WAS NICHT LEICHT HERABFÄLLT …*

Was nicht leicht herabfällt,
das ist eine Taube; man glaubt,
man hat sie schon in der Hand. Dann ist es
bloß ein Federball, mit dem zwei Kinder
05 spielten. Es ist eine Büchse
mit dem stinkenden Rest von Sardinen. Man läuft
den Häusern entlang, von denen ein Ziegel
niederhängt mit der Warnung: ›Achtung,
Dachdeckerarbeiten!‹ Trotzdem
10 hofft man immer, es falle
die Taube herab in die Hand
und sträube die Federn. Doch eher
ist es ein Blumentopf, den die Putzfrau
leichtsinnig vom Sims stößt, der einen
15 erschlägt …

Du lachst: nie hab ich auf eine
Taube, nie auf das Schwirren, das Fallen
der gesträubten Federn gewartet. – Ich will,
ohne zu wissen warum,
20 mit geöffneter Hand die Häuser
entlang laufen, auch wo man Dächer
neu deckt und wo der Schnee in großen
Brocken rutscht und poltert. Ohne
zu wissen warum. Denn was niemals, was nicht
25 leicht herabfällt, das ist eine Taube.

  • Letzter Druck: GEDICHTE 1960
  • Textart: Verse
  • Endfassung: ja
  • Seite / Blatt: 45
  • Werke: Bd.1, 126
  • Textnr.: 040
  • Priorität: Hoch

gedichte kleinTitel: GEDICHTE
Verlag: Claassen Verlag GmbH, Hamburg (1960)
Druck: Poeschel & Schulz-Schomburgk, Eschwege
Inhalt: 46 Gedichte
Textträger: Broschiertes Oktavbändchen, gelber Umschlag, 56 Ss

Vorstufen: Notizbuch 1955-57, 1957-58, 1958-61, Manuskripte 1957, 1958, 1959-60, Typoskripte 1957
Kommentar: Auslieferung: 29.3.1960; Beschreibung

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