Synopse

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Datiert: 1960    (    )

CHIRON UND ACHILL

CHIRON: Ich glaube, ich habe dich jetzt alles gelehrt, was ich dich lehren kann.

02 ACHILL: Heißt das, daß du jetzt nicht mehr mit mir sprechen willst?

03 CHIRON: Das heißt es nicht. Aber es ist nicht mehr nötig, so wie es diese drei Jahre lang vielleicht nötig war.

04 ACHILL: Nein, erst jetzt fängt unser Gespräch an interessant zu werden, seit du vor vierzehn Tagen das erste Mal die Leier weglegtest.

05 CHIRON: Nur die Leier konnte ich dich lehren. Daran hatte unser Gespräch Halt. Ohne sie bedürfte es eines Aufwands von deiner und meiner Seite, von dem ich nicht weiß, ob du bereit bist, ihn zu leisten. Und ich glaube auch gar nicht, daß du ihn leisten sollst. Ich habe erreicht, was ich wollte, was ich erhoffen durfte; du brauchst mich nicht mehr.

06 ACHILL: Du willst mich verlassen?

07 CHIRON: Du bist es, der den Abschied wilL Nur weil du jung und zutraulich bist und weil man dir viel von Dankbarkeit und Treue gesprochen hat, willst du es im Augenblick nicht wahrhaben. Aber das gibt sich schnell. Es ist genau umgekehrt: ich bin der, welcher dich bitten möchte, dessen Seele bittet, den Abschied aufzuschieben, weiterzuleben mit mir wie bisher.

08 ACHILL: Aber das will ich doch.

09 CHIRON: Es ist nicht möglich, nachdem ich die Leier weggelegt habe. Du schaust mich an, Achill! Stört dich, daß ich ein Kentaur bin?

In: GEDICHTE 1960
GEDICHTE (alph.)
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GEDICHTE (Folge)
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