Donnerstag, 21 Juni 1956

Die Engelsburg (Der Kaiser spricht)

Als ich
auftat meine Augen in der Finsternis,
stieg ich tastend in dem Grabmal aufwärts,
baute mir die oberen Zimmer[,] aus
05 und hüllte mich in andere und schwerere Gewänder.
Wie unbegrenzt ist doch die Wandlung des Geschmacks.
Meine Krone trug ich, voller Lust zur Übertretung, dreifach;
die Einfachheit, die mir von den Alten früher noch geblieben,
liess ich jetzt weg,
10 da mir die Biegung der Seele // 096
so wichtig geworden war seither,
die Anspornung der Kräfte, die man früher schön auswog,
zum ungehemmten Wettstreit,
war mir nun Zeitvertreib.
15 Und wenn er mich dann allzusehr bemühte,
befleissigte ich mich nächtlich der Sprache
und Gestik verzückter Fische,
die nur einfach das Gute zu tun versuchten,
ohne lang zu reflektieren.

20 Bis schliesslich mir von allem Wechsel,
den Versuchen, mich reiner, mächtiger und mein Imperium
verbindlicher – sodass ein jeder, den es je ergriff,
nicht mehr vergessen und sich ihm nicht mehr
entziehen könnte – darzustellen: // 097
entschied ich mich für eines der am längsten
25 wirksamen Bilder der dauerhafteren Symbole, das am wenigsten
den Verdacht der blossen Maskerade auf sich zieht,
wenn ich auch wusste,
dass er selbst in diesem Fall mir nicht
erspart bliebe, und trat,
30 nicht ohne Bedenken wegen des nicht zu vermeidenden
Pathos solchen Auftritts – aber das schien mir das
kleinre Übel – 
auf die Zinne:
das Schwert der Seuche in die Scheide steckend,
die Flügel vom weiten Herabflug noch gebreitet,
35 kurz, in der schönen Pose,
der gemeinverständlichen, des nach langem Groll // 098
versöhnten, durch Bitten, Bussasche,
Kerzen und Prozessionen endgültig beschwichtigten
und so auf dieser hohen Stelle
40 frommschmückend festgehaltnen,
die ganze Stadt beruhigenden Engels.


Seite 095 (A-5-c_10_095.jpg)

Die Engelsburg (Der Kaiser spricht)

Lange bin ich aufgestiegen an den

Als ich in der Nacht erwachte,

bin ich

auftat meine Augen in der Finsternis,

stieg ich lang tastend aufwärts in dem Grabmal aufwärts,

baute mir derieneuen Heoberen
baute mir derie neuen Herrschaft Zimmer, aus

05 und bebildert ging in anderen und schwereren Gewändern
und hüllte mich in andere und schwerere Gewänder.

Wie doch unbegrenzt ist doch die Wandlung des Ge-

schmacks.

Meine Krone
Eine neue Kron trug ich, voller Lust zur Übertreibung,

dreifach;

die Einfachheit, die mir von den Alten einst früher noch ge-

blieben,

liess ich jetzt weg,

10 da mir die Biegung der Seele //

Seite 096 (A-5-c_10_096.jpg)

so wichtig geworden war seither,

die Anspornung der Kräfte, die man früher schön auswog,

zum ungehemmten Wettlaufstreit,

war mir nun Zeitv Zeitvertreib.

Und wenn  er mich
15 Und wenn mich dies dann allzusehr bemühte,

befleissigte ich mich nächtlich der Sprache

und Gestik verzückter Fische,

die nur einfach das Gute zu tun versuchten,

ohne lang zu reflektieren.


20 Bis eines schliesslich mir von allem Wechsel,

den Versuchen, mich reiner, mächtiger und mein Impe-|rium

verbindlicher , sodass ein jeder, dern es je ergriff,

nicht mehr vergessen und sich ihm nicht

mehr

  ent
mehrziehen kannönnte – darzustellen: //

Seite 097 (A-5-c_10_097.jpg)

beschloss

entschied ich mich für eines der am längsten

wirksamen Bilderder dauerhafteren Symbole,
25 wirksamen Bilder,  das am wenigsten

den Verdacht der blossen Maskerade auf sich zieht,

wenn ich auch wusste,

dass er selbst in diesem Fall mir nicht

erspart bliebe, und trat,

30 nicht ohne Bedenken wegen des unvermeidl

nicht zu vermeidenden

Pathos solchen Auftritts – aber das schien mir das

kleinre Übel –

auf die Zinne:

das Schwert der Seuche halbwegs in die Scheide steckend,

die EngelfFlügel vom weiten Herabflug noch gebreitet,

35 kurz, in der schönen Pose,

der gemeinverständlichen, des nach langem Groll //

Seite 098 (A-5-c_10_098.jpg)

versöhnten, den durch Bitten, Bussasche,

Kerzen und Prozessionen endgültig beschwichtigten

und so auf dieser hohen Stelle

40 frommschmückend festgehaltnen,

die ganze Stadt beruhigenden Engels.

21.6.56

 

  • Letzter Druck: GEDICHTE 1960
  • Textart: Verse
  • Datierung: Vollständiges Datum
  • Fassung: Erste Fassung
  • Strophen: ja
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/10
  • Seite / Blatt: 095, 096, 097, 098

Inhalt: Notizen, 42 Entwürfe zu 37 Gedichten (1 Endfassung)
Datierung: 6.10.1955 – 7.4.1957
Textträger: schwarzes Notizbuch (Krokodil, Plastik), Bleistift
Umfang: 130 beschriebene Seiten
PublikationDie verwandelten Schiffe (10 Gedichte), GEDICHTE (5 Gedichte), Verstreutes (3 Gedichte)
Signatur: A-5-c/10 (Schachtel 29)

Bilder: Ganzes Buch (pdf)
Spätere Stufen: Manuskripte 1955, 1956, 1957, Typoskripte 1955, 1956, 1957
Kommentar: Die Prosanotate, von hinten her bis S. 117 eingetragen, entstammen der Legenda aurea des Jacobus de Voragine und den religionswissenschaftlichen Studien von Mircea Eliade
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Diplomatische Umschriften (auch von den Prosanotaten)

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Notizbuch 1955-57 (alph.)
Notizbuch 1955-57 (Folge)
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