Synopse

(5)
Sonntag, 15 Juni 1958    (    )

Das Einhorn (A)

Du hebst das Horn
und vergiftest die Winde, 
hebst es auf vor dem Wald, 
den versteckten 
05 Blüten, den Teichen mit Rosen, 
den Grotten voll von Lianen. 

Du senkst das Horn 
und dringst hinein in den Wald; 
da sind die Blüten verfault 
10 und die riesigen Bäume verkohlt. 
Der Teich ist ein Moor ohne Rosen, 
Moderlöcher die Grotten. 

Du musst hier weiter, du musst 
durch die Gänge, 
15 gewundnen gleich deinem Horn, // 02
doch nicht purpurn. Weh deinem weissen 
Fell: denn da drinnen 
liegt nicht Minotauros. Unter zerbrochnen 
Glasdächern uralter Fabriken, 
20 bei rostroten Maschinen, 
die keiner mehr zu bedienen versteht, 
liegen die Mumien da: 
Könige wie aus Leder 
und Krokodile mit blätternden Schuppen 
25 (Blätter, duftende Blüten) 
Augen, offen und schimmlig, 
(im Teich die offenen Rosen<)>. 

Hebe nochmals dein Horn, 
dann ist nur noch Staub, 
30 und du watest. 
Moder war noch ein Duft // 03
Labyrinth war noch eine Richtung. 
Die Mumien waren ein Grausen. 
Jetzt watest du bis zu den Knöcheln 
35 nur noch im flimmernden Staub. 
Du watest im Kreis und suchst eine Jungfrau.

In: Manuskripte 1958
Montag, 07 Juli 1958    (    )

Das Einhorn (B)

Du hebst das Horn
und vergiftest die Winde, 
hebst es auf vor dem Wald, 
den versteckten 
05 Blüten, den Teichen mit Rosen, 
den Grotten voll von Lianen. 

Du senkst das Horn 
und dringst hinein in den Wald; 
da sind die Blüten verfault 
10 und die riesigen Bäume verkohlt. 
Der Teich ist ein Moor ohne Rosen, 
Moder die Grotten. 

Du musst aber weiter, 
du musst durch die Gänge, 
15 gewundnen gleich deinem Horn, // 05
doch nicht purpurn.

Weh deinem weissen Fell:
denn da drinnen liegt nicht Minotauros.
Unter zerbrochnen
20 Glasdächern uralter Fabriken
bei rostroten Maschinen,
die keiner mehr zu bedienen versteht,
liegen die Mumien da:

Könige aus Leder
25 und Krokodile mit blätternden Schuppen
(Blätter, duftende Blüten)
Augen, offen und schimmlig
(im Teich die offenen Rosen). // 06

Hebe nochmals dein Horn, 
30 dann ist nur noch Staub, 
und du watest. 
Dann ist Staub nur noch statt Moder, 
statt Labyrinth, 
statt Mumien ist nur noch Staub 
35 und du watest bis zu den Knöcheln 
ganz im flimmernden Staub, 
watest im Kreis und siehst 
überall eine Jungfrau.

In: Manuskripte 1958
Samstag, 16 August 1958    (    )

Das Einhorn (C)

Du hebst das Horn
und vergiftest die Winde, 
hebst es auf vor dem Wald, 
den versteckten 
05 Blüten, den Teichen mit Rosen, 
den Grotten voll von Lianen. 

Du senkst das Horn 
und dringst hinein in den Wald; 
da sind die Blüten verfault 
10 und verkohlt die riesigen Bäume. 
Der Teich ist ein Moor ohne Rosen, 
Moder die Grotten. 

Du musst aber weiter, du musst 
durch die Gänge, die gleich deinem Horn 
15 gewunden sind, doch nicht purpurn. // 08
Weh deinem Vlies: 
da drinnen liegt nicht Minotauros. 
Unter zerbrochnen 
Glasdächern uralter Fabriken
20 bei rostroten Maschinen, 
die keiner mehr zu bedienen versteht, 
liegen die Mumien da, 

Könige aus Leder 
und Krokodile mit blätternden Schuppen, 
25 (Blätter, duftende Blüten) 
Augen, offen und schimmlig, 
(im Teich die offenen Rosen). // 09

Hebe wieder dein Horn, 
dann ist nur noch Staub, und du watest. 
30 Staub ist nur noch statt Moder. 
Statt Labyrinth, 
statt Mumien ist nur noch Staub. 
Und du watest bis zu den Knöcheln 
tief im flimmernden Staub, 
35 watest im Kreis und siehst 
überall eine Jungfrau.

In: Manuskripte 1958
Datiert: 1958    (    )

Das Einhorn

Du hebst das Horn
und vergiftest die Winde, 
hebst es auf vor dem Wald, 
den versteckten 
05 Blüten, den Teichen mit Rosen, 
den Grotten voll von Lianen. 

Du senkst das Horn 
und dringst hinein in den Wald; 
da sind die Blüten verfault 
10 und verkohlt die riesigen Bäume. 
Der Teich ist ein Moor ohne Rosen, 
Moder die Grotten. 

Du musst aber weiter, du musst 
durch die Gänge, die gleich deinem Horn 
15 gewunden sind, doch nicht purpurn. // 
Weh deinem Vlies: 
da drinnen liegt nicht Minotauros. 
Unter zerbrochnen 
Glasdächern uralter Fabriken, 
20 bei rostroten Maschinen, 
die keiner mehr zu bedienen versteht, 
liegen die Mumien da, 

Könige aus Leder 
und Krokodile mit blätternden Schuppen, 
25 (Blätter, duftende Blüten),
Augen, offen und schimmlig //
(Im Teich die offenen Rosen).

Hebe wieder dein Horn, 
dann ist nur noch Staub, und du watest. 
30 Staub ist nur noch statt Moder. 
Statt Labyrinth, 
statt Mumien ist nur noch Staub. 
Und du watest bis zu den Knöcheln 
tief im flimmernden Staub, 
35 watest im Kreis und siehst 
überall eine Jungfrau.

In: Typoskripte 1958
Sonntag, 01 März 1959    (    )

Das Einhorn

Du hebst das Horn
und vergiftest die Winde,
hebst es auf vor dem Wald,
den versteckten
05 Blüten, den Teichen mit Rosen,
den Grotten voll von Lianen.

Du senkst das Horn
und dringst hinein in den Wald;
da sind die Blüten verfault
10 und verkohlt die riesigen Bäume.
Der Teich ist ein Moor ohne Rosen,
Moder die Grotten.

Du mußt aber weiter, du mußt
durch die Gänge, die gleich deinem Horn
15 gewunden sind, doch nicht purpurn.
Weh deinem Vlies:
da drinnen liegt nicht Minotauros.
Unter zerbrochnen
GIasdächern uralter Fabriken
20 bei rostroten Maschinen,
die keiner mehr zu bedienen versteht,
liegen die Mumien da,
Könige aus Leder
und Krokodile mit blätternden Schuppen
25 (Blätter, duftende Blüten),
Augen, offen und schimmlig
(im Teich die offenen Rosen). –

Hebe wieder dein Horn
dann ist nur noch Staub, und du watest.
30 Staub ist nur noch statt Moder. //
Statt Labyrinthen,
statt Mumien ist nur noch Staub.
Und du watest bis zu den Knöcheln
tief im flimmernden Staub,
35 watest im Kreis und siehst
überall eine Jungfrau.

In: Verstreutes
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