Synopse

(6)
Montag, 26 August 1957    (    )

Die Sibylle (A)

Nur in den ersten Nächten des Frühlings
singt die Sibylle: erregt 
die dürren Gebirge zum Grünen. 
Treibt meinen Nachbarn 
05 in die Hotelbar zu den Schnäpsen, 
zwischen langwimprigen Blicken [,]
und schlecht geröteten Lippen. 

Mich regt sie auf, die rauhe, uralte, 
sie selber zu suchen: Ich laufe 
10 zum Tempel, sie hat sich in die Cella verborgen. 
Der Mond aber strahlt jetzt erst 
voll, die Hänge duften verderblich: 
die Droge wirkt jetzt erst am stärksten. // 01v
Mich erschrecken 
15 Ruinen schon wieder, und Blüten so üppig 
findet man sonst nur auf Gräbern: Ich laufe 
zu den Fällen des Anio: sie 
überrauschen nicht die laute 
Stimme, die aus der Cella 
20 jene sanfteste Strophe 
Hölderlins unerbittlich 
heiser und hart in die Nacht schreit.

In: Manuskripte 1957
Dienstag, 27 August 1957    (    )

Die Sibylle (B)

Nur in den ersten Nächten des Frühlings
erregt der Gesang der Sibylle:
„Wie unter Tiburs Bäumen, 
wenn da der Dichter sass 
05 und unter Götterträumen 
der Jahre Flucht vergass …“
die dürren Gebirge zum Grünen. 
Treibt den Nachbarn in die Hotelbar 
zwischen langwimprige Blicke 
10 und schlecht gerötete Lippen zu den Likören. 

Mich regt sie auf, die rauhe, uralte, 
sie selber zu suchen: Ich laufe 
zum Tempel, sie hat sich in die Cella verborgen. 
Der Mond aber strahlt jetzt erst 
15 voll, die Hänge duften verderblich. 
Die Droge wirkt jetzt erst am stärksten. 

Mich erschrecken 
Ruinen schon wieder, und Blüten // 02v
findet so üppig man sonst nur auf Gräbern:
20 ich laufe zu den Kaskaden, 
sie überrauschen nicht die 
Stimme, die aus der Cella die Strophe: 
„Wo ihn die Ulme kühlte 
und wo sie sanft und froh 
25 um Silberblüten spielte 
die Flut des Anio“
unerbittlich heiser und schrill in die Nacht schreit.

In: Manuskripte 1957
Sonntag, 24 November 1957    (    )

Die Sibylle (C)

Nur in den ersten
Nächten des Frühlings erregt
der Gesang der Sibylle: 
„Wie unter Tiburs Bäumen, 
05 wenn da der Dichter sass 
und unter Götterträumen 
der Jahre Flucht vergass …“
die dürren Gebirge zum Grünen. 

Treibt den einen in die Hotelbar, die 
10 von langen Wimpern 
und schlecht geröteten Lippen 
erhitzten Schnäpse zu trinken. 

Den andern erregt sie, 
die rauhe Uralte, 
15 sie selber zu suchen: Er läuft 
zum Tempel. Sie hat sich // 03v
in der Cella verborgen. 
Voll strahlt jetzt erst 
der Mond, die Hänge 
20 duften, die Droge 
wäre vielleicht jetzt am stärksten. 

Doch ihn erschrecken 
Ruinen schon wieder, und Blüten 
fand er so üppig sonst nur auf Gräbern. 
25 Und selbst die Kaskaden; sie fallen 
stumm vor der Stimme, 
die aus dem Tempel die Strophe: 
„Wo ihn die Ulme kühlte 
und wo sie stolz und froh 
30 um Silberblüten spielte,
die Flut des Anio“
mechanisch heiser herabschreit.

In: Manuskripte 1957
Donnerstag, 05 Dezember 1957    (    )

Die Sibylle (D)

Nur in den ersten
Nächten des Frühlings erregt
der Gesang der Sibylle: 
„Wie unter Tiburs Bäumen, 
05 wenn da der Dichter sass 
und unter Götterträumen 
der Jahre Flucht vergass …“
die dürren Gebirge zum Grünen. 

Treibt den einen in die Hotelbar, die 
10 von Lippenrot heissen 
Schnäpse zu trinken. 

Den andern erregt sie, 
die rauhe Uralte 
selber im Tempel zu suchen: Sie hat sich 
15 in der Cella verborgen. // 04v
Und voll 
strahlt jetzt erst der Mond. Die Hänge 
dampfen; die Droge 
wäre jetzt wohl am stärksten. 

20 Doch ihn erschrecken 
Ruinen schon wieder, und Blüten 
fand er so üppig sonst nur auf Gräbern. 
Sogar die Kaskaden, sie fallen 
stumm vor der Stimme, 
25 die aus der Cella 
„wo ihn die Ulme kühlte 
und wo sie stolz und froh 
um Silberblüten spielte,
die Flut des Anio“
30 im Wachtraum heiser herabschreit.

In: Manuskripte 1957
Datiert: 1958    (    )

Die Sibylle

Nur in den ersten
Nächten des Frühlings erregt
der Gesang der Sibylle:
»Wie unter Tiburs Bäumen,
05 wenn da der Dichter saß
und unter Götterträumen
der Jahre Flucht vergaß …«
die Gebirge zum Grünen.

Treibt den einen in die Hotelbar, die
10 von Lippenrot heißen
Schnäpse zu trinken.

Den andern erregt er,
die rauhe Uralte
selber im Tempel zu suchen: Sie hat sich
15 in der Cella verborgen.
Und voll
strahlt jetzt erst der Mond. Die Hänge
dampfen; die Droge
wäre jetzt wohl am stärksten.

20 Doch ihn erschrecken
Ruinen schon wieder, und Blüten
fand er so üppig sonst nur auf Gräbern.
Sogar die Kaskaden, sie fallen
stumm vor der Stimme,
25 die aus der Cella
»Wo ihn die Ulme kühlte
und wo sie stolz und froh
um Silberblüten spielte,
die Flut des Anio«
30 im Wachtraum heiser herabschreit.

In: Verstreutes
Datiert: 1960    (    )

DIE SIBYLLE

Nur in den ersten
Nächten des Frühlings erregt
der Gesang der Sibylle:
»Wie unter Tiburs Bäumen,
05 wenn da der Dichter saß
und unter Götterträumen
der Jahre Flucht vergaß …«
die Gebirge zum Grünen.

Treibt den einen in die Hotelbar, die
10 von Lippenrot heißen
Schnäpse zu trinken.

Den andern erregt er,
die rauhe Uralte
selber im Tempel zu suchen: Sie hat sich
15 in der Cella verborgen.
Und voll
strahlt jetzt erst der Mond. Die Hänge
dampfen; die Droge
wäre jetzt wohl am stärksten.

20 Doch ihn erschrecken
Ruinen schon wieder, und Blüten
fand er so üppig sonst nur auf Gräbern.
Sogar die Kaskaden, sie fallen
stumm vor der Stimme,
25 die aus der Cella
»Wenn ihn die Ulme kühlte
und wenn sie stolz und froh
um Silberblüten spielte,
die Flut des Anio«
30 im Wachtraum heiser herabschreit.

In: GEDICHTE 1960
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