Mittwoch, 06 Juni 1956

Epistel an einen Liebhaber des Altertums in San Clemente (C)

01 Dass du dich wunderst, oben, über die späten Mosaiken der Apsis, weil es ihnen gelingt, Blumengewinde und Tauben und Brunnen der frühen vorzutäuschen und so das halbe Jahrtausend, das deine Gelehrsamkeit dazwischengeschoben, einfach zurückzuspringen: Dass dich, Ahnungsloser, das wundert, schon das ist gefährlich. 

02 Es ist gefährlicher, dass du die vielen Stufen zur Unterkirche hinabsteigst und in des Heiligen Grabhaus findest das Kind auf der Stufe des Altars: denn wer weiss, ob du entkommst der am Abend des Festes plötzlich zurückflutenden Woge? 

03 Aber nochmals tiefer in der erst neulich erschlossenen untersten Höhle, entkommst du sicher nicht mehr der Woge: jetzt ist es Blut, darin du, Stier, aufbrüllst unter dem Messer des gleichmütigen Knaben, Blut, das dich umwogt und dir schnell steigt bis zum Scheitel, wohin deine Hand im Reflex greift. Dann fragst du dich, freilich zu spät, seit wann du sie trägst – das ist dein letzter Gedanke –: seit wann trag' ich die phrygische Mütze?


Blatt 05 (A-5-c_13_121.jpg)

C Epistel an einen Liebhaber des Altertums in San Clemente

Dass du dich wunderst, oben, über diespäten
01 Dass du dich wunderst, oben, über die  Mosaiken der Apsis, weil es ihnen

gelingt, Blumengewinde und Tauben und Brunnen der frühen vorzu-

täuschen und so das halbe Jahrtausend, das deine Gelehrsamkeit

dazwischengeschoben, einfach zurückzuspringen: Dass dich, Ahnungs-

loser, das wundert, schon das ist gefährlich. 

Es ist gefährlicher, dass du die vielen Stufen zwar zur Unterkirche
02 Es ist gefährlich,er, dass du die vielen Stufen zwar (mit den Füssen) hin-

absteigst, doch sonst bleibst oben. Denn wenn undin
absteigst, doch sonst bleibst oben. Denn wenn  du   des Heiligen

Grabhausfindest d auf der Stufe des Altars gefunden: ent
Grabhaus  das Kind auf der Stufe des Altars gefundenkommst

denn wer weiss, ob du entkommst der
du bestenfalls noch eben heil  vielleicht nicht mehr heil der am Abend des

Festesplötzlich
Festes  zurückflutenden Woge? 

03 Aber nochmals tiefer in der erst neulich erschlossenen unterensten Höhle,

entkommst dusicher
entkommst du der Woge sicher nicht  sicher nicht mehr der Woge:

jetzt ist es Blut, darin du, Stier, aufbrüllst unter dem Messer des

gleichmütigen Knaben, Blut, das dich umwogt und dir schnell steigt

bis zum Scheitel, wohin deine Hand im Reflex greift. Dann fragst

du dich, freilich zu spät, seit wann du sie trägst – das ist dein letzter

Gedanke –: seit wann trag' ich die phrygische Mütze?

6.6.56

 

  • Besonderes:

    Verso: Typoskript (Sebastian Franck, S. 115)

  • Letzter Druck: Die verwandelten Schiffe 1957
  • Textart: Prosagedicht
  • Datierung: Vollständiges Datum
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/13_015
  • Seite / Blatt: 05

Inhalt: 68 Manuskripte und 14 Typoskripte zu 14 Gedichten (keine Endfassungen)
Datierung: 27.1.1956 – 7.11.1956
Textträger: 113 Einzelblätter (A4-Format); v.a. durchscheinende Makulatur von Dissertation und Gedichttyposkripten, Nov. 1956 bräunliche Blätter
Umfang: 15 Dossiers, 128 beschriebene Seiten
Publikation: Die verwandelten Schiffe (7 Gedichte), Verstreutes (2 Gedichte)
Signatur: A-5-c/13 (Schachtel 36)
Herkunft: Grüne Mappe EG 56

Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften

Manuskripte 1956 (alph.)
Manuskripte 1956 (Datum)
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