • Letzter Druck: Unpubliziert
  • Textart: Szenisch
  • Datierung: Vollständiges Datum
  • Fassung: Letzte Fassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/10
  • Seite / Blatt: 035, 036, 037, 038, 039, 040, 041, 042, 043

Inhalt: Notizen, 42 Entwürfe zu 37 Gedichten (1 Endfassung)
Datierung: 6.10.1955 – 7.4.1957
Textträger: schwarzes Notizbuch (Krokodil, Plastik), Bleistift
Umfang: 130 beschriebene Seiten
PublikationDie verwandelten Schiffe (10 Gedichte), GEDICHTE (5 Gedichte), Verstreutes (3 Gedichte)
Signatur: A-5-c/10 (Schachtel 29)

Bilder: Ganzes Buch (pdf)
Spätere Stufen: Manuskripte 1955, 1956, 1957, Typoskripte 1955, 1956, 1957
Kommentar: Die Prosanotate, von hinten her bis S. 117 eingetragen, entstammen der Legenda aurea des Jacobus de Voragine und den religionswissenschaftlichen Studien von Mircea Eliade
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Diplomatische Umschriften (auch von den Prosanotaten)

Weitere Fassungen

Notizbuch 1955-57 (alph.)
Notizbuch 1955-57 (Folge)
Suchen: Notizbuch 1955-57