Mittwoch, 12 Oktober 1955

Das inwendige Licht …*

„Das inwendige Licht, das Gott selbst in uns anzündet,
kann durch die sinnliche Erfahrung der Welt geweckt werden“,
auch durch
die Lichter des Lampenladens
in der Vorstadtladenstrasse.
Durch den Weg zwischen den dunk-
len Gärten komme ich herein
und sehe ihn von ferne in der Reihe der vielen
Läden, die sich, aufgeputzte
05 Flitterkönige, Goldfüllungen in die gefallenen
Fassaden der Villen eingenistet, 
eingefressen haben. // 006
Durch die sinnliche Erfahrung dieser
 Läden, und vor allem dieses
einen Ladens,
des Flitterkönigs der den Stern trägt,
kann das inwendige Licht,
 die alte Gaslampe,
der grell sum-
mende Bienenkorb, geweckt werden.
10 Das tröstet mich vielleicht, aber
hält mich nicht ab, 
unfreundlich zur Verkäuferin im 
Lampenladen zu sein, 
die mir keine hohen roten Schirme für meine // 007
Appliquen verkaufen kann,
die nach oben fast in eine Spitze auslaufen,
sondern nur solche aus gelbem Pergament
mit grünen Zierstreifen und Goldrand, 
wie man sie überall findet.
15 „Ich glaubte einmal, dass die Wahrheit im
Dunkeln gesucht werden müsse,
aber sie ruft draussen in den Gassen“
sogar dieser langweiligen Vorstadt, wo die
Hochbahn die Leute, die Geld haben 
nach den Strassen im Zentrum trägt zu
Prediger und Co.,
die alle Arten von Schirmen haben, nicht nur rote, // 008
wie ich sie hier nicht bekomme, 
sondern sogar solche mit über 
die ganze Fläche verteilten Löchern 
20 Und im Dunkel der Gärten finde ich 
zwar eine alte Gaslampe hie und da
und einen Mann drunter, der nach weiss
ich nicht was ungeduldig ausschaut.
Aber hier finde ich nicht wie an der
Vorstadtstrasse pergamen-
tene Schirme mit grünen Streifen
und nicht wie die reichen Leute an <der>
Hauptstrasse im Zentrum bei Prediger // 009
die hohen roten Schirme, die nach oben
in eine Spitze auslaufen,
25 ja mehr noch, solche mit über die ganze
Fläche verteilten Löchern,
durch die das innere Licht überall durchscheint.


Seite 005 (A-5-c_10_005.jpg)

„Das inwendige Licht, das Gott selbst in uns an-

zündet, kann durch die sinnliche Erfahrung

der Welt geweckt werden“,

auch durch diedas¿ Hängelampen und die

Ständerlampen viele Licht des

die Lichter des Lampenladens

in der Vorstadtladenstrasse.

Durch dieen kleinen¿ Weg zwischen den dunk-

len Gärten komme ich herein

und sehe ihn von ferne in der Reihe der vielen

Läden, die innen¿ sich, aufgeputzte

05 Flitterkönige, Goldfüllungen in die gefallenen

Fassaden der Villen eingenistet,

eingefressen haben. //

Seite 006 (A-5-c_10_006.jpg)

 Durch die sinnliche Erfahrung derieser L

Läden, und vor allem dieses

einen Ladens,

des Flitterkönigs der den Stern

trägtt,

kann das inwendige Licht,

die alte Gaslampe,

dieder vor Gier¿ summt grell sum-

mende Bienenkorb, geweckt werden.

10 Das tröstet mich vielleicht, aber

hält mich nicht ab,

unfreundlich zur Verkäuferin im

Lampenladen zu sein,

die mir keinehohen
die mir keine  roten Schirme für meine //

Seite 007 (A-5-c_10_007.jpg)

Appliquen verkaufen kann,

sondern n

die nach oben sich fast fast in
die nach oben sich fast zu¿  einere Spitze auslaufen,

sondern nur solche aus gelbem Pergament

mit grünen Zierstreifen , wi und Goldrand,

wie man sie überall findet.

15 „Ich glaubte einmal, dass die Wahrheit im

Dunkeln gesucht werden müsse,

aber sie ruft draussen in den Gassen“

sogar dieser langweiligen Vorstadt, wo die

Hochbahn die Leute, die Geld haben

nach den Strassen im Zentrum trägt zu

Prediger und Co., die alle Arten

die alle vonArten von Schirmen habennicht nur
die alle vonArten von Schirmen haben,  rote, //

Seite 008 (A-5-c_10_008.jpg)

wie ich sie|hier nicht bekomme,

sondern sogar solche mit Löchern über

     die ganze Fläche verteilten

Löchern

20 Und im Dunkel der Gärten finde ich nur

     zwar eine alte Gaslampe hie und daund einen Mann darumter, d

und einen Mann drunter, der nach
und einen Mann drunter, der auf weiss

    ich nicht was ungeduldig ausschaut.

Aber hier finde ich nicht wie an der

     Vorstadtstrasse pergamen-

     tene Schirme mit grünen Streifen

und nicht wie die reichen Leute an

     Hauptstrasse im Zentrum bei

Prediger //

 

 

Seite 009 (A-5-c_10_009.jpg)

die hohen roten Schirme, die nach oben

     in eine Spitze auslaufen,

25 ja mehr noch, solche mit über die ganze

     Fläche verteilten Löchern,

durch die das innere Licht überall durch|scheint.

12.10.55

 

  • Details:

    V. 07 Emendation: trägtt → trägt

  • Besonderes:

    Notizen (S. 130):
    Die Bahnhofhalle unter der Milchhaut: Tamino, der die Tiere mit der Flöte anzieht (und wegführt?)

    „Das inwendige Licht, das Gott selbst in uns anzündet, kann durch die sinnliche Erfahrung der Welt geweckt werden: man muss sich der sinnlichen Beschauung der Schattenbilder nur wie einer Notdurft und eines Werkzeugs bedienen und nicht darin beharren.“
    Leibniz, nach Wolfgang de Boer

    „Ich glaubte einmal, dass die Wahrheit im Dunkeln gesucht werden müsse; aber sie ruft draussen in den Gassen.“ Nicolaus Cusanus

  • Letzter Druck: Die verwandelten Schiffe 1957
  • Textart: Verse
  • Datierung: Vollständiges Datum
  • Fassung: Erste Fassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/10
  • Seite / Blatt: 005, 006, 007, 008, 009

Inhalt: Notizen, 42 Entwürfe zu 37 Gedichten (1 Endfassung)
Datierung: 6.10.1955 – 7.4.1957
Textträger: schwarzes Notizbuch (Krokodil, Plastik), Bleistift
Umfang: 130 beschriebene Seiten
PublikationDie verwandelten Schiffe (10 Gedichte), GEDICHTE (5 Gedichte), Verstreutes (3 Gedichte)
Signatur: A-5-c/10 (Schachtel 29)

Bilder: Ganzes Buch (pdf)
Spätere Stufen: Manuskripte 1955, 1956, 1957, Typoskripte 1955, 1956, 1957
Kommentar: Die Prosanotate, von hinten her bis S. 117 eingetragen, entstammen der Legenda aurea des Jacobus de Voragine und den religionswissenschaftlichen Studien von Mircea Eliade
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Diplomatische Umschriften (auch von den Prosanotaten)

Weitere Fassungen

Notizbuch 1955-57 (alph.)
Notizbuch 1955-57 (Folge)
Suchen: Notizbuch 1955-57