Synopse

(13)
Donnerstag, 07 April 1955    (    )

Für meine Mutter (A)

Du sassest unter den Schwestern im vom 
Tüll gedämpften Plüschdunkel
und schautest hinein auf den Blutstrom 
der mit den vielen schwarzsegligen Schiffen 
05 und den wenigen weisssegligen trieb 
an den Ufern entlang, deren du keins 
zu betreten vermochtest. 

Wenn dir winkte ein düsterer 
Mann und du neugierig hinaus tratst 
10 auf den Steg und er dich nahm an der Hand 
da schriest du, immer ein Kind, „Nein“
und rissest zurück dich aufs Schiff 
und rissest mit dir die Kinder, 
die fahren mit Abstand dir nach 
15 und hören nur noch verhallen die 
Orgeln, die Hymnen, die man bei deiner 
Vorbeifahrt gespielt und gesungen 
an geöffneten Toren. 

Fahren dir nach, 
20 und du liegst im Dunkel, wo man 
schon an deine Kammer 
pocht, nahe dem Ufer des tiefen 
Sees, vor dessen 
Schlamm und blumenlosem // 01v
25 Ufer du dich als kleines Mädchen gefürchtet 
und dich verstecktest hinter 
den Tüll und den grossen 
Flitterbaum an Weihnachten. 
Gefürchtet wieder, als du 
30 den Bruder, wie er hineinging ins seichte 
trübe Wasser, überraschtest, und er dich 
ansah, ertappt auf verbotenem Weg. 

Dein schwarzsegliges Schiff, 
das uns geleitet, fuhr nun 
35 ein in das Haff, uns treibt 
der Strom vorbei, und ist’s so, ists richtig, 
dass man da hinter der Nehrung 
dir nun aufzieht ein neues 
Segel, ein weisses?

In: Manuskripte 1955
Freitag, 08 April 1955    (    )

Für meine Mutter: Requiem (B)

Du sassest mit den Schwestern in der
von Tüll ein wenig erhellten Plüschgrotte
und schautest hinaus auf den See 
und sahst dich selbst auf dem 
05 Dampfer mit dem schwarzen Schornstein zwischen den Ufern 
pendeln: nirgends hast dus betreten. 

Auch als dir winkte der dunkle 
Mann und du neugierig hinaus auf den Steg tratst 
und er dich nahm an der Hand, da 
10 schriest du „Nein“ und rissest 
die Kinder aufs Schiff zurück: 
Jetzt sitzen sie auf dem Hinterdeck 
und sehn den weissen Spitz, der wie immer 
das Männchen machte, jetzt ermüdet 
15 der dörflichen Prozession nach in die Kirche laufen, deren 
Tür sich grad schliesst und wo 
die Orgel verstummt. 

Und du ruhst in der Kabine 
und hörst uns nicht pochen und fürchtest dich vor dem // 02
20 Schlamm und dem steinigen 
Ufer des Sees: seit du den Bruder, 
wie er hineinging ins seichte Wasser und 
den Sand aufrührte überraschtest und er dich ansah und wegsah, 

So fährst du allein auf dem Dampfer, 
25 tiefer ins Gebirge, und ists so, ists richtig, wenn 
wir im Wenden sehn in der Lücke, 
wo sich die beiden Felshänge beinah berühren, 
dass sich übers Verdeck 
spannt ein weisses 
30 Zelt über die Sommergesellschaft?

In: Manuskripte 1955
Dienstag, 19 April 1955    (    )

Requiem (C)

Du sassest mit den Schwestern in der
von Tüll ein wenig erhellten Plüschgrotte
und schautest auf den See hinaus 
und sahst dich selbst auf dem 
05 Dampfer zwischen den Ufern pendeln: 
nirgends hast dus betreten. 

Auch nicht als dir einer eindringlich winkte 
und du neugierig auf den Steg tratst 
und er dich an der Hand fassen wollte: Du 
10 schriest „Nein“ und rissest 
die Kinder aufs Schiff zurück. 

Jetzt sitzen sie auf dem Hinterverdeck, und der 
weisse Spitz, der wie immer vor dir das Männchen machte, 
lässt sich als man die Brücke wegzieht 
ermüdet auf die Vorderbeine 
15 fallen und läuft der dörflichen Prozession in die Kirche nach, 
wo die Orgel grade verstummt. 

Doch du ruhst schon in der Kabine 
und hörst das Klopfen nicht 
und schläftst lieber, weil du 
20 vor dem Schlamm dich fürchtest und 
vor den Steinen des Ufers: seit du den Bruder 
überraschtest, wie er hineinging ins seichte 
Wasser und den Sand aufrührte 
und dich ansah und dann wegsah, wie ertappt. // 03v

25 Allein fährst du jetzt mit dem Dampfer 
tiefer ins Gebirge, und wir sehn im Wenden
in der Lücke, wo sich die beiden Felshänge 
beinah berühren, dass dir die Kellner 
übers Verdeck ein weisses 
30 Linnen spannen, da du 
allein bliebst von der Sommergesellschaft.

In: Manuskripte 1955
Dienstag, 19 April 1955    (    )

Requiem (D)

Sie sass mit den Schwestern in der
von Tüll ein wenig erhellten Plüschgrotte
und schaute auf den See hinein 
und sah sich selbst auf dem 
05 Dampfer zwischen den Ufern kreuzen: 
nirgends hat sies betreten. 

Auch nicht als ihr einer eindringlich winkte 
und sie neugierig auf den Steg trat 
und der andre sie an der Hand fasste: „Nein“
10 schrie sie und riss 
die Kinder zurück aufs Schiff. 
Da setzten sie sich aufs Hinterverdeck, 
und sahn zu, wie der weisse Spitz, der vor ihr, 
(wie immer,<)> das Männchen machte, 
15  sich ermüdet auf die Vorderbeine, 
als man die Brücke wegzog, fallen 
liess und der dörflichen Prozession in die Kirche nachlief, 
wo die Orgel eben verstummte. 

Nun ruht sie schon in der Kabine 
20 und hört das Klopfen nicht 
und schläft lieber, weil sie 
vor dem Schlamm und vor den 
Steinen am Ufer sich fürchtet: 
seit sie den Bruder überraschte, // 04v
25 wie er hineinging ins seichte Wasser 
und den Sand aufrührte 
und sie ansah und dann, wie ertappt, wegsah. 

Allein fährt sie jetzt mit dem Schiff 
tiefer ins Gebirg, und die Kinder 
30 sehn beim Zurückschaun im Wenden 
in der Lücke, wo sich die beiden Felshänge 
beinah berühren, dass die Kellner 
ein weisses Linnen zur Teezeit 
spannen übers Verdeck für die Dame, wo sie 
35 allein von der Sommergesellschaft noch da ist.

In: Manuskripte 1955
Freitag, 06 Mai 1955    (    )

Requiem (E)

Sie sitzt mit den Schwestern in der
mit Plüsch ausgeschlagenen Grotte und schiebt
den Tüll vom Fenster zurück und schaut 
auf den See hinein und sieht 
05 sich selbst auf dem Dampfer zwischen 
den Ufern kreuzen: den 
von ihr niemals betretnen. 

Auch nicht, als einer ihr winkt 
und sie neugierig auf den Steg tritt 
10 und er sie an der Hand fasst: „Nein“
schreit sie und reisst 
die Kinder zurück aufs Schiff. 
Die setzen sich aufs Hinterverdeck, 
während der weisse 
15 Spitz, der vor ihr, wie immer<,>
das Männchen machte, 
sich ermüdet auf die Vorderbeine, 
da man die Brücke wegzog, fallen 
lässt und dann der dörflichen 
20 Prozession nachläuft // 05v
in die Kirche, wo eben 
die Orgel das „Tantum ergo“ anstimmt. 

Vorn in der Kabine 
ruht sie sich aus und hört 
25 das Klopfen nicht und schläft, auch 
weil sie vor dem Schlamm und vor den 
Steinen am Ufer sich fürchtet: 
seit sie den Bruder 
beim Hineingehn ins seichte 
30 Wasser überraschte, als er den Sand 
aufrührte und sie 
ansah und dann wegsah, wie ertappt. 

Allein fährt sie jetzt 
tiefer ins Gebirge, und die 
35 Kinder sehn beim Zurückschaun 
in die Lücke, wo sich die beiden 
Felsenhänge beinah berühren, 
dass die Kellner ein helles 
Sonnendach übers Verdeck // 06
40 spannen für die Dame, die 
von der Sommergesellschaft allein noch da ist, 
für den Fall, dass sie 
zur Teezeit herauskommt.

In: Manuskripte 1955
Mittwoch, 18 Mai 1955    (    )

Requiem (Einer Toten) (F)

Sie sitzt neben den Schwestern im roten
Fauteuil und schiebt den Tüll
vom Fenster zurück und 
sieht sich selbst auf dem See zwischen den Ufern 
05 kreuzen, die sie niemals betritt. 

Auch nicht, als einer ihr winkt 
und sie neugierig auf den Steg tritt 
und er sie an der Hand fasst: „Nein“ 
schreit sie und reisst die Kinder 
10 auf den Dampfer zurück. 

Die setzen sich aufs Hinterdeck, 
während der weisse 
Spitz, der vor ihr, wie immer, 
das Männchen machte, 
15 sich ermüdet<,> da man die Brücke zurückzog, 
fallen lässt und dann der 
Dorfprozession nachläuft 
in die Kirche, und der Orgel 
in das „Tantum Ergo“ hineinbellt. 

20 In der Kabine vorn ruht sie sich aus 
und hört das Klopfen nicht und schläft // 08
auch weil sie den Schlamm und 
das Geröll am Ufer nicht mag 
seit sie den Bruder beim Hineingehn ins seichte 
25 Wasser überraschte, als er den Sand 
aufrührte und sie ansah und dann, 
wie ertappt, schnell wieder wegsah. 

Lieber fährt sie jetzt allein 
tiefer ins Gebirge, und die Kinder 
30 sehn beim Zurückschaun in die Lücke, 
wo sich die Felsenhänge beinah berühren, 
wie die Kellner ein helles Sonnendach 
übers Verdeck spannen für die Dame, 
die von der Sommergesellschaft einzig noch da ist, 
35 für den Fall, dass sie zur Teezeit herauskommt.

In: Manuskripte 1955
Samstag, 25 Juni 1955    (    )

Requiem (G)

Neben den Schwestern sitzt das Mädchen
auf dem Sofa und schiebt die Gardine
vom Fenster zurück und sieht das Schiff auf dem See,
das immer grösser wird und jetzt anlegt, 
05 einer winkt der Frau, die heraus 
auf den Steg tritt und fasst sie an der Hand: 
„Nein“ sagt sie mit schmalen Lippen und reisst den 
Knaben auf den Dampfer zurück; aber 
der entläuft ihr verschüchtert ans Ufer, 
10 während sie selber in die Kabine 
flüchtet und nicht 
hinschaut auf den Spitz, der vor ihr das Männchen 
macht und sich enttäuscht, // 10
weil man die Brücke zurückzieht, 
15 bevor sie ihm etwas hinwarf, 
fallen lässt und der Dorfprozession in die Kirche 
nachläuft und der Orgel ins „Tantum ergo“ hineinbellt. 

Lieber fährt sie allein 
tiefer ins Gebirg, und des Mädchens 
20 Auge folgt dem des Knaben 
ans Ufer zur Lücke, 
wo sich die Felsen beinah 
berühren, und wo die Kellner ein helles 
Sonnendach übers Verdeck 
25 spannen für die Dame, die von der 
Sommergesellschaft einzig 
noch da ist, für den Fall, dass 
sie zur Teezeit herauskommt.

In: Manuskripte 1955
Sonntag, 26 Juni 1955    (    )

Requiem (H)

Das Mädchen sitzt neben den Schwestern
auf dem Sofa und schiebt die Gardinen
vom Fenster zurück und sieht 
das Schiff auf dem See, das immer 
05 wächst bis es an der Lände anlegt, 

wo einer der Frau, die heraus 
auf den Steg tritt, winkt 
und sie hart an der Hand fasst: 
„Nein“ schreit sie tonlos, lippenlosen 
10 zusammengepressten Munds und risse den 
Knaben mit sich aufs Schiff zurück 
wenn er ihr nicht entrönne ans Land. 

So flüchtet sie allein in die 
Kabine und schaut 
15 nicht hin auf den Spitz, der vor ihr 
das Männchen macht und sich, 
enttäuscht, weil man die Brücke // 12
zurückzieht, bevor sie 
ihm etwas hinwirft, fallen 
20 lässt und der Dorfprozession in die Kirche 
nachläuft und der Orgel 
ins „Tantum ergo“ hineinbellt. 

Lieber fährt sie allein 
tiefer ins Gebirg; und das Auge 
25 des Mädchens im Fenster folgt mit 
dem Auge des Knaben am Ufer 
dem Dampfer zur Lücke, wo sich 
die Felsen beinah berühren 
und wo die Kellner ein helles 
30 Sonnendach übers Verdeck 
spannen für die Dame, die von der 
Sommergesellschaft einzig 
noch da ist, für den Fall, dass 
sie zur Teezeit herauskommt.

In: Manuskripte 1955
Montag, 27 Juni 1955    (    )

Requiem (J)

Das Mädchen sitzt neben den Schwestern
auf dem Sofa und schiebt die Gardinen
vom Fenster zurück und sieht 
das Schiff auf dem See, das immer 
05 wächst, bis es an der Lände 

anlegt, wo einer der Frau, 
die heraus auf den Steg tritt, 
winkt und sie hart an der Hand fasst: 
„Nein“ schreit sie tonlos, lippenlosen 
10 Mundes und risse den Knaben 
mit sich aufs Schiff zurück, wenn er 
ihr nicht ans Ufer entwischte. 

So flüchtet sie allein in die 
Kabine und schaut 
15 nicht hin auf den Spitz, der vor ihr 
das Männchen macht und sich, 
weil man die Brücke zurückzieht, ohne 
dass sie ihm ihr Lächeln zuwarf, verärgert 
fallen lässt und der Dorfprozession 
20 in die Kirche nachläuft und der Orgel 
ins „Tantum ergo“ hineinbellt. // 14

Lieber fährt sie allein 
tiefer ins Gebirg; und das Auge 
des Mädchens im Fenster folgt mit 
25 dem Auge des Knaben, der im Hin 
und Her der Passanten immer noch 
still steht, dem Dampfer 
zur Lücke, wo sich die Felsen 
beinah berühren und wo 
30 die Kellner ein helles 
Sonnendach übers Verdeck 
spannen für die Dame, 
die von der Sommergesellschaft 
einzig noch da ist: Für den 
35 Fall, dass sie zur Teezeit herauskommt.

In: Manuskripte 1955
Samstag, 09 Juli 1955    (    )

Requiem (K)

Das Mädchen sitzt neben den Schwestern auf dem Sofa
und schiebt die Gardinen vom Fenster zurück
und sieht das Schiff auf dem See, das immer wächst, 
bis es an der Lände anlegt, und sieht die Frau, 

05 sich selbst, die heraus auf den Steg tritt, wo einer 
ihr winkt und sie hart an der Hand fasst: 
„Nein“ schreit sie lippenlos, tonlos
und risse den Knaben mit sich aufs Schiff zurück, 
wenn er ihr nicht ans Ufer entwischte. 

10 So flüchtet sie allein in die Kabine 
und schaut nicht hin auf den Spitz, 
der vor ihr das Männchen macht und sich, 
weil man die Brücke zurückzieht, 
ohne dass sie ihm ihr Lächeln zuwarf, 
15 verärgert fallen lässt und der Prozession in die Kirche nachläuft 
und der Orgel ins „Tantum ergo“ hineinbellt. // 16

Lieber fährt sie allein tiefer ins Gebirg; 
und das Auge im Fenster folgt mit dem Knabenauge, 
das aus dem Hin und Her des Kais 
20 immer noch still blickt, 
dem Dampfer zur Enge, wo sich die Felsen beinah berühren 
und wo die Kellner ein helles Sonnendach übers Deck spannen 
für die Dame, die von der Sommergesellschaft einzig noch da ist: 
Für den Fall, dass sie zur Teezeit herauskommt.

In: Manuskripte 1955
Dienstag, 12 Juli 1955    (    )

Requiem (L)

Das Mädchen sitzt neben den Schwestern auf dem Sofa und schiebt
die Gardinen vom Fenster zurück  
und sieht das Schiff auf dem See, das immer wächst, bis es (an der
Lände) anlegt, 

und sieht die Frau, sich selbst, die auf den Steg heraustritt, 
wo einer ihr winkt und sie hart an der Hand fasst: 
05 „Nein“ schreit sie lippenlos, tonlos und risse den Knaben mit sich aufs 
Schiff zurück, 
wenn er ihr nicht ans Ufer entwischte. 

So flüchtet sie allein in die Kabine und schaut nicht hin auf den Spitz, 
der vor ihr das Männchen macht und sich, weil man die Brücke 
zurückzieht, ohne dass sie ihm ihr Lächeln zuwarf, 
verärgert fallen lässt und der Prozession in die Kirche nachläuft und 
der Orgel ins „Tantum ergo“ hineinbellt. 

10 Lieber fährt sie allein tiefer ins Gebirg; 
und das Auge im Fenster folgt zugleich mit dem Auge des Knaben 
dem Dampfer vom Gewimmel des Kais zur Enge, wo sich die Felsen 
beinah berühren 
und wo die Kellner ein Sonnendach übers Deck spannen für die Dame, 
die von der Sommergesellschaft einzig noch da ist: 
15 Für den Fall, dass sie zur Teezeit herauskommt.

In: Manuskripte 1955
Freitag, 15 Juli 1955    (    )

Requiem (M)

Das Mädchen sitzt neben den Schwestern auf dem Sofa und schiebt
die Gardinen vom Fenster zurück
und sieht das Schiff auf dem See, das immer wächst, bis es anlegt, 

und sieht sich selbst, die Frau, die auf den Steg tritt, 
wo einer ihr winkt und sie hart an der Hand fasst: 
05 "Nein" schreit sie lippenlos, tonlos und risse den Knaben mit 
sich zurück, 
wenn er ihr nicht ans Ufer entwischte. 

So flüchtet sie allein in die Kabine und schaut nicht hin auf 
den Spitz, 
der vor ihr das Männchen macht und sich, weil man die Brücke 
wegzieht, ohne dass sie ihm ihr Lächeln zuwarf, 
verärgert fallen lässt und der Prozession in die Kirche nach-
läuft und der Orgel ins Tantum Ergo hineinbellt. 

10 Lieber fährt sie allein tiefer ins Gebirg; 
und das Auge im Fenster folgt dem Dampfer zugleich mit dem Auge 
des Knaben 
vom Getümmel des Kais zur Enge, wo sich die Felsen fast berühren 
und wo die Kellner ein Sonnendach übers Deck spannen, für die Dame, 
die einzig von der Sommergesellschaft noch da ist: 
15 Für den Fall, dass sie zur Teezeit herauskommt.

In: Manuskripte 1955
Datiert: 1957    (    )

REQUIEM

Das Mädchen sitzt neben den Schwestern auf dem Sofa und
schiebt die Gardinen vom Fenster zurück 
und sieht das Schiff auf dem See, das immer wächst, bis es anlegt,

und sieht sich selbst, die Frau, die auf den Steg tritt,
wo einer ihr winkt und sie an der Hand faßt:
05 «Nein» schreit sie lippenlos, tonlos und risse den Knaben mit sich
zurück,
wenn er ihr nicht ans Ufer entwischte.

So flüchtet sie allein in die Kabine und schaut nicht hin auf den
Spitz,
der vor ihr das Männchen macht und sich, weil man die Brücke
wegzieht, ohne daß sie ihm sein Stück Zucker zuwarf,
verärgert fallen läßt und der Prozession in die Kirche nachläuft
und der Orgel ins Tantum Ergo hineinbellt.

10 Lieber fährt sie allein tiefer ins Gebirg;
und das Auge im Fenster folgt dem Dampfer zugleich mit dem
Auge des Knaben
vom Getümmel des Kais zur Enge, wo sich fast berühren die
Felsen
und wo die Kellner ein Sonnendach spannen übers Deck, für die
Dame,
die einzig noch da ist von der Sommergesellschaft:
15 Für den Fall, daß sie zur Teezeit herauskommt.

In: Die verwandelten Schiffe 1957
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