Sonntag, 01 April 1956

Orpheus im Hafen

Hier ist zwar nichts, 
was zu zeigen nötig wäre,
was man unbedingt sehen müsste.
Nicht wegen Denkmälern gefällt es mir hier,
05 sondern wegen jener Augenblicke,
wo sich ein Ort und eine Stunde so decken,
dass du am Weltrand tiefer bist in Venedig
als selbst am Rialto: 
Auf den Stufen des Herberghügels
das Ohr dem Klang der Sterne geschärft,
10 die über dem Hafen tönen:
aber zu fern doch noch, sodass die Lötlampen
lauter aufsprühen // 087
in den Schiffen, und geschliffen ihr Ton 
im Wasser flackert und wächst. 
Nur klammerst du dich an meinem Arm fest,
aber du sollst dich nicht fürchten,
15 wenn du das weisse Gesicht gross liegen siehst
zwischen den Schiffen, 
mit halboffenem Mund, fast stumm und fast 
schlafend. 
Du sollst dich nicht fürchten,
wenn es eine Woge sogar her schwemmte
in diesen entlegenen Hafen. 
Du magst Städte und Häfen suchen,
wo immer du willst. 
20 Ich glaube, immer fändest dus wieder.
Drum sieh drüber weg // 088
und steige ganz auf den (Herberg)Hügel,
da siehst du alle (bunten) Lichter
im schwarzen Sternwasser schwimmen,
25 und jenes Gesicht, wenn du nur willst,
das ist einfach der Mond, der sich
bescheiden spiegelt im Becken
zwischen leeren ruhenden Schiffen.


Seite 086 (A-5-c_10_086.jpg)

Orpheus im Hafen

Hier ist zwar nichts, 

was zu zeigen nötig wäre,

was man sehen unbedingt sehen müsste.

Nichtwegen
Nicht  an Denkmälern liegt es, gefällt es mir hier,

sondernwegen
05 sondern an jener Stellen jenseits Augenblicke,

wo sich ein Ort und eine Sutnde zuf ä so decken
wo sich ein Ort und eine Stunde zufällig vereinen,

sodass du hier am Weltrand tiefer bist in Venedig

als selbst am Rialto:

So leite ich dich leitete ich dich gestern die Stufen zum

Herberghügel hinauf

Auf den
  Die  Stufen des Herberghügels hinauf, d

das Ohr dem Klang der Sterne geschärft,

10 die klan¿ tönen über dem Hafen tönen:

aber zu fern doch noch, sodass die S Lötlampen

noch lauter aufsprühen //

Seite 087 (A-5-c_10_087.jpg)

in den Schiffen, und lauter hebt¿ geschliffen ihr Ton

flackert im Wasser flackert und wächst.

Nur klammerst du dich an meinem Arm fest,

aber du sollst dich nicht fürchten,

15 wenn du das weisse Gesicht gross liegen siehst

zwischen den Schiffen,

mit halboffenem Mund, fast stumm und fast

schlafend.

Du sollst dich nicht fürchten,

wenn es eine Strömung Woge sogar her schwemmte

anin diesen entlegenen Hafen
anin diesen entlegenen Stelle.

Du magst Häfen Städte und Häfen suchen,

wo immer du willst.

20 Ich glaube, immer fändest dus wieder.

Drum sieh drüber|weg

und steige den //

Seite 088 (A-5-c_10_088.jpg)

und steige ganzauf
und steige ganz  den (Herberg)hHügel hinan,

da siehst du alle (bunten) Lichter

↑schwimmen↑ im schwarzen Sternwasser ↔,

25 und jenes Gesicht, wenn du nur willst,

das isteinfach
das ist  der Mond, der sich

bescheiden spiegelt zwischen im Becken

zwischen leeren ruhe ↓den
zwischen leeren ruhen  Schiffen.

1.4.56

 

  • Letzter Druck: GEDICHTE 1960
  • Textart: Verse
  • Datierung: Vollständiges Datum
  • Fassung: Erste Fassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/10
  • Seite / Blatt: 086, 087, 088

Inhalt: Notizen, 42 Entwürfe zu 37 Gedichten (1 Endfassung)
Datierung: 6.10.1955 – 7.4.1957
Textträger: schwarzes Notizbuch (Krokodil, Plastik), Bleistift
Umfang: 130 beschriebene Seiten
PublikationDie verwandelten Schiffe (10 Gedichte), GEDICHTE (5 Gedichte), Verstreutes (3 Gedichte)
Signatur: A-5-c/10 (Schachtel 29)

Bilder: Ganzes Buch (pdf)
Spätere Stufen: Manuskripte 1955, 1956, 1957, Typoskripte 1955, 1956, 1957
Kommentar: Die Prosanotate, von hinten her bis S. 117 eingetragen, entstammen der Legenda aurea des Jacobus de Voragine und den religionswissenschaftlichen Studien von Mircea Eliade
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Diplomatische Umschriften (auch von den Prosanotaten)

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